Dieter Petereit 6. Oktober 2009

Openmicroblogging – Twitter für den eigenen Webspace

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Ich bin schon so alt, dass ich mich noch an die Zeiten von DATEX-J und CompuServe erinnern kann. Selbst mit einem Akustikkoppler und der Einwahl in regionale BBS-Systeme habe ich früher schon experimentiert. All diese Systeme kippten zugunsten der offenen Kommunikationsmöglichkeiten des Internet. Mit Twitter jedoch ist eine Reinkarnation dessen, was wir überwunden glaubten, neu entstanden und wird immer größer. Dabei gibt es durchaus Alternativen…

Der Markt für Kurzatmigkeit

Ohne mich hier lange in philosophische Ausführungen zu ergehen, will ich doch kurz darlegen, weshalb nach meiner Überzeugung Dienste wie Twitter auch auf Dauer zu festen Kommunikationswerkzeugen der Masse werden und bleiben werden.

Kurznachrichtendienste werden vor allem Blogs und E-Mail nachhaltig ergänzen, weil sie ein weiteres Stück Alltäglichkeit in die digitale Kommunikation überführen, nämlich den Smalltalk. Niemand würde auf die Idee kommen, einem Freund eine E-Mail des Inhaltes „Koche gerade Lasagne“ zu senden. Auch für einen Blogbeitrag wäre dieses Statement sicher etwas kurz.

Dennoch kann es sein, dass der eben angesprochene Freund sich tatsächlich dafür interessieren würde, dass der andere soeben Lasagne kocht oder einen spannenden Film schaut oder den neuesten Mankell liest oder in einer Stunde ins Kino geht oder zum Stammtisch der Piratenpartei. Allesamt sind dies Dinge, die man im Gespräch untereinander sicherlich erwähnen würde, für die es aber bislang außerhalb des direkten persönlichen Kontakts keine adäquate Ausdrucksform gab.

Das hat sich durch Twitter und davor schon durch SMS drastisch geändert. Während aber SMS nach wie vor Löcher ins Zwiebelleder reißt, kann die Kommunikation via Twitter und Co ohne Zusatzkosten stattfinden. Charmant dabei ist insbesondere, dass ich mir als Konsument der digitalen Kurznachrichten weitestgehend aussuchen kann, wessen Mitteilungen ich zur Kenntnis nehmen will, während ich auf dem Büroflur diesen Dingen zumeist eher hilflos ausgeliefert bin. Twitter und Co ermöglichen also selektiven Smalltalk mit Leuten, dessen kurze Statements mich interessieren.

Ein weiteres wichtiges Element ist dabei die Sofortigkeit, auch Real Time Web genannt. Einem Blog könnte ich vielleicht entnehmen, was der Autor gestern gemacht hat oder morgen machen will. Ein Kurznachrichtendienst vermittelt mir, was der Poster jetzt in diesem Augenblick tut und ist damit viel näher an der Lebenswelt jedes einzelnen.

Außerhalb des Smalltalks birgt gerade die Sofortigkeit hohes Potenzial, Kurznachrichtendienste auch da durch zu setzen, wo es um brandaktuelle Informationen oder Nachrichten geht. Solches haben wir bereits gesehen in Sachen Iran, Terroranschläge in Pakistan, dem Flugzeugunglück im Hudsonriver und vielen anderen Begebenheiten.

Unter beiden Aspekten ist die Annahme berechtigt, dass sich all jene, die Twitter für eine Zeiterscheinung, etwas flüchtiges, was hochgehypt und fallen gelassen werden wird sehen, irren. Onlinekurznachrichtendienste are here to stay, genau wie E-Mail, Telefon und SMS.

Insofern ist es auf Dauer inakzeptabel, ein so wichtiges Kommunikationsinstrument auf eine einzige Website zu reduzieren und damit in die Hände eines einzelnen Unternehmens zu legen. Natürlich ist es auf der anderen Seite verständlich, dass sich der durchschnittliche Nutzer eines Kurznachrichtendienstes dahin begibt, wo er die meisten anderen Nutzer auch tatsächlich treffen kann. Und das ist am heutigen Tage eben ausschließlich bei Twitter gewährleistet.

Klar ist indes auch, dass das geschlossene Konzept der Twittermacher nicht etwa ein technisch notwendiges ist. Vielmehr gibt es mit offenen Technologien auf den verschiedensten Protokollebenen durchaus Möglichkeiten, die Twitterplattform so zu öffnen, dass sich auch Teilnehmer an anderen Kurznachrichtendiensten mit Twitternutzern durchlässig vernetzen können. Dass diese technisch bereits vorhandenen Möglichkeiten nicht genutzt werden, liegt daran, dass das Unternehmen Twitter diese Öffnung nicht will.

Spätestens ab diesem Punkt ist daher nicht nur Misstrauen angezeigt. Vielmehr sollte der gesunde Menschenverstand einen zwingend zu der Frage führen, ob man zum Beipsiel einen E-Maildienst akzeptieren würde, der es einem nicht ermöglicht, E-Mails an die Nutzer eines anderen E-Maildienstes zu versenden. Diese Frage stellen sich derzeit noch nicht genügend Menschen, weshalb Twitteralternativen nur sehr zögerlich wachsen und teilweise sogar zwischenzeitlich wieder vom Netz genommen wurden.

Die gescheiterten Alternativkonzepte hatten immerhin eines gemeinsam. Auch sie waren auf Geschlossenheit ausgelegt und unterlagen im daraus resultierenden Kampf um die kritische Masse. So ist dieser Wettbewerb nicht zu führen.

Eine Alternative zu Twitter muss komplett offen sein. Nutzer des Dienstes X müssen sich mit Nutzern des Dienstes Y so vernetzen können, als wären sie beide Nutzer des gleichen Dienstes. Der Dienst wäre in diesem Zustand nicht viel mehr als ein Protokoll, während der Austausch ein eher clientbasierter wäre, ganz ähnlich der E-Mail, nur viel unmittelbarer.

Ich lege viel Hoffnung in das Pubsubhubbub-Protokoll, welches ich hier vor kurzem ja bereits recht ausführlich dargestellt hatte. Irritieren tut mich dabei allerdings, dass Google als Entwickler des Protokolls auf der anderen Seite seinen Kurznachrichtendienst Jaiku mehr oder weniger eingemottet hat, anstatt hier eine Integration beider Produkte vorzunehmen.

Abseits der Pubsubhubbub-Zukunftsmusik gibt es aber bereits heute mehr oder weniger bekannte Twitter-Alternativen auf der Basis des Openmicroblogging-Protokolls. Die weitestgehende Implementation findet sich beim ehemaligen Laconica, dem heutigen Status.net.

Mit der Software Status.net läuft auch der sicherlich größte Twitterkonkurrent Identi.ca. Status.net-Installationen finden sich dabei weltweit, in Deutschland dürfte Bleeper.de zu den bekanntesten Implementationen gehören. Die typische Installation versucht, eine bestimmte Zielgruppe zu bedienen und hat daher eher den Charakter eines eigenständigen sozialen Netzwerks und ist nicht so sehr als Kommunikationsallrounder angelegt.

Dennoch können natürlich all diese Installationen untereinander kommunizieren, was ihnen den Status einer geschlossenen Gesellschaft nimmt und den einzelnen Nutzer auch in den Stand hebt, frei entscheiden zu können, bei welchem Kurznachrichtendienst er sich anmelden will. Entsprechend fähige und mit hinreichender IT-Kompetenz ausgestattete Zeitgenossen können dabei ihren eigenen Status.net-Dienst installieren und sich auf diese Weise ganz frei von jeglicher externer Einflussmöglichkeit stellen.

Da die Installation eines eigenen Status.net-Dienstes vergleichsweise kompliziert ist und dabei auch noch nach Plattform zu unterscheiden ist, verzichte ich hier auf eine Darstellung und wende mich stattdessen der zweiten verfügbaren Implementation des OMB-Protokolls zu, nämlich der Software Openmicroblogger.

Openmicroblogger – Twitterclone für fast jeden Webspace

Openmicroblogger ist nahe an den Spezifikationen des OMB-Protokolls ausgerichtet, was bereits die Namenswahl nahelegt. Die Entwickler zeigen deutlich, wie einfach im Grunde eine Implementation eines offenen Kurznachrichtendienstes sein kann. Openmicroblogger (OMB) greift für verschiedene Funktionalitäten auf WordPress-Elemente zurück. So wird das Crossposting zu Twitter mit den Twitter Tools realisiert und als Themes wurden direkt Prologue und P2 integriert. Installation, Inbetriebnahme und laufender Betrieb ist von jedermann, der in der Lage ist, WordPress zu installieren, zu bewerkstelligen.

Installation und erste Schritte

OMB verfügt zwar nicht über die legendäre Setup-Funktion eines WordPress, legt einem dabei aber dennoch so gut wie keine Steine in den Weg. Sie werden allerdings einen Texteditor benötigen.

Ihr Webspace muss mindestens PHP4, besser PHP5 unterstützen. Weiterhin benötigen Sie Zugriff auf eine MySQL- oder PostgreSQL-Datenbank. Damit erfüllen Sie abschleßend alle Systemvoraussetzungen. Etwa 98 Prozent aller Hostingpakete dürften mit dieser Konfiguration keine Schwierigkeiten haben.

Zunächst laden Sie OMB von der Projektwebsite herunter. Sie erhalten ein Archiv, das im entpackten Zustand rund 4,5 MB und rund 750 Dateien auf die Waage bringt. Haben Sie den Inhalt des Archives auf Ihren Webspace geladen, öffnen Sie in einem Texteditor die Datei config.yml, die sich im Unterverzeichnis app/config befindet.

In der config.yml geben Sie, ähnlich wie in der config.php von WordPress, die Datenbankverbindung an, sowie legen weitere, auch sehr fortgeschrittene Einstellungen fest. Die Mindestangaben bestehen in der Datenbankverbindung, sowie einem funktionierenden E-Mailaccount, der zur Versendung von Systemnachrichten verwendet werden kann. Hier ist eine vollständige Eingabe mitsamt User/Passwort erforderlich, die PHP-Funktion wird nicht unterstützt. Alle weiteren Angaben sind optional.

Nun gilt es noch, die Ordner uploads und cache mit Schreibrechten zu versehen (600 oder 777). In der aktuellen Version nutzt OMB den Ordner uploads für das Ablegen benutzergenerierter Dateien. Alternativ lassen sich Dateien auch als Blobs in der Datenbank sichern oder dieser gesamte Bereich auf Amazon S3 umswitchen.

Bleiben Sie zunächst bei der ordnerbasierten Methode. Danach rufen Sie Ihren eigenen Kurznachrichtendienst erstmals auf und erhalten folgendes Bild.

01-omb-afterinstall.png

Nun gilt es, den ersten Nutzer anzulegen. Dieser wird nämlich automatisch Administrator, alle weiteren erhalten Memberstatus. Klicken Sie auf Sign In und darin auf OpenID. Geben Sie Ihre OpenID-URL an oder erstellen Sie sich eine. Verfügen Sie beispielsweise über einen Blog auf WordPress.com oder Blogspot.com, so besitzen Sie bereits eine OpenID. Diese ist identisch mit Ihrer Blogadresse. Im nächsten Schritt werden Sie über die identitätgebende Seite geleitet, wo Sie bestätigen müssen, dass Ihre OpenID an den Kurznachrichtendienst bestätigt werden soll. In meinem Fall verwendete ich meinen uralten Blogspot-Blog als OpenID. Danach finden Sie sich in Ihrem Benutzerprofil wieder.

02-omb-firstuser.png

Hier sind Angaben zu Nickname und Picture zwingend, alle anderen Felder sind optional. Haben Sie die Angaben getätigt und gespeichert, stehen Ihnen  in Ihrem Profil weitere Änderungsmöglichkeiten zur Verfügung.

02b-omb-firstuser.png

So können Sie beispielsweise das Interface auf Deutsch umstellen, einige designbezogene Optionen, wie Background etc. treffen, sowie Verknüpfungen zu Ihren eventuell vorhandenen Twitter- und Identi.ca-Konten anlegen. Beachten Sie, dass diese One Way sind. Was Sie in Ihrem eigenen Kurznachrichtendienst zum Besten geben, wird auf Twitter und Identi.ca crossgepostet, ein Rückweg existiert jedoch nicht.

04-omb-twitterconnect.png

Danach sieht Ihre Timeline in etwa so aus.

06-omb-home-timeline-deutsch.png

Crosssite-Verknüpfungen zu anderen OMB-Sites

Nun hat Ihr eigener Kurznachrichtendienst seinen ersten Nutzer. Die Vermutung ist berechtigt, dass es auch wesentlich mehr nicht werden werden. Der Nutzen steht und fällt also damit, wie leicht sie sich transparent mit Nutzern auf anderen Sites vernetzen können, die das OMB-Protokoll unterstützen.

07-omb-followen-identica.png

Prinzipiell läuft der Vorgang der Crosssite-Subscription, also des Folgens von Usern anderer Plattformen so, dass Sie den entsprechenden User auf seiner Heimplattform suchen und dort den entsprechenden Button, der auf Identi.ca „Subscribe“ heißt, betätigen. Dort erhalten Sie dann die Gelegenheit, Ihre eigene Profil-URL, die Sie Ihrem Profil auf Ihrem eigenen Kurznachrichtendienst entnehmen können, anzugeben. So sieht das für das Beispiel Identi.ca aus:

08-omb-followen-identica.png

Nach Klick auf Subscribe fragt Ihr System Sie noch kurz, ob Sie dem Nutzer erlauben wollen, Notitzen in Ihr System zu posten. Das bestätigen Sie mit Okay, denn das war immerhin der Sinn der Übung. Fortan werden alle Posts des gewählten Users auch in Ihrem Kurznachrichtendienst sichtbar werden. Beachten Sie, dass dies anders als bei Twitter und Identica nur für alle zukünftigen Posts gilt.

09-omb-eintrag-aus-identica.png

Genauso funktioniert der umgekehrte Weg. Sind Sie Nutzer von Identica und wollen einem Nutzer eines anderen Kurznachrichtendienstes folgen, geben Sie dort Ihre Profil-URL (http://identi.ca/ihrname) ein. Ich habe zur Visualisierung dieses Beispiels mal dem fiktiven Barbarello, der Große einen identi.ca-Account verpasst.

Bei OMB sieht das so aus:

10-omb-subscribe-to.png

Nach Klick auf Subscribe werden Sie auf Ihr identi.ca-Profil weitergeleitet, wo Sie dann entscheiden müssen, ob die Verbindung akzeptiert (accept) oder abgewiesen (reject) werden soll. Immerhin kennt ja prinzipiell ein jeder Ihre identi.ca-Profil-URL. Haben Sie auf Accept geklickt, steht die bidirektionale Verbindung. In Ihrer identi.ca-Timeline tauchen fortan auch die Kurznachrichten des externen Nutzers auf:

11-omb-identica-side.png

Fazit: Die Verwendung eines offenen twitter-ähnlichen Kommunikationssystems ist keine Frage von zukünftigen technischen Entwicklungen. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt ließe sich ein solches System betreiben. Durch die dezentrale Struktur wäre sicherlich auch eine höhere Stabilität als beim failwhalegeplagten Twittersaurier gegeben.

Das einzige Problem ist: Twitter macht nicht mit und Twitter ist der Ort, an dem die User sind. Würde sich Twitter in dieser Frage öffnen, stünde dem Siegeszug des OMB-Protokolls nichts im Wege.

Wie war das noch mit der Macht des Konsumenten? Sie sind am Zug!!

Website zum Artikel: http://140.akuefi.de/

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

11 Kommentare

  1. Hey Dieter,

    spannende Sache, glaube das ist genau das was jetzt wieder in Mode kommt 😉

    Aber irgendwie auch bedenklich – die Blogposts werden von Jahr zu Jahr kürzer – früher war das nur mit den Röcken so 😉

    Jetzt haben wir 160 Zeichen, was kommt in 5 Jahren – 20 Stellen?

    Grüße aus München,
    Stefan

  2. @Tommi: In der Tat wird die CURL-Extension benötigt. Ich habe allerdings eine Weile schon keinen Webspace mehr gesehen, auf dem diese, doch recht essentielle Erweiterung nicht zur Verfügung stand (Provider kritisch ansehen!). OMB wickelt das gesamte URL-Handling darüber ab. Leider wirst Du an dieser Stelle nicht weiterkommen.

  3. Sehr schön ausführlicher Artikel.

    @Tommi: CURL liefert erweiterte Funktionen, um via PHP auf andere Webserver/-seiten zuzugreifen. Das macht man sich bei OpenID gerne zu nutze. Wenn die Software CURL voraussetzt, kannst du da wohl nicht viel machen. :/

  4. Ich habe versucht deiner Anleitung zu folgen, jedoch stecke ich bei der Anmeldung über die OpenID fest mit folgendem Fehler:

    Error: Class SimpleOpenID requires curl extension to work

    Mein Webspace unterstützt leider kein curl. Hab mich da schon informiert. Brauche ich denn das unbedingt?

    Dazu steht auch nichts auf der OMB Webseite.

    Gruß

    Tommi

  5. Nice work on this article! Thanks for reporting on openmicroblogger. I wanted to mention that there is a „cron“ script which can continuously import your Twitter friends timeline, but you must first obtain a Twitter API key for your openmicroblogger site to make this work. Thanks – Brian

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