Dieter Petereit 7. Oktober 2013

Nanu? Google kauft Flutter, eine App zur Gestensteuerung

Flutter ist eine Software, die mittels Webcam in der Lage ist, Gesten zu interpretieren. Flutter begegnete mir vor knapp zwei Jahren das erste Mal und ließ mich einigermaßen ratlos zurück. Diese Tradition setzt jetzt Google fort. Der Suchmaschinenriese übernahm Flutter soeben komplett. Und erneut frage ich mich: wozu?

flutter-home

Flutter: Fragwürdiger Nutzen

Auch nach der Übernahme durch Google kann die Flutter-App noch gekauft werden. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Google diese in Kürze entweder kostenlos zugänglich machen oder – noch wahrscheinlicher – komplett offline nehmen wird.

Wieso sollte denn letzteres wahrscheinlicher sein, fragt sich jetzt der deutsche Michel. Lassen Sie mich dazu zwei Gründe anführen. Einen kann man diskutieren, der andere ist eher indizienbasiert und als solcher schon ziemlich eindeutig.

Eins: Flutter hat, wie Sie gleich sehen werden, kaum nennenswerte Funktionalität und insofern keinen eigenständigen Wert, um als Google-Produkt so weiter zu existieren.

Zwei: Die eigentliche Website lautet nicht mehr auf die URL flutterapp.com, sondern wird auf flutterapp.com/home/ weitergeleitet. Die Übernahmemeldung hingegen, ein kurzer Text, der vermeldet, man sei gekauft worden, läuft direkt unter der Haupt-URL flutterapp.com. Honi soit qui mal y pense? Ich glaube nicht…

Für 4,49 Euro steht Flutter im Mac App Store zum Kauf bereit, die MSI für Windows kann direkt von der Produkt-Website geladen werden.. Für das Geld erhält man nicht weniger als die Möglichkeit, Musik und Videos auf Computern mit Webcam zu steuern. Steuern ist in diesem Zusammenhang allerdings ein großes Wort. Denn Flutter verfügt über lediglich drei Gesten.

Zeigt man der Webcam den Daumen nach links, wird der letztgespielte Song oder das nächste Video erneut angezeigt. Hält man selbigen Finger nach rechts, spult man zum nächsten Titel. Mit einer High-Five-Geste pausiert man die Wiedergabe oder startet sie erneut, je nach Status. Das war’s…

flutter-gesten

Als in Bälde verfügbar werden Gesten annonciert, die, wären sie verfügbar, dem Begriff “Steuern” etwas Substanz zu verleihen im Stande wären. Darunter etwa die essenzielle Funktion des Lauter und Leiser, aber auch nette Features, wie das Liken oder Stummschalten von Titeln. Gibt es aber, wie gesagt, mindestens noch nicht, und wenn man sich anschaut, dass die Volume-Steuerung bereits seit einem Jahr als Feature angekündigt ist, dann darf man sicherlich eine gewisse Skepsis an den Tag legen, wenn es um die Einschätzung des weiteren zeitlichen Horizonts geht.

In meinen Tests auf einem iMac kam noch hinzu, dass die Gestensteuerung eher nach dem Zufallsprinzip funktionierte. Ich will gern einräumen, dass es anderen Verwendern in dieser Hinsicht besser erging. Und zweifellos ist der Wow-Effekt, den man auf einer Party erzielen kann, wenn man mal eben den nächsten Song per Daumengeste anwählt, beachtlich. Da kann die tadellos funktionierende Bluetooth-Tastatur aus ähnlicher Entfernung zwar das gleiche Ergebnis zuverlässiger, aber nicht beeindruckender erzielen. In Anbetracht der eher zufallsbasierenden Funktionalität finde ich übrigens den Titel, Flutter, zu deutsch etwa “Wedeln” mehr als gelungen.

Flutter konzentrierte sich in den letzten beiden Jahren darauf, möglichst viele Apps zu unterstützen. So kann man sich heute rühmen, neben den essenziellen Playern wie iTunes, VLC und anderen auch Onlineservices wie YouTube und andere zu steuern. Onlinedienste können allerdings nur über die erhältliche Chrome-Extension angesprochen werden.

Neben dem eher rudimentären Feature-Set gibt es natürlich einen ganz offensichtlichen Pferdefuß an der Sache mit dem Wedeln. Wer errät es? Genau! Die Webcam ist ständig an, damit Flutter auch dann Gesten erkennen kann, wenn etwa iTunes nur im Hintergrund läuft. Und durch eine laufende Webcam können natürlich auch andere Dinge als Gesten gesehen werden.

Flutter verspricht entsprechend wortreich, man werde selbstredend nie und nimmer irgendwelche Aufzeichnungen tätigen oder Drittunternehmen die Möglichkeit eröffnen, auf die Daten zuzugreifen. Was solche Versprechen allerdings in Zeiten von Prism und Tempora wert sind, dürfte keinen Diskurs entzünden…

Was will Google mit Flutter?

Sicherlich gibt es bereits Produkte, wie etwa Microsofts Kinect, das deutlich ausgereifter ist und weit mehr Gesten erkennen kann. Man muss allerdings fairerweise berücksichtigen, dass es sich dabei um eine Kombination aus Software und Hardware handelt. Flutter arbeitet rein software-basiert, die konkrete Kamera-Hardware ist nicht von Bedeutung. Und einen modernen Computer, der ohne Webcam ausgeliefert wird, gibt es kaum noch. Kauft noch jemand Desktop-Rechner?

Hinzu kommt, dass die Webcams mit stetig steigenden Auflösungen versehen werden, was die Erkennung vereinfacht und stabiler macht. Es ist also im Grunde, vor allem perspektivisch, kein wirrer Gedanke, Gestensteuerung über Webcams als gangbaren Weg zu sehen und entsprechend in die Entwicklung zu investieren.

So betrachtet, will Google vermutlich nicht Flutter als Produkt, sondern lediglich das sechsköpfige Team, das hinter dem Projekt steht. Flutters Entwickler beschäftigen sich immerhin seit 2010 mit nichts anderem als Algorithmen zur Erkennung von Handbewegungen vor Webcams.

Die Akquisition ganzer Teams ist keine Neuheit, sondern fast schon gängige Realität. Dabei gibt es hinreichend viele Beispiele, in denen nach der Übernahme auch die Produkte vom Markt verschwunden sind. Eines der Beispiele, die mich am meisten getroffen haben, war die Google-Übernahme von Nik Software im letzten Jahr. Mit selbiger verschwand nämlich die grandiose Software Snapseed komplett vom Markt. Glücklicherweise hatte ich sie ein paar Wochen vorher noch gekauft…

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Für das Flutter-Team gibt es im Hause Google einen sehr naheliegenden Einsatzbereich, nämlich die Fortentwicklung des Google Glass. Dieses ist bekanntlich eher von rudimentärer Funktionalität und in seiner jetzigen Inkarnation nicht viel mehr als ein Addon für Android-Phones, dafür allerdings deutlich zu teuer. Insofern ist es kein Wunder, dass mit einer flächendeckenden Markteinführung wohl erst in einigen Jahren zu rechnen ist.

Ich lehne mich vermutlich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich mutmaße, dass das Flutter-Team künftig weniger im Bereich der Gestensteuerung, sondern viel mehr im Bereich der Gesten-Erkennung auf Glass-Devices unterwegs sein wird. Sollte ich damit richtig liegen, ergibt die Übernahme einen Sinn.

Sollte es Google indes tatsächlich um das Produkt Flutter gegangen sein, reicht meine Fantasie nicht für einen plausiblen Erklärungsansatz aus. Was meinen Sie?

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Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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4 Kommentare

  1. bin wirklich gespannt, was uns Google die nächsten Jahre so bringen lässt… unsere online-Daten haben sie schon, jetzt bald was wir sehen (Google Glasses) und bald wird auch noch automatisch analysiert wie wir so vor unseren Laptops rumhampeln… interessant, interessant…

  2. „Was meinen Sie?“ – Ich meine: Wozu habe ich den langen Text über ein Produkt gelesen, das nicht funktioniert, womöglich bald nicht mehr existiert und dessen Sinn zweifelhaft ist? Vielleicht wollte Google nur den bekloppten Namen oder auch nur die reservierten Parkplätze der Flutter-Belegschaft. Benötigt man die Informationen über/hinter/um Flutter, um auf das Ergebnis 42 zu kommen? Vermutlich nicht. Könnte ich mit einer Geste die Verarbeitung von Informationen steuern, würde dabei eine leicht seitwärts geschwungene Handbewegung herauskommen.

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