Dieter Petereit 18. April 2013

Mozilla Labs TowTruck: Das neue Kollaborationstool im Test

Aus den Mozilla Labs kommt zuverlässig Erstaunliches. Auch der neueste Spross des Hauses, der auf den interessanten TowTruck, zu deutsch: Abschleppwagen, hört, verspricht viel. Mit lediglich zwei Zeilen Code lässt sich damit jede beliebige Website aufrüsten. Diese bietet fortan die Möglichkeit, zu zweit von entfernten Lokationen aus, an ihr, mit ihr oder auf ihr zu arbeiten. Dabei wird der entfernte Cursor eingeblendet, zudem ist Text- und Audio-Chat möglich. Ich habe es mir näher angesehen…

towtruck-logo

TowTruck: Who you call when you get stuck!

Ursprünglich sollte TowTruck eine Lösung sein, um angehende Webentwickler zu unterstützen. So erklärt sich auch der etwas ungewöhnliche Name, der dem Schüttelreim „Towtruck – who you call when you got stuck“, also „Abschleppwagen- das ist was du rufst, wenn du liegen geblieben bist“, entstammt.

Beginnen wir mit der Theorie. TowTruck aus den Mozilla Labs ist eine JavaScript-basierte Lösung, die auf HTML5 aufsetzt. Das Tool blendet in beliebige Websites ein Interface ein, mit dem sich eine Kommunikation zwischen derzeit zwei Teilnehmern aufbauen und aufrecht erhalten lässt. Zusätzlich zu dem Interface wird der jeweils entfernte Cursor eingeblendet. So ist etwa auch gemeinsames Editieren von Texten oder das plakative Zeigen auf bestimmte Website-Bereiche möglich.

Neben der Cursor- und Keyboard-Integration bietet TowTruck einen Text-Chat, der funktioniert, wie man das aus Skype, ICQ und anderen Diensten kennt – allerdings ohne irgendeinen zusätzlichen Dienst zu erfordern. In Browsern mit Unterstützung von WebRTC, derzeit Chrome und Firefox Nightlies, kann sogar ein Audio-Chat ohne zusätzliche Plugins initiiert werden.

Die Einbindung ist dabei völlig simpel. Zunächst wird das Script selbst eingebunden:

Ist das erledigt, kann an beliebiger Stelle eine Schaltfläche eingebaut werden, mit deren Hilfe sich der Kommunikationsvorgang starten lässt:

Das war es auf Betreiberseite. TowTruck ist initialisiert und wartet auf den Einsatz. Wie man das von vielen Tools, speziell aus der experimentellen Ecke schon kennt, ist jedoch nicht stets alles Gold, was glänzt. Und deshalb wollen wir etwas genauer hinsehen.

Leider verweigert sich eine steigende Zahl von Tech-Magazinen der Recherche und schreibt lieber Pressemitteilungen und anderer Leute Blogposts um. Ich konnte das dieser Tage erst wieder am eigenen Leibe erfahren, als ich auf Empfehlung eines Artikels aus einem dieser Magazine eine nicht ganz billige App kaufte und schon wenige Minuten nach dem ersten Start merkte, dass der Redakteur unmöglich wirklich die App getestet haben konnte. Sonst wäre er nämlich nicht zu dem Ergebnis gekommen, zu dem er kam. Und ich hätte einige Euro gespart…

Zurück zum Thema Gold: Ich verfüge sowohl über Firefox Nightly als auch über den aktuellen Chrome und kann auf drei verschiedenen OS testen. Entsprechend prädestiniert fühlte ich mich, den Funktions-Versprechungen auf den Grund zu gehen. Ich beschreibe im folgenden die Kommunikation zwischen einem Chrome unter Windows 8 und einem Chrome unter Mac OS Snow Leopard. Vollumfänglich funktioniert hat aber auch die Kommunikation zwischen den Feuerfüchsen. Was nicht hinzubekommen war, war eine Audio-Kommunikation zwischen einem Firefox und einem Chrome. Die restliche Funktionalität war gegeben.

TowTruck: Wirklich so simpel, dass es erstaunt

Grundlage des Selbstversuchs ist die Demoseite von Mozilla selbst. Dort gilt es zunächst auf den Button Start TowTruck zu klicken. Es öffnet sich das rechts angeordnete Interface, mittig öffnet sich ein Popup, mit dessen Hilfe man auch Zugriff auf den erläuternden Screencast nehmen kann.

towtruck-start

Ein Klick auf Use TowTruck öffnet ein Settings-Modal, in welchem man zum einen sein Profil-Kürzel frei anlegen kann, in welchem man aber auch den wichtigen Link findet, dem man auskopieren und per Mail an den gewünschten Teilnehmer senden muss:

towtruck-settings

Der Empfänger der Mail klickt sodann auf den enthaltenen Link und sieht folgenden Screen:

towtruck-join-session

Er bestätigt mit Yes, join Session und ist dann in der Lage, sich mit einem freundlichen So bin da (oder einer beliebigen anderen Floskel) beim Einladenden zu melden. Nun können die Teilnehmer munter chattend die Website beackern, sogar gemeinsam an Texten arbeiten oder sich durch schwierige Formulare helfen. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig.

towtruck-binda

Besonders nützlich erschien mir im Test die Möglichkeit der Audio-Kommunikation via WebRTC, die nahezu verzögerungsfrei erfolgte, trotz einer nicht unbeachtlichen Entfernung von rund 8.000 Kilometern zwischen den Teilnehmern. Mit eingeschaltetem Audio-Chat findet eine ständige bidirektionale Übertragung statt, es entsteht fast schon Gesprächsatmosphäre.

Was nicht zuverlässig funktionierte, war die Beendigung des Audio-Chats. Wechselseitig konnte der eine oder der andere Teilnehmer den jeweils anderen noch hören, obwohl dieser über das rot durchgestrichene Hörersymbol im Interface die Session an sich beendet haben sollte. Erst das Schließen des entsprechenden Browser-Tabs sorgte für Ruhe. Aber gut, dafür ist TowTruck ausdrücklich als Alpha gekennzeichnet und was das Tool in diesem Stadium bereits leistet, ist mehr als beachtlich. Nicht getestet habe ich die Mobilfähigkeit der Lösung. Damit stehe ich indes nicht allein, denn selbst das Entwicklerteam gibt freimütig zu, hier noch keine nennenswerten Tests gefahren zu haben. Grundsätzlich sollte aber jeder Browser mit Unterstützung für WebSockets tauglich, zumindest für alles außer Audio, sein.

towtruck-text-chat

Wird TowTruck dem Thema Online-Kollaboration zum Durchbruch verhelfen? Es hat auf jeden Fall das Potenzial dazu. Und das liegt nicht etwa daran, dass die Idee so brandneu wäre, denn das ist sie nicht. Es liegt vielmehr daran, dass der Einbau simpel, fast schon idiotensicher und von daher für jedwede Website geeignet ist. Entwickler Ian Bicking schreibt in seinem Blogpost zum Projekt entsprechend treffend, dass das Team während der Entwicklung zu der Überzeugung gelangt ist, dass das Web genau für diese Art der Kollaboration gemacht erscheint. Es ist eine natürliche Evolution. Als hätte man quasi darauf gewartet.

Der Screencast gibt einen ersten Eindruck des Tools:

TowTruck wird von Ian Bicking, Simon Wex und Aaron Druck entwickelt. Es steht als Open Source auf Github zur freien Verfügung. Probieren Sie es aus!

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Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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2 Kommentare

  1. „Wird TowTruck dem Thema Online-Kollaboration zum Durchbruch verhelfen?“
    Hhmm… zumindest nicht in „normalen“ Webseiten auf Stock-Browsern.

    Oberfächen von Web-Apps werden zunehmend im Browser dynamisch gezeichnet (Responsive CSS, Popover- und Dialog-Widgets – geht alles nicht mit TowTruck).
    Ohne vom Browser zur Verfügung gestellte DOM-Mirror-API hat man da meiner Meinung nach keine Chance. So eine Mirror-API würde aber dem Sicherheitskonzept des Browsers komplett widersprechen.
    Ein „Abfilmen“ per WebRTC input source=“screen“ (bzw. „tab“ wenn es das denn geben würde) ist aber wiederum auch keine echte Kollaboration.
    Bleiben nur Browser-Erweiterungen oder ein Custom-Build eines Open-Source Browsers.

  2. Vielen Dank für den Test. Ich werde das gleich mal selber testen. Dein Artikel macht definitiv Lust auf mehr:)

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