Dieter Petereit 25. April 2017

Microsoft To-Do: Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Da kaufen die Redmonder vor fast zwei Jahren ein Unternehmen, das mit Wunderlist eine ausgereifte To-Do-App am Markt hat. Und jetzt stellen sie einen Ersatz dafür vor, den man nur als Lachnummer bezeichnen kann. Irgendwer raucht doch da schlechtes Gras.

Zunächst war ich erfreut über die Meldung. Microsoft stellt mit To-Do eine Aufgabenverwaltung vor, die vom ehemaligen Wunderlist-Team erstellt wird und auf Sicht Wunderlist vollständig ersetzen soll. Daran ist nichts auszusetzen. Wiewohl man natürlich auch den Weg des Rebranding hätte gehen können. Kleinere Anpassungen an das Corporate Design der Seattle-Jungs, meinetwegen mit Space Needle statt Alex im Hintergrund und los gehts. Gut, sie wollen es auf die harte Tour. Ist ja legitim, Chuck Norris in der Software-Welt.

To-Do: Die Ernüchterung kommt schnell

Am Wochenende installierte ich dann die iOS-App und meldete mich über die Web-App mit meinem Microsoft-Account an. Im Verlaufe des Prozesses wurde ich gefragt, ob ich meine Tasks aus Wunderlist oder Todoist importieren wolle. Auch an dieser Stelle war ich noch guter Dinge.

Das erste Stirnrunzeln trat dann auf, als mich To-Do darüber informierte, es hätte in meinem Wunderlist-Account Aufgaben mit Unteraufgaben gefunden und es könne das so nicht importieren. Ich möge mich doch bitte entscheiden, ob die Unteraufgaben als einzelne Aufgaben oder als Notiz zur Hauptaufgabe importiert werden sollen. Nanu? Nicht mal Unteraufgaben kann To-Do verwalten? Zähneknirschend entschied ich mich für die Notizen-Variante.

Nach einer kleinen Weile war der Import abgeschlossen und ich begab mich in die Web-App, um von dort aus einen ersten Eindruck einer prall gefüllten Aufgabenliste unter To-Do zu erhalten. Auf den ersten Blick wirkt To-Do modern, nah am Material Design aus ganz anderem Hause, sowie schlank und schnell. Die gestalterische Nähe zu Wunderlist lässt sich nicht leugnen.

Schnell jedoch stellte sich Ernüchterung ein. Kaum ein Feature, das ich von Wunderlist oder Todoist kenne, ist verfügbar. Die fehlenden Unteraufgaben habe ich bereits erwähnt. Dazu kommt die fehlende Möglichkeit, Aufgabenlisten in Ordner zu sortieren, um etwa eine bessere Trennung von beruflichen und privaten Tasklisten herzustellen, oder schlicht nach Projekten zu unterscheiden.

To-Do ist konsequent: keine Basis-, also auch keine Pro-Features

Nicht einmal Kommentare lässt To-Do zu. Dieses Feature ist nicht nur in der Kollaboration mit mehreren Teammitgliedern wichtig, sondern auch gut geeignet, um Infos zur Aufgabe zu erfassen, die zwar wichtig sind, aber den Erledigungsstatus nicht tangieren.

Apropos Kollaboration, To-Do bietet nicht den geringsten Ansatz zur Teamarbeit. Aufgaben lassen sich nicht delegieren, Listen lassen sich nicht teilen. To-Do ist eine Insel. Und das in Zeiten der Sharing Economy, so unfass- wie unbrauchbar.

Was mir an To-Do zunächst gefiel, war das Konzept des „Mein Tag“. In diese Liste kannst du die Aufgaben packen, die du an diesem Tag erledigen möchtest. Nach längerem Nachdenken fiel mir jedoch zweierlei auf. Zum einen gibt es keinerlei weitere Listen, die sich zeitabhängig befüllen würden. In Todoist etwa sehe ich automatische Listen für „Heute“ und „Nächste 7 Tage“. In To-Do gibt es nur „Mein Tag“ und die muss ich händisch befüllen. Zum anderen hat nicht jede Aufgabe einen Tagesbezug oder könnte innerhalb eines Tages erledigt werden. „Mein Tag“ ist also geeignet für den Zahnarzttermin, aber kaum für professionelle Aufgabenstellungen.

Zur Ehrenrettung soll nicht unerwähnt bleiben, dass Microsoft der Ansicht „Mein Tag“ zusätzlich ein Glühbirnen-Icon spendiert hat. Ein Klick darauf öffnet eine Liste mit Empfehlungen für den heutigen Tag. Zumindest findest du hier die überfälligen Tasks, die du gestern nicht geschafft hast, wieder. In die Übersicht „Mein Tag“ musst du sie trotzdem manuell übernehmen. EDV zu Fuß.

An vielen meiner Aufgaben in Wunderlist und Todoist hängen Dateien, wie Bilder oder Briefings, teilweise als Dropbox-Verknüpfungen. To-Do erlaubt nichts dergleichen, weder Verknüpfungen, noch Dateien.

To-Do ist vollkommen in sich gekehrt: keine Schnittstellen nach außen

Komme ich auf das App-Umfeld zu sprechen, sieht es noch viel düsterer aus. Wunderlist und Todoist verfügen auf einen ganzen Reigen an Integrationen mit anderen Services in unterschiedlicher Form und Tiefe. Essentiell sind für mich die Kalenderintegrationen und jene von und zu Google Mail. Aufgaben aus E-Mails zu erstellen kommt in meinem Anwendungsfall häufig vor, genau wie das Erstellen von Aufgaben aus Websites. To-Do kann nichts davon.

Synchronisation von Outlook zu To-Do: Wozu soll das gut sein? (Bild: Microsoft)

Während Wunderlist und Todoist eine breite Palette an Apps anbieten, beschränkt sich To-Do auf Android, iPhone und Windows Phone. Damit ich To-Do kein Unrecht tue, will ich noch darauf hinweisen, dass es in der Lage ist, Outlook Tasks automatisch zu synchronisieren…

Ratlosigkeit macht sich breit

Was soll all das bedeuten? Microsoft bezeichnet To-Do in seiner jetzigen Form als Preview – schön und gut. Das Tool soll aber als Teil der Office-Reihe auch den Businesskunden ansprechen, wie sie selber sagen. Wieso geht Microsoft mit einem dermaßen rudimentären Minderleister an den Start? Ich kenne einige, die die Preview nachgerade abgeschreckt hat und die nun auf andere Produkte umsteigen werden.

Microsoft bittet zwar um Feedback und verspricht, die dollsten Wunderlist-Features einzubauen. Bloß, warum haben sie nicht wenigstens die offensichtlichsten Pflichtfeatures schon mal von selber vorgelegt? Wie gesagt, Wunderlist gehört den US-Amerikanern schon seit fast zwei Jahren.

Kannst du dir da einen Reim drauf machen? Welche Aufgaben-App bevorzugst du?

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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3 Kommentare

  1. Ich verstehe nicht, warum die nicht einfach Wunderlist anpassen, es gehört doch den gleichen?
    Einen riesigen Unterschied vom Design konnte ich jetzt auch nicht fest stellen, außer dass ich mich an Wunderlist gewöhhnt habe.
    Was mir wichtig ist: eine nahtlose Synchronisation mit Onenote und dem Kalender. (Nebenbei: am besten „Sticky notes“ oder kurze notizen vom Desktop auf win10 implementierung in einen speziellen Onenote Ordner, hat jetzt erst mal nichts mit dem Kalender zu tun)

  2. Genau das dachte ich auch! Ich nutze aktuell Todoist und dachte so: „Yeah ne Microsoft Alternative wäre super!“ Vor allem weil ich auch MS Office nutze…

    Aber irgendwie kann ToDo ja wirklich gar nichts so richtig und das was es kann, macht es dann nicht mal gut!

    • Hi,

      Todoist ist ja nun nicht wirklich schlecht in der Premium-Version. Allerdings könnte es durchaus besser sein. Wer eine gute Alternative weiß – immer her damit. ToDo kommt für mich leider eh nicht infrage, da ich MacOS nutze.

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