Dieter Petereit 11. Februar 2010

MarkerCSS – CSS-Framework aus der Steinzeit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Die grundsätzlichen Vorteile bei der Nutzung eines CSS-Frameworks liegen genau so klar auf der Hand wie die Nachteile. Während sich durch ihren Einsatz im Wesentlichen die Entwicklungsgeschwindigkeit erhöhen und Standardlösungen für bekannte Browserprobleme geboten werden können, müssen stets auch mehr oder weniger ausgeprägte Einschränkungen akzeptiert werden. So können die meisten Frameworks nur für ganz bestimmte Einsatzzwecke genutzt werden. Die meisten mir bekannten Entwickler verwenden daher stattdessen ihre Erfahrung und Snippets ihrer gesammelten Projekte. Ich persönlich nutze kleinere Frameworks für kleinere Projekte. Von daher weckte MarkerCSS mein Interesse.

Der Entwickler des MarkerCSS präsentiert sein Framework professionell mit eigener zweisprachiger Website und verspricht vollmundig ein flexibles Produkt, das die Zeit für die Entwicklung des Layouts drastisch verkürzt. Eine Menge Beispiele erklären das Funktionsprinzip der CSS-Dateisammlung MarkerCSS, die zunächst wie jedes separate CSS im Head per link rel in die Seiten inkludiert wird, die die Funktionalitäten nutzen sollen.

Die Besonderheit des MarkerCSS-Frameworks zeigt sich in der Einbindung in den Workflow. Vereinfacht ausgedrückt wird im (X)HTML-Code anstelle der sonst üblichen Zuweisung einer CSS-Klasse und deren Formatierung in einer oder mehrerer separater CSS-Dateien der Klasse direkt eine Formatierungsinformation mitgegeben. So würde beispielsweise <body class=“A s12″> bewirken, dass dem Text im Body die Schriftart Arial mit einer Größe von 12 Pixeln zugewiesen wird. Auf gleiche Art und Weise werden Farben, Positionen, Dimensionen etc. definiert. Wollen Sie beispielsweise einen Text fett-formatieren, müssten Sie <div class=“b“></div> verwenden. Erste Fragezeichen erscheinen vor Ihren Augen?

Dem ein wenig mit CSS vertrauten Betrachter wird schnell deutlich, dass MarkerCSS im Grunde eine Rückkehr in das Zeitalter der konsequenten Durchmischung von Inhalt und Layout bedeutet. Gerade der Vorteil, im (X)HTML die Struktur und womöglich die Inhalte und in separaten CSS-Dateien die Optik abzulegen, wird durch MarkerCSS komplett ausgehebelt. Man stelle sich nur einmal vor, man müsste in Dutzenden Seiten die Schriftartdefinition austauschen. Ich kann mich noch gut an diese qualvollen Zeiten in den Neunzigern erinnern, in denen ich ohne Templates und sonstige Erleichterungen Seiten mit elend vielen Font-Tags pflegen musste. Da war das site-weite ändern der Schriftdefinitionen gern mal ein Tagewerk.

Weitere Minuspunkte verdient sich MarkerCSS durch seine unnötig opulente Ausdehnung. Acht Dateien mit einer Gesamtgröße von rund 30 KB sind nicht gerade als schlank zu bezeichnen. Dabei gewinnt MarkerCSS sein Volumen nicht etwa durch funktionale Vielfalt, sondern hauptsächlich durch das sture Durchdefinieren aller Layouts in 10 Pixel-Schritten, beginnend mit 10 und endend mit 1000 Pixeln. Fast schon eine Kleinigkeit ist es da, dass man die Sprachkonventionen des Frameworks auch nicht eben als sprechend im Sinne von intuitiv verständlich bezeichnen kann, obschon sie sich zumeist aus den Anfangsbuchstaben des gesparten Wortes, kombiniert mit Zahlenwerten, die sich stets in Pixeln lesen, zusammensetzen.

Fazit: Entwickler, die sich in die Zeit des traditionellen Markup der Neunziger zurück sehnen, werden möglicherweise eine aus purer Nostalgie genährte Vorliebe für MarkerCSS entwickeln können. Neueinsteiger in die Welt des CSS sollten auf jeden Fall ihre Finger von MarkerCSS lassen.

(tm), (sl)

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

12 Kommentare

  1. Ich finde es gut das auch mal, wie in diesem Fall hier, Frameworks angesprochen werden, die nicht so gut zu sein scheinen.
    Das erspart mir selbst einiges an Zeit beim herunterladen, einarbeiten und ausprobieren bei interesse.
    Ich habe mein eigenes CSS das ich einfach entsprechend anpasse, allerdings sind meine Projekt bisher auch recht überschaubar geblieben 😉 .

  2. @Ralf:
    Hast du for einen Framework-Flamewar heraufzubeschwören? 😉

    Mal ganz allgemein gesprochen, und auch in Begriffen der Popularität und Verbreitung, werden folgende Frameworks oft verwendet:

    YAML – wie schon angesprochen sehr empfehlenswert, teilweise ist das aber für viele, obwohl absolut technisch durchdacht, einfach zu mächtig. Allerdings lohnt es sich durchaus für viele, sich dahinter zu klemmen und reinzuarbeiten.

    YUI – auch ein häufig verwendetes CSS-Framework, aus dem Hause Yahoo! Hab ich allerdings

    Blueprint – hier gehts in die pixelbasierte Richtung, als die Frameworks die mit festem Gestaltungsraster arbeiten. Bei Blueprint ist es 950 Pixel auf 24 Spalten.

    960.gs – das 960 Grid System basiert auf 960 Pixel, welche einmal in 12 oder 16 Spalten aufgeteilt werden. Für pixelbasiertes Arbeiten vor allem auch wegen der tollen Vorlage für Photoshop, InDesign, Illustrator, etc. geeignet.

    Schlanker gehts zu dem immer.

    Wenn du deine eigenen Grundlagen definierst + Eric Meyers CSS Reset Stylesheet, bist du schon ziemlich dünn dabei 🙂

    Vielleicht wären unter diesem Hinblick dann z.B. die Vorlagen von Gerrit van Aaken ganz gut geeignet als Grundstock für deine eigenen Vorlagen: http://praegnanz.de/weblog/htmlcssjs-kickstart

  3. @Roland: Siehe Kommentar 1.

    Natürlich ist es sinnvoll auch Produkte zu besprechen, die nicht empfehlenswert sind. Wenn der Webentwickler immer eines zu wenig hat, dann ist es die Zeit, alle möglichen Neuheiten auf Tauglichkeit zu evaluieren. Schau Dir mal die sonstige Berichterstattung zu MarkerCSS an. Die erschöpft sich bislang weitgehend darin, darauf hinzuweisen, dass es ein neues CSS-Framework diesen Namens gibt. Das ist uns bei Dr. Web ein bisschen wenig…

  4. Einerseits vielen Dank für den Artikel und die Mühe, die drin steckt.

    Anderseits frage ich mich, warum ein Artikel über ein Produkt geschrieben wird, das nicht empfehlenswert ist.

    Ich freue mich dennoch schon auf weitere Artikel über empfehlenswerte Produkte (und Frameworks)! 🙂

  5. Freut mich, dass diese nicht vorhandene Layout/Markup-Trennung verdeutlicht wird. Von daher danke für den guten Artikel und das Wissen, dass ich dieses Framework nicht auszutesten brauche 🙂

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