Redaktion Dr. Web 18. Dezember 2018

Magento 2: Solltest du deinen Onlineshop updaten?

Seit November 2015 steht mit Magento Commerce 2 ein sicherlich würdiger Nachfolger der populären E-Commerce-Lösung zur Verfügung. Der 2020 endende Support für Magento 1 erhöht den Druck für eine Migration. Doch der Wechsel ist nicht unbedingt die beste Lösung.

Nur keinen Druck?!

Spätestens seit der Veröffentlichung von Magento 2 stecken viele Magento-Shop-Betreiber in einer Zwickmühle. Ergibt ein Umstieg auf Magento 2 Sinn? Oder hat sich Magento so stark weiterentwickelt, dass die Lösung gar nicht mehr zu den eigenen Anforderungen passt? Und wenn man sich für Magento 2 entscheidet, mit welchem Aufwand hat man zu rechnen? Ist das überhaupt wirtschaftlich abbildbar?

Gerade in Deutschland setzen noch immer unzählige Online-Shops auf die kostenpflichtige oder die kostenfreie Version 1 von Magento. Durch das Ende des offiziellen Supports müssen sich diese Nutzer nun entscheiden – entweder für Magento 2 oder für eine alternative Lösung.

Seit Mai 2018 gehört Magento dem Adobe-Konzern. (Screenshot: Dr. Web)

Eines vorweg: Wenn du zu den Magento-Nutzern der Version 1 zählst – ich gehe stark davon aus, da du gerade diesen Artikel liest – wirst du hier leider nicht sofort die Lösung für deine Situation finden. Dafür gebe ich dir aber die richtigen Fragen und das nötige Hintergrundwissen mit, sodass du selbst schnell zu einer Entscheidung gelangen kannst.

Wie ist Magento 2 einzuschätzen?

Ist Magento 2 der logische Schritt für alle Unternehmen, die bislang auf Magento 1 setzen? Die Antwort auf diese eigentlich sehr komplexe Frage lautet schlicht: Nein! Denn Magento 2 spricht verstärkt das Enterprise-Segment an. Dieser Anspruch spiegelt sich eindeutig im Entwicklungsaufwand, der Handhabung des Systems, sowie in der Vorgehensweise im Projekt wider.

Auch wenn du vermutlich auf den ersten Blick, abgesehen vom Optischen, keine allzu großen Änderungen bei Magento 2 feststellen wirst, so hat sich doch unter der Haube sehr viel getan und Magento 2 ist definitiv nicht mehr die E-Commerce-Allzweckwaffe, mit der alle Unternehmen glücklich werden.

Auch ist Magento 2, rein technisch betrachtet, nicht einfach ein simples Update. Betrachtet man die Software-Architektur und den Code, handelt es sich um eine komplett neue Software. Der Umstieg auf Magento 2 ist also eher als eigenständiges Projekt zu verstehen, vergleichbar mit der erstmaligen Einführung von Magento 1. Die Migration etwa von Eigenentwicklungen, Modulen und Anpassungen ist so gut wie unmöglich. Dadurch ist ein Umstieg auf Magento 2 mit signifikantem Aufwand für die Nachentwicklung verbunden.

Wie kannst du als Magento-1-Nutzer nun abschätzen, ob der Schritt hin zu Magento 2 für dein Unternehmen die richtige Entscheidung ist? Um ein besseres Gefühl hierfür zu erlangen, möchte ich, dass du dir folgende Fragen stellst.

Magento möchte, dass du Wechsel schnell vollziehst. (Screenshot: Dr. Web)

Frage #1: Welche „Business Requirements“ existieren?

In den letzten Jahren hast du sicherlich viele zusätzliche Features in deine E-Commerce Lösung integriert und diese weiter an deine Bedürfnisse angepasst. Bei einem Umstieg musst du diese Historie aber gedanklich ausblenden und dich erst einmal ganz frisch fragen, welche Anforderungen du tatsächlich jetzt an eine E-Commerce-Lösung hast.

Denn nur, weil du in der Vergangenheit etwas entwickelt hast, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass du diese Funktion auch wirklich benötigst, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Du musst dir also klar werden, welche Anforderungen existieren, welche davon wirtschaftlich relevant bzw. prozesskritisch sind und welche Priorität die restlichen Anforderungen haben sollen. Oder ob du dich nicht einfach von vom Rest trennen könntest?

Frage #2: Kann Magento 2 die Anforderungen deines Unternehmens erfüllen?

Sobald die eigenen Anforderungen klar definiert sind, müssen diese im nächsten Schritt mit den Funktionen und Möglichkeiten von Magento 2 abgeglichen werden. Es ist nicht unüblich, dass sich das eigene Geschäftsmodell über die Jahre so stark weiterentwickelt, dass eine Standard-Software gar nicht mehr in der Lage ist, diese Anforderungen abzudecken.

Ein großes Migrationsprojekt eignet sich daher perfekt für eine Bestandsaufnahme und die Evaluierung, ob die anvisierte Software bei der Realisierung der eigenen Anforderungen überhaupt behilflich ist.

Je nach Anforderungsprofil kann auch WooCommerce die richtige Lösung für dich sein. (Illustration: WooCommerce)

Als Antwort könnte an dieser Stelle gegebenenfalls schon ein Nein folgen. Denn, auch wenn Magento 2 an sich eine exzellente Software ist, heißt das nicht zwingend, dass sie alles kann oder jede angedachte Entwicklung optimal unterstützt. Ist dies der Fall, so musst du eine unabhängige Evaluierung anderer Systeme durchführen.

Umgekehrt kann es natürlich sein, dass der Wechsel zu Magento 2 gerade die Gelegenheit ist, sich von überaltertem oder unnötigem Kram zu trennen. In diesem Fall gilt es zu bewerten, ob der eingesparte Pflege- und Updateaufwand durch die geringere Anzahl von Modulen und Abhängigkeiten in einem sinnvollen Verhältnis zu den Ausgaben steht. In der Regel wird diese Verschlankung als Begründung für den Umstieg nicht ausreichen.

Frage #3: Stellen Lizenzkosten einen Showstopper dar?

Auch wenn Magento weiterhin eine kostenfreie Open-Source Variante bereitstellt, gerade im Magento-2-Umfeld muss man sich definitiv mit dem Thema Lizenzkosten beschäftigen. Denn bei Magento Commerce 2 besteht ein wesentlich größerer Unterschied zwischen der kostenfreien und der kostenpflichtigen Version. In letzterer, der Magento Enterprise Edition, finden sich mittlerweile sehr starke Funktionen, wie das gesamte B2B-Feature-Spektrum oder ab Version 2.3 zudem ein umfangreicher und komplexer WYSIWYG-Editor für das Content-Management.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die kostenpflichtige Version daher in Frage kommt, ist wesentlich höher. Schrecken dich jährliche Lizenzkosten ab ca. 20 000 Euro grundsätzlich ab, solltest du dich allerdings fragen, ob Magento 2 perspektivisch betrachtet die „richtige“ Lösung für dich ist.

Frage #4: Kann ich mich vom Gedanken der schnellen Anpassungen und fertigen Lösungen trennen?

Wie eingangs erwähnt, richtet sich Magento 2 definitiv an Enterprise-Kunden und damit an eine andere Zielgruppe, als dies noch bei Magento 1 der Fall war. Magento 2 hat nicht den Anspruch, die perfekte Lösung für alle Projektgrößen zwischen Start-Up und Konzernlösung zu sein.

Das hat zur Konsequenz, dass Magento 2 einen sehr professionellen Entwicklungsprozess verlangt. Dadurch sind „zusammenklickbare“ Lösungen, wie man sie beispielsweise aus dem WordPress-Umfeld kennt – hier gibt es ja Tausende von Extensions – undenkbar. Aufgrund der Komplexität der Systemarchitektur musst du bei einem Magento-2-Projekt wesentlich individueller vorgehen.

Schnelle Anpassungen, Quick Fixes und das exzessive Verwenden von fertigen Modulen gehören der Vergangenheit an. Magento 2 ist damit sozusagen das Gegenteil eines WordPress-Systems, bei dem du dir mit wenigen Klicks irgendeine Lösung basteln könntest.

Frage #5: Wie professionell kann E-Commerce im Unternehmen betrieben werden?

Diese Frage hängt direkt mit der vorherigen zusammen. Das Magento-2-Umfeld, damit meine ich Agenturen, Dienstleister und Service-Partner, hat mittlerweile einen hohen Professionalisierungsgrad erreicht, wodurch Projekte an sich schon komplexer werden. Ohne ein vorgelagertes Anforderungsmanagement, einen sauberen Entwicklungsprozess, Test-Management, sowie das Budget für Wartungs- und Support-Aufwände wirst du kein stabiles, geschweige denn langfristig erfolgreiches Magento-2-Projekt betreiben können.

Magento hat Platzhirschen wie Helly Hansen und Rossignol im Auge. (Screenshot: Dr. Web)

Viele Magento-2-Nutzer, die vermutlich aus den falschen Gründen migriert haben, tun sich daher aktuell sehr schwer. Denn ein Magento-2-System kannst du nicht einfach ein paar Monate unbeaufsichtigt laufen lassen und dann mal eben auf Zuruf ein paar Änderungen implementieren.

Frage #6: Ist der E-Commerce eine tragende und wichtige Säule deines Unternehmens ?

Bist du bereit, signifikante Investitionen zu tätigen, oder möchtest du E-Commerce auf Sparflamme, vielleicht gar als eine Art „Hobbyprojekt“ betreiben? Falls das Thema E-Commerce auch perspektivisch für dein Unternehmen keinen großen Stellenwert einnimmt, wirst du mit Magento 2 vermutlich nicht glücklich werden.

Du wirst von den Möglichkeiten des Systems nicht profitieren können, aber gleichzeitig viel zu sehr mit dessen Komplexität beschäftigt sein, um erfolgreich handeln zu können.

Fazit: Lohnt sich der Umstieg auf Magento 2?

Für dich als Magento-Nutzer der Version 1 ist eine Sache klar: Du musst in den nächsten Monaten eine Entscheidung treffen! Steigst du auf Magento 2 oder ein komplett anderes System um? Der Umstieg auf Magento 2 ist kein Selbstläufer. Ist die neue Version für dich und deine Anforderungen tatsächlich das „beste“ System?

Magento Commerce hat sich über die letzten Jahre sehr stark weiterentwickelt und dabei immer mehr das Enterprise Segment adressiert. Daher musst du dich ganz klar fragen, ob du momentan eine Enterprise Lösung benötigst, oder gegebenenfalls erst einmal einen Gang zurückschaltest und auf ein alternatives System wechselst.

(Artikelbild: Depositphotos)

Der Autor

Alexander Steireif ist E-Commerce- und Magento-Experte. Gemeinsam mit seinem Team berät er Unternehmen bei der Einführung, Optimierung und Etablierung von E-Commerce-Systemen.

Er hat zudem zahlreiche Artikel zu E-Commerce-Themen in Fachmedien veröffentlicht und ist Autor der Bücher „Magento 2: Das umfassende Handbuch“ sowie „Handbuch Online-Shop: Erfolgsrezepte für den Online-Handel“.

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Unter der Bezeichnung "Redaktion Dr. Web" findest du Beiträge, die von mehreren Autorinnen und Autoren kollaborativ erstellt wurden. Auch Beiträge von Gastautoren sind hier zu finden. Beachte dann bitte die zusätzlichen Informationen zum Autor oder zur Autorin im Beitrag selbst.
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