SPIEGEL Online im Dr. Web Sitecheck

Denis Potschien

Denis Potschien ist seit 2005 freiberuflich als Kommunikationsdesigner tätig, seit Anfang 2010...

SPIEGEL Online gehört zu den beliebtesten deutschen Nachrichtenportalen. Sich der großen Bekanntheit und hohen Reputation bewusst, gibt es bei der Website ebenso wie beim gedruckten SPIEGEL Magazin nur sehr behutsame gestalterische und inhaltliche Veränderungen. Aber sind Gestaltung und Technik von SPIEGEL Online noch zeitgemäß? Wie sieht es mit der Benutzerfreundlichkeit und Barrierefreiheit aus? Zeit für einen Website-Check.

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Konservative Gestaltung

Der SPIEGEL existiert seit 1947, SPIEGEL Online seit 1994. Bereits beim gedruckten Magazin erkennt man, dass gestalterische Veränderung sehr zurückhaltend zu spüren ist. Der markante Schriftzug und die Farbe sind seit Jahrzehnten fester Bestandteil und vermitteln Tradition, Werte und Beständigkeit.

Was bei einem gedruckten Magazin gut funktioniert, hinterlässt bei einer Website ganz andere Eindrücke. Die schnelle technische Entwicklung von Internet und Geräten lässt eine „traditionelle“ Gestaltung schnell alt aussehen. Das stellt man bei SPIEGEL Online durchaus fest.

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Klassisches zweispaltiges Layout

Wo neue Nachrichtenmagazine wie Krautreporter und Vice, die ihren Ursprung nicht im gedruckten Bereich haben, bei der Gestaltung gänzlich andere Wege gehen, findet man bei SPIEGEL Online noch die klassische Zweispaltigkeit: Während links die Inhalte präsentiert werden, ist die schmalere rechte Spalte für zusätzliche Links und andere Zusatzinformationen reserviert. Die rechte Spalte entspricht der klassischen Marginalie, wie man sie in vielen Druckmedien findet.

Design von gestern

Insgesamt ist die Gestaltung der Website wenig beeindruckend. Wo andere Nachrichtenportale mittlerweile dank fluidem Design die gesamte im Browser zur Verfügung stehende Fläche einnehmen, bleibt SPIEGEL Online stoisch bei einer festen Breite von 855 Pixel. Die Gründe für das starre Seitenformat liegen sicher auch im klassischen Online-Werbekonzept, welches nach wie vor auf starre Formate für Banner beruht und responsives Design noch nicht oder zumindest noch nicht ausreichend berücksichtigt.

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Die Startseite aus dem Jahr 2000 und 15 Jahre später

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Als Schrift wird standardmäßig die „Verdana“ eingesetzt. Diese war schon zu ihren Anfangszeiten wenig ansprechend und elegant. In Zeiten unbegrenzter typografischer Möglichkeiten hätte man hier längst auf die Hausschrift des SPIEGEL setzen können.

Viel Inhalt, wenig Struktur

Insgesamt fällt auf, dass SPIEGEL Online viel Inhalt unterbringt – nicht nur auf der Startseite, sondern auch auf den Artikelseiten. Der Nachrichtenfeed auf der Startseite wird immer wieder unterbrochen von zusätzlichen Elementen, auf denen Videos, Kolumnen und Empfehlungen eingeschoben werden.

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Die gesamte Startseite auf einem Blick: mehr als 10.000 Pixel hoch

Diese Einschübe werden zudem kaum vom restlichen Inhalt abgesetzt. Das macht es schwer, sich auf der Website zu orientieren. Gleiches gilt für die Navigation. Allein im Kopf findet man gleich mehrere unabhängige Menüs mit teils willkürlich erscheinender Zusammensetzung. So sind im ersten Menü Abo, SPIEGEL Magazin und Forum ebenso untergebracht wie der Link zur englischsprachigen Ausgabe. Direkt daneben findet sich ein weitere Menü, das einem zu Schlagzeilen und Wetter führt. Unterhalb des Kopfbanners gibt es dann das Themenmenü.

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Die aus mehreren Einzelmenüs zusammengesetzte Navigation

Am Seitenende erwartet einen noch einmal ein großer Block mit verschiedenen Menüs. Eine klügere Zusammenfassung der Menüpunkte würde hier zu mehr Übersichtlichkeit führen und den oder anderen Inhalt auch leichter auffindbar machen.

Nicht Stand der Technik

Neben Inhalt und Gestaltung spielt bei einer Website die Technik natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch hier scheint SPIEGEL Online kein Freund zeitgemäßer Entwicklung zu sein. HTML5 findet man vergebens, wenn man einen Blick in den Quelltext wirft. Dabei ist der Einsatz von HTML5 gerade für die Semantik einer Website von großer Bedeutung. Suchmaschinen und Screenreader können dank der neuen HTML-Elemente die einzelnen Bereiche – Kopf, Navigation, Inhalt, Rand – besser einordnen und dem Nutzer zugänglich machen.

Auch Videos werden standardmäßig noch per Flash ausgeliefert, statt per HTML5. Nur, wenn kein Flash zur Verfügung steht, wird auf HTML5 gesetzt. Eigentlich sollte es, falls man Flash-Videos überhaupt noch unterstützen will, umgekehrt sein.

CSS3-Eigenschaften werden eingesetzt, um beispielsweise abgerundete Ecken und Schlagschatten darzustellen. Die Animationsmöglichkeiten von CSS3 bleiben ungenutzt.

Kein responsives Design, keine Barrierefreiheit

Die Liste der nicht unterstützten Techniken lässt sich fortsetzen. So besitzt SPIEGEL Online kein responsives Layout. Mobilgeräte werden auf die eigene Mobilversion umgeleitet. Die flexiblen Möglichkeiten eines responsives Designs, die vor allem die zahlreichen Displaygrößen berücksichtigen können, werden außen vor gelassen.

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Die eigenständige Mobilversion

Auch Barrierefreiheit wird vernachlässigt. Der Verzicht auf semantische HTML5-Elemente ist eines. Dazu kommt, dass auch ARIA-Auszeichnungen, welche gerade für sehbehinderte Nutzer wichtig sind, fehlen.

Fazit

Für eines der bedeutendsten deutschen Nachrichtenseiten vernachlässigt SPIEGEL Online viele gestalterische und technische Möglichkeiten. Vor allem aber die fehlende Barrierefreiheit fällt negativ auf. Dass ein Nachrichtenmagazin, welches seit Bestehen der Bundesrepublik existiert, behutsam mit Veränderungen umgeht, ist in Ordnung.

Aber vor allem Barrierefreiheit und eine bessere Unterstützung mobiler Geräte sollten für ein solches Portal, das ja auch native Apps für Mobilgeräte bereitstellt, kein Neuland sein.

(dpe)

Denis Potschien

Denis Potschien ist seit 2005 freiberuflich als Kommunikationsdesigner tätig, seit Anfang 2010 im Kreativkonsulat in Iserlohn, einem Büro für Gestaltung und Kommunikation. Dort betreut er kleine und mittelständische Unternehmen ebenso wie kommunale Körperschaften und Organisationen aus Südwestfalen und dem Ruhrgebiet. Als Webdesigner und -entwickler gehören HTML5 und CSS3 zu seinen Kernthemen, weshalb er dazu 2013 ein Buch geschrieben hat. „Pure HTML5 und CSS3“ richtet sich an alle, die Vorkenntnisse haben, sich aber bisher mit HTML5 und CSS3 nicht oder nur am Rande beschäftigt haben.

Sortiert nach:   neueste | älteste | beste Bewertung
Philip Hoevels
Gast

Vielen Dank für diesen Website-Check. Aus unserer Sicht gehen Sie etwas hart mit Spiegel Online ins Gericht. Responsive hin oder her – für Spiegel Online gibt es gute Gründe für die App. Auch muss man technisch feststellen, dass Spiegel Online sicher ein paar HTML-Fehler hat, das ist aber nichts ungewöhnliches heutzutage. Spiegel Online punktet in jedem Fall bei der Suchmaschinenoptimierung (SEO). Redesigns gibt es häufiger – es sind zarte Änderungen, die zu einer peu a peu Design-Migration führen. Ganz wie Onliner heute Redesigns empfehlen. Nicht zu viel auf ein Mal ändern.

Mattias Hauerwerg
Gast

Gut Analyse! Top! :)

ati
Gast

Ich besuche SPON regelmässig (Desktop und App), weil dort – wie ich finde – die (manchmal fragwürdigen) Inhalte am besten aufbereitet sind. Mir ist die Ergonomie wichtig, welche Techniken verwendet werden, ist mir echt Latte – solange sie funktionieren. Die Mitbewerber finde ich persönlich weniger gut, hässlich, schlecht strukturiert bis chaotisch. Beispiel: http://derstandard.at/ (wird trotz des Aussehens besucht)

ati
Gast

Vergessen: Viel schlimmer als die Verwendung von Flash finde ich die Zensur der Kommentare. Beim Standard legt man mehr Wert auf die Meinungsfreiheit/Vielfalt. Soweit meine etwas weniger (im wahrsten Sinne des Wortes) oberflächliche Beurteilung … ;-)

Clemens Lotze
Gast

Bleibt noch die Frage nach den Nutzungsrechten. Einen Share-Button sucht man bei den meisten Artikel vergebens. Auch die Nutzungsbedingungen verschweigen bewusst(?) diese übliche Methode. User sollten sich also ganz genau überlegen, ob sie wirklich einen Spiegel-Artikel über die sozialen Medien teilen!!! Profis verzichten schon aus beruflichen Gründen darauf – bis das erste Gerichtsurteil gesprochen oder eine Veränderung herbei geführt ist!

Karl Marx
Gast

Habt ihr eigentlich mal drweb.de mit Handy und tablet angesurft?
Grausam… Das erstmal verbessern statt hier und da andere Seiten zu “checken” wäre irgendwie viiiiiel sonniger und besser.

My 2 cent

Rai
Gast

Stimm ich voll und ganz zu.. das Theme ohne HTML5 Markup.. Barrierefreiheit würde auf den ersten Blick nicht die WCAG Stufe A erreichen… soll jetzt nicht böse sein.. aber wer im Glashaus sitzt…

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