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Warum Designer Dribbble und Behance so lieben

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Dribbble und Behance sind die Top-Selbstbeweihräucherungsplattformen der Zunft. Und das dient einem ganz natürlichen Zweck.

Webdesigner, zwischen Himmel und Hölle

Gerade der Webdesigner ist eine Spezies, die zwischen zwei Welten lebt. Jedenfalls fühlen sich wohl viele so. Da gibt es einerseits die Kunden aus der Hölle und andererseits die hehren Standards nach denen man glaubt, arbeiten zu müssen. Da gibt es die, die Kreativität nicht beurteilen können, es aber dennoch tun und jene, die einen in der eigenen Meinung bestätigen.

Auch ich kenne den Kunden aus der Hölle zur Genüge. Hier bei Dr. Web haben wir haufenweise Cartoons, die sich mit dem Phänomen beschäftigen. So etwa diesen hier:

Cartoon: Sichtbarkeit

Ich kenne natürlich ebenfalls keinen Kunden, der so nah an der Wertschätzung für gutes Design ist, wie die Designkollegen. Es ist also verständlich, wenn du dich vom Kunden nicht als der großartige Kreativarbeiter erkannt fühlst und dieser Mangel dein Selbstwertgefühl beeinträchtigt. Ja, man kann durchaus bisweilen das Gefühl entwickeln, man würde die sprichwörtlichen Perlen vor die ebenso sprichwörtlichen Säue werfen.

Wie wohlig fühlt es sich da doch an, seine Konzepte auf Dribbble oder Behance den Gleichgesinnten zu präsentieren. Dort bekommst du die Bestätigung, die dir seitens des Kunden verwehrt bleibt. Kaum eine Arbeit erscheint auf den Plattformen, die nicht unmittelbar als “Klasse” oder “Großartig” bestätigt wird. Gern wird gefragt, ob man dieses fantastische Stück vielleicht für diesen oder jenen Zweck verwenden darf. Und, hach, das angeschlagene Ego kommt langsam wieder auf die Füße.

Typischer Kommentar-Thread auf Dribbble. (Screenshot: Dr. Web)

Design <> Kunst

Meiner Meinung nach, hat das Leben zwischen den Welten viel damit zu tun, dass sich viele Designer immer noch als Künstler missverstehen. Und die haben bekanntlich eine fragile Seele. Zu meinen Agenturzeiten habe ich meinem Team stets als erstes klar gemacht, dass wir keine Kunst herstellen. Neue Kolleginnen und Kollegen staunten nicht selten über diese Aussage. Gelegentlich bin ich den Verstörten etwas entgegen gekommen und sprach davon, dass wir “Gebrauchskunst” machen. Das ist aber nun wirklich die maximal mögliche Definition.

Unsere Arbeit dient dem Zweck, den Zielen des Kunden zu dienen. Ja, das ist so abstrakt, wie es klingt. Dem Kunden sind hehre Standards dann egal, wenn sie sich auf seine Zielsetzung nicht auswirken. Du brauchst also gar nicht erst mit den neusten Cutting-Edge-Technologien oder -Theorien zu kommen. Denn damit löst du das Kundenproblem nicht besser als mit der langweiligen Standardlösung von vor zwei Jahren. Das mag dich frustrieren, ist aber so.

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Und so treibt es dich nach Feierabend wieder in den positiven Austausch mit all den guten Seelen bei Dribbble, Behance und anderen Orten, die dein Selbstverständnis wenigstens nachvollziehen können und dich in deinen Ansichten voll bestärken.

Zerrissen zwischen den Polen

Was mich immer wieder wundert, ist, wie viel Arbeit auf den genannten Plattformen präsentiert wird, die es nie zu einem Kunden geschafft hat. Nanu? Ist es neuerdings nicht mehr wichtig, seine Zeit auch zu verkaufen? Dribbble und Behance sind dermaßen verlockend, dass es ganz offenbar Designer gibt, die gezielt für diese Plattformen produzieren, um sich ihr wohlverdientes Lob abzuholen.

Ich halte mich im Normalfall von derlei Diensten fern, denn ich bin gefestigt genug, mit Kritik umzugehen. Zudem kann ich es akzeptieren, wenn Kunden einfache Lösungen anfragen, die sich für den erfahrenen Designer wie Fingerübungen anfühlen. Klar, da wirst du nicht gefordert, dich weiter zu entwickeln. Da kommst du mit dem Wissen von vor zwei Jahren gut hin.

Genügt dir das nicht, solltest du mal deine Ansprüche an den Beruf überprüfen. Niemand hat dir einen Rosengarten versprochen. Das Problem ist, dass du dich, je länger und öfter du die Selbstbeweihräucherungsplattformen besuchst, immer stärker in den emotionalen Konflikt bringen wirst, der dich unzufrieden oder sogar weitgehend arbeitslos werden lässt.

Geld stinkt nicht

Auch von der letzteren Sorte kenne ich einige. Die wohnen mit 40 noch im Kinderzimmer bei Mutti, verdienen kaum das Schwarze unter dem Fingernagel, salbadern aber stets von höchsten Standards und was ein Designer wie zu tun hat, damit er sich überhaupt als solcher bezeichnen darf. Solange die Mutti lebt, kann das funktionieren, aber ich würde doch für eine bodenständigere Interpretation der eigenen Ausrichtung plädieren. Vielleicht klappt es dann auch mal mit den Kunden.

Ich will nicht so weit gehen, zu behaupten, dass der Besuch von Dribbble, Behance und ähnlichen Diensten dazu führt, dass du weniger Umsatz machst als du könntest. Obwohl ich schon fast geneigt dazu bin. Sicher bringt dir eben dieser Besuch jedoch keine zusätzlichen Umsätze und kein zusätzliches, dabei nützliches Wissen. Vor allem aber entwickelst du dich auf diese Weise emotional und kommunikativ nicht weiter, denn die Selbstbeweihräucherer sind sanft wie die Lämmer im Umgang miteinander.

Weiterentwickeln kannst du dich nur im harten Kundenalltag. Besser du gewöhnst dich dran.

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

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Rolf Schupfinger
Gast

Sehe ich nicht ganz so. Ich sehe es zum einen als wichtige Inspirationsmöglichkeit für Designer und zum Anderen sind die Jobbörsen dabei auch nicht uninteressant und einige Kunden kommen auch über diesen Kanal. Wenn Du einen guten Designer oder Agentur suchst, schau mal bei Dribbble oder Behance. Man kann auch nicht immer alles auf der eigenen Website in die Referenzen stopfen, gibt ja schöne kleine Designs/WIPs die dort auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung haben.

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