Nexus 4: Googles neues Smartphone-Flaggschiff definiert den Standard nicht neu

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Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Ich persönlich freue mich wie Bolle auf das neue Nexus 4 aus dem Hause Google. Es kann nichts Neues. Alle technischen Spezifikationen sind bekannt und auch in anderen Smartphones so vorhanden. Der Formfaktor von 4,7 Zoll, die übliche 8MP Kamera und sonstige Features sind fast schon als etabliert in der Androidwelt zu bezeichnen. Das Nexus 4 setzt an keinem Punkt an, um die Grenzen zu erweitern. Insofern ist es erstaunlich, dass das Gerät dennoch eine so hohe Aufmerksamkeit generiert. Meines Erachtens liegt das an zwei Aspekten: dem puren Android ohne Herstelleranpassungen und dem – verflixt niedrigen – Preis von 349 Euro für die 16 GB Variante.

Googles veränderte Nexus-Strategie

Bislang waren die Nexus-Modelle eher als Geräte für Entwickler gedacht. Zwar hatten sie schon immer auch optisch keinen Hässliche Entlein Status, aber die aufregenden Devices kamen von anderen Herstellern. Das neue Nexus 4 hingegen ist ein echter Hingucker und geizt auch nicht mit der Ausstattung. Wo das Vorjahresmodell Galaxy Nexus noch schwächelte, bietet das Nexus 4 keine Blößen mehr. Mit einer Front und einer Rückseite aus Gorilla Glas wirkt es elegant und – Zufall oder nicht – stark an iPhone-Prinzipien angelehnt. Zudem hängt ein Preisschild an dem Device, das als geradezu revolutionär bezeichnet werden muss. Ein tolles, voll ausgestattetes Smartphone fast geschenkt – wieso der Sinneswandel?

Google hatte vermutlich die Faxen dicke. Da nehmen profitable Unternehmen wie Samsung, HTC und andere das kostenfreie Android-Betriebssystem her und bauen auf dieser Basis schicke Geräte. In Anlehnung an Apples überzogene Preispolitik fühlten sich die Wettbewerber mutmaßlich ermutigt, ebenfalls im Premiumsegment zu wildern. So ging dort, wo die Leistungsfähigkeit der Androiden diejenige des iPhones erreichte oder überstieg, der Preisvorteil, den sich Google durch seine Donation eines kostenfreien OS erhofft hatte, ganz oder teilweise baden.

Jetzt zeigen die Kalifornier den Herstellern, wo der Hammer hängt. Pures Android ist, seit Android Honeycomb und der Definition der Holo-Guidelines für das App-Design, kein hässliches Entlein mehr und kann in vielen Bereichen Apples iOS mindestens das Wasser reichen. Was die Käufer von Android-Hardware teils schmerzlich erfahren haben, ist, dass es stark unterschiedliche Update-Policies bei den verschiedenen Herstellern gibt. Manch einer, wie Sony, stellt sich auf den Standpunkt: “Gekauft wie gesehen.” Andere bringen zwar Updates, aber sechs bis zwölf Monate nach der Verfügbarkeit seitens Google.

Google hatte versucht, ein Agreement zu erreichen, eine Allianz zu schmieden. Hersteller sollten sich bereit erklären, mindestens für 18 Monate nach Auslieferung zeitnahe Updates zu gewährleisten. Die Allianz hielt keinen Sommer lang. Der Verbreitung kann es perspektivisch nicht nutzen, wenn mit der Entwicklung nicht Schritt gehalten wird. Insbesondere im Wettbewerb mit Apple ist es wichtig, die Technologie auf dem Stand der Technik in die Haushalte zu tragen.

An dieser Stelle unterscheiden sich die Ziele Googles stark von denen der Gerätehersteller. Während Google wesentlich auf die Verbreitung schaut, schauen die Hersteller auf den nächsten Quartalsbericht. Mittlerweile ist das auch den Käufern der Hardware aufgefallen. Pures Android wird stets wesentlich, dramatisch schneller mit Updates versorgt als herstellerspezifische Iterationen. Der teuer kaufende Premiumkunde guckt zu oft in die Röhre. Eine Google-eigene Alternative erscheint hochattraktiv.

Fazit: Google, aber auch die User wollen mehr Cutting Edge Android im Markt!

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Nexus 4: Der Preis und die Kompromisse

Um das zu erreichen, ist es erforderlich, die grundsätzlich vorhandenen Preisvorteile durch das kostenlose OS auch im Endverbrauchermarkt umzusetzen. Dass auch das funktioniert, zeigt Google in Kooperation mit LG nun mit dem neuen Nexus 4. Das Nexus 4 bietet alle aktuellen technischen Spezifikationen aus dem Android-Bilderbuch und kostet trotzdem in der 16 GB Variante nur 349 Euro, die 8 GB Variante schlägt mit 299 Euro zu Buche.

Natürlich wird vielerorts nun gemault, 16 GB ohne SD-Slot seien ja völlig unterdimensioniert und ein Phone ohne SD-Slot käme ihnen schon mal gar nicht ins Haus. Als Smartphone-Nutzer der ersten Stunde sage ich: Bullshit!

Als die ersten Smartphones auf den Markt kamen, zumeist Windows CE Geräte, hatten diese kaum Speicher. SD-Speicher und andere Varianten waren unverzichtbar. Das erste iPhone kam im Standard mit 8 GB. Meine iPhones hatten stets nur 16 GB. Klar, da muss man haushalten. Aber, das ist auch gut. Man lernt Disziplin und hält nur noch den Content auf dem Phone, den man tagesaktuell benötigt.

Mit dem Wachstum der Cloud wurde der lokale Speicher immer unwichtiger. Speziell der Platzfresser Musik kann heutzutage prima ausgelagert werden. Auch Google wird ab dem 13. November in Deutschland sein Play Music am Start haben. Bilder werden auf Google+ ohne Platzbegrenzung ausgelagert. Picasa befriedigt den gehobeneren Bedarf.

Ich will keinen Glaubenskrieg vom Zaun brechen, halte es aber für gesicherte Erkenntnis, behaupten zu dürfen, dass der lokale Speicher heutzutage weit weniger Bedeutung hat, als das noch vor wenigen Jahren der Fall war.

Zuguterletzt will ich noch erwähnen, dass es doch tatsächlich ein neues Feature gibt, das hardwaretechnisch neu ist. Das Nexus 4 ist nämlich in der Lage induktiv aufgeladen zu werden. Das funktioniert ähnlich wie bei elektrischen Zahnbürsten, so dass es im Grunde merkwürdig ist, das bislang niemand auf die Idee gekommen ist. Update: Verschiedene Kommentatoren weisen darauf hin, dass Palm bereits 1999 induktives Laden in den Markt mobiler Geräte gebracht hat. Auch aktuell sind Nokia und Samsung mit diesem Konzept auffällig geworden. Das Nexus 4 bietet also in diesem Sinne kein neues Feature, sondern lediglich eines, das sich bislang nicht durchsetzen konnte. Wenn ich mir die Ladezeiten bei meiner elektrischen Zahnbürste so ansehe, kann ich sogar verstehen wieso…

Vom iPhone 4 entlieh sich LG die Idee, die Vorderseite und Rückseite des Phones mit Glas auszustatten. Anders als bei iPhone verwendete man wenigstens Gorilla Glas, dennoch wird auch diese Entscheidung kritisiert. Vielleicht kann man sich auf folgende Vorgehensweise einigen: Wer das Nexus 4 für fehlkonstruiert hält, der kauft es einfach nicht. Ich kann es kaum erwarten, das Dingen in den Händen zu halten…

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

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Lix
Gast

Sehr guter Artikel!
Ich kann es auch kaum erwarten ein Nexus 4 in den Händen zu halten.
Und was du über die Speichergröße gesagt hast, trifft meiner Meinung nach, den Nagel auf den Kopf!

gnomefan
Gast

Man kann natürlich alles schön reden, aber die meisten Anwender werden vermutlich tatsächlich nicht mehr als 16GB benötigen. Die 8GB-Karte in meinem Xperia neo wird auch kaum genutzt …

Lix
Gast

Geht mir genauso. Ich verbrauche auch keine 8GB.
Und mit dem Start von Google Music sollte sich das Problem mit der vielen Musik auch erledigt haben…

Oink
Gast

Mir geht es genauso. Bin schon ganz aufgeregt. Bin übrigens Galaxy Nexus Nutzer (16Gb Version), Speicher hat schon immer gereicht. Aber die 8 GB Version wäre mir schon zu wenig.

Christian
Gast

Danke für den Bericht. Klar, SD-Speicher ist ein nice to have, gerade wenn man Spiele auf dem Smartphone hat, die schnell mal 2GB und mehr brauchen. Hier kann man sich behelfen und gerade nicht favorisierte zeitweise deinstallieren – setzt aber die Möglichkeit voraus, Spielstände zu sichern, was oftmals root voraussetzt.

Bedenklicher finde ich den Verzicht auf einen wechselbaren Akku. Angesichts der Möglichkeiten der kleinen Wundermaschinen werden diese natürlich auch gerne ausgereizt – mit der Folge, dass man energiemässig oft nicht mal über 12 Stunden hinauskommt. Und ein Wechselakku ist soweit ich das überblicke zumeist doch (deutlich) günstiger als externe Energiepacks.

Wolfgang Küting
Gast

So gesehen sind Google und Apple die einzigen Hersteller die ihre “Alt”-Geräte längere Zeit mit frischen OS-Updates versorgen.
Es ist schon faszinierend aber auch erschreckend wie schnell heute die Entwicklungszyklen bei neuer Hardware sind. Wie innerhalb kürzester Zeit Produktionsstrassen umgerüstet werden um in wenigen Wochen Millionen Geräte eines Modells auf den Markt zu spucken!

Schon Palms Pre konnte induktiv mit der optionalen Ladestation aufgeladen werden. Das ist also auch bei Smartphones nicht neu.
Wie bei den Spielekonsolen gab es auch spezielle Akkus/-deckel die auf Induktionsladestationen den Akku laden konnten. Aber heute ist ja idR jeder Akku fest verbaut.

Thomas
Gast

Ich halte die Preisstrategie von Google mit dem Nexus 4 auch für einen gelungenden Schachzug. Da wird sich auch so mancher iPhone-Nutzer bei dem Neuerwerb zwei mal die Frage stellen, doch zum Google Nexus zu greifen. – Es ist fast ein Drittel des Preises!
Ich bin sehr gespannt wie die Handy-Tarife mit dem Nexus aussehen werden.

Oliver Tege
Gast

Guter Artikel – Nur ein Detail ist schlichtweg falsch. Das kabellose Laden mittels Induktion gab es schon beim ersten Palm Pre. Wieso dieses nette Feature seither niemanden mehr interessiert hat und erst jetzt beim Nexus 4 wiederkommt und “als Innovation” gefeiert wird, bleibt ein Rätsel.

Hans
Gast

Schöner Artikel, danke.

Ich muss in einem Punkt widersprechen: Induktives Laden eines mobilen Gerätes gab es bereits 1999 beim 3Com Palm Organizer (“Touchstone”, siehe etwa http://www.heise.de/ct/artikel/Palm-Tankstelle-286964.html). Also auch da nichts Neues!

Dieter Petereit
Gast

Ist ergänzt. Danke auch an die anderen Hinweisgeber.

Dominik
Gast

Prima Artikel! Deckt sich auch mit meinen Vermutungen und Gedanken. Wartet man mit dem Kauf bis nach Weihnachten könnte ich mir durchaus vorstellen, dass die Preise noch mal um 50€ runtergehen. Absolut attraktiv, die Kombi aus Killer-Preis und der Hardware. Die Android-Verbreitung dürfte damit noch weiter nach oben gehen.

dave
Gast

Schöner Artikel. Allerdings haben sie kernfeatures wie Photosphere oder gesture typing vergessen zu erwähnen. Sprich : Google hat mit dem release auch neue Features geliefert und nicht nur auf etablierte Dinge gesetzt .

Timo
Gast

lustig ist, dass die Abbildung im Play Store mit Google Navi auf dem Display zum Google Büro in Hamburg zeigt ;o )

Carsten
Gast

Zumindest die Akku-Problematik scheint wohl recht einfach zu lösen sein:

http://traceable.de/nexus-4-rueckseite-und-akku-lassen-sich-einfach-austauschen

Ich setze hier mittlerweile eh auf mobile Akkupacks, habe einen mit 12000 mAh, der reicht dicke für 4-5x Aufladen.

Auch die 16GB Speicher sind für mich dank Cloud-Dienste mehr als ausreichend.

Ich freue mich ohne Ende auf das Nexus4!

jati
Gast

Ein Hinweis zu: “Anders als bei iPhone verwendete man wenigstens Gorilla Glas…”

Tatsächlich geht die Entwicklung des Gorilla Glass auf das erste iPhone zurück und wird von Apple verwendet, auch wenn sie darum kein großes Aufhebens machen. Siehe dazu u.a.

http://www.tuaw.com/2012/09/25/how-corning-developed-the-iphone-glass/

Dieter Petereit
Gast

Hallo Jati,

das stimmt wohl für die erste Generation, nicht jedoch für weitere. Corning selbst listet Apple aktuell gar nicht:

http://www.corninggorillaglass.com/products-with-gorilla/full-products-list

Seit dem 4, also seit Vorder- und Rückseite aus Glas bestehen, soll der Hersteller Lens Technology heißen:

http://forums.macrumors.com/showthread.php?t=1271644

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[…] unten im Tal ankomme – Überraschungen nicht ausgeschlossen. So pulverisiert sich LG selbst. Und hier hat Dieter Petereit einen vielleicht lesenswerten Artikel (vor der aktuellen Diskussion zum Nexus […]

Tobias
Gast
Mit der Speichergröße kann ich hunderprozent zustimmen. Auf meinem jetzigen Nexus habe ich nur etwa die hälfte belegt. Ich lese zwar viel auf meinem Smartphone, aber das sind alles RSS-Feeds und Websites. Und alle Fotos habe ich in angepasster Größe auf meinem Gerät. Aber es stimmt schon das es einen deutlichen Unterschied zwischen Android und iOS gibt. bei jedem neuen Android-Gerät räume ich quasi meine Daten auf, da ich sie manuell rüber schiebe. Mein Kumpel, der ein iPhone hat, schleppt auf jedes neue Gerät alle Daten mit. Wodurch ein downgrade auf eine kleinere Größe sehr viel Aufwand bedeutet, dadurch läuft… Read more »
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