Des Schreibers Einmaleins: Kreativtechniken für normale Menschen

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Oh nee, Kreativtechniken, denkst du bei dir, muss das sein?. Haufenweise Literatur gibt es zu diesem Thema und das meiste ist pseudowissenschaftliches Geschwurbel, gemischt mit Ansätzen, die Bibi Blocksbergs Hexenhandbuch entsprungen sein könnten. So einen Quatsch stelle ich dir nicht vor, sondern nur handfeste Methoden, die ich an mir selber ausprobiert und für gut befunden habe.

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Nur kurz zum Hintergrund, damit du einen Eindruck bekommst, ob du mir glauben können solltest oder nicht. Ich schreibe seit Mitte der Neunziger für Geld. Alleine an Beiträgen für Online-Publikationen habe ich inzwischen über 10.000 Stück abgeliefert, daneben diverse technische Handbücher, Fachgutachten, Kurzgeschichten und auch Werbetexte. Erfahrung dürfte mir demnach niemand absprechen wollen oder können.

Vorgestern stellte ich dir Wege vor, wie du leicht an Themen kommen kannst. Das ist natürlich ebenfalls ein Aspekt kreativer Denkprozesse. Heute soll es weniger um diese doch eher sachlichen Vorgehensweisen gehen. Vielmehr will ich dir zeigen, was ich tue, wenn meine Kreativität ins Stocken gerät oder mich ganz verlässt oder morgens gar nicht erst zum Dienst erscheinen will.

Fangen wir mal damit an, was bei mir nicht funktioniert.

Diese Kreativ-Tipps habe ich über die Jahre für mich entsorgt

Simple, aber viel gehörte und beliebte Tipps, wie etwa “Mach es dir zur Angewohnheit, jeden Tag einen Beitrag zu schreiben” verfangen bei mir nicht. Denn würde ich nur einen Beitrag am Tag schreiben, käme ich wirtschaftlich nicht über die Runden.

“Lies Bücher” ist ein weiterer populärer Tipp, der für mich nicht taugt. Ich lese durchaus Bücher, viele. Ich kann mich allerdings beim besten Willen nicht erinnern, wann mich zuletzt ein Buch zu einem Beitrag inspiriert hätte. Gut, wenn ich Buchblogger wäre… Bin ich aber nicht.

“Mach dir Notizen, sobald dir eine Idee kommt.” Obwohl dieser Tipp im Grunde nicht schlecht ist, kann ich in der Umsetzung nichts mit ihm anfangen. Denn Ideen kommen mir stets zu den unmöglichsten Zeiten und an den unmöglichsten Orten. Ich habe schon kleine Notizbücher mit mir rumgeschleppt und versucht, Sprachnotizen aufs Smartphone zu sprechen. Ich trug sogar eine Weile ein extrem kleines Aufzeichnungsgerät von Olympus bei mir. Das hat alles nicht funktioniert. Ich gab es dran.

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In die gleiche Richtung gehen Techniken wie “Brainstorming” oder “Mind Mapping”. Das hat bei mir in zwanzig Jahren noch nie funktioniert, wobei ich einräume, dass gerade Brainstorming in größeren Gruppen sicherlich ganz gute Ergebnisse zeitigen kann. Wenn man Kreativität aus sich selber heraus ziehen muss, ist das mangels Resonanzkörpern weitaus schwerer.

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“Iss nur Superfoods” oder ähnliche Vorschläge kennst du sicher auch. Klappt nicht. Ich lege mir keine Hochleistungsnahrungslogistik an, deren Nutzen dann auch noch zweifelhaft bleibt. Ich habe jedenfalls noch nie einen Boost an Energie gespürt, der sich rein daraus ergeben hätte, dass ich eine bestimmte Speise zu mir genommen hätte. Generell ernähre ich mich schon gesund, aber das hat nicht den Hintergrund, dass ich auf diese Weise gezielt meine Kreativität antreiben wollte.

Übrigens: Dass du dir nicht fünf Liter Bier und zwei Liter Kaffee reinschütten darfst, um dann dennoch die berechtigte Hoffnung zu hegen, du könntest irgendwie produktiv damit sein, ist wohl klar, oder? Mit Zucker habe ich diese fiese Erfahrung übrigens noch nie gehabt. Womit ich dir aber nicht empfehlen will, dich mit Zucker zu mästen. Umgekehrt konnte ich nämlich auch nie einen positiven Effekt von Zucker auf meine Produktivität feststellen. Es war schlichtweg wurscht.

Einen direkten Zusammenhang zwischen Kreativität und Nahrungsaufnahme konnte ich dann doch verifizieren. Achte ich nicht auf eine ausreichende Wasserzufuhr, geht es schnell und nachhaltig in den Leistungskeller. Daher steht auf meinem Schreibtisch immer eine Karaffe mit Leitungswasser. Wenn sie leer ist, hole ich mir eine neue. Auf diese Weise trinke ich über den Arbeitstag hinweg gute drei Liter Wasser.

“Erweitere deinen Horizont” und ähnliche Tipps, die dir im Grunde empfehlen, du solltest an irgendwelchen abseitigen Dingen teilnehmen, an denen du freiwillig nie teilnehmen würdest, um so deine Kreativität ans Werk zu zwingen, haben sich bei mir eben sowenig bewähren können, wie sie das mutmaßlich bei dir tun werden.

Sicherlich, es gibt diese Menschen, die treiben sich offenbar ausschließlich auf irgendwelchen Camps, Veranstaltungen, Workshops und was weiß ich noch alles herum. Diese Menschen schwören auch darauf, dass sie sowas unheimlich nach vorne bringt. Wenn du dann aber mal schaust, was eben jene Zeitgenossen an tatsächlichem Output vorweisen können, dann kommst du häufig zu einem ernüchternden Ergebnis.

Lass es mich mal einfach so sagen: Wenn ich eine Methode anwende, um meine Kreativität an den Start zu bekommen, dann muss diese Methode auch in einer ordentlichen Aufwand-Nutzen-Relation stehen. Ich bezweifle nicht, dass mir ein zweiwöchiger Karibikurlaub ganz sicher vielerlei Eindrücke vermitteln kann, die sich möglicherweise als nützlich erweisen würden. Nur, wie oft soll ich das machen und wie soll ich solche Incentives kalkulatorisch einpreisen ;-)

“Überwinde deine mentalen Barrieren.” Der ist auch gut. Denke außerhalb deiner Denke. Das ist schon fast Meta. Sicher, Meditation und Zen-Buddhismus können dich in diese Richtung bewegen. Ich halte das dann aber doch für mit “Kanonen auf Spatzen schießen”. Schließlich will ich bloß ein bisschen kreativ sein und nicht meinen kompletten Lebensentwurf auf den Kopf stellen.

Das soll übrigens nicht heißen, dass ich was gegen Meditation und Zen hätte. Das Gegenteil ist der Fall und ich arbeite mich in diese Richtung auch vor. Das hat indes nichts damit zu tun, dass ich kreative Schübe initiieren, sondern mehr Achtsamkeit in mein Leben bringen möchte.

In die gleiche Kategorien gehören übrigens “Brich die Regeln”, “Wiederhole dich nicht” und “Fordere dich selbst heraus”. Dabei will ich natürlich absolut nicht die Kreativität derer in Abrede stellen, die sich diese Tipps ausgedacht haben ;-)

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In jüngster Zeit war viel zu lesen davon, dass Neurowissenschaftler Beweise dafür gefunden haben, dass du besonders kreativ dann bist, wenn du erschöpft bist und in diesem Zustand der Erschöpfung an was anderes denkst als du es normalerweise tust. Durch den erschöpfungsbedingt verlorenen Fokus habe es dein Geist leichter, sich auf Pfade zu begeben, die er bei vollem Fokus nie betreten würde. So kämest du auf alternative Ideen, die dir sonst verborgen blieben.

Nun bin ich viel zu freundlich, um ein Wort wie Schwachsinn auch nur zu denken, aber ich bin nahe dran. Es mag möglich sein, dass diese Wissenschaftler akademische Beweise für diese Behauptung anführen können. Mein Leben spielt sich aber nicht unter akademischen Bedingungen, sondern hier und jetzt, so wie es gerade ist, ab. Und mir ist es unter den so gegebenen Bedingungen noch nie gelungen, von Erschöpfungszuständen zu profitieren.

Kreativtechniken, die du sofort und ohne Lernkurve anwenden kannst

Ich schreibe dir jetzt meine Kreativtechniken hin. Diese Methoden wende ich täglich an und das seit Jahren. Die Reihenfolge, in der sie hier erscheinen, spiegelt auch die Bedeutung wider, die sie für mich haben.

Kreativtechnik 1: Schlaf

Klingt banal und ist es auch. Dennoch wird Schlaf beständig unterschätzt. Ich kann schlafen, wenn ich tot bin, sang dereinst Bon Jovi, übersah dabei aber, dass der Erholungseffekt, der dem Schlaf eigen ist, dabei mutmaßlich ausbleiben wird.

Im Grunde ist Schlaf keine echte Kreativtechnik. Schließlich kannst du nicht mal kurz schlafen, um dann auf eine neue Idee zu hoffen. Schlaf ist aber durchaus die Grundlage aller anderen Kreativtechniken. Denn, wenn du erschöpft bist, bist du erschöpft, aber nicht kreativ, nicht leistungsfähig. Schau allein auf die Diskrepanz der Wörter “Erschöpfung” und “Leistungsfähigkeit”. Merkste selber, ne?

Schlaf ist natürlich eine individuelle Sache. Ich kenne einige, die behaupten, sie kämen mit vier Stunden die Nacht prima klar, während andere unter acht Stunden nicht zu gebrauchen sind. Aber auch wenn ich gerne anerkennen will, dass Schlaf individuell ist, soo individuell ist er dann doch nicht.

Nach meiner Beobachtung unterschätzt man eher seinen Schlafbedarf, weil man sich für bärenstark hält und Schlaf eh nur was für Weicheier ist. Das brauchst du gar nicht aktiv so zu empfinden, dein Unterbewusstsein regelt das für dich.

Nimm als dringenden Tipp aus diesem Tipp wenigstens mit, dass du dich künftig intensiver mit dem Thema Schlaf befassen solltest. Wenn es an dieser Basis schon nicht stimmt, brauchst du über nichts anderes nachzudenken. Du kannst kein Hochhaus auf Sand bauen.

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Kreativtechnik 2: Entspannung und Atmen

Unter dem Eindruck der herannahenden Deadline und dem Druck, der sich aus deiner E-Mail- oder Slack- oder Setze-beliebigen-Kommunikationskanal-hier-ein-Flut ergibt, kannst du nicht kreativ sein. Da blockt dein Gehirn alles ab, was jetzt nicht unbedingt erforderlich ist und geht in den Fight-or-Flight-Modus.

Stell dich ans offene Fenster, atme ein paar Mal tief ein und aus und konzentriere dich dabei auf den Punkt deines Körpers, an dem der Atem den Körper betritt und wieder verlässt. Atme durch die Nase ein und den gespitzten Mund wieder aus. Das braucht nicht länger als ein bis zwei Minuten zu dauern. Atme regelmäßig und konzentriere dich auf nichts anderes als deinen Atem. Du wirst schnell spüren, wie du runterkommst, wie sich Blockaden auflösen und Gedanken wieder möglich werden, die sich nicht nur mit Kampf oder Flucht befassen.

Wann immer du Stress aufkommen spürst, bemerke ihn und führe die eben genannte Übung durch. So wirst du gegenwärtiger und reagierst direkter. Wenn dir das gelingt, werden Blockaden ganz von allein seltener.

Was bei mir allerdings nicht funktioniert, sind kleine Nickerchen. Angeblich steigern derlei Mikro-Schlummereien das Wohlbefinden. Mich hauen sie erst einmal so richtig ins Loch. Nach einem Nickerchen brauche ich Stunden, um wieder zu alter Form zurück zu kehren.

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Kreativtechnik 3: Fokussieren mit der Hilfe von Sound

Um kreativ zu sein, bedarf es eines störungsfreien Umfelds. Das ist im Büroalltag ohne weiteres nicht zu erreichen. Irgendwer meint immer, den neusten Tratsch oder den ältesten Witz erzählen zu müssen. Mit guten Worten ist diesen Situationen kaum beizukommen.

Da hilft nur: Kopfhörer auf. Schon allein das Tragen der Kopfhörer symbolisiert dem Umfeld, dass du jetzt nicht gestört werden möchtest und erschwert das Stören gleichzeitig. Verwende nicht so kleine In-Ears, sondern nimm den großen Bose oder Sony. Dann sieht man wenigstens direkt, dass du nicht hören wirst, was Karl-Gustav ansonsten zum besten geben würde.

Nun haust du dir aber nicht das jüngste Werk von Asking Alexandria auf die Ohren, sondern wählst mit Bedacht Sound aus, der den Fokus stärkt und Kreativität in Gang setzen kann. Probiere es mal mit Noisli oder Focus@Will. Ich verwende beide, je nach Stimmungslage.

Während du mit Noisli Umgebungsgeräusche zusammenstellen kannst, etwa ein Meeresrauschen, ist Focus@Will ein Lieferant musikalischer Hörerlebnisse. Die Betreiber haben mit Erkenntnissen der Hirnwissenschaften gearbeitet und dabei Sounds entwickelt, die die Produktivität und Kreativität steigern sollen.

Beide Dienste funktionieren weitaus besser als die diversen Konzentrations-Playlists, die es natürlich auch auf Spotify gibt. Letztere haben viel zu viele Brüche drin, die dich jeweils wieder raus reißen. Fokus entsteht indes nur durch eine verlässliche Gleichförmigkeit des Sounds. Das soll nicht langweilig werden, aber doch vorhersehbar sein.

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Kreativtechnik 4: Bewegung

Doch, ich meine damit eigentlich schon auch Sport. Ein Powerwalk von einer halben Stunde Dauer regeneriert meine Akkus besser als eine halbe Stunde Pause auf der Parkbank. Ich muss dir wohl nicht erklären, welche biochemischen Prozesse dafür zuständig sind. Eigentlich weißt du das, aber der innere Schweinehund ist schwer zu bezwingen.

Wenn es nicht sofort der Powerwalk sein kann, dann mach einen ausgedehnten Spaziergang. Bei der Gelegenheit kannst du auch gleich auf deine Atmung achten und dir entspannende Sounds auf die Ohren legen. Wichtig ist, dass du etwas tust, das deinen Stoffwechsel auf Trab bringt.

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Kreativtechnik 5: Zuhören

Zuhören, nicht reden, ist eine meiner effektivsten Techniken, wenn es um die Lösung eines kreativen Problems geht. Stelle Menschen in deinem Umfeld oder in den sozialen Medien ein paar einfache Fragen, die sich mit deinem Auftrag beschäftigen und schau, was sie dir antworten. Es wird fast immer etwas dabei sein, auf das du selber nicht gekommen wärst. Wichtig ist, eine ausreichend große Gruppe einzubeziehen oder sicher zu stellen, dass ein paar Fachleute zum Thema dabei sind.

Eine Abwandlung dieser Technik besteht darin, das zu bearbeitende Problem zu googlen und aus den Suchergebnissen eine möglichst breite Vielfalt unterschiedlicher Vorschläge zusammen zu stellen.

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Fazit: Warum in die Ferne schweifen…

Ich hoffe du bist jetzt nicht enttäuscht, dass du Begriffe wie Scamper, Bono-Hüte, Walt Disney, Osborn und so weiter nicht in diesem Beitrag gefunden hast. Mein Ziel war es, Kreativtechniken zu zeigen, die du nicht erst erlernen musst. Denn mit den Kreativtechniken ist es wie mit den Kameras. Bekanntlich ist ja die beste Kamera die, die du dabei hast. So verhält es sich auch hier.

Bevor du also Geld für Wochenendkurse und vollfarbige Literatur ausgibst, konzentriere dich einfach mal auf die von mir vorgestellten Vorgehensweisen und schau, wie weit sie dich tragen. Ich würde wetten, mehr brauchst du nicht.

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

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ati
Gast

Ich verwende ähnliche Techniken. Manchmal hilft allerdings nur, das Büro zu verlassen und am nächsten Tag erholt und mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen.

Rolf
Gast

Zwei Methoden die bei mir funktionieren um in ausgeruhtem Zustand auf neue Ideen zu kommen:
1. Bei einer Suchmaschine über Suchbegriffe zum Thema in den Bildern browsen
2. Die Frage für Fremde als Online-Brainstorming beschrieben. Neben BrainR gibt es auch noch Jisty und Speedspiration, doch mangels Ideengebern sollte man den Antwortenden ein paar Tage Zeit lassen.

Auf jeden Fall ist es sinnvoll die Ideen in mehreren Etappen zu suchen, da sind dann Radfahren und ein Bücher/Schaufensterbummel ganz hilfreich.

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