Kanban-Boards: Ist Pinnery das bessere Trello?

Pinnery heißt ein recht neuer Vertreter der Web-Apps, die sich mit Projekt- und Aufgabenmanagement auf der Basis von Kanban-Boards befassen. Deren bekanntester Vertreter dürfte wohl Trello sein. Pinnery ist eine Alternative aus deutschen Landen.

Kanban-Boards: Skeuomorphismus der Aufgabenerledigung

Kanban-Boards, kennter ne? Kennter. Das sind diese Pinnwände mit Listen, in denen Aufgaben sortiert sind. Der Fortschritt einer Aufgabe dokumentiert sich dadurch, dass sie von Liste zu Liste wandert, bis sie erledigt ist. Das Prinzip ist sehr einfach und deshalb so erfolgreich.

Sagen wir, du planst eine Redaktion;) Du legst für jeden Autoren ein Kanban-Board an. In dem Board gibt es Listen, die da heißen „Vorschläge“, „Bestellt“, „In Arbeit“, „Fertig für CvD“ und „Fertig zur VÖ“. Zusätzlich gibt es noch die beiden Listen „Abgelehnt“ und „VÖ“. Nun macht dir der Autor Vorschläge für Artikel, die er gerne schreiben möchte. Diese legt er als einzelne Karten in der Liste „Vorschläge“ an.

Im einfachsten Falle gefällt dir der Vorschlag und du ziehst die Karte direkt in die Liste „Bestellt“. Damit weiß der Autor, dass er den Beitrag in Angriff nehmen kann. Beginnt er die Arbeit an dem Beitrag, zieht er die Karte in die Liste „In Arbeit“. Du verstehst das Prinzip? Gefällt dir ein Beitragsvorschlag überhaupt nicht, ziehst du ihn direkt in die Liste „Abgelehnt“.

So ist der Autor, wie auch die Redaktion jederzeit über den Status der einzelnen Beiträge auf dem Laufenden. Details werden auf den jeweiligen Karten geklärt. Hier gibt es die Möglichkeit, Dateien anzuhängen, Kosten zu definieren oder über ein Kommentarwesen Richtung, Struktur und sonstige Fragen rund um das Thema zu diskutieren.

Das ist unser Workflow beim Dr. Web Magazin. Wir setzen seit Anfang 2012 auf Trello, das wohl bekannteste System seiner Art. Jeder Autor besitzt ein solches Board, zusätzlich gibt es weitere Boards, etwa zur Technik des Magazins. Das funktioniert wie ein Art Ticketsystem. Dort werden Fehler und Änderungsbedarfe oder -wünsche vermerkt. Ein weiteres Board beschäftigt sich mit strategischen Fragen. Die Bandbreite dessen, was mit Trello abgedeckt werden kann, ist groß.

Schon vor vier Jahren habe ich dazu diesen Beitrag geschrieben.

Das Schöne am Prinzip der Kanban-Boards ist, dass es den Aufgabenfluss geradezu physikalisch nachbildet und so eine Dynamik erzeugt, die in sich schon etwas motivierendes birgt. Mir persönlich gefällt diese Art der Abarbeitung deutlich besser als das schnöde Abhaken von Aufgaben in Tools wie Wunderlist und anderen.

Pinnery: Trello-Alternative mit Vorteilen

Nun also geriet mir Pinnery unter die Finger. Pinnery wird vom deutschen Software-Haus Rowisoft entwickelt. Rowisofts Flaggschiff-Produkt ist das überaus ausgewachsene Warenwirtschaftssystem Rowisoft blue, das als durchschlagender Kompetenzbeweis in Sachen Business-Software gelten darf.

Pinnery ist denn auch nicht als Wettbewerber zu Trello angelegt, also kein klassisches Me-Too-Produkt. Vielmehr sieht man Pinnery an, dass es von jemanden entwickelt wurde, der sich mit Unternehmensabläufen auskennt. Trello sehe ich dabei eher in einer Linie mit optisch ansprechenden Web-Apps begrenzter Funktionalität, aber hoher Viralität. Trello ist cool und deshalb bekannt und beliebt. Nachdem wir es hier bei Dr. Web ebenfalls nutzen, dürfte klar sein, dass ich generell am Featureset nichts substanzielles auszusetzen habe.

Pinnery: Board-Beispiel
Pinnery: Board-Beispiel

Betrachte ich Trello jedoch mit den Augen eines betriebswirtschaftlich orientierten Projektmanagers, würde ich mich nicht für dieses Produkt entscheiden. Es ist schlussendlich eher ein intuitives Tool für Einzelkämpfer und kleine Teams, die gemeinsam Aufgaben zu erledigen haben. Wenn es aber um die Planung und Abwicklung von Projekten geht, kommt Trello an seine Grenzen.

Hier kann allerdings Pinnery glänzen. Neben dem identischen Konzept und der im Vergleich ebenso einfachen Handhabung bietet Pinnery mehr Features. So hat Pinnery zwei Funktionen an Bord, die ich bei Trello schon mehr als einmal vermisst habe.

Es handelt sich zum einen um die Möglichkeit, Abhängigkeiten zwischen Aufgaben zu hinterlegen. Nur so spiegelt sich in vielen Fällen den Projektverlauf korrekt wieder. Du kannst Aufgabe Y erst beginnen, wenn Aufgabe X erledigt ist. Trello bietet eine solche Verflechtung nicht.

Zum anderen kannst du mit Pinnery an jeder Karte (Aufgabe oder wie du es definierst), weitere Unterboards anhängen. So bist du in der Lage, sogar sehr große Projekte übersichtlich zu organisieren. Unter Trello musst du alles in einem Board abbilden oder mehrere erstellen, die dann aber nicht über Verbindungen untereinander verfügen. Da ist Pinnery deutlich professioneller.

Pinnery: Listen in Rubrik
Pinnery: Listen in Rubrik

Eine weitere Funktion, die unter Trello nur per Drittanbieter zu regeln ist, ist die integrierte Zeiterfassung nebst Kosten-Soll-Ist-Vergleich. Zeiteinheiten können bis runter auf die Minute erfasst werden.

Auch Kleinigkeiten gefallen mir bei Pinnery besser. So kannst du etwa deine Listen nochmal kategorisieren und Zwischenüberschriften setzen. Über diese Zwischenüberschriften lassen sich Bord-Bereiche gezielt aus- und einblenden, was die Übersicht insgesamt im Vergleich zu Trello deutlich erhöht. Ebenso finde ich es überaus positiv, dass Pinnery über eine Ansicht verfügt, bei der nahezu der gesamte Inhalt der „Aufgaben-„Karte in der Listenübersicht angezeigt wird. Bei Trello siehst du nur den Titel der jeweiligen Karte und musst für jede weitere Information erst die Detailansicht der Karte aufrufen.

Pinnery. Links Komplettansicht einer Liste, rechts die Kompaktdarstellung
Pinnery. Links Komplettansicht einer Liste, rechts die Kompaktdarstellung

Für Nutzer eines Surface-Tablets haben die Macher von Pinnery ein Schmankerl parat. Diese nämlich können mit dem entsprechenden Stylus direkt handschriftliche Notizen als Karten erfassen, bei voller Funktionalität, die der Stylus im übrigen zu bieten hat.

Trello vs Pinnery: beide nicht kostenlos bei erweiterten Features

Viele Business-Features gibt es bei Trello in ähnlicher Form, darunter die Verwaltung von Nutzern unterschiedlicher Berechtigung. Dafür nimmt Trello bei jährlicher Zahlung 9,99 Dollar pro Nutzer. Bei Pinnery sind ebenso wenig wie bei Trello alle Funktionen kostenlos. Hier musst du 6,60 Euro pro Benutzer und Monat bei jährlicher Zahlung auf den Tisch legen.

Zu Beginn startest du mit einem Pro-Account und kannst 30 Tage dessen vollen Funktionsumfang nutzen. Nach Ablauf der 30 Tage entscheidest du dann, ob du den Pro-Account bezahlen willst oder ob dir die Features der Option Pinnery Free reichen, was mutmaßlich nicht der Fall sein wird, wenn du dir mal diese Übersicht anschaust.

Bist du bisher indes mit einem kostenlosen Trello-Account unterwegs und benötigst nicht die Dropbox-Schnittstelle, könnte dir Pinnery Free tatsächlich reichen. Auf jeden Fall solltest du dir den Wettbewerber mal ansehen.

Nicht zuletzt sind wir mit unseren Daten bei einem deutschen, oder sagen wir europäischen, Anbieter wohl besser aufgehoben als bei einem amerikanischen. Gut möglich, dass gerade dieser Aspekt mit dem künftigen Präsidenten der USA nochmal stark an Bedeutung zunehmen wird.

Fazit: Wenn du auf der Suche nach einem professionellen Kanban-Board-System und bereit bist, etwas Geld dafür in die Hand zu nehmen, ist Pinnery auf jeden Fall einer der Dienste, die du dir definitiv anschauen solltest. Funktional bietet er mehr als das international gehypte Trello und günstiger im Betrieb ist er auch. Der Anbieter ist mindestens ebenso stabil wie jener von Trello, so dass du dir um die Zukunft eher weniger Gedanken machen musst. Der europäische Datenschutz ist ein weiterer positiver Aspekt. Ich gebe eine uneingeschränkte Empfehlung ab.

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

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Sebastian
Gast

Das schau ich mir auf jeden Fall mal detaillierter an! :)
Wirf auch mal selfhosted einen Blick auf wekan, bzw. sofern Du Office 365 nutzt auf das wirklich sehr gute Microsoft Tasks. :)

Thomas
Gast

Es gibt keine App … daher für mich ungeeignet

Sven
Gast

Schaut euch mal MeisterTask an. Trello in Schön.

Kevin
Gast

Ich habe mir vor einer Woche eine Jahreslizenz für Jira gekauft. Das kann Vorgangsvisualisierungen nach dem Kanban-Prinzip und zusätzlich auch Scrum und Co. Ich liege dabei bei 9€ im Monat und das gilt für insgesamt für 10 Nutzer. Hat jemand von Euch einen direkten Vergleich von Jira zu den beiden Softwares hier erlebt und kann mir Tipps geben?

Sebastian
Gast

Ach ganz vergessen!
Optisch nicht so aufregend, aber funktionell der Hammer!
Selfhosted und gratis!

https://kanboard.net

Kanns nur empfehlen! :)

Tobias S.
Gast

Noch viel besser empfinde ich Taskulu > https://taskulu.com
Hat deutlich mehr Features

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