Flat Design kann teurer sein als du denkst

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Nanu? War Flat Design nicht das Beste seit Bier in Dosen? Eine neue Studie der Nielsen Norman Group zeigt, dass das Gegenteil der Fall sein kann.

Bist du Designer? Dann werden dir die Ergebnisse der neuen Studie zum Thema Flat Design möglicherweise weh tun. Es hilft sicher, wenn du dir, bevor du weiterliest, bewusst machst, dass Webdesign keine Kunst-, sondern eine Kommunikationsform ist. Richtig ist, womit du den Besucher erreichst, nicht, wofür du den meisten Applaus auf Dribbble erhältst.

Die guten alten Zeiten

Blauer, mit einem Strich unterlegter Text, das war früher ein Link. Zugegeben, das ist nicht schön, aber deutlich erkennbar. Heutzutage kann ein Link alles sein. Eines aber ist er praktisch nie, nämlich blauer, unterstrichener Text.

Schaltflächen sahen früher monumental aus. Dicke Knöppe mit wenig subtiler 3D-Anmutung prangten auf den Websites. Heutzutage sind Ghost-Buttons schick. Denen sieht man ihre Knopf-Funktionalität nur dann an, wenn man Ghost-Buttons als solche erkennen kann. Eine dünne Linie umrahmt einen mehr oder weniger knackigen Text. Meist hat der Ghost-Button einen transparenten Hintergrund. Was er heutzutage aber nie hat, ist eine knackige 3D-Anmutung, eine fast schon aufdringliche Optik. Im Gegenteil wird versucht, den Button optisch mit dem Hintergrund zu verschmelzen.

Wer sieht den Button zuerst? (Screenshot: Dr. Web)

Auch andere UI-Elemente, wie Tabs, Slider, Formularelemente, wurden ihrer herausgehobenen Optik beraubt und in das ästhetisch angenehme Flat Design überführt. Selbst bei der Farbgebung einer Website setzt der echte Designer auf harmonische Symmetrien und nicht auf plumpe Akzentuierungen.

Das ist alles sehr schön anzusehen und gilt daher derzeit als State of the Art. Leider versaut uns wieder einmal die Nielsen Norman Group (NN/g), der man dummerweise keine Inkompetenz unterstellen kann, die Tour. Messenderweise haben sie sich mit der Frage befasst, ob und wie modernes Design die Besucher zum Ziel führt. Die Ergebnisse sind eindeutig.

Merksatz: Klar zielorientierte Websites sollten nicht subtil sein

In einem sehr ausführlichen und aufwändig bebilderten Beitrag kommt Kate Meyer von NN/g zu dem Ergebnis, dass Flat Design weniger Aufmerksamkeit erzeugt und sogar Unsicherheiten verursacht. Schwere Kost. Das kann ja nun wahrlich kein Designer wollen.

Untermauert wird die Erkenntnis vor allem durch Beobachtungen, die durch den Einsatz von Eyetracking-Technologie gewonnen wurden. Hierzu setzte die NN/g verschiedene Focus-Groups vor den Computer und versah sie mit konkreten Aufgaben, die es dann zu erledigen galt. Die Zeit, die es bedurfte, die jeweilige Aufgabe zu bewältigen, wurde ebenso gemessen, wie alle Aktionen, die die Nutzer auf dem Weg dahin unternahmen.

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Dabei stellte NN/g jeweils zwei Versionen der an sich gleichen Website zur Verfügung. Eine, die im Stile des Flat Design ästhetisch einwandfrei gestaltet, also vor allem schön war. Und eine, die eindeutiger die Interaktionselemente hervorhob, etwa mit blau unterstrichenem Text oder deutlichen Schaltflächen. Auch mit Farbe experimentierten die Forscher, indem sie etwa einzelne Farben ausschließlich für interaktive Elemente verwendeten.

Das eindeutige Ergebnis war, dass die Testpersonen stets deutlich länger benötigten, um die gegebene Aufgabe zu erfüllen, wenn sie es mit Flat Design zu tun bekamen, während die auffälligeren Signale konventionellen Designs dazu führten, dass die Testperson schneller ans Ziel gelangte.

Die Testpersonen waren nun darauf angesetzt, den Task auf jeden Fall zu beenden. Der normale Website-Besucher ist nicht so hartnäckig. Der könnte sich schneller zur Konkurrenz aufmachen, als du denkst. Und dann kostet dein Flat Design richtig Geld.

Für kommerziell orientierte Websites lässt sich daraus durchaus ein eindeutiger Schluss ziehen: Wenn deine Website Geld verdienen soll, dann darf sie nicht subtil sein.

Übertreiben sollten wir es aber auch nicht

Müssen wir nun also zurück zu den Anfängen des Web? Ist es unter dieser Erkenntnis nicht sogar geboten, Schaltflächen wieder blinkend zu gestalten und wichtigen Text als Ticker über die Seite laufen zu lassen? Machen wir den Kaufen-Button am besten Neongrün und animieren ihn?

Das ist glücklicherweise nicht erforderlich. Denn NN/g fand im Rahmen der Studie ebenso heraus, dass es einen Grenzbereich gibt, in dem Flat Design und konventionelle Ansätze zu keinen signifikanten Unterschieden führen. Daraus leiten die Usability-Forscher einige Empfehlungen ab:

  • Die Informationsdichte pro Seite sollte maximal im moderaten Bereich liegen. Wenn der Nutzer nicht von Textwüsten erschlagen wird, findet er sich leichter zurecht. Dabei ist es gut auf White Space, also Freiflächen, zu setzen, damit einzelne Elemente immer auch als einzelne Elemente erkennbar bleiben.
  • Experimentiere nicht mit ungewöhnlichen Layouts. Nutzer finden Interaktionselemente leichter, wenn sie sich an bekannten Stellen befinden. Erinnert mich schwer an “Don’t Make Me Think”. Hierzu gehört auch der Aspekt der Konsistenz deiner Designs.
  • Setze auf hohe Kontraste der zu benutzenden Elemente gegenüber deren Umgebung. So kannst du etwa Schaltflächen einen knackigen Farbeindruck verpassen, der dem Effekt eines dicken 3D-Knopfs ebenbürtig ist. Generell gilt, dass funktionswichtige Elemente stets mit deutlichem Kontrast zum Rest des Designs ausgestattet werden sollten.
  • Anstelle des zumeist unpassenden blau unterstrichenen Textes als Link-Kennzeichner, kannst du farblich abgesetzte Texte ohne Unterstreichung wählen. Entscheidend ist, dass die eingesetzte Farbe einen deutlichen Kontrast zum Fließtext erhält.

Ich bin sicher, dass nahezu jeder von uns bei näherer Prüfung feststellen wird, dass er/sie da einiges Optimierungspotenzial hat. Aber, wer ist schon perfekt?

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

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1 Kommentar auf "Flat Design kann teurer sein als du denkst"

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klawischnigg
Gast

Für diese Erkenntnis bedarf es keiner Nielsen Norman Group. Die beliebtesten Seiten im Web haben immer auf “Design” gepfiffen; Craigs List, Google, eBay etc. um nur einige zu nennen…

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