Von wegen Flaggschiff: Das LG G6 ist das schlechteste Smartphone der letzten Jahre

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Im Grunde hätte es mir klar sein müssen, als ich den massiven Preisverfall des jüngsten Flaggschiffs G6 aus dem Hause LG bemerkte. Was um 300 Euro unter UVP gehandelt wird, muss Macken haben.

Die Verlockung lautete 5,7 Zoll

Es war die hohe Bildschirmdiagonale bei gleichzeitig schlanken Außenmaßen, die mich zum Kauf motivierte. Das letzte LG, dass ich im Einsatz hatte, war das G4. Ich verglich es seinerzeit mit dem Moto X Play in diesem Beitrag. Über das G5 brauchen wir wohl nicht zu reden.

Bevor ich mich für das G6 entschied, hatte ich es mit dem Samsung Galaxy S8 versucht. Immerhin ist es sogar noch etwas schlanker, bietet aber die gleiche Bildschirmdiagonale (genauer 5,8 Zoll). Schon das S8 hat mich schwer enttäuscht. Diesem Ärger machte ich bei t3n in diesem Beitrag Luft.

Für das LG sprach denn zusätzlich die Tatsache, dass es keinen gekrümmten Bildschirm hat. Ich weiß nicht, wer das brauchen könnte. Für mich ist der gekrümmte Bildschirm an Smartphones genauso Unsinn, wie die Curved Displays bei TV und Monitor. Ich habe weder einen konvexen, noch einen konkaven Knick in der Optik.

Die diversen Ergüsse der diversen Android-Testmagazine sprachen an sich eine recht eindeutige Sprache. So sei der Prozessor des G6 zwar nicht brandaktuell, aber für alle aktuellen Aufgaben hinreichend. Zudem sei das Display brilliant und geradezu eine Referenz für andere. Damit war das Ding für mich gekauft.

Was sind das eigentlich heutzutage für “Tester”?

Künftig werde ich allerdings genauer hinschauen, wer da wo welche Beurteilung in einen sogenannten Test gießt. Auf Aussagen von Leuten, die sich ihr Studium aus WG-Wohnklo oder Kinderzimmer heraus finanzieren, indem sie “Tests” aktueller Smartphones hinrotzen, sollte ich wohl keinen Deut mehr geben. Denn, man muss schon wirklich mit einem Gerät arbeiten, um festzustellen, ob es leistungsstark genug für den Alltag ist. Wenn allerdings die Latte so niedrig gelegt wird, dass das Achtkerngerät dem Steueramtsmitarbeiter aus Hengasch, Kreis Liebernich, das zwölfmalige Checken von Facebook pro Stunde erlauben muss, um als hinreichend leistungsstark ausgewiesen zu werden, dann ist die Aussagekraft des entsprechenden “Tests” kaum als solche zu bezeichnen.

Anders als alle “Tester”, deren Ergüsse ich in den Tagen vor dem Kauf des LG gelesen habe, komme ich zu einem geradezu vernichtenden Urteil. Allerdings habe ich das G6 auch wirklich zum Zwecke des Arbeitens mit auf eine Geschäftsreise nach Holland genommen.

Positive Merkmale des G6 lassen sich an einer Hand abzählen, selbst bei Sägewerksversehrten

Bevor ich zu den negativen Aspekten komme, die mir letzten Endes das G6 als vollkommen untauglich erschienen ließen, will ich gerne die paar positiven Aspekte erwähnen:

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  • Die Bauform des Geräts ist klassisch. Das ist nicht innovativ, aber menschengerecht. Das G6 liegt gut in der Hand. Das Verhältnis von Außenmaß zu Bildschirmdiagonale ist großartig.
  • Der Fingerabdruckscanner ist gut erreichbar und eindeutig zu erfühlen. Er ist schnell und zuverlässig.
  • Der Bildschirm ist nicht gekrümmt.

Negative Kleinigkeiten, eher Spaßverderber

Das war es leider auch schon. Kommen wir zu den negativen Aspekten des Gerätes. Lass mich mit den Kleinigkeiten anfangen, die ich vielleicht noch verschmerzt hätte, wenn es dabei geblieben wäre:

  • Die seitlichen Bedienelemente, vor allem die Lautstärketasten sind so weit oben angeordnet, dass du auf jeden Fall immer die zweite Hand brauchst, nur um lauter oder leiser zu machen. Das hat das Nexus 6 schon vor drei Jahren besser gezeigt.
  • Die Rückseite ist aus Glas, das sich aber wie Kunststoff anfühlt, Fingerabdrücke sammelt wie andere Briefmarken und rutschig ohne Ende ist. Zur hohen Rutschgefahr trägt die gewölbte Rückseite zusätzlich bei. Ohne Hülle oder Sticker fällt dir das Dingen bei Vibrationsalarm gerne vom Tisch.

Schwerwiegende Nachteile, eher Dealbreaker

Schwerer wiegen andere Probleme. So bemerkte ich nach Installation meiner App-Umgebung, dass das Benachrichtigungssystem nicht sauber funktionierte. Manche Apps zeigten gar keine Notifications, obwohl sie nicht blockiert waren. Schlimmer aber war der Umstand, dass das Tippen auf die jeweilige Benachrichtigung nicht den Start der entsprechenden App nach sich zog. Dachte ich zumindest. Es tat sich jedenfalls beim Tap auf die Benachrichtigung rein gar nichts. Als ich dann manuell bereits andere Apps gestartet hatte, erschien manchmal, nicht immer, doch noch die lange Zeit vorher per Benachrichtigung angeforderte App mit dem entsprechenden Inhalt.

Yahoo, ich seh zwar nichts, mache aber trotzdem ein Bild. Wird schon… (Bild: LG)

Über den Support erhielt ich die Empfehlung, das Gerät auf Werkseinstellungen zurück zu setzen. Die Empfehlung erschien mir denn auch plausibel, immerhin hatte das Gerät nach der Erstinstallation schon zwei Firmware-Updates durchgeführt. Und wir wissen alle, Firmware-Updates und Android, das ist keine zuverlässige Kombination.

Dennoch, du denkst es dir bereits, trat das Problem auch nach der Neueinrichtung wieder auf. Ich konnte die fehlerhaften Notifications nachhaltig nicht ans Laufen bringen. Damit war der erste Sargnagel für das G6 eingeschlagen.

Während der Fahrt wollte ich das G6 dann per Sprache bedienen. Immerhin gehört das Gerät zu den ersten mit Google Assistant. Und dieser Assistant ist wirklich gut. Daran hat allerdings LG keinen Anteil. Ich steuerte also die Navigation, wie auch die Kommunikation und die Soundbeschallung komplett per Sprache. Zumindest versuchte ich das.

Leider funktionierte die Sprachsteuerung von Beginn an nur äußerst unzuverlässig. Ich hatte den Eindruck, dass das G6 einfach nicht Schritt halten konnte. Ich diktierte nicht etwa ganze Romane in normaler Sprechgeschwindigkeit. Aber ich änderte schon mal zwischendurch die Route und sendete die eine oder andere Whatsapp-Nachricht oder übersprang einen Song auf der Playlist. Es dauerte nicht lange und das System hing völlig. Eingehende Nachrichten konnten nicht mehr vorgelesen werden. Ausgehende Nachrichten wurden nur mit erheblichen zeitlichen Verzögerungen bearbeitet, manche überhaupt nicht.

Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber die wahrscheinlichste Ursache für dieses Problem und auch jenes mit den nicht funktionierenden Notifications ist aus meiner Sicht der Prozessor. Eben jener Prozessor, der einhellig als zwar nicht mehr taufrisch, aber immer noch für alle Aufgaben ausreichend bezeichnet worden war. Ja, zum Notizen eingeben in der Vorlesung mag er ausreichen. Wenn es allerdings um echte Aufgaben geht, die dem Begriff des mobilen Arbeitens näher kommen als der durchschnittliche Student jemals, dann reicht er ganz offenbar nicht aus.

Bei dieser Gelegenheit stellte ich überdies fest, dass die Ansteuerung der zusätzlichen Speicherkarte ebenfalls dazu beitrug, dass das Gerät Verzögerungen zeigte. Und bevor mir einer schnellere SDs empfiehlt, ich habe den schnellsten Standard verwendet. Nach dem Entfernen der SD-Karte waren die daraus zu begründenden Einbußen beseitigt. Allerdings hatte ich damit nur noch 32 GB Speicher insgesamt.

Einer der Gimmick-Modes des G6. Der Horizont ist nur deshalb einigermaßen gerade, weil ich das Smartphone selber als optische Waage gegen den Horizont gehalten habe.

Kommen wir zur hochgelobten Kamera. Ich bin einer, der ausschließlich mit dem Smartphone fotografiert. Ich habe zwar auch die dicken Kameras von Canon und Sony da liegen, aber nie Lust, sie mit mir rumzuschleppen. Also lege ich Wert auf eine gute Kamera im Smartphone.

Dieses Thema ist beim G6 ambivalent. Die Kamera macht zwar teilweise ganz gute Fotos. Das gilt aber nur bei perfekten Lichtverhältnissen und Motiven. Meist tendiert die Knipse zum starken Überschärfen und speziell im HDR-Modus bekommst du mehr Bildmatsch als brauchbare Ergebnisse. Fotos in Innenräumen können nicht mit den Fotos aus Kameras, etwa des iPhone oder des Galaxy mithalten. Sogar die des S7 sind besser. Das finde ich indes zwar schade, hätte mich aber nicht dazu gebracht, das Gerät zurück zu geben. Immerhin sind die Bilder insgesamt ganz okay. Wenn man einmal die Schwächen kennt, kann man sich darauf einstellen.

Bei der Verwendung bei gutem Wetter siehst du von den Bedienelementen nichts mehr, den Bildausschnitt kaum noch. (Screenshot: LG)

Was aber gar nicht geht, ist das Display im Zusammenhang mit der Kamerabedienung. Die Foto-App des G6 bietet viele Gimmicks und sehr detaillierte Einstellungsmöglichkeiten. Wahrscheinlich kannst du einiges aus der Hardware holen, wenn du dich damit beschäftigst. Allein, genau das kannst du nicht. Denn, wenn du, wie ich, am holländischen Strand stehst und die Sonne vom Himmel lacht, dann erkennst du auf dem Display gar nichts mehr. Und ich meine wirklich, gar nichts mehr. Einstellungen vornehmen, Weißwerte abgleichen, Mist, sogar fokussieren oder auch nur den Bildausschnitt wählen oder darauf achten, dass die Horizontlinie waagerecht ist – es geht nicht, weil du nichts sehen kannst. Da nutzt es auch nichts, dass du späterhin im dämmrigen Kämmerlein ganz gute Reparaturwerkzeuge zur Verfügung hast.

Das brilliante Display, das im studentischen Wohnklo und im kargen Steueramtsbüro oder allgemein drinnen wirklich fantastisch aussieht, taugt im Sonnenlicht gar nichts. Bist du Bergmann oder sonstwie lichtscheu, mag dich das nicht stören. In dem Fall, viel Spaß mit dem G6. Alle anderen sollten getrost die Finger davon lassen.

Von wegen “Schnäppchen”

Jetzt höre ich wieder diejenigen, die zu bedenken geben, dass es doch aber nun ein kapitales Schnäppchen sei, das G6, mit seinen runden 450 Euro Straßenpreis statt der avisierten 749. Hier gilt: Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, dann ist es zumeist auch tatsächlich nicht wahr. Die UVP kann ich nur als schlechten Witz interpretieren. Die aktuellen 450 Euro sind immer noch zu hoch. Für mich kommt das Gerät zu keinem Preis nochmal ins Haus. Aber, wenn du im Hörsaal Notizen machen, im Wohnklo whatsappen oder im Steueramt facebooken willst und sowieso nicht fotografieren kannst, dann mag das G6 für kleines Geld was für dich sein. Ich jedenfalls hatte in 10 Jahren noch kein schlechteres.

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

Sortiert nach:   neueste | älteste | beste Bewertung
Stefan Krauß
Gast

“Über das G5 brauchen wir wohl nicht zu reden.” Wieso das denn?
Hab ich aktuell noch im Einsatz und es ist sowohl von der Verarbeitung, Speed
als auch von der Kamera absolut TOP. Steht einem S7 in nichts nach.

Gruß Stefan

Andi
Gast
Vielen Dank für das Teilen deiner Erfahrung. So unterschiedlich ist die subjective Wahrnehmung. Auch ich benutze dieses Gerät regelmäßig stark, habe allerdings die 64 GB Version mit Dual Sim. Der SAR Wert ist der beste der aktuellen Smartphone Generation, Bluetooth untersützt das audiophile APTX, ich kann das Display im Sonnenlicht gut lesen und ich bin froh, dass die Lautstärketasten weiter oben angeordnet wurden, so dass man es im Auto mit einer mittigen Halterung gut befestigen kann. Bei meinem alten Handy hatte ich häufig eine gedrückte Lautstärketaste in der Halterung und konnte das Gerät nie richtig gut befestigen. Richtig begeistert bin… Read more »
Besta
Gast
Schön unprofessionell, über die bösen anderen Tester herzuziehen, die mehr oder weniger einhellig einer Meinung zum G6 waren, dabei aber nicht mal einen Gedanken daran zu verschwenden, dass man vielleicht ein defektes Gerät erwischt hat. Ist bei Geisterfahrern auch so, unfassbar viele Geisterfahrer wieder unterwegs heute… Hauptsache eine reißerische Überschrift. Aber hey – ich bin ja auch drauf reingefallen, also hat der Plan ja wohl funktioniert! Moment – so klickgeil agieren ja nur die anderen, die bösen Medien, die Lügenpresse. Oder waren mit den Testern im Wohnklo eher Blogs gemeint? Das wäre dann natürlich ein Schuss ins eigene Knie gewesen,… Read more »
Hans Krater
Gast

Wer Monate zu spät mit einem Test raus kommt, muss natürlich eine reißerische Überschrift finden und im “Test” alle anderen Test diskreditieren. Wer in 10 Jahren kein schlechteres Smartphone in den Händen gehalten hat, der hat wohl die letzten 10 Jahre kein Telefon mehr gekauft. Ich bin auch kein Fan von LGs Verkaufsstrategien der letzen Jahre, aber das G6 ist bei weitem kein schlechtes Gerät.

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