Die Geschichte des Internet

von Markus M. Deuerlein

Die Geburtsstunde des Internet zu datieren, zählt wohl zu einer der schwierigsten Aufgaben, da das Internet auf dem Weg zu seiner heutigen Form viele verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen hat. Für den einen beginnt das Internet mit der Einführung des Netzwerkprotokolls TCP/IP, für andere bereits mit dem ARPANET.

Im Jahre 1958 wurde von den USA die Forschungsbehörde Advanced Research Projects Agency, kurz ARPA genannt, gegründet. Diese Behörde hatte die Aufgabe, Projekte ausfindig zu machen und zu unterstützen, die den Vereinigten Staaten den entscheidenden technologischen Vorsprung im so genannten kalten Krieg sichern sollten.

Die ARPA verwirklichte dabei jedoch keine eigenen Projekte, sondern kooperierte stattdessen mit den verschiedensten Einrichtungen und finanzierte bzw. koordinierte deren Entwicklungen. Das Hauptinteresse der ARPA galt dabei vor allem der Raketentechnik sowie der Entwicklung neuer Materialien und Werkstoffe, wobei natürlich immer die Verwendung für militärische Zwecke im Vordergrund stand.

1962 rief die ARPA mit dem Büro für Informationsverarbeitende Technologien (Information Processing Techniques Office, IPTO) eine bedeutende Institution ins Leben, die das Internet der Zukunft maßgeblich beeinflussen sollte. Als Leiter dieser Institution setzte man J.C.R. Licklieder ein, der 1960 in seinem Manuskript „Man-Computer Symbiosis“ bereits von der Vernetzung zwischen Computer und Menschen träumte.

Zu den Visionen von Licklieder zählte auch der interaktive Umgang mit Rechnern, denn bisher wurde alles noch über zeitraubende Techniken wie Lochkarten und Magnetbänder abgewickelt. Er hielt den direkten Datenaustausch zwischen Computern für viel effizienter. Eines der wegweisenden Projekte, welches Licklieder damals durch das IPTO finanziert wurde, war die Entwicklung des Time-Sharing-Betriebssytems, welches es mehreren Benutzern ermöglichte, auf einem Computer gleichzeitig Ressourcen zu nutzen.

Diese Entwicklung sollte so weit gehen, dass man auch mehrere, räumlich getrennte Rechner in dieses System einbinden konnte. Die Wege für die Vernetzung waren bereitet. Eines der größeren Probleme dabei sollte jedoch die Netzwerktopologie darstellen. Die Time-Sharing Systeme funktionieren nach einem sehr einfachen Terminal-Host-Prinzip, wobei mehrere Terminals an einen zentralen Hostrechner angeschlossen wurden. So bildete sich ein sternförmiges Netz mit dem Hostcomputer in der Mitte. Dieses System hatte jedoch das Problem, das durch einen Ausfall des Hosts das gesamte Netzwerk zusammenbrach. Desweiteren konnte man aufgrund der damals fehlenden Standards im noch jungen Computerzeitalter nur Rechner des gleichen Herstellers und meist sogar nur des gleichen Typs miteinander kommunizieren lassen. Es musste also eine neue Netzwerktypologie her.

Paul Baran von der Rand Corporation schlug 1964 ein distributed network (verteiltes Netzwerk) vor. Dieses System hatte anstatt dem bisherigen, sternförmigen Aufbau einen Spinnennetz ähnlichen Aufbau mit einer Vielzahl von Verbindungen zwischen den einzelnen Rechnern. Ein Totalausfall des Netzes war somit fast auszuschließen. Desweiteren beinhaltete sein Konzept erste Überlegungen zu „packet switching“, welches die Daten, in einzelne Pakete aufgeteilt, über die verschiedensten Wege an den Zielcomputer senden kann. Zwar war die Air Force von Barans Idee überzeugt, jedoch wurde dieses Netz aufgrund verschiedener Bedenken und Wünsche vom Verteidigungsministerium nicht realisiert.

Ein knappes Jahr darauf realisierte jedoch die Société Internationale de Télécommunications Aéronautiques (SITA) Paul Barans Idee des packet switching, um so die 175 ihr angeschlossenen und über die ganze Welt verteilten Fluggesellschaften miteinander zu verbinden. Die ersten neun Hauptknotenpunkte befanden sich in Amsterdam, Brüssel, Frankfurt, Hong Kong, London, Madrid, New York, Paris und Rom. Das SITA-Netz war ein voller Erfolg; bereits 1973 überstieg sein Datenaufkommen das des gesamten internationalen Telegraphenverkehrs.

Ein Jahr später begann IPTO mit den ersten Arbeiten an der Realisierung der ARPA-Computerzentren im ganzen Land, die ganz nach Barans packet switching-Idee in einem Netz zusammengefasst wurden. 1968 wurden für dieses Projekt 500.000 US-Dollar bewilligt. Zwei Jahre später betrug das Jahresbudget bereits knapp 2.2 Millionen US-Dollar. 1969 wurde mit der Vernetzung der ersten ARPA-Forschungszentren begonnen. Mitte 1971 waren bereits mehr als dreißig wichtige Zentren miteinander verbunden.

Die beiden ersten Anwendungsprogramme waren zum einen das Computer-Fernsteuerungsprogramm telnet (telecommunications network) und zum anderen das Datenaustausch-Programm FTP (file transfer protokoll). Das ARPANET wurde am anfang jedoch viel weniger genutzt als erwartet, doch mit der Einführung der elektronischen Post (eMail) sollte sich das schlagartig ändern. 1967 war Lawrence Roberts (späterer Leiter von IPTO) noch der Meinung, ein Programm zum Austausch von Nachrichten sei „not an important motivation for a network of scientific computers“. Im Jahre 1971, kurz nach der Einführung der elektronischen Post, überstieg dessen Datenvolumen bereits die anderen beiden Dienste Telnet und FTP um Längen. Die elektronische Post brachte viele offensichtliche Vorteile mit sich, die wir noch heute zu schätzen wissen.

Das eigentlich nur zur Verbindung von Computern gedachte Netz verdankte seinen durchschlagenden Erfolg schließlich der neuen Möglichkeiten für Menschen, miteinander zu kommunizieren. Es entstanden erste Mailinglisten und Mailverteiler. In den späten 70er Jahren tauchte mit der SF-LOVERS-Liste die erste große Mailingliste auf, in welcher eine Reihe von ARPA-Forschern öffentlich über Science Fiction diskutierten. Da dies jedoch nicht dem eigentlichen Zweck des Netzes entsprach, wurde versucht diese Aktivitäten zu unterbinden und die Liste für einige Monate gesperrt. Man konnte jedoch schließlich die Verantwortlichen davon überzeugen, das die SF-LOVERS-Liste zu einem der wichtigsten Pilotprojekte in der Erfoschung und Verwaltung von Mailinglisten und deren Funktionsweisen ist. Die Systemadministratoren mussten das ARPANET immer wieder umbauen und verbessern, um mit dem explosionsartig ansteigenden Datenaufkommen fertig zu werden.

In der technischen Entwicklung des Netzes wurden eine fortlaufende Reihe von Dokumenten Namens RFCs (Requests for Comment) verfasst, die Ideen und Vorschläge zur Weiterentwicklung beinhalteten. Jedem Stand es offen,hierzu Artikel beizutragen. Diese RFCs wurden oftmals zu noch heute gültigen Standards. Im Laufe von 26 Jahren wurden über 1750 solcher RFCs verfasst bzw. erfasst.

Den Durchbruch in der Fachöffentlichkeit erzielte das ARPANET im Oktober 1972 bei seiner Präsentation bei der ICCC (International Conference of Computer Communications). Die Demonstration der Möglichkeiten des neuen Netzes dauerte drei Tage, alles arbeitete zuverlässig. Im Monat nach der Konferenz stieg das durchschnittliche Wachstum des Netzes von wenigen Prozent auf ca. 67%. Dieses Wachstum hielt auch später noch an und die Zahl der angeschlossenen Computer stieg stetig. Es schlossen sich Universitäten, Air Force, NASA sowie die National Science Foundation (NSF) an.

Die großen Hardwarehersteller wie IBM und Xerox Network Services begannen nun ebenfalls damit, plattformunabhängige Netzwerktechnologien für Ihre Produkte anzubieten und Digital Equipment Corporation (DEC) entwickelte sein DECNET. So entstanden die ersten eigenständigen Netzwerke. Als nächsten Schritt unternahm die ARPA den Versuch, diese verschiedenen Netze miteinander zu verbinden. Das Internetworking (ironisch „networking or not working“ betitelt) war nach der Verbindung von einzelnen Computern die logische Weiterentwicklung zur Verbindung verschiedener Netze.

1973 wurde unter Leitung von Robert Kahn und Vinton Cerf das „INTERNET Programm“ entwickelt, um das auf Rundfunkwellen basierende PRNET mit dem ARPANET zu verbinden. Somit lag das Augenmerk nicht mehr darauf, Computer unterschiedlicher Hersteller und Typen zu vernetzen, sondern verschiedenste Netzwerksysteme mit einem „Netz der Netze“, dem INTERNET, unter einen Hut zu bekommen. Das TCP (transmission control protocol) wurde entwickelt, um auch bei steigender Datenlast einen möglichst reibungslosen und verlustfreien Datenaustausch zu gewährleisten. Um 1980 wurde diese Aufgabe dann einem eigenen Internet Protocol (IP) übergeben. In diesem Protokoll wurde und wird bis heute in jeder einzelnen Rechneradresse auch die Netzwerkadresse mit übergeben.

Auf diese Weise wurde das Routing der Datenpakete massiv vereinfacht. Durch die Verwendung der Protokolle TCP/IP konnte man nun also relativ einfach verschiedene Netzwerke wie das ALOHANET, PRNET, SATNET uva. miteinander verbinden. Anfangs hieß dieses gesamt Netz noch ARPA Internet, wurde aber durch das Hinzukommen von immer mehr Organisationen aus allen Ländern schließlich Internet genannt.

In Deutschland favorisierte man lange das X.25 Protokoll gegenüber dem störungsfreieren TCP/IP-Protokoll. Die Telefongesellschaften setzten alles daran, im Rahmen ihrer Monopolstellung dieses homogene Netzwerkprotokoll durchzusetzen. 1982 demonstrierte die ARPA erstmals die Möglichkeit einer Schnittstelle zur Integration des auf X.25 basierenden Telnet ins Internet. In der Folge wurden die bestehenden X.25-Netze darunter auch das seit 1990 bestehende WiN (Deutsches Universitäts Netzwerk) als Teilnetze ins Internet integriert.

Dies ist natürlich bei weitem noch nicht die komplette Geschichte des Internet. Weitere wichtige Entwicklungen wie die des USENET (die heutigen Newsgroups), des NSFNET sowie die Erfindung des WWW durch Tim Berners-Lee 1991 am Kernforschungszentrum CERN in Genf sind zu nennen.

Links:

ARPA | RFC Editor | Tim Bernes Lee | Cern

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penis
Gast
penis
5 Jahre 9 Monate her

sehr gelungen, wenn auch einige dinge nicht stimmen

wpDiscuz

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