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App-Design für Touchcomputing: Gesten und Symbole für gängige Aktionen

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Frank Puscher

Autor der Fachbücher "Leitfaden Web-Usability", "Flash MX-Das Kochbuch" und "Die Tricks der...

Je erfolgreicher Smartphones sind, um so wichtiger werden Apps für deren Nutzer. Egal, ob es sich um offene Webapplikationen handelt oder um Apps aus den jeweiligen Marketplaces. Eins haben Sie alle gemein: Sie wollen mit der Magie der Touch-Bedienung die User Experience verbessern.

Formen Sie mit der rechten Hand ein Symbol für „Viel Glück“. Haben Sie den nach oben gereckten Daumen gewählt? Eine Geste, die jeder versteht, möchte man meinen. Auch der Grieche wird sie verstehen, aber er wird sie nicht als Ermunterung empfinden. Der hochgereckte Daumen steht bei den Griechen für das gelungene Übertölpeln des Adressaten. Eine Beleidigung also.


Test am Dummy: Die Nutzer mussten die Gesten mit Kohlefingern auf eine Plexiglasscheibe malen.

Scrollen, Löschen, Auswählen – 28 Aufgaben im Test

Wenn Gesten in verschiedenen Kulturkreisen andere Bedeutungen haben, welche Auswirkungen hat das für ein Touchscreen-Interface? Löst das Zusammenziehen zweier Finger in Japan etwas anderes aus, als in den USA?

Die International Usability Partners (IUP) – eine internationale Vereinigung von Agenturen, die sich auf das Thema Usability spezialisiert haben – rief in neun Ländern, darunter Deutschland, insgesamt 340 Probanden vor die Kamera. Man schwärzte den Zeigefinger mit etwas Kohle, gab dem Probanden eine Aufgabe und ließ ihn dafür eine Geste auf einer Plexiglasscheibe ausführen.

Die Tests mit den deutschen Probanden übernahm in Zusammenarbeit mit IUP die User Interface Design GmbH (UID). Fragestellung der Untersuchung: Gibt es kulturell unterschiedliche Gesten beim Bedienen von Touchscreen-Geräten?

Gesten sind kulturell unterschiedlich besetzt

Bei diesem Testszenario konnte man natürlich nicht nur Unterschiede zwischen den Nationen ermitteln, sondern auch die Bedeutung der Vorbildung an SmartPhones. Und natürlich ergab sich ein Bild davon, welche Gesten heute als bekannt angesehen werden können und somit ohne viel Erklärung im Interaktionsdesign einsetzbar sind.
Die Probanden arbeiteten in Sessions von 20 bis 30 Minuten und hatten eine ganze Reihe von Standardaufgaben zu lösen. Neben Gesten für Scrollen, Löschen oder Auswählen kamen auch Browser-spezifische Fragestellungen zum Tragen. So suchte man beispielsweise nach einer Geste für das Zurückblättern auf die letzte im Browser angezeigte Seite. 37 Prozent der Nutzer wählte eine Wischbewegung nach links. In diesem Fall unterliegt der Proband möglicherweise der suggestiven Wirkung seines bekannten Browser-Interface. Der Zurückbutton ist in allen Browsern als Pfeil nach links angelegt.


„Nach unten wischen“ schiebt bei Webseiten den Inhalt nach oben (Scrollen), bei GoogleMaps aber nach unten.

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Löschen und Auswählen

Beim Löschen von Objekten ist das nicht so. Überraschend homogen waren dennoch die Ergebnisse. 43 Prozent der Probanden zogen das zu löschende Objekt einfach aus dem Bildschirm.

Das Aufrufen einer Hilfe-Funktion wurde von 38 Prozent aller Probanden dadurch gelöst, dass sie auf eine leere Stelle im Bildschirm tippten. Sogar 47 Prozent der Nutzer waren sich einig darin, eine Mehrfachauswahl dadurch zu erreichen, dass man mit dem Finger über mehrere Objekte wischt.

Asiaten nutzen eher Symbole als Gesten

International betrachtet gab es kaum signifikante Unterschiede zwischen den Ländern, mit der Ausnahme, dass einige Kulturen, insbesondere die Chinesen, verstärkt abstrakte Symbole verwendeten. Die Asiaten würden zum Beispiel ein Objekt aus einer Liste löschen, in dem sie ein Kreuz daneben zeichneten. Die Mehrzahl der deutschen Nutzer wischt das zu löschende Objekt einfach aus dem Bildschirm.

Die Ergebnisse der UID-Studie mit Empfehlungen eines Gestensets für 28 gängige Aktionen beim Touchcomputing können Sie kostenfrei im Internet abrufen.

Ohne Erklärung geht es nicht

Für Interaktionsdesigner, die die Entwicklung von Apps als Chance begreifen, mit neuen Ideen auf die Nutzer zuzugehen, gibt es nur eine funktionierende Methode, nämlich die deutliche Erklärung des Interface und seiner Möglichkeiten. Entweder mit Icons, wie IUP vorschlägt oder mit Hilfe von Animationen.

Blättern und Scrollen kommen ohne aus

Die einzigen Gesten, die ohne gezielte Erklärung eingesetzt werden können, sind seitliches Blättern oder vertikales Scrollen, ausgelöst durch Wischbewegungen in die jeweilige Richtung. Doch auch hier muss es dem Nutzer klar gemacht werden, dass da überhaupt weiterer Inhalt zu finden ist. Usability-Guru Jakob Nielsen erklärt: “Der klassische Scrollbalken ist nicht nur ein Interface zum Benutzen sondern auch ein optischer Indikator dafür, dass es noch mehr Inhalte zu entdecken gibt“.

Mehr Raum für kreatives Webdesign

Hartmut Esslinger, Design-Urgestein aus Kalifornien fordert ein radikales Umdenken: „Das Design von Websites ist zur Zeit auf einem primitiven Level: Entweder wird einfach ein Print-Layout digital umgesetzt – Zeitung oder Photo-Album wie FaceBook – oder man hat eine „Liste“ was sich dann „blog“ nennt. Touch-Devices bieten mehr direkte Interaktion und ich denke, dass dadurch das WebDesign auch wieder kreativer und der Technologie entsprechend intelligenter werden wird.“

Erkenntisse der Studie fürs App-Design – Interview mit Sylvie Le Hong

Die Ergebnisse der Studie, sprich der Bekanntheit von Touch-Gesten sowie die intuitiven Impulse der Nutzer zur Berührungsbedienung, hat UID-Beraterin Sylvia Le Hong analysiert. drweb sprach mit ihr über die Möglichkeiten und Probleme von Touchcomputing:

drweb: Frau Le Hong, taugt Touch zur Erledigung alltäglicher Computerarbeiten?

Le Hong: Für einfache Aufgaben schon, aber wenn es etwas komplexer wird, dann funktioniert die Touchbedienung nicht mehr. Bereits rür ganz normale Arbeitsaufgaben, wie das Kopieren und Ausschneiden von Textpassagen konnten die Probanden keine intuitive Geste aus dem Ärmel schütteln.


Sylvie Le Hong

drweb: Ist das puristische Paradigma der Natural User Interfaces nämlich vollständige Intuitivität nicht etwas zu ambitioniert?

Le Hong: Es gibt eine Reihe von Aktionen, da sind die Gesten ja naheliegend. Aber die Tendenz den Nutzer zu überfordern ist groß. Denken Sie nur an die Geste des Fingerspreizens, um ein Bild zu vergrößern. Die ist nicht wirklich intuitiv, denn mit einem Foto wäre das ja real auch nicht möglich. Das ist schon weit hergeholt.

drweb: Dennoch funktioniert es.

Le Hong: Und zwar weil die Geste auf den SmartPhones gelernt wurde. Unsere Tests haben gezeigt, dass Iphone-Nutzer wesentlich mehr Gesten abrufen konnten als Novizen. Die Smartphones setzen hier die Standards, aber intuitiv sind sie deshalb nicht. Die Novizen hingegen haben sich sehr viele unterschiedliche Ideen einfallen lassen, um die gewünschte Aufgabe zu bewältigen. Für einen Interfacedesigner wäre das ein echtes Problem.

drweb: Mit welcher Geste könnte man denn Text kopieren?

Le Hong: Wie wäre es mit dem „Long Press“ und dann einem erscheinenden Kontextmenü, das eine Auswahl von Möglichkeiten bietet, was man mit der Datei oder einer ausgewählten Textpassage machen kann.

drweb: Was muss man etwas für die Novizen tun, damit Sie die Gesten schneller lernen?

Le Hong: Man muss ihnen die Gesten mit animierten Icons zeigen oder bestimmte Trigger ins Design einbauen, etwa einen Pfeil zur Seite, wenn man Objekte verschieben kann. Aber natürlich muss man auch bei der Konzeption auf Einfachheit achten und die verfügbaren Gesten möglichst sinnvoll einsetzen. Wenn der Nutzer Gesten kennt, dann wird er sie auch probieren. Es liegt dann am System, ihm das richtige Feedback zu geben.

Ron George hat ein Set möglicher Icons entwickelt – QUELLE: rongeorge.com

drweb: Auf dem iPhone navigiert der Nutzer Webseiten durch ZoomOut – ZoomIn. Ist das auch für den stationären Zugang zu Webseiten eine interessante Alternative?

Le Hong: Nein, ich glaube, die Leute nervt das auf die Dauer. Auf dem stationären Rechner und schon auf dem iPad habe ich mehr Bildschirmfläche zur Verfügung als auf dem Smartphone. Die will ich auch nutzen.

drweb: Sie glauben also nicht, das Touch-Konzepte das Webdesign beeinflussen werden?

“mobil” und “stationär” bleiben getrennte Welten

Le Hong: Das mobile Web natürlich. Aber ich bin der Meinung, dass mobil und stationär getrennte Welten bleiben. Ich bin sehr skeptisch, ob Touch einen Einfluss auf das „normale“ WebDesign haben wird. Der Komfort von Maus und Tastatur ist zu groß, als dass die Menschen darauf verzichten werden. Die Ressourcen an verfügbaren Metaphern für Gesten sind sehr gering.

drweb: Ihre Studie war international ausgelegt. Gab es große Unterschiede zwischen Benutzern aus verschiedenen Ländern?

Le Hong: Nein, eigentlich nicht. Auch hier merkt man, dass die Standards durch die Smartphones und vor allem das iPhone gesetzt werden. Die Gesten sind im Grunde Sprachraum-übergreifend. Die 38 häufigsten Gesten wiesen keine nennenswerten Diskrepanzen in der Statistik auf. Allerdings wurde deutlich dass die Chinesen weitaus häufiger auf Symbolik zurückgreifen, als andere Nationen. Zum Löschen eines Objekts zeichneten 40 Prozent der chinesischen Probanden ein „x“ neben das Objekt. In Europa sind die Deutschen wesentlich affiner zu symbolischen Gesten, als zum Beispiel die Franzosen oder Finnen.

Weiterführende Links:
  • Mögliches Icon-Set entwickelt von Ron George
  • Jakob Nielsen: iPad-Apps im Usability-Test
(mm),

Frank Puscher

Autor der Fachbücher "Leitfaden Web-Usability", "Flash MX-Das Kochbuch" und "Die Tricks der Internet Künstler". Frank Puscher ist nicht nur ein angesehener Autor, der für zahlreiche Fachzeitschriften tätig ist, er ist auch als Schulungsleiter und Berater erfolgreich.

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kenaN
Gast

ich bedanke mich bei ihnen für ihre auskünfte und wünsche ihnen viel erfolg…

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