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Dieter Petereit 2. November 2018

10 Jahre später: Lebenszeitverschwendung XS Max?

Vor exakt zehn Jahren veröffentlichte ich hier bei Dr. Web den Beitrag „Lebenszeitverschwendung 2.0”, den du gleich im Anschluss nochmal konsumieren kannst. Dachte ich damals schon, dass sich die Diskussionskultur auf die völlige Zerstörung ihrerselbst zubewegt, muss ich heute konstatieren, dass alles noch viel schlimmer gekommen ist, als ich es damals vorhersagen konnte. Aber, eins nach dem anderen. Starten wir mit dem damaligen Beitrag.

Sie kennen das doch sicher auch. Zu einem interessanten, vorzugsweise politischen Beitrag irgendwo in der Weite des Netzes hinterließen Sie einen Kommentar. Es dauerte nicht lange bis der erste Wadenbeißer seinen Kommentar unten dran hängte, kurze Zeit später war das schönste verbale Hauen und Stechen im Gange. Lautstärke hoch, Sachlichkeit niedrig. Staunend verfolgten Sie die Diskussion…

In den letzten Monaten wurde viel geschrieben über die zumeist anonyme Meute, die sich im Internet auszutoben pflegt und dabei jedwede Form von Anstand beiseite fegt. Manch einer überlegte ernsthaft, die Kommentarfunktion unter seinen Beiträgen komplett abzuschalten, um z.B. seine Gedanken nicht durch unqualifiziertes Geschmiere herabwürdigen zu lassen oder weil sie schlicht keinen Bock darauf hat, sich in ihrem eigenen Wohnzimmer blöd anmachen lassen zu müssen.

Ich beobachte die Blogosphäre auch schon seit Jahren und habe sicherlich genügend Erfahrungen in dieser Richtung machen müssen. Mir scheint sich die Problematik insofern etwas zu verlagern, als ich die grob polemisierenden Kommentarmassen nur noch in Ausnahmefällen vorfinde. Da scheint es, vermutlich durch konsequenteres löschendes Durchgreifen der Betreiber eine Abmilderung des Phänomens zu geben.

Auffällig finde ich jedoch die Verschärfung des allgemeinen Tons in den Kommentaren, ohne dass man ihn gleich als polemisch inakzeptabel diagnostizieren müsste. Da wird stereotyp behauptet, der Autor habe keine Ahnung von diesem oder jenem, Belege für diese Behauptung bleiben natürlich aus. Da wird beklagt, Beitrag X oder Y passe nicht zum – wohlgemerkt kostenlos lesbaren – Blog und vieles mehr.

Der Kommentator im Allgemeinen entwickelt ein Selbstverständnis, dass ich nicht mehr als kooperativ ausgerichtet identifizieren kann. Vielmehr scheint der Wunsch weitestgehender Selbstverwirklichung ungeachtet eigener Einflussgrenzen zum Trend zu werden. Jeder ist Experte für alles, alle anderen sind mindestens schlechter, wenn nicht gleich ganz ahnungslos. Massenhaft Bundeskanzler- und/oder Präsidentenanwärter kommentieren sich durch Blogdorf.

Eine geordnete Diskussionskultur kann ich nicht mehr erkennen, wobei Ausnahmen wie überall lediglich die Regel bestätigen. Eine ganze Weile habe ich mich darüber gewundert. Mittlerweile glaube ich die bestimmenden Faktoren benennen zu können.

Zum einen spielt das alte kriminologische Prinzip von der Entfernung zwischen Tat und Täter sicher eine bedeutende Rolle. Bekanntlich begehen Menschen umso leichter umso schwerere Verbrechen, je weiter sie von ihren potenziellen Opfern entfernt sind und je mittelbarer die Auswirkungen der Tat erlebt werden. Will heißen, man rammt jemandem Auge in Auge schwerer ein Messer in die Brust, als dass man einen schweren Stein über eine hohe Mauer wirft und so jemanden erschlägt. Auch Holzklötze von Autobahnbrücken werfen wird in diesem Zusammenhang gern als Beispiel genommen.

Im Web 2.0 ist solches Verhalten unproblematisch möglich. Unter Pseudonym aufzutreten ist mehr als üblich und wo man nicht identifiziert werden kann, hindert einen anscheinend nicht mal mehr das eigene Gewissen daran, verbal die Darmtuba zu spielen. Von schwereren Fällen, wie dem zunehmenden, gezielten Cybermobbing will ich gar nicht erst anfangen.

Zum anderen darf man nicht vergessen, dass die Gruppe der Diskutierenden im Web 2.0 in keiner Hinsicht homogen ist. Hier treffen Menschen aufeinander, die im wahren Leben zwar möglicherweise aufeinander treffen, aber ohne Umschweife aneinander vorbeigehen würden. Da hätten sonstige nonverbale Faktoren der Vermeidung sozialer Konflikte gegriffen. Korrektive, die wir im Web nicht haben.

Könnte ich erkennen, dass der Kommentator A ein pickeliger 17jähriger ist, würde ich sicherlich keinen Aufwand in eine Diskussion mit diesem Burschen stecken. Es sei denn, es ginge um das jüngste Album von Linkin Park. Wüsste ich, dass Kommentator B vor dem Rechner sitzend eine Trachtenjacke und einen Tirolerhut trägt, könnte ich mir eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit der CSU-Politik in Bayern gleich sparen. Hätte ich gesehen, dass Kommentator C ein Pentagramm auf der Stirn trägt und auch ansonsten eher durchgehend schwarz gefärbt erscheint, ließe ich die Diskussion über christliche Werte sicher sein.

Man kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, dass gerade die genannten, überzeichneten Beispiele der Diskussion bedürfen würden. Da würde ich sogar zustimmen. Allein wären dies keine Diskussionen, die ich zu führen bereit wäre.

Ich bewege mich nicht im Internet, um mich mit Leuten zu streiten, die aufgrund ihrer Jugend, ihres Alters, ihrer persönlichen Arroganz, ihrer Religion, ihrer politischen Ausrichtung oder aufgrund einer desaströsen Mischung mehrerer dieser Faktoren offenen Diskussionen überhaupt nicht zugänglich, weil nicht zugeneigt sind.

Ich bewege mich nicht im Internet, um einen Verlust an Lebensqualität zu erleben. Ich beabsichtige den exakt gegenteiligen Effekt. Alles, was mir dabei in die Quere kommt, ist Lebenszeitverschwendung 2.0.

In den Kommentaren erntete ich viel Zustimmung, aber auch differenzierte Kritik. Unter diesem Beitrag findest du alle damaligen Kommentare zur Durchsicht. Ich bin gespannt, ob sich heute auch eine Diskussion entwickeln wird.

Wobei: Diskussion, das ist schon so ein Wort, das heutzutage zwar ständig benutzt wird, dabei aber eine völlig andere Bedeutung bekommen hat, als es eigentlich haben sollte. Innerhalb einer Diskussion, eines Diskurses werden Fragen erörtert, die die Allgemeinheit oder auch nur bestimmte Personengruppen interessieren und zu denen es unterschiedliche Auffassungen gibt. Wenn sich jemand in den Diskurs begibt, mithin seine Diskussionsbereitschaft signalisiert, so bedeutete das früher, dass er/sie zur Erörterung der relevanten Fragestellungen in einer konstruktiven Art und Weise bereit war, mit dem Ziel, wenn nicht zu einem Konsens, so doch zu einem Kompromiss zu gelangen. Dabei stand natürlich der Wunsch nach dem Obsiegen der eigenen Meinung schon damals im Vordergrund. Dennoch ging es in erster Linie darum, bestehende Probleme zu lösen.

Heutzutage ist eine Diskussion nur noch ein mehr oder minder lautes Geschrei, an dem sich möglichst viele Personen beteiligen, ohne dabei im Geringsten konstruktive Ansätze zu verfolgen. Heutzutage werden auch keine Probleme mehr diskutiert, sondern meist sogar von der Gegenseite noch das Bestehen eines Problems als solches negiert. Damit ist jegliche Diskussionsgrundlage vom Start weg entzogen. Wenn wir uns schon nicht mehr darüber einigen können, ob es Problem A überhaupt gibt, wo ist da der Ansatzpunkt für den Meinungswettstreit der alternativen Lösungsansätze?

Neben der Taktik, die Existenz des zu besprechenden Problems direkt zu verneinen, spielt die persönliche Diffamierung des Andersdenkenden eine Hauptrolle in der Diskussionskultur 2018. Dabei beschränkt man sich nicht darauf, den Andersdenkenden die Intelligenz abzusprechen oder sie auf andere Weise zu diskreditieren, um deren Glaubwürdigkeit zu unterminieren. Nein, heutzutage muss es direkt die Vernichtung der Existenz des Andersdenkenden sein, damit jeder weitere Andersdenkende als abschreckendes Beispiel sehen kann, was passiert, wenn er/sie sich nicht auf den vermeintlichen Meinungsmainstream einlassen will.

Gleichzeitig ist der Mainstream tatsächlich nur vermeintlich. Denn er speist sich nicht aus objektiven Mehrheiten, sondern lediglich aus relativen. Es sind die Lautesten, die sich schnell gegenseitig mobilisieren können und dann real, wie virtuell ruckzuck beeindruckende Zahlen aufs Tapet bringen. Dabei wird gern vergessen, dass in einem Land von 80 Millionen auch Demonstrationsteilnehmerzahlen von 250.000 nichts über Mehrheiten auszusagen im Stande sind. Mehrheiten werden also heutzutage nur behauptet, einen Mainstream können wir objektiv nicht festmachen.

In diesem Umfeld ist es vollkommen verständlich, wenn sich ein Politiker wie Sigmar Gabriel hinstellt und sagt:

Mit hundert jungen Influencern, die Tag und Nacht die sozialen Netzwerke bedienen, wären wir besser aufgestellt als mit einer doppelt so hohen Zahl von Mitarbeitern, die nur die Gruppeninteressen in der SPD austarieren und verwalten.
(Quelle: Stern)

Was meint er damit wohl? Genau diese beschriebene vermeintliche Mehrheitsmaschinerie, die dich glauben lässt, hier gäbe es einen Konsens, den es in der Realität gerade nicht gibt. Schon die Russen haben erkannt, dass über die sozialen Medien prima manipulieren ist und betreiben gut ausgerüstete „Trollfabriken”, in denen Menschen den ganzen Tag nichts anderes tun, als in sozialen Netzen Stimmung zu machen, Falschmeldungen zu verbreiten und Mehrheiten vorzugaukeln. Das hat bislang schon gut funktioniert, wieso sollte es für die SPD schlechter laufen?

Als ich den Beitrag zur Lebenszeitverschwendung schrieb, steckte Facebook noch in den Kinderschuhen, Leitmedien waren Kommentaren gegenüber wenig aufgeschlossen. Wer also seine Meinung kund tun wollte, war mehr oder wenig auf das Führen eines Blogs und das Kommentieren in selbigen angewiesen. Gebloggt wurde gerne anonym, kommentiert noch viel lieber. Meine Schlussfolgerungen schrieb ich nieder.

Zehn Jahre später stelle ich nun fest, dass ich mit meiner damaligen Einschätzung fast schon dünnhäutig wirken würde, wenn wir es aus heutiger Sicht betrachten. Blogs spielen zwar inzwischen praktisch keine Rolle mehr, zumindest nicht als Diskussionsplattform, als die sie ursprünglich mal ersonnen wurden, aber auf allen anderen Ebenen hat sich das Netz so stark geöffnet, dass du heutzutage wirklich an jeder Ecke und zu jedem noch so untergeordneten Mist deinen eigenen Senf dalassen kannst.

Schaust du dich in den Kommentarbereichen der großen Zeitungen um, stellst du schnell fest, dass es kaum jemals um eine Diskussion im Wortsinne geht. Da wird in schneller Folge geräuschvoll postuliert. Reflektiert auf Diskussionsbeiträge antworten selbst die Social-Media-Teams, die die Bereiche betreuen müssen, nur in den seltensten Fällen. Auf mich wirken diese vermeintlichen Diskussionen nicht viel anders als Massenschlägereien, bloß ohne körperliche Verletzungen.

Noch schlimmer geht es in den sozialen Medien zu, wo durch den Einsatz der viel gelobten Hashtags schnell mal eben eine größere Aufmerksamkeit als dem Thema angemessen wäre generiert werden kann. Sich auf Twitter zu äußern, hat in nicht wenigen Einzelfällen bereits zum Verlust der wirtschaftlichen Existenz geführt. Soweit indes darf eine Meinungsäußerung nie führen, denn dann wird das Äußern von Meinungen gefährlich. Wer weiß schließlich schon, wer es morgen schafft, den vermeintlichen Mainstream zu definieren, der dich dann mal eben aus deinem Beruf schießt, weil du dich nicht konform äußerst? Oder – noch schlimmer – dich vor zehn Jahren einmal nicht konform geäußert hast.

Nun könnten wir hoffen, dass es da ja eigentlich ein Korrektiv geben müsste. Immerhin spielt sich das alles in der Öffentlichkeit ab. Das allerdings ist eine trügerische Höffnung, denn durch die übergroße Öffentlichkeit geht die Öffentlichkeit verloren. Verstehst du nicht? Ist ganz einfach.

Dadurch, dass das Netz mit Aussagen überschüttet wird, ist es nicht mehr ansatzweise möglich, eine Art Überblick, einen Rahmen, eine Linie zu erkennen. Es ist eher so wie in der Silvesternacht 2015, als sich über 1.000 Täter an Hunderten weiblicher Opfer vergingen, aber nur sieben Täter letztlich verurteilt werden konnten. Das spielte sich ebenfalls alles in der Öffentlichkeit ab. Die war indes zu diesem Zeitpunkt durch die schiere Masse an Tätern dermaßen unübersichtlich geworden, dass die Ahndung oder sogar nur die Erfassung einzelner Vorgänge unmöglich geworden war.

Und so kloppen sich kleine Personengruppen, die sich als Mehrheit deklarieren, unbemerkt von echten Mehrheiten virtuell im Netz und reklamieren Dominanz in Wild-West-Manier: „Diese Stadt ist zu klein für uns beide.” Und viele Bewohner der Stadt bekommen es nicht einmal mit.

So verwundert es wohl nicht, dass es mir zehn Jahre nach dem Erstbeitrag nicht mehr genügen kann, die Streitkultur im Netz bloß als Lebenszeitverschwendung zu betrachten und in der Folge geflissentlich zu ignorieren. Denn das Netz hat dieser Tage einen Gefährlichkeitsgrad erreicht, der es niemandem mehr erlaubt, dessen Auswüchse einfach zu ignorieren.

Ich muss allerdings einräumen, dass ich keine Strategie sehe, die diese verfahrene Kiste wieder in die Spur setzen könnte. Mittlerweile ist es ja soweit, dass sogar der Journalismus erodiert, sich von seinen Aufgaben entfernt und frei nach Schnauze eigene Meinungen als echte Meldungen verkauft. Wenn alle hauen und stechen, warum dann nicht auch die Journalisten, die vielfach in prekären Beschäftigungsverhältnissen stecken und auch altersmäßig ganz gut in die Zeit passen – mithin also von gleichem Schrot und Korn sind. Das nennt sich dann Digital Native. Ich bevorzuge den Begriff Digital Naive. Somit geht jedenfalls jegliche Orientierung den Bach runter und Chaos wird wohl die Folge sein.

Nicht ganz zusammenhangslos erscheint vor meinem geistigen Auge gerade das Bild der jungen Familie, die ich gestern beim Joggen sah. Vater und Mutter gehen mit ihrem Kleinkind im Buggy spazieren. Vater schaut auf sein Smartphone, Mutter auf ihres. Dem Kleinkind schenkt niemand Beachtung.

Die Lage ist ernst. Was tun?

(Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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26 Kommentare

  1. Dann möchte ich mal ganz altmodisch danke sagen dafür, was Sven hier leistet. Ich habe dein Magazin seit 2000 in den Bookmarks (damals hieß es noch Ideenreich; das fand ich sehr kreativ).

    Ich bin Künstler (Bücher, Spiele, Magie) und möchte daher auch meine Homepage kreativ gestalten. Als Laie habe ich hier über die Jahre immer wieder wertvolle Tipps gefunden.

    Ich halte naturgemäß mehr von Menschen, die selbst Ideen produzieren als von solchen, die sie nur kritisieren. Und wenn sich jemand wie Sven Lennartz (und seine Autoren) auch noch der anonymen Kritik stellt, dann hat er meine volle Unterstützung.

    Auf Dr.Web stehen seit über 10 Jahren KOSTENLOS Tipps, die andere Profis nur herausrücken, wenn man Ihnen Honorare für ganze Projekte bezahlt.

    Danke!
    Hadmar von Wieser

  2. Wir sind in komplexen Gesellschaften zur permanenten Kommunikation verdammt, ob wir wollen oder nicht.Da geht real und virtuell schon mal etwas daneben.Warum soll es im Web 2.0 anders sein? Immerhin finden durch diese Technologie mehr Menschen überhaupt zu einer Meinung. Von dort aus gibt es immer den qualtativen Sprung zur Argumentation und ideatypisch zum herrschaftsarmen Diskurs.Der Mauserungsprozess dauert eben seine Zeit. Stumme Menschen haben wir zuviel, die den „sozialen Tod“ zwangsweise hinnehmen.Was letztlich „Lebenszeitverschwendung“ ist, lässt sich nur im Nachhinein betimmen, in genügend zeitlicher Distanz zu den vielfältigen Aktionen. Die Zeit, ja was ist das? Beschleunigung wozu? „Ach, verweile denn, du bist so schön …“

  3. Ich möchte, wenn der Punkt Meinungsfreiheit angesprochen wird, gern noch etwas hinzufügen. Nämlich die Fragestellung: Was ist eine Meinung?

    Wikipedia sagt:

    Eine Meinung äußert sich in einer Aussage und ihre wesentliche Aufgabe ist die Bewertung oder Beurteilung, sie sagt aus, wie jemand etwas sieht. Eine Meinung entsteht auf der Basis eigener Erfahrungen und eigenen Wissens vor dem Hintergrund der eigenen gesellschaftlichen Umgebung und Deutungsmuster und ist eine Folge kognitiven Denkens, somit immer ein von gesellschaftlichen Gültigkeiten geprägter individuell gebildeter Standpunkt.

    Verkürzt: Meinung … ist eine Folge kognitiven Denkens.

    Gerade dieser Eindruck entsteht bei mir, wenn ich mich durch die Tiefen des Kommentaruniversums im Web 2.0 bewege, genau nicht! Nach meiner Erfahrung ist das, was dort passiert zu über 90 % eben gerade NICHT Ausdruck von Meinungsfreiheit, weil eine als Ausfluss kognitiven Denkens gebildete Meinung ganz offensichtlich fehlt!

  4. „Alles, was mir dabei in die Quere kommt, ist Lebenszeitverschwendung 2.0.“
    Ein schöner Schlusspunkt!

    Ein insgesamt guter Artikel, der alle offensichtlichen Probleme des Web2.0 noch einmal pointiert und verständlich aufzeigt.
    Ein Artikel der aus der Masse der oberflächlichen und Web2.0 glorifizierenden Artikel herausragt.

    Im Endeffekt reflektiert der Artikel jedoch auch ein Stück weit die gesellschaftlichen Abgründe der heutigen Zeit. Jeder darf sich zu allem äußern (Meinungsfreiheit, völlig in Ordnung). Das Problem dabei ist jedoch, dass einige Leute sich (im Web2.0 vor allem durch die Anonymität) dazu motiviert fühlen zu allem etwas äußern zu müssen.
    In TV-Sendungen werden Prominente als „Experten“ eingeladen, um Aktionen zu kommentieren von deren Kernthematik sie keine Ahnung haben. Dort werden überalterte Literaturkritiker zu Rate gezogen um das Fernsehen als solches, wie es in der heutigen Form publiziert wird, kritisieren und Vorschläge machen zu lassen. Und dabei merken sie noch nicht einmal, dass sie mit ihrem übertriebenem Verhalten längst selbst ein Teil der Gesellschaft sind, die sie so sehr verachten.
    Ich schweife jedoch, das TV soll hierbei nur eines von vielen möglichen Beispielen sein.

    Kurzum: Die heutige Gesellschaft verfügt heute über eine vor einigen Jahren noch undenkbare Macht (nahezu uneingeschränkte Meinungsfreiheit). Sie weiß jedoch noch nicht so recht damit umzugehen.
    Daher unterstütze ich auch das Verhalten, unsachliche Beiträge zu löschen.

    Einen schönen Tag an alle Leser und weiterhin gutes gelingen Dr.Web

    Maik

  5. Hi,

    sowohl Sprachlich als auch Inhaltlich ein sehr schöner Artikel, vielen Dank erstmal dafür.

    Ich denke Du hast die Problematik ziemlich auf den Punkt gebracht und die „Darmtube“ war für mich, der ich der bildlichen Sprache sehr zugetan bin, ein wahrer Genuß.

    Nicht dass Du damit meinen Freitag gerettet hättest, dazu musste ich heute schon zu viele blöde Kommentare löschen, aber Du hast ihn zumindest bereichert. Mehr davon, bitte.

    cu
    Ecki

  6. Ob ausbleibende Kommentare was mit Desinteresse zu tun haben, darüber streiten sich Deutschlands Blogger ja nun mindestens seit Monaten. Im Ergebnis wird man sagen dürfen: Nein, die Gründe für ausbleibende Kommentare sind mehrdimensional. Ein wichtiger ist, dass mancher Artikel einfach keine Punkte mehr offen lässt, die man sinnvoll per Kommentar anfügen könnte.

  7. Ich finde auch, dass Diskussion und Streit in einen Topf geworfen werden. Unterschiedliche Meinungen machen die Kommentare doch erst interessant. Beleidigungen sind natürlich etwas anderes. Aber die Kommentare zum Artikel „SMS-Betrug“ würde ich nicht als beleidigend empfinden. Das Schlimmste für einen Artikel sind m. E. ausbleibende Kommentare. Das würde ich nicht als Zustimmung sondern als Desinteresse werten.

  8. Andererseits … wenn ich mir so wie hier das dr.web blog ansehe, dann sind die Diskutanden durchaus fähige Leute, die sich nicht gleich bekriegen.
    Ich denke es hat in gewisser Hinsicht mit Qualität und auch mit der Spezialisierung der Inhalte zu tun. So ein Blog wie hier, in dem Webworker vorbei schauen, wird wahrscheinlich nicht so schnell von Trollen überfallen, wie ein Polit-Blog.

    Jedenfalls hat man mit einer hohen Besucherfrequenz natürlich jede Menge an Menschen, denen es eben – wie im Artikel erwähnt – egal ist, was man da eigentlich schreibt…

  9. Ich fürchte, hier wird Diskussion mit Streit verwechselt. Der Deutsche hat im allgemeinen eine äußerst miserable Streitkultur. Hier wird immer gleich alles persönlich genommen, die Grenze zwischen Diskussion und Streit ist fließend und wird vom Blogbetreiber selbst gezogen. Wer streitet, sollte lernen zu diskutieren, andere Meinungen zuzulassen und Fehler einzugestehen.

  10. Schöner Artikel. Die Darmtuba ist toll. Und als Domain noch frei. 8-)
    Weiteren Text spare ich mir und damit Lebenszeit für mich beim Schreiben und für alle anderen beim Lesen. Toll, was? 8-)

  11. Hallo Dieter,

    Du schriebst: Zum einen spielt das alte kriminologische Prinzip von der Entfernung zwischen Tat und Täter sicher eine bedeutende Rolle. Bekanntlich begehen Menschen umso leichter umso schwerere Verbrechen, je weiter sie von ihren potenziellen Opfern entfernt sind und je mittelbarer die Auswirkungen der Tat erlebt werden. Will heißen, man rammt jemandem Auge in Auge schwerer ein Messer in die Brust, als dass man einen schweren Stein über eine hohe Mauer wirft und so jemanden erschlägt. Auch Holzklötze von Autobahnbrücken werfen wird in diesem Zusammenhang gern als Beispiel genommen.

    Damit benennst Du ganz präzise ein Grundproblem des Kapitalismus (freie Marktwirtschaft, Recht auf Privateigentum im Sinn des Friedrich Merz), auf das dieser keine Antwort hat.

    Gruß
    Bernhard

  12. Im Allgemeinen: volle Zustimmung. Allerdings gilt, wie überall, Goethes Zauberlehrling (Die Geister, die ich rief …). Wir wollen alle soziale Vernetzung im Web, haben es aber (noch) nicht so richtig gelernt. Das Netz ist in seinen Möglichkeiten einfach schneller als die Hirne der Benutzer. Diese Art Kommunikationskultur muss sich auch erst noch entwickeln. Hinzu kommt der Charakter von Speakers Corner: Jeder stellt sich hin und labert, danach stellen sich andere hin und labern zurück. Passiert ja nix.

    Im Speziellen: Wenn Dr. Web Dein (Dieters) persönlicher Blog wäre, wär’s mir egal, ob hier Artikel über SMS-Spam stehen. Im Gemeinschaftsblog zu einem spezifischen Themenkreis (hierzu bitte nochmal den Beginn des Impressums als Erinnerung lesen) darfst Du Dir auch gefallen lassen, für off-topic-Beiträge kritisiert zu werden.

  13. Ja, ich muss dir auf jedenfall recht geben!
    Es ist wirklich lustig zu lesen … denn wenn man, wie ich, schon länger auf Dr.Web ließt und zum Beispiel den Blog „Schutz vor SMS-Betrügern“ gelesen hat, weiss man auch was du mit: „Da wird beklagt, Beitrag X oder Y passe nicht zum – wohlgemerkt kostenlos lesbaren – Blog und vieles mehr.“ meinst.
    Ich finde es immer wieder heftig zu lesen wie sich manche Leute in Kommentaren an Kleinigkeiten aufhängen und sich über jeden Scheiss aufregen, statt einfach einmal „danke“ für manch wertvolle Info zu sagen.
    Aber Kopf hoch – gemeckert wird immer und gemeckert wird auch immer mehr als gelobt. Also einfach nicht unterkriegen lassen und brav weiterbloggen :>

    mfg Chris

  14. Du schreibst: „wo man nicht identifiziert werden kann, hindert einen anscheinend nicht mal mehr das eigene Gewissen daran, verbal die Darmtuba zu spielen.“

    Das mag so sein, aber gerade in der Zeit der Datensammelwut ist der Umkehrschluß, dass der Wunsch nach Anonymität gleich mangelnde Kommentarqualität bedeutet, nicht zulässig.
    Auch ein gut- und ernstgemeinter, qualifizierter Kommentar kann u.U später gegen mich verwendet werden.

    Diesen Umkehrschluß hast Du zwar gar nicht getroffen :-) , aber dieser Hinweis fehlte hier m.E trotzdem noch (im Hinterkopf habe ich das Usenet, wo Anonymität mit Trolltum gleichgesetzt wird).

  15. Zitat: „Jeder ist Experte für alles, alle anderen sind mindestens schlechter, wenn nicht gleich ganz ahnungslos.“

    Stimmt. Und trifft auf 90% der Blogger gleichermaszen zu. Da Qualität + Anspruch der Artikel immer stärker verwässern, können sich auch immer mehr halbgebildete Deppen vergleichbaren Niveaus zu Worte melden.

    Du beschreibst quasi ein Henne-Ei-Problem.

    cortex

  16. bitte nicht übelnehmen: ich finde der Artikel ist schon „starker Tobak“.
    Alles Geschriebene sehe ich zwar auch so.
    Aber, um es mal so zu sagen, wenn ich ins Wasser springe muss ich doch davon ausgehen, dass ich dabei auch nass werde…

    wie gesagt: war nicht bös gemeint (um nicht mit diesem Kommentar in so eine „Schublade geschoben zu werden“)

  17. Es hat schon Ähnlichkeit mit den frühen Dreißigern, als sich all die Leute zu einer „Community“ zusammenschlossen, die damals beim Rest der Gesellschaft als Bodensatz galten. Plötzlich mussten alle diesen Leuten beim Schreien und Drohen zuhören. So ist es auch heute: Was nicht genau den Geschmack trifft (Musik, Bücher, usw.), wird gnadenlos niedergetrampelt.

    Aber nicht nur die Besucher toben sich auf Blogs aus. Der Blog selbst geht ja auf den Kommentar zurück. Und interessanterweise sind die meisten Blogs anonym, was jeder Webmaster, der seine Logs auf Hotlinking prüft, bestätigen kann. Man kann diese Leute meiner Erfahrung nach auch nicht auf geltendes Recht hinweisen, weil sie dann völlig ausrasten.

    Im übrigen sehe ich, dass der gute Ton des Publizieren, also der Pressekodex, für Blogs (obwohl sie gerne echten Journalismus imitieren) nie gegolten hat und inzwischen auch für echte journalistische Webseiten nicht mehr so richtig gilt. Fast alle servicejournalistischen Blogs sind offen oder verborgen einem Geldgeber verpflichtet. Und viele gehen bei der Gegenleistung sehr weit.

  18. Toll geschriebener Beitrag. Ich kann deine Erfahrungen gut nachvollziehen und bin auch ähnlicher Meinung. Manchmal kommt man leider nicht drum herum Beträge zu löschen.
    Was sich viele Menschen im Netz herausnehmen ist schon krass und würde im realen Leben dank ordentlicher Sozialisation kaum passieren.
    Das social Web 2.0 ist halt auch oft einfach nur assozial…

  19. Danke für den Beitrag.
    Hab ja selber auch einige Foren, Gästebücher, Seitenkommentare, Feedback-Emails.

    Was einem da oft unterkommt ist echt erschreckend.
    Mein Resumee. Gnadenlos weglöschen, was auch nur den Hauch eines Anscheins erweckt ‚Trollen‘ oder Werbung als Zweck zum Inhalt zu haben und Ärger in mir möglichst gar nicht erst aufkommen lassen. Damit hätte der ja sein Ziel erreicht.

    Bei bösen Feddback-Emails, nur kurz zurückschreiben, in etwa ‚ja schade das du das so siehst‘.
    Wenn der andere nochmal in meterlangen email-schreiben antwortet, dann nochmal ein ‚ja da sind wir wohl anderer Meinung‘ hintennach schieben bis ihm die Luft ausgeht.
    Meine kostbare Zeit widme ich dafür mehr der ausführlichen Beantwortung der netten mails ;-)

  20. Diese Ansicht kann ich in vollstem Umfang teilen.
    Besonders, da ich meine den ausschlaggebenden Kommentar gelesen und mit hochgezogener Augenbraue und einem Kopfschütteln abtat.

    Dieser wie jeder Blog oder Webseite an sich, jedes halbwegs persönliches Medium wird sich ein Restrecht an eigener, freier Meinung rausnehmen (dürfen). Zumindest gilt dies für die nicht für ihre geforderte Objektivität bezahlten Medien wie große Tageszeitungen oder die öffentlich rechtlichen Sender.

    Natürlich sind Kommentare immer eine Meinung und jeder darf diese im Normalfall auch äußern, jedoch sollte jede Kritik einen konstruktiven Konsens ihr eigen nennen.

    Ich persönlich begrüße Beiträge, die, aus akutem oder nur gegebenem Anlass, auch mal das Grundthema ausdehnen, oder einem der – man erinnere sich _freiwilligen_ – Autoren die Möglichkeiten zur, mehr oder weniger persönlichen, Meinungsäußerung bieten.
    So weiß man doch, dass sich auf der anderen Seite keine Informationsgeneratoren sitzen…

    …sondern Menschen.

    Danke für die Aufmerksamkeit.

  21. Schön geschrieben! Die „verbale Darmtuba“ hat mir am besten gefallen.

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