Ein Forschungsteam der Seoul National University und der University of California San Diego hat im Mai 2026 ein neues Materialkonzept vorgestellt, das humanoiden Robotern einen Tastsinn verleihen kann. Die Idee: Flüssigkristall-Elastomere kombiniert mit Flüssigmetall ergeben künstliche Muskeln, die nicht nur greifen, sondern ihre eigene Verformung spüren. Im Labor unterscheidet der Roboter-Finger zwischen weichen und harten Bällen und legt sie passend ab.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenHand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt einen Roboter gesehen, der eine Erdbeere unbeschadet greift? Die Antwort lautet meistens: nie. Genau dieses Problem haben Forschende aus Seoul und San Diego nun adressiert, indem sie ein altes biologisches Prinzip neu interpretiert haben.
Das Wichtigste in Kürze
- Forschungsverbund Seoul National University und UC San Diego
- Künstlicher Muskel aus Flüssigkristall-Elastomeren und Flüssigmetall
- Vorbild: menschlicher Muskel-Sehnen-Komplex mit eingebetteten Rezeptoren
- Im Test: Greifer unterscheidet weiche und harte Silikon-Bälle sowie Stoff
Wie der Muskel das Fühlen erfindet

Im menschlichen Körper messen kleine Sensoren im Muskelgewebe permanent Muskellänge und Spannung. Genau diese sogenannten Propriozeptoren erlauben uns, mit geschlossenen Augen zu wissen, wo unsere Hand ist und wie fest sie zugreift. Die Forschenden um den koreanisch-amerikanischen Verbund haben dieses Prinzip ins Material übertragen. Flüssigkristall-Elastomere verändern ihre Form, wenn sich ihre interne Molekülstruktur verschiebt, etwa durch Wärme. Flüssigmetall-Adern im Material funktionieren gleichzeitig als Sensor. Was bisher externe Sensoren erforderte, ist nun integraler Bestandteil des Aktors.
Was der Test im Labor zeigt

Der Versuchsaufbau war einfach gehalten und doch aussagekräftig. Ein Greifer mit künstlichen Muskeln fasste nacheinander Bälle aus weichem Silikon, hartem Silikon und Stoff. Sobald die Finger das Objekt berührten, analysierte das System die Dehnung der künstlichen Sehnen und erkannte zuverlässig den Materialtyp. Anschließend legte der Greifer jedes Objekt zielgenau ab. Das ist Soft Robotics in Reinkultur und genau jene Disziplin, in der die Bionik den größten Hebel auf die Robotik entfaltet. Wer den Unterschied zwischen klassischen Industrierobotern und Soft-Robotik-Systemen genauer verstehen will, findet im Robotik-Glossar die zugehörigen Begriffe wie Aktuator, Compliance und Soft Robotics.
Was in Seoul und San Diego passiert, ist die Antwort auf eine alte Robotik-Frage: Wie spürt eine Maschine, was sie tut. Wenn der Muskel selbst zum Sensor wird, entfällt die Hälfte der Verkabelung und Steuerungselektronik. Das ist nicht nur eleganter, sondern auch billiger. Genau deshalb wird sich diese Architektur durchsetzen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Warum die deutsche Forschung anschlussfähig ist

Die deutsche Robotik-Landschaft sieht das Forschungsergebnis nicht überrascht. Festo arbeitet seit Jahren in seinem Bionic Learning Network an pneumatischen Soft-Aktoren. Das Fraunhofer IWS Dresden kombiniert Finray-Greifer mit integrierter Sensorik im Projekt BioGrip. Die Hochschule Darmstadt forscht an dehnbaren Elektrodenmaterialien, das KIT in Karlsruhe an Schalt- und Sensormaterialien. Anschluss an die Seoul-San-Diego-Architektur ist also möglich, der Vorsprung liegt aber in den USA und Asien. Wer als deutscher Mittelständler in dem Feld mitspielen will, sollte Kooperationen mit den genannten Instituten suchen.
Wo die Kühlung noch hakt

Die Forschenden räumen eine wichtige Schwäche ein. Bei wiederholten Bewegungen staut sich Wärme im Material, was die Zugkraft mindert. Künftige Versionen sollen das mit dünneren Schichten oder aktiven Kühlelementen lösen. Bis dahin bleibt die Architektur ein Labor-Konzept, das für Industrieanwendungen weiter optimiert werden muss. Wer die Entwicklung im Auge behalten will, sollte die Publikationen der beiden Universitäten regelmäßig prüfen.
Was Entscheider mitnehmen sollten

Drei Erkenntnisse sind relevant. Erstens: Die Verschmelzung von Aktuator und Sensor in einem einzigen Material ist der nächste große Schritt in der Soft Robotics. Zweitens: Deutsche Forschung ist anschlussfähig, aber nicht führend. Wer mitgestalten will, sollte Kooperationen mit Festo, Fraunhofer IWS, KIT oder Hochschule Darmstadt anstreben. Drittens: Anwendungen in Lebensmittel-Sortierung, Medizintechnik und Mensch-Maschine-Kollaboration sind absehbar. Wer dort produziert, sollte Pilotprojekte vorbereiten. Die nächste Generation taktiler Roboter steht in den Startlöchern, und sie wird die Branche so verändern, wie das Smartphone die Telefonbranche verändert hat.
Die Botschaft ist klar: Wenn Materialien selbst zu Sensoren werden, verschiebt sich das Spielfeld der Robotik. Deutsche Mittelständler haben eine kurze Frist, um sich zu positionieren. Wer wartet, kauft 2028 importierte Lösungen, statt sie 2027 mitzuentwickeln.
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