Dieter Petereit 24. Mai 2018

Jurassic Work: Webdesigner sterben aus

Sterben Webdesigner aus oder hat es sie nie gegeben? Vielleicht waren sie auch nur eine Interimserscheinung auf dem Weg in die vierte industrielle Revolution. Jetzt jedenfalls ist ihre Zeit vorbei, wenn sie überhaupt jemals da war.

Die Anfänge des Webdesign

Diejenigen unter euch, die schon länger im Webdesign unterwegs sind, können sich vielleicht noch an die guten alten Neunziger erinnern. Wir begannen damit, Websites auf Bildschirmgrößen von 640 x 480 Pixeln (VGA) zu optimieren, wobei optimieren bedeutete, dass unsere Designs bei dieser Bildschirmbreite gut und bei kleineren fürchterlich aussehen würden.

Gegen Ende der Neunziger setzten sich so langsam aber sicher SVGA-Monitore durch und wir stellten die „Optimierung“ auf 800 x 600 Pixel um. Anfang der Nuller gab es dann einige Diskussionen um die Verbreitung des XGA-Standards. Keiner wollte so recht auf 1.024 x 768 Pixel gehen, weil die Zahl der SVGA-Verwender immer noch hoch war. Der Kompromiss bestand darin, das Design auf SVGA zu belassen und es auf dem Screen zu zentrieren. So sah es wenigstens noch halbwegs in Ordnung aus. Diese „Optimierung“ auf SVGA hielt sich recht lange und wurde nur überaus zögerlich durch XGA, also 1.024 x 768 Pixel, ersetzt.

Alle diese Bildschirmbegrenzungen hatten eines gemeinsam: Sie bildeten den fixen Rahmen für unsere Gestaltungsideen. Sie waren unsere Leinwand. Das war eine Metapher, mit der wir etwas anfangen konnten.

Webdesign entstand aus Printdesign

Die meisten von uns kamen damals aus dem Printdesign. Was logisch war, denn wo hätten so plötzlich Webdesigner herkommen können, wo das Medium an sich eben erst entstanden war? Und als solche waren wir es natürlich gewohnt, mit vorgegebenen – oder jedenfalls definierten – Maßen zu gestalten.

Design zu Fuß. (Foto: Depositphotos)

Aus eben diesem Umfeld entstanden auch alle mir bekannten Designtools. Egal, um welche Software es sich handelte – eine neue Datei musste immer unter Angabe bestimmter Maße definiert werden, ob in Zentimetern, Zoll oder später in Pixeln.

Das war nicht nur logisch, sondern auch ausgesprochen praktisch. Denn auf diese Weise konnten wir direkt mit Bezug zum Endprodukt arbeiten und mussten nicht allzu sehr abstrahieren. Niemand stellte den fixen Größenbezug infrage.

Mobile Webnutzung zerstört die Idylle

Ende der Nuller bekamen wir es dann mit Smartphones zu tun. Diese kleinen Geräte konnten ebenfalls das Netz der Netze nutzen und sollten das auch sinnvoll können. Das mobile Webdesign entstand.

Zunächst einigten wir uns darauf, eine separate mobile Seite zur eigentlich Desktop-Seite hinzuzufügen. Diese mobile Seite war typischerweise als Subdomain angelegt und übernahm nur diejenigen Inhalte aus der Hauptseite, die wir für mobil-relevant hielten. Über Design sprach niemand. Diese Seiten mussten nur funktionieren, hatten dabei aber den gestalterischen Charme eines Einkaufszettels.

Wie schnell sich dann die mobile Nutzung entwickelte, hat uns alle überrascht. Innerhalb weniger Jahre bekamen wir es mit Dutzenden und Aberdutzenden verschiedener Bildschirmauflösungen zu tun. Zudem wollten sich weder Seitenbetreiber noch Benutzer länger mit abgespeckten Mobilseiten zufriedengeben. Und tatsächlich schritt die Technologie so schnell voran, dass das auch gar nicht erforderlich war. Die Idylle war eindeutig dahin.

Mindestens drei Breakpoints gleichzeitig. (Foto: Depositphotos)

Persistierende Anachronismen, oder: Die Designtools zogen nicht mit

HTML5, mit den Bestandteilen HTML, CSS und JavaScript, erlaubt es uns, responsiv auf unterschiedliche Geräte zu reagieren und unsere Designs entsprechend anzupassen. Solange wir das recht grob angingen, also mit Media Queries für drei verschiedene, wiederum vordefinierte Bildschirmbreiten, konnten wir mit den etablierten Designtools weitermachen, als wäre nichts geschehen. Anstelle eines Mockups, wie früher, bauten wir nun eben drei für die typischerweise drei verschiedenen Geräteklassen und konnten so wieder Dateien mit Pixelgrößen definieren.

Eng wird es allerdings, wenn wir über vollständig fluides Design sprechen, also über voll responsive Websites. Wie gestalten wir mit Photoshop, Illustrator, Sketch und anderen Tools, wenn wir keine Bildschirmreferenzen mehr haben?

Das ist der Punkt, an dem die Trennung zwischen Webdesigner und Webentwickler endgültig zerbricht. Wer künftig als Designer nicht entwickeln oder als Entwickler nicht designen kann, wird es sehr schwer haben. Da nutzen auch PSD-to-HTML-Dienstleister nicht. Ich schätze, diese werden recht kurzfristig vom Markt verschwinden.

Die Leinwand der Zukunft ist unendlich groß

Mit diesem Wandel werden gängige Designtools mit ihren gängigen Anwendungszwecken weniger wichtig als bislang. Wir werden keine Mockups mehr auf Hartschaumplatten kleben und dem Kunden präsentieren. (Gut, das tue ich seit rund zehn Jahren ohnehin schon nicht mehr, aber das Prinzip hat überlebt.) Wir benötigen Designansätze, die von klein bis groß gleichermaßen gut funktionieren.

Affinity Designer 2018 (Screenshot: Serif)

Tools, die uns zwingen, eine Pixelgröße zu definieren, bevor wir einen Canvas angezeigt bekommen, können wir so nicht mehr gebrauchen. Damit werden diese Tools nicht etwa nutzlos – aber ihre Nutzung verschiebt sich in den kleinteiligeren, entwicklungsnäheren Bereich.

Künftig gestalten wir Komponenten, nicht Seiten

Anstelle einer kompletten Homepage gestalten wir künftig einzelne Komponenten, etwa den Header oder das Anmeldeformular oder was sonst der Gestaltung bedarf, individuell unter Einhaltung der Konventionen aus den immer wichtiger werdenden Styleguides.

Design versteht sich künftig immer mehr als Microdesign, etwa bei der Gestaltung der essentiell wichtigen Mikrointeraktionen, die allerdings nicht reines Design sind, sondern wegen der beteiligten Funktionalität in erster Linie Entwicklung.

Seiten gibt es, trotz aller irreführenden Metaphorik, nicht mehr. „Page” als Begriff für ein aufrufbares Web-Dokument hat ausgedient.

Frameworks werden wichtiger

Natürlich gibt es einzelne Komponenten, wie den Header oder Illustrationen irgendwo zwischendrin, die nach wie vor typische Designaufgaben darstellen. Der weitaus größere Teil einer Website wird jedoch aus Entwicklertätigkeiten entstehen, die mit „schönen Künsten” nicht viel zu tun haben.

Anstelle statischer Mockups erstellen wir dynamische Prototypen, die möglichst schnell (Stichwort: Rapid Prototyping) gebaut sind und wenigstens rudimentär funktionieren.
In diesem Prozess ist die Tool-Kategorie der Frameworks weitaus wichtiger als jene der klassischen Design-Werkzeuge.

Bootstrap oder Zurbs Foundation bieten zum einen einen Rahmen für die erforderlichen Features und kommen zum anderen selbst mit einer durchdachten Sammlung vorgefertigter Elemente für den schnellen Einbau. So eignen sich diese Frameworks nicht nur als Unterbau für moderne Websites, sondern ganz besonders für das schnelle Erstellen erster Prototypen für Benutzeroberflächen.

Der Haken an der Sache ist, dass keines der Frameworks ohne Code-Kenntnisse verwendet werden kann, also nicht für den klassischen Designer-Typus geeignet ist. Nichtsdestotrotz bedarf es beim Einsatz von Frameworks der Fähigkeiten eines Designers, denn auch nicht rein optische Aufgabenstellungen, wie etwa jener der Erstellung einer vernünftigen Informationsarchitektur, müssen nach wie vor erledigt werden.

Es wird Zeit für den entwickelnden Designer oder den gestaltenden Entwickler

In großen Agenturen mögen reine Designer noch eine Zukunft haben, auch wenn sich die Schnittstelle zum Entwickler immer mehr verbreitert, also unklarer wird, was umgekehrt genauso gilt. In kleinen Agenturen werden es diejenigen Bewerber am leichtesten haben, die beide Skillsets miteinander verbinden. Der Freelancer hat eh keine Alternative.

Von daher ist es kein Wunder, dass in diesen Umbruchzeiten Dienstleister wie Webydo oder Wix erheblichen Zulauf verzeichnen. Die beiden großen Homepage-Baukästen sind in jüngerer Zeit dazu übergegangen, den professionellen Designer zur neuen Zielgruppe zu zählen. Dies soll gelingen durch haufenweise vorgefertigte Code-Module (als Entwicklerersatz) und eine Infrastruktur, die es sogar erlaubt, Rechnungen an Kunden zu schreiben. Diese Systeme wollen die Geschäftsgrundlage für reine Designer bilden.

Müsste ich eine Wette abschließen, würde ich wetten, dass dieser Ansatz vielleicht einige Jahre funktionieren, letztendlich jedoch scheitern wird, weil die Anforderungen an Websites sich auch in Zukunft immer mehr in Richtung Entwicklung verschieben werden.

Quellen zum Weiterlesen

  • Making the switch to Sketch | Liquorice (mit Beispielen zum Atomic Design mit Sketch)
  • On Design Tools and Processes | Viljami Salminen (mit vielen Beispielen zur nicht erfolgten Veränderung hergebrachter Designtools)
  • Declarative Design Tools | Jon Gold (entwickelte sogar ein eigenes Tool namens Rene)
  • Designing Systems | Brad Frost
  • Design auf kleinster Fläche: Atomisierung ist die Zukunft | Dr. Web

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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7 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel mit auf den ersten Blick verstörender Überschrift :-) Ja die Zeiten haben sich geändert aber es ist gut zu sehen, dass der Fortschritt nicht nur schlechtes mit sich bringt sondern auch dafür sorgt, dass selbst kleinere Projekte durch diverse Teildisziplinen wie Content und SEO neben dem Design und der technischen Anpassung den Mensch und Fachmann eher noch unentbehrlicher machen als das vorher der Fall war. Das nimmt den Baukästen doch etwas den Schrecken, außerdem schnell & günstig Lösungen gibt’s in jeder Branche und es wird immer die geben, die das nicht haben wollen, sondern was solides mit Beratung und Dienstleistung hinten dran. Grüße!

  2. Wunderbar! Dein Beitrag bestärkt mich in meiner Idee: https://frontend-entwickler.ch/
    Herzlichen Dank.

    • Hübsche Seite, und tolle Idee. Eine zeitnahe, anwendungsbezogene Ausbildung in der Frontend-Entwicklung wäre definitiv ein grosses Plus. Ich weiss jetzt nicht wie es ausserhalb der Schweiz mit dem Angebot aussieht, jedoch wird man hier immer noch gezwungen, sich entweder in die grafische- oder eben technische Richtung fortzubilden. Es gibt ja schon Versuche, die verschiedenen Bereiche miteinander zu verknüpfen (wie z.B. die Ausbildung als Mediamatiker), jedoch werden da schon wieder zu viele Themenbereiche angeschnitten, als dass daraus (ohne zusätzliches Selbststudium) ein anständiges Skillset entstehen könnte.

      • Danke, Daniel. Seit meinem Dank hier an Dieter sind wir ein ganzen Stück weiter. Ich bin ganz guter Dinge, dass man hierzulande bald Jugendliches ein neues Angebot auf dem Lehrstellenmarkt kriegen. Bleib dran.

  3. Der Beitrag gefällt mir und ist gut verfasst :) und im hinblick auf die Zukunft völlig richtig. Momentan jedoch sind Designer für größere Konzerne immernoch sehr wichtig. Die meisten newbies verstehen das nicht, weil sie den Sinn nicht verstehen was ein echtes Branding und dessen Gewicht ausmacht. Ebenso in der Entwicklung. Nur die neuesten Entwicklungssprachen zu kennen, bringt einen net weit. Seit über einem Jahrzent befinde ich mich nun selber in dieser übergangsphase von der du Schreibst, und seit über einem Jahrzent Entwickle und Designe ich Responsive Plattformen. Und erst in den letzten zwei Jahren ist das Wort „Responsive“ überhaupt richtig angekommen, was bedeutet das es minimum weitere zehn Jahre dauern wird bis das was du geschrieben hast, endgültig angekommen ist. Viele sagen „warum soll ich mir das antun? warum den alten schlonz mir aneignene?“ ganz einfach … weil da noch die richtige Kohle fließt. Ich persönlich würde ohne einen erfahrenen Designer und Typografen untergehen. Es geht hierbei um die Details die man als Amateur nicht weis, sieht oder nicht versteht. „Noch“ ist Fachwissen lukrativ. Die Zukunft gehört den YT-Videos und dem dessinteresse das Ganze zu sehen und zu verstehen. Adieu Qualität.

  4. Vielen Dank für den informativen Beitrag.

    Als allein arbeitender, selbstständiger Webdesigner war die Frontend-Entwicklung schon immer ein fester Bestandteil meiner Arbeit, Design-Tools habe ich immer abgelehnt – zum Glück. Gepaart mit Knowhow in der Backend-Entwicklung kann man so auf eigentlich alle Kundenwünsche eingehen.

    Ich hoffe wirklich, dass die ganzen Homepage-Baukästen in Zukunft an Nutzer verlieren und dass die Menschen wesentlich für die Notwendigkeit von guten Webseiten sensibilisiert werden.

  5. Ich erinnere mich noch daran, dass ich früher mal Flash-Designer war. Dann wurde daraus Flash-Entwickler. Und am Ende war das Flash weg (obwohl es nach wie vor die überlegenere Technologie war, egal was alle Anfang/Mitte 20 behaupten).

    Der frühe Webdesigner hat ja noch keine Beschränkungen von Seiten der Nutzungsgewohnheiten erlebt. Da durfte man noch designen, und das halt für das Web. Heute ist der Webdesigner jemand der im Web designt, egal was.

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