Dieter Petereit 31. Juli 2017

Irrweg Selbstoptimierung: Bleib einfach, wie du bist

Gerade Freelancer sind anfällig für einen Trend, der schon seit den Achtzigern existiert, aber seit einigen Jahren immer mehr an Fahrt aufnimmt. Er nennt sich Selbstoptimierung, oder imposanter und im Original: Self Improvement.

Du hast noch Potenzial

Self Improvement bedeutet in wörtlicher Übersetzung eigentlich Selbstverbesserung. Und damit haben wir auch schon eines der Hauptprobleme des Trendes identifiziert. Allein die gesellschaftliche Grundhaltung in den westlichen Industrienationen verhindert, dass wir den Hokuspokus schon beim ersten Hören erkennen und verwerfen.

Ich war selbst sehr lange Zeit, gute zwanzig Jahre, ein Verfechter der Selbstoptimierung. Eine durch die gängigen Erziehungsstrategien der Nachkriegsjahrzehnte antrainierte Skepsis gegenüber den eigenen Möglichkeiten machte mich wohl anfällig. Heutzutage mag es weniger an der Erziehung, dafür mehr am Umfeld liegen, dass die gleiche Skepsis bei jüngeren Menschen fortbesteht. Schließlich siehst du jeden Tag auf Instagram, Facebook und den ganzen anderen Lebenszeitvernichtern, welch tolle Leben jene führen, denen du folgst. Mein Haus, Mein Boot, Mein Auto. Anscheinend wohnst nur du zur Miete und hast kein Boot.

Auf einem geringeren Aufgeregtheitslevel, da wo dir die Boote der anderen egal sind, kommst du dennoch sehr leicht auf den Gedanken, dass du mehr aus deiner Zeit herausholen könntest, ja müsstest, als du es derzeit tust. Die Blogs der Konkurrenz strotzen nur so vor Erfolgsgeschichten, während du gerade ganz normal deinen Lebensunterhalt erwirtschaftest. Dein Chef gibt auch immer wieder Signale, dass er mehr Leistung durchaus begrüßen würde.

Irgendwie geriet ich also auf die schiefe Bahn und begann, mir Ratgeber um Ratgeber zu kaufen. Die meisten erwiesen sich als mit Allgemeinplätzen gefüllter Schund, manche schafften es, mir tatsächlich zu höherer Leistung zu verhelfen. So ging das bis vor zwei Jahren. Ich war stets auf der Suche nach Möglichkeiten, mich zu verbessern, meine Produktivität zu steigern und war konsequent bereit, mich in Frage zu stellen.

Du bist doch keine Maschine

Was ich nicht merkte war, dass ich es längst übertrieben hatte. Das machte mir mein vegetatives Nervensystem am Silvestermorgen 2015 dann unmissverständlich klar, indem es mich auf die Bretter schickte, ohne mich vorzuwarnen. Nach einem Ärztemarathon stellte sich ein Überlastungssyndrom als Verursacher heraus. Seitdem hinterfrage ich die Dinge, die ich tue nicht nur inhaltlich, sondern auch formal. Muss ich das tun und wenn es schon ja heißt, wie muss ich das tun?

Dabei steht die Performanceoptimierung an keiner Stelle mehr im Fokus. Ich lehne es ab, weiterhin davon auszugehen, dass ich dauerhaft unfertig, fehlerhaft bin und stetig nach Verbesserung zu suchen habe. Und das sollte eine gesellschaftliche Grundhaltung werden. Eines meiner Lieblingszitate eines Wirtschaftslenkers, der mit Burnout lange ausfiel und danach gefragt wurde, welchen Tipp er den Menschen geben würde, ist dessen Antwort: „Protect the Assets.“ („Schütze die Aktivposten“, gemeint bist du selber).

Gängige Sprüche, wie „Sleep is for the Weak“ (Schlaf ist für die Schwachen), funktionieren für eine Weile. Ich kenne das. Aber auf lange Sicht ist alles, was dich beschleunigt, schädlich. Dauerhafte Leistungsfähigkeit ist nur durch „Protect the Assets“ zu erreichen. Das Stichwort lautet also nicht „Beschleunigung“, wozu Selbstoptimierung schon per Definition stets führt, sondern „Entschleunigung“. Klar, du kannst heute durcharbeiten, morgen auch. Das macht dir nichts. Aber ich verspreche dir, dein Körper vergisst das nicht. Und in zwanzig Jahren, wenn du immer noch arbeiten musst, kannst du es plötzlich nicht mehr. Vermeide das.

Nach dem Umbruch, den ich für mich gestalten musste, kommt mir das schnelle Leben der Zeit vor dem Zusammenbruch unwirklich vor. Aus heutiger Sicht kann ich die allermeisten Entscheidungen und Verhaltensweisen früherer Jahre nicht mehr nachvollziehen. Und natürlich habe ich alle Selbstoptimierungsratgeber weg geschmissen.

Du arbeitest, um zu leben, nicht umgekehrt

Stattdessen habe ich mir eine kleine Bibliothek mit Büchern angelegt, die nicht „Werde besser“ predigen, sondern die sagen „Bleib, wie du bist“ bzw. entschleunige noch etwas mehr. Das Interessante ist, nachdem ich mich anderthalb Jahre mit den Entschleunigungsstrategien beschäftigt habe, stelle ich fest, dass meine Produktivität eher zu-, als abgenommen hat.

Ich erledige nur die Dinge nicht mehr alle gleichzeitig und bis in die Nächte und Wochenenden hinein. Ich schreibe nicht schon abends meine Todo-Liste für den nächsten Tag und ich habe auch keine Bucket-List, auf der steht, wo ich in zwei, fünf und zehn Jahren sein will. Ich stehe nicht um fünf auf, um eine Stunde zu joggen und eine Stunde zu lesen, bevor ich nach einem gebutterten Kaffee ins Büro fahre.

Du bist nicht perfekt, aber auch nicht defekt

Stattdessen tue ich einfach, was getan werden muss, in der unaufgeregtesten Art, die mir möglich ist. Ich hetze nicht mehr von Möglichkeit zu Möglichkeit, von Chance zu Chance. Ich bin kein Getriebener mehr. Ich begreife mich zwar nicht als perfekt, sähe also durchaus noch Optimierungspotential. Ich weigere mich jedoch, mich als defekt zu empfinden, als etwas, dass der Verbesserung bedarf, um überhaupt konkurrenzfähig zu funktionieren.

Denn das ist lediglich die Illusion, die in unseren Köpfen entstehen soll, damit wir a) die Self-Improvement-Päpste und b) unsere Arbeitgeber reich machen, die von der daraus entstehenden, geradezu freiwilligen Ausbeutung prima leben können. Wenn du nicht mehr kannst, wird der nächste geholt, bis sich der auch aufgerieben hat. Genügend menschliche Ressourcen gibt es ja. Ich verstehe Verbesserung heutzutage umgekehrt. Nicht schneller werden, sondern gelassener. Nicht mehr arbeiten, sondern weniger.

Worin besteht nun also der Königsweg? Für mich ist die Sache klar. Ich plädiere für „Bleib, wie du bist“. Präziser formuliert bedeutet das, achte darauf, dass du die wirklich wichtigen Dinge ordentlich im Griff hast, aber verzettele dich nicht in den Details. Lass dich nicht jagen, egal von wem. Als Angestellter hast du in der Regel einen 40-Wochenstundenvertrag unterschrieben. Lass es dabei. Als Selbständiger sei eher noch restriktiver mit deinem Einsatz, denn du bist dein wichtigstes „Asset“ und wenn du ausfällst, ist Sense.

Also, bleib wie du bist, es sei denn, du bist schon auf dem Irrweg der Selbstoptimierung. Dann kehr so schnell wie möglich um. Am besten sofort.

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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5 Kommentare

  1. Bin jetzt erst auf diesen tollen Artikel gestoßen und kann im Großen und Ganzen zustimmen. Man lässt sich wirklich oft viel zu sehr stressen. Allerdings finde ich es nicht schlecht sich ToDo- oder Bucketlisten zu machen. Wer eine Übersicht über das hat, was er/sie noch machen will, nicht machen muss, hat nicht zwangsläufig Stress, sondern kann so seinen Kopf entlasten. Wobei eine Bucketlist für mich auch grundsätzlich etwas positives ist, weil es eben die Sachen zeigt, die man mal gemacht haben will. Ich hab so eine Liste und ich durfte im Juli einen Fallschirmsprung streichen. Habe den Sprung im Allgäu gemacht und bin dafür extra von Frankfurt aus angereist. Ist wirklich ein schönes Fleckchen. Kann das Allgäu als Urlaubsgebiet auf jeden Fall nachvollziehen. Da kann man auch gut entschleunigen :) …

  2. Ein wunderbarerer Artikel. Ich finde du fast die Problematik wunderbar zusammen.

  3. Danke Dieter,

    genauso sehe ich das auch. Ein bisschen auf sich acht geben schadet ganz bestimmt nicht, aber krampfhaft eine Version 2.0 werden ist krankhaft. Jedenfalls nimmt es Auswüchse und Formen an, wo ich mir nur denke, „macht ihr mal“… Ohne mich ;) Geh mir gleich erstmal ne Pommes holen…

    Gruß
    Daniel

  4. Wie wahr! Wir müssen endlich lernen, uns unser Ziel selbst zu setzen. Und dieses Ziel muss keineswegs immer „mehr“ heißen.

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