Dieter Petereit 17. April 2018

Informationsarchitektur für Fortgeschrittene: Viele Wege, ein Ziel

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Wenn du dich erstmalig mit Informationsarchitektur beschäftigst, lernst du, einen linearen Informationszugang zu bevorzugen. So habe ich es dir auch in meinem Beitrag mit den Basics zum Thema vermittelt. Dabei sind aber nicht alle Anwendungsfälle gleich. Bisweilen ist vielmehr eine flexible Informationsarchitektur gefragt.

Die Fehlerquelle Mensch

Lineare Informationsarchitektur bezeichnet eine Konstruktion, in der es stets nur einen vordefinierten Weg zum Ziel gibt. Nutzer in linearen Systemen arbeiten Aufgaben entlang der vorgegebenen Pfade ab und können nur so und nicht anders zum Ziel zu gelangen. Diese Vorgehensweise ist aus Sicht des Designers nicht uninteressant.

Jeder im weitesten Sinne in der IT tätige Mensch weiß, dass das größte Problem der Computerei in kurzem Abstand vor dem Gerät zu finden ist. Insofern ist es seit Jahrzehnten etablierte Praxis, die Fehlerquelle Mensch so weitgehend wie möglich auszuschalten. Das funktioniert sehr gut, indem du den Nutzer stark gängelst und ihm kaum Freiheiten lässt.

Geben wir dem Menschen genau einen Weg vor, so kann er keinen anderen nehmen. Das klingt plausibel und ist es auch. Zumindest dann, wenn der Anwendungszweck dieses Mittel heiligt.

Flexible Informationsarchitektur will akribisch geplant sein. (Foto: StartupStockPhotos)

Das kann der Fall sein, wenn es etwa darum geht, per App eine Taxifahrt abzuwickeln. Hier wählt das System den Standort per GPS vor. Der Nutzer gibt sein Fahrziel ein. Das System sucht den nächstgelegenen Fahrer und schickt ihn zum Nutzer. Am Ende der Fahrt zahlt der Nutzer über das System und hinterlässt eine Bewertung. Flexibilität wäre hier wohl völlig fehl am Platze und die einfache Bedienung ist sicherlich einer der Gründe für den Erfolg solcher Apps (neben den Fahrpreisen natürlich).

In weniger simplen Umgebungen wirkt eine zu schlichte und zu lineare Informationsarchitektur hingegen wirklich wie eine unnötige Gängelei. Generell sollten Nutzer stets das Maß an Freiheit zur Verfügung haben, das sie sich persönlich wünschen, soweit dieser persönliche Wunsch mit einer gewissen Sinnhaftigkeit in Einklang mit dem Anwendungszweck zu bringen ist.

Selbst wenn dieser Einklang gegeben ist, bleibt die nonlineare Informationsarchitektur ein Eiertanz. Denn das Frustrationspotenzial steigt mit jedem möglichen Weg von A nach B. Und frustrierte Nutzer will natürlich keiner von uns.

Wege zu mehr Flexibilität

Ein Weg, den starren linearen Vorgang aufzubrechen, könnte sein, nach Nutzern zu unterscheiden: Handelt es sich um einen technisch wenig versierten, vielleicht sogar unerfahrenen Nutzer oder haben wir es mit einem Poweruser unserer Dienste zu tun?

Im letztgenannten Fall könnten wir durchaus die Zügel lösen und dem loyalen Nutzer mehr Freiheiten einräumen. Auf der psychologischen Ebene dürfte eine solche Vorgehensweise seine Loyalität sogar noch verstärken. Ein Neuling hingegen, wird sich eher über die deutliche Unterstützung freuen.

Flexible Informationsarchitektur ist ein Vertrauensbeweis für die Nutzer. (Foto: StartupStockPhotos)

Ein anderer Weg könnte darin bestehen, nach Aufgaben zu unterscheiden: Wenn deine Website und App es erlauben, unterschiedliche Aufgaben zu erledigen, so unterscheide nach deren Komplexitätsgrad. Schwierigere Tasks gehst du linear an, weniger komplexe nicht linear.

Günstig kann es auch sein, den Nutzern innerhalb eines komplexeren Tasks mehr Entscheidungsspielräume zu geben. Auf diese Weise bestimmen die Nutzer, von wo aus der Weg wohin weitergeht. Das unterstützt ebenfalls das Gefühl der Selbstbestimmtheit.

Nichtlineares Design beschränkt sich aber nicht auf diese relativ großen Prozesse. Den Unterschied kannst du auch im Detail schon machen. Gib deinen Nutzern etwa verschiedene Möglichkeiten, von A nach B zu kommen – zum Beispiel, indem du einen Zurück-Button vorsiehst, um einen Schritt oder eine Seite rückwärts zu gelangen und gleichzeitig etwa unter iOS auch die entsprechende Swipe-Geste vom rechten zum linken Bildschirmrand unterstützt.

Mach die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher

Wichtig ist dabei nur, dass die unterschiedlichen Möglichkeiten sich nicht gegenseitig im Weg stehen oder sogar widersprechen. Auch unterschiedliche Wege müssen sich vollkommen natürlich anfühlen und gehen lassen.

Kritiker der etablierten Step-by-Step-Nutzerführung wenden ein, dass es sich hierbei vielfach um Beispiele für ein Phänomen handelt, vor dem uns einst Einstein warnte, als er sagte: „Mach die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher”. Handelte es sich tatsächlich um eine Übervereinfachung, dann müssten wir schon kurz- bis mittelfristig mit negativen Konsequenzen rechnen.

Legen deine Besucher- oder Nutzerstatistiken einen Engagement-Rückgang nahe, solltest du spätestens mal ein kritisches Auge auf deine Informationsarchitektur werfen.

Quellen zum Weiterlesen:

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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