Dieter Petereit 5. November 2018

Think Different ist eine Illusion

Du befindest sich in einem Raum mit zehn weiteren Personen. Diese Personen scheinen sich zu einem Thema völlig einig zu sein, aber du bist genau entgegengesetzter Meinung. Sagst du etwas? Oder schließt du dich der Mehrheit an? Diese Fragestellung behandelt eine Studie des Wissenschaftsjournals Neuron auf CNN. Die Antworten sind eindeutig. Think Different ist eine Illusion.

Neuronale Errorcodes

Im Grunde ist die Erkenntnis, dass Menschen einen ausgeprägten Herden-Trieb haben, nicht wirklich neu. Bereits seit Jahrzehnten zeigen wissenschaftliche Versuche kontinuierlich, dass wir zur Konformität mit der Masse neigen. Dabei ist diese Erscheinung dermaßen verlässlich ist, dass man sie sogar visualisieren kann. Moderne bildgebende Verfahren zeigen sichtbare Fehlersignale im Hirn. Diese treten offenbar stets dann auf, wenn man in einer Gruppensituation erkennt, dass man nicht der Mehrheitsmeinung ist.

Das Belohnungszentrum im Hirn fährt seine Aktivität nach unten, was dazu führt, dass man sich als „zu anders“ empfindet. Laut Studienleiter Klucharev interpretiert das Hirn eine Abweichung von der Mehrheitsmeinung als Bestrafung. Diese Effekte treten übrigens auch dann auf, wenn die Mehrheitsmeinung objektiv falsch ist.

Die Forscher-Erklärung erwäschst aus der Menschheitsgeschichte. Als unsere Vorfahren noch wilde Tiere jagen mussten, war es einfach sicherer, sich in einer Gruppe zu bewegen. Außenseiter wurden gern gefressen. Sowas sitzt natürlich tief…

Bevor der mich frisst, bin ich lieber deiner Meinung. (Bild: Depositphotos)

Moderne  Digital-Rotten

Was bedeutet eine solche Erkenntnis nun beispielsweise für das sog. soziale Netz? Auffällig ist doch, dass sich im Social Web alles um das Thema Kontakte dreht. Wer hat die meisten Follower auf Twitter? Wer hat die meisten Freunde auf Facebook?

Manch einer sagt, hier geht es um Relevanz, viele sprechen von Beliebtheit. Manch einer sieht viele Kontakte nüchterner als seine Geschäftsgrundlage, obwohl ich niemanden kenne, der per Social Web zu Aufträgen kommt, es sei denn, er betreibt eins oder ist Berater für so Zeug. Alle Social Webber fingieren sich demnach schön klingende Erklärungen zusammen, während die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Danach geht es vielmehr um folgende Fragen:

  • Wer ist besonders gut und tief in der Gruppe eingebettet?
  • Wen erreichen deshalb die wilden Tiere außen rum am schlechtesten?
  • Welche Rotte bietet den besten Schutz vor den Gefahren der Umwelt?

Auf dieser Ebene kann ich das Engagement der Vielen sogar nachvollziehen, wo ich doch ansonsten ein erklärter Kritiker der ganzen sozialen Netze bin. Lange habe ich mich auch gefragt, warum in Web-2.0-Diskussionen häufig niemand wirklich an Argumenten interessiert ist.

Dank Klucharev weiß ich heute warum. Aber ich bin nicht froh über diese Erkenntnis…

(Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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