Sven Lennartz 5. März 2005

Frechheit siegt

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Neue Ideen bürsten nicht selten etablierte Vorgehensweisen kräftig gegen den Strich. Wer etwas riskieren will, muss sich auch trauen. Ohne Produkt und Leistung geht es nicht, doch ein Versprechen reicht manchmal schon aus.

Der Verkauf von „heißer Luft in Tüten“ ist gewiss alles andere als seriös. Möchte man meinen. Doch es geht tatsächlich. Wie bitte?

Der Spielehersteller Blizzard schaffte es für sein Online Rollenspiele Word of Warcarft (fast) leere Kartons gegen gutes Geld abzusetzen. Das limitierte, so genannte Pre-Order-Paket enthielt keineswegs ein fertiges Spiel. Wer es bestellte, bekam einen Zugang zu einem Beta-Test, dessen Termin nicht feststand und dessen Software man selbst aus dem Netz herunterladen musste. Außerdem mit von der Partie: ein Versprechen auf einen Gutschein für das Monate später fertig gestellte Spiel – das man sich natürlich auch aus dem Internet herunter zu laden hatte.

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Eine clevere Idee. Immerhin handelt es hier um ein Produkt, das mehrere Jahre an Entwicklungszeit in Anspruch nimmt, da tut es gut die Kasse schon vorher ein wenig füllen zu können. Möglich war das natürlich nur, weil man es schaffte Begehrlichkeiten zu wecken.

Die Spieleschmiede nutzt den Hype, den man um das eigene Projekt in zäher Arbeit innerhalb der Zielgruppe kreiert hat. Jahrelange, intensive PR tat ihre Wirkung. Man fühlt sich an Windows 95 erinnert, das über einen enorm langen Zeitraum immer wieder Gegenstand von Berichten – vor allem natürlich in der Fachpresse – war. Der eigentliche Verkaufsstart musste da einfach ein Erfolg werden. Wenn das Interesse da ist, lassen sich also durchaus auch Beta-Versionen zu Geld machen. Blizzard ist nicht das erste Unternehmen, dem das gelang.

Der Verlag „hellblau“, neu am Markt, nutzt eBay als Plattform für ein ungewöhnliches Projekt. Eines der Bücher wird scheibchenweise versteigert. 120 Seiten werden via Auktion feilgeboten. Wer den Zuschlag erhält, darf seine Buchseite mit eigenen Inhalten füllen. Es wird genug zusammen kommen, um die eh nicht hohen Druckkosten aufzubringen, für eine positive Bilanz sollte es ebenfalls reichen.

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Der größte Gewinn allerdings ist die PR, die dem Verlag das Projekt eingetragen hat. Mehrere Berichte in der überregionalen Presse sorgen für einen Schub an Bekanntheit. Die fertigen Bücher werden – wie es nicht besser passen kann – später auch über eBay verkauft. Der tatsächliche Inhalt ist völlig zweitrangig und eh kaum darstellbar. Ausreichend Interessenten wird es für die 1500 Exemplare wohl geben – darunter gewiss auch die Mehrheit der 120 Autoren.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an unser Gelbes Buch Nr. 2? Die Idee dazu wurde in wirtschaftlich schwierigen Zeiten geboren. Angeboten wurde ein Buch, das in 3 oder 4 Monaten vielleicht erscheinen würde, das man nach bei Bestellung bezahlen sollte (aber nicht musste) und dessen Inhalt die Leser selbst beisteuern sollten. Das Buch wurde tatsächlich realisiert. Etwa 120 Autoren wollten kostenlos einen Beitrag zur Verfügung stellen. 11000 Exemplare wurden in mehreren Auflagen verkauft. Etwa 3000 Dr. Web Leser haben das Buch ohne Kenntnis vom Inhalt vorbestellt, gut 60% davon haben die Rechnung bereits vor Drucklegung bezahlt. Ohne Zweifel haben wir von einem Vertrauensvorschuss und der Hilfsbereitschaft der Leser profitiert.

Als durchaus unkonventionell gilt auch die Idee Bücher gleichzeitig zur gedruckten Ausgabe kostenlos zum Download anzubieten. Die Papierausgabe enthält nicht einen Buchstaben mehr, sie wird aber trotzdem gekauft.

Mit anderen Worten: Gewagte Strategien erfordern gewisse Bedingungen. Doch es lohnt sich, etwas zu riskieren.

Erstveröffentlichung 05.03.2005

Sven Lennartz

Sven Lennartz

Ex Webdesigner, Gründer von Dr. Web und Smashing Magazine. Heute ist Sven als Schriftsteller und Blogger unterwegs. Schau was er jetzt macht…
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