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Dieter Petereit 26. November 2008

Die Zukunft der Printmedien?

Kein Beitragsbild

Es ist unbestreitbar. Der Niedergang der konventionellen Holzmedien ist in vollem Gange. Da passt die aktuelle Meldung, dass Gruner und Jahr sein „Portfolio bereinigt“ und seine Wirtschaftsredaktion künftig auf einen Standort konzentrieren will, wie die Faust aufs Auge. Damit zollt auch G + J nach der WAZ-Gruppe dem stetig sinkenden Leserinteresse, den stetig sinkenden Werbeeinnahmen, seiner stetig sinkenden Innovationskraft oder einfach dem Lauf der Zeiten Tribut. Nach G+J, WAZ, SZ oder oder geht es natürlich stets nur um die Stärkung der Marken, Nutzung von Synergie-Effekten und sonstiges Blabla.

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The Digital Hell

Parallelen zur Musikindustrie sind auf den ersten Blick nicht naheliegend, auf den zweiten aber durchaus vorhanden. Auch die Musikindustrie verharrte zu lange in ihrer vertrauten Denke und verweigerte sich der Innovation. Erst langsam und zögernd stellte sich die Musikbranche auf die Möglichkeiten des digitalen Vertriebs ein. Und siehe da, die Kunden gehen mit. Hätten die Branchen-Dinos das früher erkannt, hätte sich so manche schmerzliche Erfahrung im Portemonnaie vermutlich verhindern lassen.

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In einer ganz ähnlichen Situation ist die Zeitungsbranche. Das Internet ist, was aktuelle Meldungen betrifft, unschlagbar schnell. Jede News, die ich in der Zeitung lese, ist mindestens von gestern. Aktuelle News per Web sind zudem kostenlos und an den verschiedensten Stellen auf die verschiedensten Weisen verfügbar. Jeder Netzbürger kann sich problemlos seine eigene Zeitung zu seinen bevorzugten Themen per RSS-Feed zusammenstellen. Eine Katastrophe für die Zeitungsbranche – im Prinzip jedenfalls.

Die Stärken der Printbranche ausspielen

Denn, was es kostenlos nicht in der Breite gibt, ist ebenso offensichtlich. Es fehlen tiefergehende Analysen, wie man sie in Printmagazinen finden kann. Zum einen sind diese Elaborate zu lang fürs Lesen per Website oder Feed, zum anderen sind diese Beiträge in der Erstellung in der Regel teuer, weil viel Recherche dahinter steckt. Für noppes kann ein Verlag so etwas nicht rausrücken, zumindest nicht, solange das Thema noch brandaktuell ist.

Außerdem fehlt dem über Jahre an Zeitungsformate gewöhnten Leser nicht selten das gewohnte Layout der Artikel. Zeitungsartikel haben nun einmal in Spalten nebeneinander angeordnet zu erscheinen. Die meisten Nachrichtenportale versuchen zwar, diesen Look zu imitieren, allein es gelingt ihnen nur mäßig. Zusätzlich ist zu beachten, dass Spaltenlayouts auf Websites, je nach Bildschirmgröße des Betrachters zu erheblichen Einbußen im Lesekomfort führen können. Manch einer wird beständig rauf- und runterscrollen müssen, um sich derartig gestaltete Beiträge vollständig zu erkämpfen.

Neben den Artikeln, die grundsätzlich jeden Leser interessieren, muss es auch Beiträge geben, die nur einen Teil der Leserschaft ansprechen. Auch dies ist ein Manko kostenlos lesbarer News-Websites. Da sich derartige Beiträge mangels hoher Zugriffszahlen nur schlecht monetarisieren lassen, werden sie in der Regel nicht oder nicht in dem Maße publiziert, wie dies eigentlich den Erwartungen an den Auftrag eines öffentlichen Mediums entsprechen würde. Davon sind auch bereits solche Beiträge betroffen, die einen eher lokalen Bezug haben und dies nicht etwa bezogen auf eine Metropole.

Immer noch ein wesentlicher Faktor, der für eine gedruckte Variante spricht, ist die völlige Ortsunabhängigkeit des Zeitungskonsums. Solange eine Lichtquelle zur Verfügung steht, kann das Medium genutzt werden. Auch widrige Umgebungseinflüsse, wie etwa überfüllte Pendlerzüge verhindern das Lesen nur im äußersten Extremfall. Da kann kein Online-Dienst mithalten.

Man müsste also versuchen, die beiden Welten zu einem „best of both worlds“ zu verbinden. Wie so etwas aussehen kann, zeigt seit einigen Monaten die altehrwürdige „New York Times“ mit ihrem für Windows und Mac OS verfügbaren Times Reader.

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Times Reader – Die New York Times digital

Der Times Reader bringt die Zeitung im weitestgehenden Original-Layout auf den Schirm des Benutzers. Die Nachrichten werden bei bestehender Verbindung zum Internet synchronisiert und stehen hernach auch offline bereit. Technisch basiert die Anwendung auf Silverlight von Microsoft, sowohl in der PC- wie auch in der Mac-Variante. So wundert es wenig, dass die PC-Variante etwas feature-reicher ist. Aber die technische Umsetzung will ich hier nicht zum Thema machen.

Das Interessante ist vielmehr, dass die NYT hier ein Format durch zu setzen versucht, dass die Vorteile des Web mit den Gewohnheiten und Vorteilen der Offline-Welt verbindet und das ist das Entscheidende. Ein Produkt bleibt, mit dem man Geld verdienen kann. Ganz konventionell sollen die Leser den Times Reader für einen monatlichen Betrag abonnieren.

Zum Anfüttern gibt es eine Free Edition, die nicht den gesamten Inhalt des Druckexemplars, respektive dessen Reader-Pendants enthält. Dem internationalen Publikum allerdings wird in der Regel die Free Edition reichen, denn die Lokalnachrichten aus Harlem dürften weder in Bangladesch noch in Deutschland jemand anderen als den zufällig am Ort befindlichen Exil-NewYorker interessieren. Die Themenauswahl im Free Reader hat jedenfalls dazu geführt, dass die NY Times bei mir zur Pflichtlektüre geworden ist. Wäre ich New Yorker würde ich ernsthaft ein Abo der kostenpflichtigen Variante in Erwägung ziehen.

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Format- oder Konzeptfrage?

Man mag nun fragen, warum man nicht schlicht auf ein vorhandenes Format, wie PDF gesetzt hat, um die Times ins Digitale zu überführen. Das wäre sicherlich eine naheliegende und nahezu aufwandslose Methode gewesen. Aber wäre es auch die beste?

Der durchschnittliche Leser würde auf den ersten Blick vielleicht ein PDF vorziehen, schon, um zusätzliche Softwareinstallationen zu vermeiden. Meine Erfahrungen mit PDF als Zeitungsformat sind indes nicht geeignet, um als Fürsprecher dieser Darstellungsform wirken zu können. Ich habe eine Weile den Spiegel als Vorab-PDF gelesen. „Grauselig“, kann ich nur sagen. Ein Papierformat 1:1 in die Virtualität zu übertragen führt lediglich dazu, dass die Vorteile des Papierformats mit den Nachteilen der Digitalität eine unheilvolle Allianz eingehen.

Auch der Verlag wird nicht unbedingt auf PDF setzen wollen. Denn PDF steht für weitestgehend unkontrollierte Verbreitung. PDF ist starr. PDF ist generisch. Alleinstellung lässt sich so nicht erreichen.

Ob die Vorgehensweise der NYT nun tatsächlich die Zukunft der Printmedien, zumindest eine denkbare und auf Dauer tragfähige Variante skizziert, bleibt natürlich fraglich. Klar ist aber, dass es für Mitarbeiter und Verlag besser ist, die Digitalisierung proaktiv zu gestalten, als möglicherweise von ihr weggespült zu werden. Wann sehen wir solche oder ähnliche oder wenigstens überhaupt irgendwelche sinnvollen Modelle in good old Germany? ™

—-

Der Times Reader in Bildern:

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design.

5 Kommentare

  1. Heute bin ich durch Zufall auf diesen Beitrag gestoßen.
    Ich bin der Ansicht, dass es einen Wandel bei den Holzmedien gibt. Aber ich glaube nicht, dass sie komplett verschwinden, sondern eher in anderen Bereichen stärker werden.
    Auf meinem Blog hab ich einen Artikel dazu veröffentlicht. Dort werden die Stärken der Printmedien erläutert und auf die Entwicklung eingegangen.
    http://bedingung-druck.blogspot.com/2013/04/printmedien-in-der-zukunft.html

  2. Es gibt wenige Zeitschriften, die ihre Sache extrem gut machen. Dazu gehört z.B. die NEON, die schon von Anfang an versucht hat, eine Synergie aus Online- und Offline-Medium (also der eigentlichen Zeitschrift) hinzubekommen.

    Man kauft sich also das Magazin und kann im Netz weiterlesen und -diskutieren. oder man geht in’s Netz und findet die Verbindung zu den Magazin-Inhalten. Eigentlich perfekt.

  3. Zum Online oder PC Zeitungsleser werde ich glaube ich nicht.
    Es ist vielleicht mal ganz nett ein paar News zwischendurch zu lesen, aber so wirklich Spaß macht es mir nicht.
    Man sitzt doch eh schon recht lange am PC und dann noch dort weiterlesen? Ich weiß nicht so recht.
    Da habe ich lieber meine regionale Zeitung die ich beim Frühstücken vor mir auf dem Tisch lesen kann. Und wenn ich noch was interessantes für die Zug-/Busfahrt entdecke nehme ich die Zeitung einfach mit.

    Ich denke mal, dass es einfach ein neues und innovatives Medium geben muss damit sich elektronische Printmedien durchsetzten!
    Es gibt ja jetzt diese neuen Geräte, die so ähnlich sind wie Touchpads oder sowas. Mal gucken wie sich das weiterentwickelt.

  4. „stetig sinkendes Leserinteresse“ … einer muss ja der Schuldige sein, wenn sich die Gewinnerwartungen der Medienkonzerne nicht erfüllen.
    Dass genau diese nicht mehr interessierten Leser mit Inhalten, die die Bezeichnung „Journalismus“ gar nicht mehr verdienten, jahrelang abgespeist wurden, ist natürlich nicht schuld daran. Wieso auch für grösstenteils Hofberichterstattung und wiedergekäute PR ein Zeitungabo bezahlen?
    Die uninteressanten Inhalte wird auch ein aufgehübschter Newsreader nicht ändern können …

  5. „Wann sehen wir solche oder ähnliche oder wenigstens überhaupt irgendwelche sinnvollen Modelle in good old Germany?“

    Dazu bedarf es in erster Linie der Weiterentwicklung des deutschen (Informations-) Konsumenten. Hierzulande sind die neuen Medien und Innovationen wie NewsReader einfach noch viel zu unbekannt resp. ungenutzt. Jenseits von SpiegelOnline & Co. kennt der Durchschnittssurfer in Deutschland kaum etwas (Beispiel Blogs).

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