Dieter Petereit 16. Mai 2018

Schönheit ist kein Designprinzip: Weg mit den Worthülsen!

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Designprinzipien sollen dir helfen, wichtige Entscheidungen im Designprozess kunden- und zweckkonform treffen zu können. Dabei helfen dir Worthülsen, wie Schönheit oder Einfachheit, nur ganz bedingt weiter. Hilfreicher ist es, die Sache vom Nutzer aus zu denken.

Im Design ist der Nutzer König

Wenn es um Designprinzipien für das World Wide Web geht, sticht eines besonders hervor. Es ist schon mehr als zehn Jahre alt und entstammt dem W3C-Working-Draft „HTML Design Principles“. Dort heißt es:

In case of conflict, consider users over authors over implementors over specifiers over theoretical purity.

Frei übersetzt und reduziert auf das Wesentliche steht dort: Im Zweifel sind die User wichtiger als die theoretische Richtigkeit der Umsetzung.

Statt theoretischer Richtigkeit könnte man wohl auch Normtreue oder sogar Standardkonformität sagen. Damit rücken wir das mögliche Ergebnis im Zweifel zugunsten der User weitestmöglich von Spezifikationen ab. Besser lässt es sich nicht ausdrücken.

Klar, du kannst ganz penibel sein. (Foto: Depositphotos)

Es scheint jedoch längst nicht jeder Designer diese alte Weisheit zu kennen. Denn die gängigen Designprinzipien befassen sich eher selten mit dem User als Zielgruppe. Stattdessen handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um generische, nur vermeintliche Richtungsvorgaben, die gut klingen, aber nicht viel zur Steuerung eines Projekts beitragen können.

Designprinzipien als bloße unternehmerische Worthülsen

Zudem besteht selten Kongruenz zwischen allgemeinen Designprinzipien und den Gestaltvorgaben eines Kundenunternehmens. Gerade letztere sind häufig überaus allgemein gehalten und stellen weniger Prinzipien dar, als dass sie geschmackliche Definitionen des Kunden in den Status eines Prinzips erheben. Selbst Unternehmen aus dem Tech-Sektor sind vor diesen Oberflächlichkeiten nicht gefeit.

Für Facebook gilt: Universal, Human, Clean.
Und Google postuliert: Useful, Fast, Simple.

Während die „Prinzipien” des blauen Netzwerks aus Palo Alto so gut wie keine Richtungsfunktion haben, dienen die Schlagworte der Suchmaschinisten aus Mountain View wenigstens einigermaßen als Richtschnur.

Der Designer Jerome de Lafargue untersuchte eine ganze Reihe Design-Guidelines großer Unternehmen und fand dabei heraus, dass Oberflächlichkeit in der Definition gang und gäbe ist. Die meisten Unternehmen aus Lafargues Stichprobe fanden sich hinter Begriffen wie „einfach, benutzerfreundlich, konsistent, zugänglich, erheiternd, schnell, einzigartig und schön” wieder.

Du wirst zustimmen, dass diese Wörter zwar sympathisch klingen, jedoch nur ganz begrenzt Richtungswirkung entfalten können. Immerhin müssten wir jeden Begriff ins Verhältnis zum deklarierenden Unternehmen setzen, um dann daraus eine Regel überhaupt erst ableiten zu können.

So aber ist das mit den Designprinzipien nicht gedacht. Die eben genannten Begriffe könnten schließlich auf jedes Unternehmen zutreffen. Kaum einer würde von sich behaupten, er wolle keine benutzerfreundliche, einzigartige und schöne Website. Damit kommen wir also nicht weiter.

Richtungen zu weisen, muss nicht immer zum Ziel führen. (Illustration: Depositphotos)

Womit ich nicht gesagt haben will, dass etwa Benutzerfreundlichkeit kein anzustrebendes Designziel wäre. Es reicht eben nur als Schlagwort nicht aus.

Nur, wenn Designprinzipien konkret sind, können sie auch Richtungen weisen

Anstatt hehre Designkriterien flauschig zu formulieren, ergibt es weit mehr Sinn, sich damit zu befassen, was der wichtigste Konsument des zu erstellenden Designs erhalten soll. Soll der User, sei es ein Kunde oder sonstiger Stakeholder, sich über eine schöne Optik freuen oder gilt es nicht doch, andere Ziele zu verfolgen und zu erreichen.

Nachdem letzteres wahrscheinlich ist, wäre es da nicht weitaus schlauer, man definierte Erwartungen in dieser Hinsicht? De Lafargue bringt als Beispiel Medium, die Plattform für Schreibwillige jedweder Couleur. Dort lautet das oberste Designprinzip:

We purposely traded layout, type, and color choices for guidance and direction. Direction was more appropriate for the product because we wanted people to focus on writing, and not get distracted by choice.

Frei übersetzt verzichtete Medium im Designprozess ausdrücklich zugunsten der Benutzerführung auf Möglichkeiten der Layout-Änderung durch die BenutzerInnen. Medium wollte erreichen, dass sich User auf das Schreiben konzentrieren und nicht durch – im Vergleich – unwichtige Layout-Optionen davon abgelenkt werden.

An einem solchen Prinzip konnten sich die Designer bei Medium problemlos orientieren. Bauen wir die Möglichkeit der Auswahl verschiedener Templates in unser Produkt? Nein, das lenkt den User nur ab. Damit kannst du jedenfalls mehr anfangen, als mit dem Prinzip, dass dein Design schön sein soll.

Das ist mal eindeutig. (Bild: Depositphotos)

Wenn du dann noch mit zwei Prinzipien konfrontiert wirst, die sich gegenseitig ungünstig beeinflussen; etwa jenem, dass das Design schön sein und jenem, dass die Website schnell sein soll, wird es kritisch. Lafargue empfiehlt in solchen Fällen, Prioritäten zu implementieren. So könnte das Prinzip lauten, dass das Design auf jeden Fall zugunsten der Geschwindigkeit erstellt werden soll. So kann der Designer zu Entscheidungen kommen, wo er anderenfalls in Unsicherheit verweilte.

In diesem Sinne nützliche Prinzipien sind stets am Nutzer orientiert und lassen vage und interpretationsbedürftige Worthülsen gleich weg. Und damit gilt, dass User wichtiger sind als Designprinzipien. Ein gutes Designprinzip muss sich am Nutzer orientieren, könnten wir natürlich auch sagen.

Quellen zum Weiterlesen

(Bildnachweis Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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Ein Kommentar

  1. Da kann ich nur zustimmen! Deswegen fragt man als Designer ja auch nicht nach der Ästhetik, sondern nach der Funktion, der Zielen der Webseite, wen es ansprechen soll… und auch Medium hat hier sicher nicht nur den Schreibern eine „ablenkungsfreie Arbeitsoberfläche“ bieten wollen, sondern auch sicherstellen, dass die bestmögliche Readability gewährleistet ist. Was man nämlich sehr, sehr häufig sieht, ist schlechte Lesbarkeit zugunsten von Design. Das geht bei kurzen Texten noch gut, aber für ein Magazin / Blog / Zeitung ist das der Todesstoß.

Tut uns leid, aber die Kommentare sind geschlossen...

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