Dieter Petereit 23. April 2018

Designkritik: So umgehst du die Fettnäpfchen und nutzt das Instrument richtig

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Wenn der Begriff bloß nicht so negativ klingen würde. Designkritik hat ja schon phonetisch was vernichtendes. Im folgenden Beitrag setzen wir uns über derlei Details unerschrocken hinweg und finden die Perlen in der Auster.

Was ist Designkritik?

Schon bei der Erwähnung des Wörtchens „Kritik” wird es so manchem ganz schwummerig vor Augen. Dabei ist Designkritik, richtig durchgeführt, ein absoluter Gewinn für alle Beteiligten. Deshalb wollen wir uns heute durchaus in einiger Ausführlichkeit damit beschäftigen.

Bevor wir aber einen der Fehler machen, die auch im Rahmen einer Designkritik sehr häufig vorkommen, klären wir vorab, was es mit dem Begriff auf sich hat, respektive, wie wir den Begriff in diesem Beitrag definieren werden:

Unter Designkritik verstehen wir einen strukturierten Feedback-Prozess, der dazu dienen soll, ein Design unter verschiedenen Gesichtspunkten zu evaluieren und nötigenfalls zu verbessern.

Designkritik ist also nicht das, was dir dein Chef oder Kunde mal eben so per Mail um die Ohren haut. Das ist zwar ebenfalls Kritik, aber häufig genug keine hilfreiche.

Designkritik ist keine Disziplinierungsmaßnahme der Geschäftsführung. (Foto: Pixabay)

Die vier Zutaten einer nutzbringenden Designkritik

Stellen wir nochmal klar, dass Designkritik einen strukturierten Feedback-Prozess darstellt. Wir brauchen also zunächst eine Struktur, damit nützliches Feedback kommen kann.

#1: Die Vorbereitung

Eins vorab und ganz deutlich: Designkritik ist keine Stammtischrunde, bei der es darum geht, wer am intelligentesten und durchsetzungsstärksten ein Design argumentativ vernichtet. Designkritik muss stets vom Designer ausgehen. Es handelt sich nicht um eine verkappte Disziplinierungsmaßnahme des Agenturchefs und auch nicht um einen Intelligenzwettbewerb unter Kollegen.

Insofern ist stets der verantwortliche Designer auch der führende Kopf bei der Designkritik. Stellen wir uns mit unserem Design also einer solchen Maßnahme, was wir auf jeden Fall tun sollten, dann sind wir diejenigen, die das Heft des Handelns in der Hand behalten. Das geht natürlich nicht ohne Vorbereitung.

Erwarten wir von einer Designkritik nützliche Unterstützung, so dürfen wir sie nicht offen gestalten. Machen wir diesen verbreiteten Fehler, müssen wir uns nicht wundern, wenn aus einem allgemeinen Palaver keine greifbaren Handlungsvorgaben entstehen. Das ist nicht einmal erstaunlich, denn wenn es keine Vorgaben gibt, wird jeder mit seinen eigenen inneren Vorgaben und Annahmen ans Werk gehen, was selten zu konsensfähigen Ergebnissen führen wird.

Wir gehen also stets mit konkreten Fragen in eine Designkritik. Wir stellen unser Design ausführlich vor und erklären die einzelnen Designentscheidungen fachlich fundiert. Während wir das vorbereiten, finden wir mit Sicherheit Punkte, an denen wir nicht sicher sind, ob unsere zuvor getroffene Designentscheidung immer so die richtige war.

#2: Die Zusammensetzung der Gesprächsrunde

Im Idealfall definieren wir eine kleine Gruppe von drei bis maximal sieben Personen, die wir an der Designkritik beteiligen wollen. Generell können diese Personen diverse Hintergründe haben, also etwa den Kunden, das Marketing oder andere Bereiche umfassen. Die genaue Zusammensetzung des Teams machen wir am Besten davon abhängig, in welchem Stadium des Designs wir uns befinden und welche Art von Feedback wir erwarten.

Designkritik: wenige Personen, aber dafür Experten. (Foto: StartupStockPhotos)

Geht es um die Details der Benutzerführung in einigen Bereichen des Designs, so empfiehlt sich eher eine kleine Gruppe von Experten, die den gleichen oder einen ähnlichen Hintergrund wie wir selber haben. Denn hier geht es nicht um Geschmacksfragen oder die Markenwahrnehmung, sondern um technische Detailfragen, an die man nur Experten ranlassen sollte.

Geht es um das große Ganze, kann es durchaus sinnvoll sein, den Kunden oder das Marketing zu beteiligen. Immerhin müssen die das Design am Ende unterstützen, eventuell benutzen, sich aber jedenfalls damit identifizieren.

Generell lässt sich festhalten, dass Designkritik nie spontan aus zufällig zusammentreffenden Personengruppen heraus erfolgen sollte. Sieht man Designkritik als dauernde Aufgabe mit mehreren Sitzungen bis zur Fertigstellung, dann empfiehlt es sich, immer das gleiche Team zu wählen, um konsistente Ergebnisse zu erhalten.

#3: Das Gespräch

Auf die im Rahmen unserer Vorbereitung entstandene Fragen fokussieren wir das Gespräch und bitten um Feedback. Es wird allerdings unweigerlich so sein, dass sich aus der Erläuterung der getroffenen Designentscheidungen bei den anderen Teilnehmer Fragen ergeben. Diese Fragen werden erst abgearbeitet, wenn das primär wichtige Feedback, das wir selber angefordert haben, erfolgt ist.

Das Gespräch selber sollte möglichst moderiert sein, wobei wir als verantwortlicher Designer stets ein Redevorrecht haben sollten. Viel zu oft heißt es bekanntlich, dass „zwar schon alles gesagt ist, aber noch nicht von jedem.” Da wir uns als Designer stark in den Prozess einbringen müssen, ist es nützlich, wenn es eine Art Protokollführer gibt, der im Nachgang ein Ergebnisprotokoll vorlegen kann. So haben wir direkt eine Todo-Liste an der Hand, die noch dazu mit den anderen Teilnehmer quasi abgestimmt ist.

Designkritik: Ein Ergebnisprotokoll ist empfehlenswert. (Foto: StartupStockPhotos)

Der Gesprächsverlauf sollte möglichst demokratisch gestaltet werden. Jeder Teilnehmer der Gruppe, nach dem Designer, hat das gleiche Rederecht. Bewertende Aussagen sollten unterlassen werden, um das Risiko, die sachliche Ebene zu verlassen und auf die emotionale, geschmackliche oder ideologische Ebene zu wechseln, zu minimieren.

Dieses Risiko lässt sich schon bei der Zusammensetzung der Gruppe im Auge behalten. Personen, die aus ihrer Persönlichkeitsstruktur heraus nicht in der Lage zu rein sachlichen Diskussionen sind, sollten wir gleich außen vor lassen. Das funktioniert natürlich leider nicht, wenn der Quertreiber der Chef ist.

#4: Standardisierte Fragen

David de Léon, Designchef bei Inuse, nutzt für die in seiner Agentur durchgeführten Designkritiken einen sehr ausgefeilten Fragenkatalog. Damit will er sicherstellen, dass einerseits der Prozess standardisiert abläuft und andererseits keine wichtigen Aspekte vergessen werden.

Diesen Fragenkatalog publizierte er auf Medium.

Designkritik: Wenn der gute, alte Flipchart sinnvoll ist, dann nutzen wir ihn auch. (Foto: Pixabay)

Auch wenn ich den Katalog in dieser Ausprägung für übertrieben detailliert halte, immerhin beinhaltet er 52 Fragen, so kann er doch als Ideenpool für unsere eigene Designkritik herhalten. Wir könnten uns zehn bis zwanzig seiner Fragen ausleihen und auf diese Weise einen guten Gesprächsleitfaden bekommen, der jedenfalls strukturiertes Feedback ermöglicht.

Die interessantesten Fragen sind meiner Meinung nach:

  • Was will ich am Ende der Designkritik mitnehmen?
  • Was würden andere Designer ändern, wenn sie mein Design übernehmen müssten?
  • Hält sich das Design an etablierte Muster? Wenn nein, warum nicht?
  • Inwiefern spricht das Design den potenziellen Nutzer an? Was will das Design erreichen?
  • Was ist das wichtigste Designelement?
  • Ist die Nutzung gleichbleibend attraktiv für den Verwender, auch nach Wochen noch?
  • Wird der Nutzer auf Schwierigkeiten bei der Bedienung stoßen und, wenn ja, wie wird ihm dann geholfen?
  • Ist der Vorschlag der beste, den ich mir vorstellen kann oder bloß ein Kompromiss? Worin besteht der?
  • Welche Alternativen habe ich bedacht und verworfen, und warum?

Im genannten Medium-Beitrag finden sich weitere Fragen, die wir je nach Bedarf, Gruppenzusammensetzung und Zielsetzung anders zusammenstellen können.

Richard Rio Omolo von Booking.com skizziert auf Medium den Designkritik-Prozess beim Reiseportal. Er bringt noch den Aspekt des sokratischen Dialogs ins Spiel und weist darauf hin, dass Wortäußerungen möglichst nicht meinungsgetrieben erfolgen sollten, um die sensible Grenze zwischen sachlicher und emotionaler Kritik nicht anzukratzen.

Designkritik im Alltag

Wenn wir nicht die Möglichkeit haben, eine Expertengruppe für die Designkritik zu akquirieren, sondern versuchen müssen, aus dem Freelancer-Büro heraus unsere Designs zu validieren, so gelten die grundlegenden Regeln dennoch. Hier empfiehlt sich dann allerdings besonders die Erstellung eines dezidierten Fragebogens mit sehr genauen Fragestellungen.

Diesen Fragebogen können wir dann etwa per E-Mail an Experten aus unserem beruflichen Netzwerk versenden und sie so zu einem virtuellen Designkritik-Team zusammenschließen. Wenn wir selber auch bereit sind, Feedback zu geben, kann sich da schnell eine brauchbare Lösung etablieren.

Fazit: Designkritik ist ein wichtiges Element der Verbesserung unserer Arbeitsergebnisse. Wir können die Produktqualität schon vor den eigentlichen Tests in freier Wildbahn so maximieren, dass viele Fehler im fertigen Produkt strukturell ausgemerzt sind, bevor der erste Nutzer sie findet. Es gilt lediglich, das unangenehme Gefühl, kritisiert zu werden, fallen zu lassen und das konstruktive Element des Vorgangs zu erkennen.

Quellen zum Weiterlesen:

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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