Dieter Petereit 25. Mai 2018

Designer brauchen nicht ständig neue Tools

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Natürlich sind wir Designer gerne immer ganz vorne dabei. Wenn es um unseren Werkzeugkasten geht, sollten wir zwar nicht die Neunziger kultivieren, aber auch nicht stets das nächste Experiment machen. 

#MeToo: Bloß nicht…

Und schon wieder erscheint ein neues Framework mit dem gleichen Anwendungszweck wie die drei Frameworks davor und die sechs davor. LESS nehmen wir nicht mehr, wir nehmen jetzt SCSS. Flexbox ist super, aber CSS Grid ist sogar noch besser. Am besten verwenden wir beide zusammen (Echt jetzt). Sicher, wir sind im Grunde nur noch am Lernen, aber ist das nicht das Tolle an diesem Beruf?

Die Technologien entwickeln sich so schnell, dass wir kaum Schritt halten können. Diejenigen unter uns, die das schaffen, werden Evangelisten für diverse Unternehmen oder machen sich als Speaker einen Namen beim fröhlichen Konferenz-Hopping. Wenn es gut läuft, verdienen sie sogar Geld damit. Meist verdienen allerdings nur die Konferenzveranstalter, während sich die Speaker über die Sichtbarkeit freuen.

Cartoon: Sichtbarkeit

Und die anderen von uns, die mit echter Kundenarbeit echtes Geld verdienen müssen, schauen etwas verunsichert auf das Spektakel und fragen sich, ob sie etwas falsch machen. In kaum einer anderen Branche ist das Impostor-Syndrom (Hochstapler-Syndrom) so verbreitet, wie in unserer und auch der Anteil psychischer Erkrankungen ist beachtlich. Damit will ich nicht sagen, dass der rasante technologische Fortschritt zwangsläufig die Ursache dafür sein muss. Aber klar ist für mich, dass ohnehin schon belastete Gemüter durch die Situation nicht eben beruhigt werden.

Selbst, wenn es dir psychisch ganz prima geht und du mit Freude jeden Beitrag zu brandneuen Tools oder anderen Entwicklungen verschlingst, solltest du vorsichtig sein. Ich erwähnte weiter oben schon die Begriffe „echte Kundenarbeit” und „echtes Geld”. Und genau darum geht es doch wohl für die meisten von uns.

Wir wollen nicht nur professionell auf der Höhe der Zeit sein. Wir wollen und vor allem müssen damit auch Geld verdienen. Die Geschichte des Web ist voll mit Erfahrungen, die belegen, dass das Geldverdienen sich nicht uneingeschränkt mit dem Beherrschen der neuesten Technologien verträgt.

Denn die Kunden sind weitaus weniger begeisterungsfähig für den neuesten Hype. Sie legen weit mehr Wert auf die möglichst breite Verfügbarkeit ihrer digitalen Angebote als darauf, mit ihren Präsenzen den Benchmark des technisch Machbaren zu markieren.

Der Fortschritt rennt der Browserunterstützung davon

Wenn wir davon ausgehen, dass sich auch der Kunde wiederum einen ROI (Return on Investment) von seinen Ausgaben für Design verspricht, dann müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir keinen Browser außen vor lassen dürfen. Schauen wir dann auf eine aktuelle Übersicht der Marktanteile gängiger Browser, wird klar, zu was uns diese Erkenntnis bringt.

Laut Marktanteilsmessung von Netmarketshare waren im April 2018 immer noch gut 12 Prozent aller Nutzer mit einer Version des Internet Explorer unterwegs. Selbst Uralt-Browser, wie Konqueror, werden (mit minimaler Verbreitung) noch zum Surfen benutzt. Natürlich dominieren Chrome mit rund 60 und Firefox mit rund 12 Prozent. Edge hingegen hat sich inzwischen von rund sechs Prozent auf rund vier Prozent reduziert. Alle Werte gelten für die Desktop-Nutzung.

Selbst bei den auf den ersten Blick modernen Browsern Chrome und Firefox stellen wir bei näherem Hinsehen fest, dass eine große Vielfalt unterschiedlicher Versionen der beiden Marktführer im Einsatz sind. Dabei ist die Version mit der höchsten Verbreitung immer jene, für die es bereits drei bis vier Updates gibt. Wir können also nicht einmal mit Blick auf einen einzelnen Browser von Kompatibilität über die gesamte installierte Basis ausgehen.

Dieses Problem war in der Vergangenheit noch größer. Es existiert jedoch nach wie vor und hält uns davon ab, den jeweils nächsten Schritt in Sachen technologischer Umsetzung zu gehen. Selbst ein Anteil von 12 Prozent ergibt bei 1.000 Kaufinteressenten schon die absolute Zahl von 120 BesucherInnen, die im Zweifel nicht zu Käufern werden, weil du die Website auf zu aktuelle Standards gegründet hast. Kannst du nicht machen.

Du magst mir jetzt entgegen halten, dass es doch haufenweise Polyfills für dieses und jenes gibt. Da hast du zwar Recht, aber bezahlt dein Kunde dich wirklich dafür, dass du teils viel Aufwand in die Umsetzung eines Workaround steckst, von dem er nicht einmal wusste, dass er erforderlich ist? Meine Erfahrung ist, dass genau diese Art von Aufwand eher ungern gesehen, geschweige denn bezahlt wird.

Vermeide den Pseudo-Fortschritt

Abseits der echten Fortschritte in Sachen Standardisierung werden wir täglich begleitet von etwas, dass ich am ehesten als Pseudo-Fortschritt bezeichnen würde. Damit meine ich die ganzen Tools, Frameworks, Boilerplates und andere Klimmzüge, denen allen das grundlegende Anliegen gemeinsam ist, aber die die Umsetzung jeweils nach ihren eigenen Vorstellungen definieren.

Cartoon: Neues Framework...

Von diesem Pseudo-Fortschritt hältst du dich am besten gleich komplett fern. Denn an dieser Stelle investierst du immer wieder aufs neue einen Lernaufwand, der sich niemals amortisieren wird. Definiere deinen Werkzeugkasten für echte Kundenarbeit sorgfältig und baue ihn nur dann um, wenn es wirklich triftige Gründe dafür gibt.

Stelle sicher, dass dein Basiswissen breit auf Standards fußt

Wenn du gerade ins Designerleben einsteigst, dann mach bloß nicht den Fehler, dich direkt etwa Bootstrap in die Arme zu werfen. Ich kann mich noch gut an die Zeit davor erinnern. So lange ist das nicht her. Und es wird auch eine Zeit nach Bootstrap geben. Konzentriere dich lieber auf die Standards selber und nicht auf spezielle Vereinfachungen. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass du etwa Bootstrap gar nicht verwenden solltest. Schwierig wird es erst, wenn du gar nichts anderes mehr kannst, weil du dich direkt darauf festgelegt hast.

Spätestens dann, wenn du nicht (mehr) als Einzelkämpfer arbeitest, ergeben sich Prozesse fast von selber. In größeren Teams bedarf es klarer Richtlinien, welches Tool-Set in der Agentur eingesetzt wird. Das ist schließlich auch eine Frage des Projektmanagement und der Fortbildungsplanung. Spätestens hier geht es nicht mehr um die Faszination des Neuen, sondern um harte Euro, die es mit der Arbeit so rationell wie möglich einzuspielen geht.

Fazit: Immer langsam mit den jungen Pferden

Die Einführung neuer Technologien in den Projektablauf sollte deshalb stets im Rahmen einer sauberen Kosten-Nutzen-Analyse stehen und nicht nur aus Faszinationsgründen erfolgen oder um zu beweisen, dass man auf dem neuesten Stand des Wissens ist. Der wichtigste Zielfaktor sollte ohnehin stets die Kundenzufriedenheit sein. Auf Dauer wird uns dieser Aspekt immer wieder in unseren Möglichkeiten limitieren. Und das ist auch richtig so.

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

2 Kommentare

  1. Ich arbeite punktuell noch mit der CS5, ergänzt durch relativ viele Indie-Tools. Am Ende leuchten Pixel auf den Bildschirm oder Farbe auf dem Papier.

  2. Du sprichst mir so aus der Seele!
    Danke dafür!

    Schwierig nur, wenn man nicht nur neue Webseiten erstellt (und die Wahl der Tools hat), sondern für neue Kunden deren bereits bestehende Installationen/Programmierungen übernehmen bzw. weiter pflegen soll… dann muss man durchaus (etwas) breit(er) aufgestellt sein.

    Aber wie Du so richtig schreibst: „… Konzentriere dich lieber auf die Standards selber und nicht auf spezielle Vereinfachungen [wie Bootstrap etc…]… Schwierig wird es erst, wenn du gar nichts anderes mehr kannst, weil du dich direkt darauf festgelegt hast….“

    Gruß, Micha F.

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