Dieter Petereit 27. Februar 2018

Design: Mit diesen Prototyping-Tipps behältst du deine Kunden und deinen Verstand

Ob du es nun Prototyping, Designentwurf, Mockup oder Vorschlag nennst ist egal. Es geht ums gleiche Thema. Der Kunde will so früh wie möglich sehen, wie sein digitales Endprodukt aussehen und funktionieren wird. Du hingegen kannst nicht hexen. Was jetzt?

Design-Prototypen sind immer ein Kompromiss. Das weiß dein Kunde aber nicht…

Wir Designer betrachten uns gerne als Experten – besonders, wenn wir schon auf eine Vielzahl erfolgreicher Projekte zurückblicken können. Im Verhältnis zu unseren typischen Kunden sind wir das ja meistens auch. Unter dieser Grundannahme erscheint es uns bei überschaubaren Projekten bisweilen überflüssig, überhaupt einen Prototypen zu bauen.

Der Kunde sieht das gänzlich anders. Er will so schnell wie möglich was sehen, am besten ein Ergebnis. Dabei können wir zu so einem frühen Zeitpunkt maximal ein Mockup liefern, einen Prototypen, eigentlich eher ein Drahtmodell.

Natürlich ist uns klar, dass ein Mockup im Grunde nicht geeignet sein wird, den Wunsch des Kunden zu befriedigen. Der möchte nämlich eigentlich gar keinen Prototypen sehen, so wie wir ihn verstehen – nein, er will eine vollständige und fertige Website oder App, die er in vollem Umfang bedienen kann. Gleichzeitig erwartet er, dass auch die fundamentalste Änderung jederzeit und verzögerungsfrei umgesetzt wird.

Das ist Konfliktstoff. Selbst, wenn wir es nicht auf einen Streit anlegen, so ist uns doch bewusst, dass ein Prototyp unter dieser Grundforderung immer nur ein Kompromiss sein kann. Das verstärkt möglicherweise den Drang, auf die Erstellung gleich ganz zu verzichten oder zumindest so wenig Arbeitszeit wie möglich dafür zu opfern.

Schon am letzten Punkt lässt sich professionell ansetzen. Mit den heute verfügbaren Prototyping-Tools und UI-Kits muss ein Entwurf nicht mehr lange dauern. Mit etwas Erfahrung und den genannten Hilfsmitteln dürftest du eine App in etwa zwei Stunden grob entworfen und mit Interaktion versehen haben.

Wenn du es ganz ruhig und professionell angehst, kannst du es schaffen, deinen Kunden und gleichzeitig deinen Verstand zu behalten. Das ist eine Win-Win-Situation in mehrfacher Hinsicht. Schau dir also die folgenden Tipps ganz emotionslos an und entscheide, was dir wichtiger ist. Recht oder den Kunden zu behalten.

Tipp 1: Verliere nicht das Verständnis für den Kunden

Ich habe es schon öfter erlebt, als mir lieb gewesen wäre: Der Designer baut sich vor dem Kunden auf, will ihn bekehren und ist vielleicht sogar erzürnt darüber, dass der Kunde trotz mehrfacher Überzeugungsversuche immer noch auf seinen eigenen, natürlich abweichenden Vorstellungen beharrt. Schließlich sieht der Designer das Fachwissen und damit das Recht auf seiner Seite – vielleicht hat er sogar Design studiert und ist damit ein staatlich geprüfter Experte. Was ist denn dieser Kunde bloß für ein Vollidiot?

Der ist schuld, nein, der! (Foto: Pixabay)

Wer allerdings gegen seine vorhandenen oder potenziellen Kunden in den Ring steigt, beginnt einen aussichtslosen Kampf. Denn selbst, wenn der Kunde letztlich einlenken sollte, wird er doch nicht zufrieden sein. Er wird sich überfahren fühlen und mit ziemlicher Sicherheit keine dauerhafte Kundenbeziehung aufbauen.

Merke: Gegen seine Kunden gewinnt man nie.

Gehe also an den Designprozess offen und mit großem Verständnis für deinen Kunden heran. Er ist derjenige, der die Musik bezahlt – also darf er auch bestimmen, was gespielt wird. Wenn er natürlich eine kleine Nachtmusik erwartet, du aber nur E-Gitarre beherrscht, könnte es sein, dass ihr nicht zusammenpasst. Aber auch das lässt sich verständnisvoll klären.

Tipp 2: Betrachte Prototyping nicht als überflüssigen Aufwand

Die Erstellung eines Prototypen bedeutet zunächst einmal einen Arbeitsaufwand. Allerdings geht es dabei auch darum, die Richtung eines Projekts schnell festzulegen und sich mit dem Kunden auf grundlegende Komponenten des Auftrags zu verständigen.

Mockup, Prototyp, Wireframe – mach es nicht zu detailliert. (Illustration: Pixabay)

Deshalb ist ein Prototyp nie überflüssiger Aufwand. Es spricht allerdings auch nichts dagegen, den Erstellungsprozess so kurz wie möglich zu halten. Standardisiere deinen Prototyping-Workflow. Lege dir ein Baustein-System zurecht, auf dessen Basis du die Standardelemente eines jeden Projekts schnell zusammenschieben kannst.

Auch, wenn du es dir vielleicht nicht eingestehen willst. Die Basisbestandteile sind fast immer gleich – wir sind schließlich keine Künstler, sondern eher Handwerker, die mit verfügbaren Materialien mehr oder weniger standardisierte Lösungen erschaffen.

Früher erstellte ich Mockups in meinem Moleskine-Notizbuch – total hipster. Irgendwann ließ ich es bleiben, weil ich die Entwürfe nicht mehr auseinanderhalten konnte. Seitdem verwende ich Sketch auf der Basis von drei Templates, die ich mir zum Zwecke des Prototypings in den von mir vornehmlich bedienten Branchen erstellt habe.

Das Sketch landet dann in InVision, wo die einzelnen Screens automatisch extrahiert werden, so dass ich auch damit keinen zusätzlichen Aufwand habe. Nun baue ich noch schnell über Hotspots die Interaktionen ein – fertig.

So minimiere ich auf der einen Seite den Aufwand für die Mockup-Erstellung und leiste auf der anderen Seite einen wichtigen Beitrag für die Kommunikation und Planung mit dem Kunden.

Tipp 3: Baue den Prototypen interaktiv

Früher war es üblich, einen reinen Designentwurf anzufertigen und auszudrucken. Der Ausdruck wurde vielfach noch auf eine große farbige Pappe geklebt, um Eindruck zu schinden. Mindestens fünf Entwürfe bekam der Kunde zu sehen – dabei war einer mit voller Absicht grottenschlecht, um den Kunden von vornherein in eine bestimmte Richtung zu lenken und seine Entscheidungsfreude zu stimulieren.

Rapid Prototyping mit Adobe Xd. (Screenshot: Adobe)

Natürlich ist es auch heute immer noch der simpelste Weg, einen Prototypen interaktionslos zu gestalten, doch bei den heute verfügbaren Prototyping-Tools wäre das nahezu fahrlässig. In den Nuller Jahren verwendete ich Powerpoint zu diesem Zweck. Heutzutage gibt es eine ganze Reihe besserer Tools und auch mit Standard-Webtechnologien sind Prototypen schnell erstellt.

Wenn du also zeitgemäß arbeiten und einen interaktiven Prototypen anbieten möchtest, dann sollte es nicht einfach nur eine Slideshow sein. Bau den Prototypen mit Hotspots an den richtigen Stellen, die dann bei Klick zu den richtigen Folgescreens führen. Wenn du das nicht tust, spannst du schon den nächsten Fallstrick.

Neben dem bereits erwähnten Sketch setze ich dieser Tage vermehrt auf Adobe XD. Warum ich das tue und wie das geht, habe ich in diesem Beitrag beschrieben.

MIt Adobe Xd kannst du deinen Prototypen übrigens ganz bequem per Creative Cloud über dein Smartphone präsentieren. Das macht wirklich Eindruck, wie ich jetzt an den heruntergeklappten Kinnladen einiger Kunden erkennen konnte. Probier das auf jeden Fall mal aus.

Tipp 4: Achte darauf, dass der Kunde deinen Prototypen versteht

Wie bereits erwähnt, haben Designer und Kunden oft eine fundamental unterschiedliche Vorstellung von einem Prototypen. Der Kunde erwartet eigentlich das fertig polierte Endprodukt, das du natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht liefern kannst.

Versuche, eine Erwartungshaltung zu erzeugen, die realistisch ist. (Foto: Pixabay)

Stelle also schon im Vorfeld der Präsentation klar, was von dem Prototypen zu erwarten sein wird – und was eben nicht. Dir mag das überflüssig erscheinen, denn du bist mit der Begrifflichkeit mehr als vertraut. Dein Kunde wird dich da aber gerne eines Besseren belehren.

Es liegt also an dir, zu erklären, welche Beschränkungen dein Prototyp aufweist und warum das so ist. Gib dir Mühe mit den Formulierungen oder lies nochmal schnell Tipp 1.

Tipp 5: Fordere Feedback immer so konkret wie möglich an

Wenn es darum geht, Feedback zu deinem Prototypen einzusammeln, solltest du pauschale und allzu offene Fragestellungen vermeiden. Wenn du etwa allgemein eine Bitte um Feedback formulierst, wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit zwar Feedback bekommen, aber keines, das du gebrauchen kannst.

Fordere Feedback daher immer ganz konkret für bestimmte Aspekte an, etwa, um zu erfahren, wie sich die Seitennavigation anfühlt oder ob das Formular X an der Position Y gewünscht ist.

Tipp 6: Sorge für eine bequeme und verbindliche Kollaborationsbasis

Lass mich ehrlich sein: Hier habe ich selbst noch keine perfekte Lösung gefunden. Was ich aber aus Erfahrung sicher sagen kann, ist, dass die Kollaboration an einem Prototypen mit mehr als zwei Personen garantiert zur Katastrophe gerät, wenn sie via E-Mail geführt wird. Es dauert nur wenige Tage, bis wirklich niemand mehr weiß, was wie wann besprochen und vereinbart wurde.

Alle Projektbeteiligten auf einem einheitlichen Stand zu halten, muss das Ziel sein. (Foto: Pixabay)

Ich nutze seit einigen Jahren die Cloud-Lösung von InVision, die ich in diesem Beitrag sehr ausführlich vorgestellt habe. Zwar bietet Invision einen ziemlich guten Ansatz, aber von Perfektion ist auch diese Lösung noch ein gutes Stück entfernt. In jedem Fall ist das Tool aber eine deutlich sinnvollere Alternative zur E-Mail.

Kollege Denis Potschien zeigt in diesem Beitrag verschiedene alternative Kollaborationslösungen, die definitiv einen Blick wert sind.

Tipp 7: Baue nicht mehr Prototypen als unbedingt nötig

Ich versuche, es stets bei einem einzigen Entwurf zu belassen und diesen schrittweise zu verändern. Von der unsäglichen Praxis, immer neue Entwürfe zu generieren, habe ich mich bereits vor fünfzehn Jahren verabschiedet: Damals habe ich mich von einem Kunden getrennt, der nach dem zehnten (!) funktionsfähigen und völlig umgekrempelten Designentwurf immer noch nicht zufrieden zu stellen war.

Prototyping wird nicht dadurch zum Prototyping, dass du möglichst viel Ausschuss produzierst. (Foto: Stockvault)

Heutzutage erstelle ich genau einen gut durchdachten Entwurf. Diesen erkläre ich ausführlich. Dabei bin ich beim ersten Entwurf stets bedacht, keine handfesten Design-Festlegungen zu treffen. Wie das Projekt später mal aussieht, ist zu diesem Zeitpunkt noch so offen wie eben möglich.

Nun arbeite ich mit dem Kunden an diesem Entwurf, um einen Konsens zu finden, der unser beider Gesicht wahrt und vor allem die bestehende Problemstellung sicher löst. Wer anders vorgeht und stets einen Haufen Entwürfe anbietet, suggeriert dem Kunden nicht nur deren individuelle Wertlosigkeit, sondern auch eine gewisse Beliebigkeit, eine Richtungslosigkeit in der Lösungsfindung.

Im Zusammenspiel mit der sowieso schon schwierigen Kollaboration kann an dieser Stelle in kürzester Zeit ein komplettes Chaos entstehen.

Tipp 8: Lenke die Aufmerksamkeit des Kunden stets auf die Kernpunkte

Wer kennt es nicht? Der Kunde sitzt im Meeting und moniert, dass das Datum im Mockup nicht dem heutigen entspricht. Es ist offenbar doch ziemlich schwer, einen statischen Entwurf vom Endprodukt zu unterscheiden.

Auch, wenn es manchmal schwerfällt. Erklär es gerne nochmal. (Foto: Pixabay)

Auch dieser Aspekt bedarf also einer Erklärung. Der Kunde muss verstehen, dass der Prototyp trotz begrenzter Interaktion immer noch in erster Linie eine Attrappe ist, die lediglich Richtungen vorgeben soll.

Insofern ist es auch wenig hilfreich, wenn der Kunde die Schriftart moniert oder die Stärke einzelner Orientierungslinien kritisiert. Es bedarf eines gewissen Maßes an Körperbeherrschung, in solchen Fällen ruhig zu bleiben.

Aber wofür sind wir denn sonst Profis?

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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