Dieter Petereit 14. Februar 2018

Design: Die Bedienung mobiler Web-Apps muss einfach sein

Etwas zu tun, bloß weil es geht, ist eine verbreitete Unsitte in der Entwicklung. Gerade auf Smartphones gibt es viele technische Möglichkeiten. Vergiss dabei aber nicht, dass der Nutzer deiner mobilen Website es gern einfach hat. Was genau das bedeutet, erfährst du im folgenden Beitrag.

Es ist eine Perspektive, die man als Designer seltener einnimmt: Könnte es unter den zur Verfügung stehenden Interaktionsmethoden welche geben, die der Benutzer gar nicht verwenden will?

Genau diese Frage klärt für uns das Beratungsunternehmen Change Sciences, mit teils überraschenden Ergebnissen. Mit Hilfe kleinerer (bis 20 Teilnehmer) und größerer (bis 100 Teilnehmer) Studien gehen die Forscher das Thema der Mobilnutzung strukturiert an.

Für das responsive Webdesign und auch für das native App-Design ergeben sich handfeste Empfehlungen, die du beherzigen solltest, wenn du auch mobile Nutzer als Kunden gewinnen willst.

Verzichte auf überflüssige Gesten

Change Sciences fand heraus, dass Mobilnutzer sich vornehmlich auf drei Gesten verlassen und es nach Möglichkeit vermeiden, weitere Interaktionsmethoden zu verwenden. Insbesondere wollen sie nicht mit weiteren Steuerungsaktionen, die der Web-App-Entwickler innovativerweise erfunden hat, konfrontiert werden.

Die wichtigsten Gesten sind demnach Scrollen, Swipen und Tappen. Die Scroll-Geste ist die bekannteste und meistgenutzte Aktion überhaupt. Laut Change Sciences nutzen 94 Prozent aller Nutzer diese Aktion mehr als dreimal in einer Sitzung von mindestens zehn Minuten. Scrollen ist bekannt vom Desktop und der Mausbedienung. Von daher gehört die Geste zur Basisausstattung des Wissens eines jeden Internetnutzers.

Die Einhandbedienung steht bei Smartphone-Nutzern immer noch hoch im Kurs. (Foto: Pixabay)

Swipen stellt Verwender auch nicht mehr vor Probleme. Die meisten Nutzer probieren die Geste im oberen Bildschirmbereich aus, unabhängig davon, ob visuelle Hinweise, etwa Pfeile, den Versuch nahelegen. An anderen Stellen des Screens hingegen sind visuelle Hinweise nötig, um Benutzer zum Swipen zu bewegen.

Das Tappen ist Nutzern zwar geläufig, zählt aber nicht zu den bevorzugten Interaktionsmöglichkeiten. Anders als beim Klicken am Desktop verlieren Nutzer beim Tappen schnell die Geduld.

Pinch-Zooming ist eine der Aktionen, die der Nutzer vermeidet, wenn er kann. Es spricht also nichts dafür, ihn zu dieser Art der Bedienung zu zwingen. Im responsiven Design könnt ihr leicht dafür sorgen, dass Zoomen nicht erforderlich wird. Es hat sich auch herausgestellt, dass Nutzer recht lange nach einer Alternative suchen, bevor sie letztlich zoomen.

Für das Design bedeutet das, dass du dich auf so wenige Gesten wie möglich festlegen solltest. Wenn du Aktionen verwenden musst, die nicht auf Anhieb eingängig sind, könntest du kleine Animationen einbauen, die Hinweise auf die Nutzung geben.

Verlange so wenig Tipp-Arbeit wie möglich

Es ist kein Wunder. Auf mobilen Geräten tippt man nicht gern. Deshalb sollten umfangreiche Eingabeerfordernisse vermieden werden, denn es würde lediglich dazu führen, dass der potenzielle Kunde die Eingabe abbricht und die Seite verlässt.

Die Abneigung gegen das Tippen ist sogar so hoch, dass Besucher das eigentlich eher unbeliebte Social-Login über Facebook oder andere Netzwerke akzeptieren, nur um nicht tippen zu müssen.

Messenger-Dienste werden immer mehr zum Sprechen statt zum Schreiben benutzt. (Illustration: Pixabay)

Für das Design bedeutet das, dass du möglichst auf Tippeingaben vollkommen verzichten solltet. Wenn das nicht möglich ist, solltest du so wenige Eingabefelder wie möglich vorsehen.

Verwende nur eindeutige Icons

Icons sind eines der Lieblingsspielzeuge heutiger Designer. Das erkennt man schon an der unüberschaubaren Vielfalt an Download-Symbolsätzen im weltweiten Netz. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens zwei neue Piktogramm-Sammlungen auf den Markt kommen.

Icons sind zu häufig mehrdeutig. (Foto: Pixabay)

Im Sinne des Nutzers ist das nicht. Denn dieser ist überhaupt nicht daran interessiert, die fünfzigste ganz schicke Variante des Such-Icons dechiffrieren zu müssen. Change Sciences fand heraus, dass mit Quoten von über 90 Prozent nur das Dreieck (Abspielen) und das X (Schließen) völlig klar verstanden werden. Als unklar hat sich in den Studien auch das in Designerkreisen überaus beliebte Hamburger-Icon erwiesen.

Navigation gehört nicht an das Ende des Screens

Es ist auf den ersten Blick eine gute Idee: Man hält das Smartphone mit einer Hand und erreicht so am leichtesten die unteren Bereiche des Screens. So müsste es doch logisch sein, die Navigation dort anzuordnen. Untersuchungen zeigen allerdings, dass Nutzer stets oben nach der Navigation suchen und unten angeordnete Menüs tendenziell ignorieren.

Auch dieser Umstand wird mit der Sozialisation des gemeinen Computernutzers zu tun haben, denn seit der Einführung des Betriebssystems Windows waren Navigationen aka Bedienleisten stets am oberen Bildschirmrand angeordnet. Die letzte mir bekannte Software mit untenliegenden Menüs war das gute alte Microsoft Word 5. Mit der Escape-Taste kam man ins Menü. Das würde heute kein Entwickler mehr wagen, damals war es der Marktführer.

Verzichte nicht auf einen Zurück-Button

Beim Surfen am Desktop gehört der Back-Button, der uns immer einen Schritt zurückbringt, zu den wichtigsten Bedienelementen. Generationen von Entwicklern bemühten sich schon vergeblich, den Nutzern dieses unerwünschte Verhalten auszureden, mit mäßigem Erfolg. Es ist daher ratsam, sich dem Diktat der Masse zu beugen und stets Möglichkeiten vorzusehen, mit deren Hilfe Nutzer diesen einen Schritt rückwärts machen können.

Gelungen ist das Swipe-Feature unter iOS. Hier gelangen Nutzer mit einem Swipe nach rechts auf den vorherigen Screen. Unter Android muss es das Pfeil-Icon alleine richten. In beiden Fällen solltet ihr auf eine eigenständige Lösung, etwa einen Zurück-Pfeil im oberen Bildschirmbereich, nicht verzichten. Betrachtet die OS-eigenen Lösungen eher als zusätzliche Optionen.

Weitere Erkenntnisse des Teams von Change Sciences

  • Multitasking findet auf mobilen Geräten nicht statt. Die neueren Ansätze, mehrere Apps nebeneinander darstellen und nutzen zu können, sind für den kleinen Screen sinnlos. Erst auf größeren Displays stellen Nutzer mehrere Anwendungen nebeneinander (um sie dann doch einzeln zu nutzen).
  • Völlig anders als auf Desktop-Geräten ist Sound auf mobilen Devices durchaus als Feedback-Methode etabliert und wird sogar erwartet. Wer kennt nicht das klassische Zisch-Plop beim „Pull to Refresh”?
  • Die Abgrenzung von First und Second Screen verwischt. Bei der Verwendung als so genannten „Second Screen”, etwa beim Fernsehen, überwiegt inzwischen die Nutzung des eigentlich als Zweitschirm gedachten Smartphones.
  • Anwender erwarten auf Mobilgeräten eine bessere Nutzererfahrung als auf Desktop-Geräten. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Websites und Apps für den kleinen Bildschirm wesentlich ökonomischer gestaltet sein müssen. Dadurch wirken sie klarer, weniger überladen. Und dass weniger Platz für Werbung ist, wird auch nicht ohne Wohlwollen zur Kenntnis genommen.

Quellen zum Weiterlesen:

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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Ein Kommentar

  1. Ein guter Artikel. „Instinktiv“ glaubt man das eh alles zu wissen, aber es ist gut, wenn man’s auch schwarz auf weiss hat…;)

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