Dieter Petereit 29. Mai 2018

Design: Du hast nur acht Sekunden!

Nicht zuletzt Smartphones haben wir es zu verdanken, dass sich unsere Aufmerksamkeitsspanne stetig verkürzt. Mittlerweile machen uns angeblich schon Goldfische Konkurrenz. Wie gehst du als Webdesigner damit um, dass deine Besucher im Moment der Ankunft schon fast vergessen haben, dass sie überhaupt da sind?

Generation Smartphone und die sinkende Aufmerksamkeitsspanne:

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen beträgt … Oh, schau mal, ein Vogel.

Einer von Microsoft finanzierten Studie zufolge, ist die Aufmerksamkeitsspanne des Durchschnittsmenschen, der im Falle der Studie kanadischer Staatsbürger war, von 12 Sekunden auf nur noch acht Sekunden gefallen. Der Abstieg erfolgte vergleichsweise rasant, nämlich innerhalb von etwas mehr als zehn Jahren. Maßgeblich dafür scheint das zwischenzeitlich zum Massenphänomen aufgestiegene Smartphone zu sein.

Stimmt die Annahme, dass die Aufmerksamkeitsspanne eines Menschen nur noch acht Sekunden beträgt, so läge der Mensch damit hinter dem Goldfisch, dessen Aufmerksamkeitsspanne angeblich bei neun Sekunden liegt. Im Grunde ist der Vergleich für unser Thema schon deshalb irrelevant, weil Goldfische für gewöhnlich nicht im Internet surfen. Außerdem ist nicht klar, ob die behauptete Annahme zur Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches überhaupt stimmt. Tina Bauer von Onlinemarketing.de hat da genauer hingeschaut.

Wer beäugt hier wen? (Foto: Depositphotos)

Sei es drum. Mit dem Goldfisch-Vergleich habe ich mir jedenfalls deine Aufmerksamkeit gesichert. So ganz aus der Luft gegriffen ist die These ja überdies nicht. Dass der Mensch immer weniger konzentrationsfähig über immer kürzer werdende Zeitspannen ist, dürfte dir im täglichen Umgang mit deinen Mitmenschen schon aufgefallen sein. Und dass das Smartphone daran einen ganz erheblichen Anteil hat, wird wohl ebenso keiner ernsthaft bestreiten wollen.

Zur Ehrenrettung des Smartphones will ich nicht verschweigen, dass es einen weiteren, deutlich positiveren Effekt zu bestaunen gibt. Denn es wird zwar die Aufmerksamkeitsspanne kürzer, gleichzeitig steigt aber die Verarbeitungsgeschwindigkeit. Der Mensch kann also schneller identifizieren, womit er sich beschäftigen will und womit nicht. Außerdem gelingt es ihm schneller, Wissen in seine Speicher zu transferieren, um es mal technikaffin auszudrücken.

Nicht nur die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, auch die Nutzungsdauer

Um jetzt den Bogen zum Design zuschlagen, müssen wir uns noch kurz vor Augen halten, dass die Internetnutzung immer mobiler wird. Analysen von Comscore für die USA zeigen, dass schon im Februar 2015 die Zahl der ausschließlich mobilen Internetnutzer jene der klassischen Desktopnutzer überstiegen hat. Waren im Mai 2014 die ausschließlich am Desktop surfenden Nutzer noch mit 19,1 Prozent in der Überzahl gegenüber den 10,8 Prozent ausschließlich am mobilen Gerät Surfenden, entwickelt sich die Schere jetzt in die andere Richtung.

Mit wem war ich nochmal hier? Guck mal. Lustig! (Foto: Depositphotos)

Hinzu kommt, dass auch am mobilen Gerät längst nicht alles Gold ist, was glänzt. Informationen des Mobile-Tracking-Anbieters Jampp besagen, dass sich auch hier die durchschnittliche Nutzungsdauer in einem dramatischen Sinkflug befindet. Danach sinkt die durchschnittliche Nutzungsdauer um knapp 90 Prozent im Jahr. Untersucht wurden übrigens E-Commerce-Apps.

So reagiert dein Design auf sinkende Aufmerksamkeitsspannen

Jetzt kommen wir aber wirklich zum Design. Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen muss doch nun der sein, dass die potenziellen Nutzer unserer Website mittlerweile fast genauso wenig Beachtung zu schenken bereit sind, wie der durchschnittlichen Werbeanzeige. Wir haben demnach nur minimalste Zeitspannen, unsere Besucher davon zu überzeugen, dass sie bei uns das finden, was sie unbedingt nicht verpassen wollen.

Design-Aspekt #1: Performance

Deshalb beginnen wir nicht mit Überlegungen zu Inhalten und Gestaltung, sondern wir beginnen damit, unsere Seiten auf Performance zu optimieren. Natürlich hat das auch mit Inhalten und Gestaltung zu tun; allerdings betrachten wir das Gespann von der anderen Seite. Wir gestalten nicht erst und optimieren dann, sondern gestalten direkt auf der Basis von Performancezielen.

Wenn du WordPress nutzt, wird dich unsere große Serie zur Geschwindigkeitssteigerung sicherlich interessieren. Wenn du schnell einen Eindruck davon bekommen willst, wie groß deine Seiten unter der Annahme verschiedener Netzgeschwindigkeit maximal sein dürfen, dürfte das Tool Performance Budget was für dich sein.

Design-Aspekt #2: Feedback

Auch wenn du Performance zu einem deiner Hauptanliegen machst, wird es nicht bei allen Prozessen deiner Website möglich sein, Antwortzeiten im Sekundenbereich zu erzielen. An diesen Stellen solltest du besonders darauf achten, dass du Status-Rückmeldungen vorsiehst.

Wenn schon gewartet werden muss, dann doch wenigstens mit einer Perspektive. Du meldest also dem Benutzer zurück, an welcher Stelle er sich im Prozess befindet und wie lange die Aktion voraussichtlich noch dauern wird. Setze aber nicht die generischen Ladekreise ein, die zwar so aussehen, als würden sie ein Feedback geben, in Wirklichkeit aber nur Bewegung auf den Screen bringen. Das merkt der Benutzer, sobald er einen dieser unsäglichen Spinner sieht.

Design-Aspekt #3: Background Loading

Bei Apps, die mit Uploads arbeiten, gilt Instagram als Paradebeispiel. Denn Instagram beginnt mit dem Upload des von dir aufgenommenen Fotos unmittelbar nach der Anwendung eines der Filter. Während du also noch die Informationen und Hashtags zum Foto eintippst, lädt dein Bild schon auf den Service hoch. Im Regelfall ist der Upload schon erledigt, wenn du mit den Zusatzinformationen fertig bist. Wenn es in dein Anwendungsszenario passt, versuche ebenfalls, von der Technik des Background Loading Gebrauch zu machen.

Design-Aspekt #4: Lazy Load

Etwas zweischneidig wird das Schwert, wenn es um das Thema Lazy Load geht. Lazy Loading bezeichnet das Nachladen von Inhalten, sobald diese in den Viewport geraten. Das Konzept ist eigentlich nicht schlecht. Du lädst Inhalte erst dann nach, wenn diese Inhalte tatsächlich gebraucht, weil gesehen werden.

Wenn du diese Technik ganz unselektiv etwa auf alle Bilder anwendest, kann sie allerdings ziemlich nach hinten los gehen. Zwar sparst du beim initialen Aufruf einen Schwung Daten, dafür weißt du nicht sicher, ob die Internetverbindung fortlaufend schnell genug sein wird, um die jeweils erforderlichen Daten nachzuladen.

Intelligenter ist es daher, wirklich nur solche Inhalte nachzuladen, die für die Nutzererfahrung nicht unbedingt sofort erforderlich sind. Und das werden bei einem Bildbetrachter eher seltener die Bilder selbst sein. Wenn es aber nicht primär um das Betrachten von Bildern im Stream geht, kann Lazy Load durchaus Sinn ergeben.

Design-Aspekt #5: Reduktion auf das Wesentliche

Das Web ist ja groß genug. Da schreibe ich mal alles zu meinem Produkt rein, was mir so einfällt. Platz ist schließlich kein Faktor.

Kennst du diese Einstellung? Sie ist verständlich, aber falsch. Denn dabei fehlt es klar am Benutzerfokus. Im Rahmen einer durchdachten Kommunikationsstrategie muss im Vorfeld der Seitenerstellung genau definiert werden, was dem potenziellen und tatsächlichen Kunden näher gebracht werden soll und inwiefern er wie interagieren kann.

Alle Elemente, die der festgelegten Strategie nicht entsprechen, werden radikal weg gelassen. Dadurch, dass Dinge, die nicht da sind, auch nicht beim Betrachten aussortiert werden müssen, reagieren wir auf die reduzierte Aufmerksamkeitsspanne unseres Besuchers und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass sich sein Blick an den wichtigen Informationen unseres Auftritts verfängt.

Wenn dich dieses Thema näher interessiert, und das sollte, dann lies hirzu auch unseren Artikel „Minimal Webdesign macht glücklich„.

Fazit: Bau deine Seiten so, dass sie weniger Aufmerksamkeit erfordern

Was nicht da ist, kann nicht wahrgenommen werden, kann also auch nicht die Aufmerksamkeitsspanne tangieren. Das klingt simpel und das ist es auch. Im Grunde sollte die Konzentration auf das Wesentliche nicht unbedingt eine neue Strategie sein. Tatsächlich bedurfte es aber erst solcher Erkenntnisse, wie jener aus diesem Beitrag, um das Thema ernsthaft in den Fokus zu rücken. Das Smartphone-Zeitalter ist aus der Sicht der Markenkommunikation ein echter Segen.

(BIldnachweis Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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5 Kommentare

  1. Ein „gefühlter“ Aspekt dabei ist aber auch, dass dank Bootstrap alle Seiten gleich aussehen. Ich habe zwar nie die Zeit gestoppt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich solchen generischen Seiten weniger Zeit einräume, mich zu überzeugen. Ich bin zwar kein Fan von unnötigen Eskapaden, aber das Design ist auch wichtig, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Diese Gleichförmigkeit ist einfach ermüdend für Auge und Hirn.

  2. Dies ist wirklich ein sehr interessanter Artikel. Die Aufmerksamkeitsspanne von vielen Menschen sinkt tatsächlich stark ab. Aber auch von Mitmenschen die nicht oder nur wenig im Internet unterwegs sind, sondern mehr vor dem Fernseher sitzen. Das hat anscheinend den gleichen Effekt.

  3. Was wollte ich noch gleich?

  4. Von der Seite habe ich es noch gar nicht betrachtet… sehr erfrischend diese Betrachtungsweise. Danke Dieter

  5. Ein interessanter Art… oh, das Telefon klingelt …

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