Das Internet hatte mal ein Zimmer

Michael Dobler
Autor Dr. Web
3 Min. Lesezeit
Das Internet hatte mal ein Zimmer

Der Familiencomputer stand im Wohnzimmer, hatte ein eigenes Möbel und feste Nutzungszeiten. Dieses kleine Detail verändert den Blick auf die Gegenwart erheblich.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Jose Ibanez, Autor des Kulturmagazins mudmap, beschreibt in einem lesenswerten Essay eine Kindheitserinnerung, die sich bei näherer Betrachtung als Strukturaussage entpuppt: Der PC der 90er hatte einen festen Ort im Haus, ein speziell dafür gebautes Möbelstück mit Fächern für CPU, Disketten und Handbücher. Und vor allem: feste Zeiten. Ibanez und seine Schwester verhandelten Schichten. Sieben bis halb neun für die eine, halb neun bis zehn für die andere. Der Satz „Ich gehe jetzt online“ beschrieb einen klar abgegrenzten Akt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Familiencomputer der 90er war räumlich und zeitlich verankert — das Internet hatte einen Platz und einen Takt im Haushalt
  • Laptop, WLAN und Smartphone haben diese Grenze schrittweise aufgelöst, bis die Verbindung von einem Akt zu einem Dauerzustand wurde
  • Jose Ibanez zieht die Parallele zur mechanischen Uhr: Beide begannen als Werkzeug und wurden zur unsichtbaren Grundstruktur, in der alles andere stattfindet
  • Technologische Transformationen kündigen sich selten als Bruch an — sie erscheinen zuerst als integrierbar und verändern erst im Nachhinein den Rahmen selbst

Was der Computertisch eigentlich organisierte

Alter Desktop-PC auf Holzschreibtisch mit Aufsatz in leerem Raum mit Holz- und Teppichboden
Computercomputertisch mit Tastaturschublade kodierte die Erwartung eines kontrollierten Internetzugangs, den man gezielt aufsuchen und verlassen konnte

Das Möbelstück mit Tastaturschublade und Diskettenfächern ist heute ein Fossil. Aber Ibanez interessiert sich nicht für Nostalgie. Die These ist schärfer: Das Möbel hat nicht nur Geräte geordnet, sondern eine Erwartung kodiert. Die Erwartung, dass das Internet in das Leben integriert werden kann, ohne es vollständig zu durchdringen. Eine Ressource, die man aufsucht und wieder verlässt.

Diese Ordnung hielt, solange der Computer im Wohnzimmer stand. Der Laptop löste ihn zunächst aus dem Möbel, ohne die Logik sofort zu brechen. WLAN machte die Steckdose irrelevant. Das Smartphone vollendete die Auflösung: Die Verbindung folgt einem jetzt. Die Phrase „Ich gehe online“ verlor ihren Sinn, weil sie keine erkennbare Handlung mehr beschrieb.

Der Familiencomputer ist kein nostalgisches Objekt — er ist ein Denkmodell, das wir verloren haben. Und das Fehlen dieses Denkmodells spüren wir heute überall, nur benennen können wir es kaum.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Die Parallele zur mechanischen Uhr

Ein Uhrwerk aus Metall mit einem orangen Schlüssel vor weißem Hintergrund
Die mechanische Uhr wandelte sich von lokalem Objekt zur universellen Zeitstruktur. Das Internet folgt diesem Muster und wurde vom Ort-basierten Medium zur grundlegenden Infrastruktur

Ibanez‘ stärkster Vergleich: die mechanische Uhr. Auch sie begann als lokales Objekt in bestimmten Räumen mit bestimmten Funktionen. Irgendwann hörte die Zeit auf, im Objekt zu wohnen — und begann stattdessen, die Struktur zu sein, in der alles andere stattfindet. Das Internet hat denselben Übergang vollzogen. Aus einer Ressource, die man an einem Ort anzapft, wurde das Medium, durch das hindurch sämtliche Alltagspraktiken verlaufen.

Das Bemerkenswerte daran: Dieser Wandel kündigte sich nie als Bruch an. Technologien erscheinen in ihrer Frühphase immer handhabbar, integrierbar, kontrollierbar. Das Möbel suggerierte Kontrolle. Erst rückblickend zeigt sich, dass nicht die Funktion übernommen wurde, sondern der Rahmen, in dem die Funktion Sinn ergab — und dass dieser Rahmen still geräumt wurde, ohne dass jemand die Tür gehört hat.

Für Entscheider, die heute über digitale Arbeitskultur, Aufmerksamkeitsökonomie oder KI-Integration nachdenken, lohnt es sich, diesen Essay zu lesen. Die Frage, die Ibanez implizit stellt, ist keine historische: Was verliert ein System, wenn eine Grenze aufhört zu existieren — und weiß man es überhaupt, solange man mittendrin ist?

Mehr #KI News · Mehr zu digitalem Denken

Mehr Newshunger?

Altes Wählscheibentelefon mit Türattrappe und Holzschild vor weißem Hintergrund
KI steigert Kreativität, macht Gehirne träge, führt zu Symptomverschweigung bei Patienten und bedroht Arbeitsplätze
4,6 14 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Michael Dobler
Autor
Ich bin der Herausgeber von Dr. Web. Um praxisfit zu bleiben, unterstütze ich darüber hinaus Kunden bei der digitalen Kundengewinnung und Kundenbindung. Erste eigene Gehversuche im Internet unternahm ich 1999 mit einem Kinomagazin. Nach 15 Jahren in Lohn und Brot, u.a. als Projektmanager für digitale Medien, machte ich mich schließlich Ende 2005 selbständig. Das war die beste berufliche Entscheidung meines Lebens.
822 Artikel veröffentlicht
Alle Artikel

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter

Mehr solcher Artikel?
Jetzt kostenlos abonnieren.

Jeden Dienstag die besten Artikel aus dem Dr. Web-Magazin direkt in Ihr Postfach – kein Spam, jederzeit abmeldbar.

Einmal pro Woche, kein täglicher Spam
Jederzeit mit einem Klick abmeldbar
DSGVO-konform via Brevo