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Dieter Petereit 11. Mai 2018

Circular Design: Gestalten ohne Ende

Der tra­di­tio­nel­le linea­re Produktlebenszyklus mit einem defi­nier­ten Anfang und einem eben sol­chen Ende hat aus­ge­dient. Was wir im Wege des „Circular Design“ ent­wi­ckeln, ist in sich rege­ne­ra­tiv und stellt sich so den Herausforderungen der Zukunft in beson­de­rer Weise.

Kreislaufwirtschaft 1.0: Kaufen – Nutzen- Entsorgen

Konventionelles Design ist line­ar. Das bedeu­tet, dass der Lebensweg eines Produktes einen Anfang und ein Ende hat. Irgendwann ent­steht es im Kopf des Designers, mate­ria­li­siert sich, wird von Kunden genutzt, bis die­se es letzt­end­lich nicht mehr ver­wen­den und ent­sor­gen. Dabei war für das Design in der Vergangenheit der letz­te Aspekt, also das Ende des Produktlebensweges, nur unter dem Gesichtspunkt der Zulässigkeit von Interesse. Ich konn­te also als Designer nicht mit Materialien arbei­ten, für die es kei­nen rechts­kon­for­men Entsorgungs- oder Recyclingweg gibt.

An die­ser Stelle setz­te dann, im Grunde davon unab­hän­gig, die Kreislaufwirtschaft 1.0 an. Die sorg­te dafür, dass Produkte oder Teile davon mög­lichst wie­der­ver­wen­det oder recy­celt wur­den. Das kennt jeder aus dem Abfallbereich in viel­fäl­ti­ger Form, min­des­tens als gel­be Tonne oder gel­ben Sack.

Es ist nicht ein­mal so, dass man nun sagen könn­te, dass Design wenigs­tens sicher­ge­stellt hät­te, dass Produkte mög­lichst umfas­send wie­der­ver­wert­bar gestal­tet waren. Die Hersteller, die sich die­sem Ziel ver­schrie­ben hat­ten, waren in der Minderheit und sind es auch heu­te noch.

Kreislaufwirtschaft 2.0: Kaufen – Nutzen – Wiederverwerten

In der Kreislaufwirtschaft 2.0, oder – wie es IDEO und die Ellen MacArthur Foundation nen­nen – dem Circular Design gehen wir noch ein paar Schritte wei­ter. Hier geht es dar­um, den linea­ren Designansatz kom­plett auf­zu­ge­ben und von Beginn an in Kreisläufen zu den­ken. Das Produkt wird von Anfang an so kon­zi­piert, dass es gar nicht den Status des Abfalls errei­chen kann. Alles ist rege­ne­ra­tiv.

Der „Circular-Design-Guide“ (Screenshot: D. Petereit)

Den Begriff Circular Design ver­wen­de­te die Ellen MacArthur Foundation erst­mals in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 2012. Erste Lehrstühle an Universitäten und Fachhochschulen grif­fen den Begriff rela­tiv schnell auf, so dass zumin­dest die aka­de­mi­sche Ausbildung schon seit ein paar Jahren in die rich­ti­ge Richtung geht.

In Zusammenarbeit mit den Erfindern des Design Thinking, Tim Browns IDEO, ent­stand nun der „Circular-Design-Guide“. Tim Brown betrach­tet Circular Design als evo­lu­tio­nä­re Weiterentwicklung sei­nes an Popularität gewin­nen­den Ansatzes des Design Thinking. Der Unterschied besteht im Wesentlichen dar­in, dass Circular Design nicht nur ein­zel­ne Produkte, son­dern gan­ze Unternehmen, gan­ze Wirtschaftsgefüge umfasst.

Der Circular-Design-Guide ist eine Starthilfe für das Umschalten im Kopf

Dadurch ist Circular Design ungleich kom­ple­xer und bedarf umfang­rei­cher Unterstützung in der Phase der Einführung. Eben dar­in liegt die Zielsetzung des Circular-Design-Guide. In einer Art Manual legen die Macher des Guides die Grundlagen offen. Dabei geht es nicht nur um Aspekte der Kreislaufwirtschaft, son­dern auch um erwei­ter­te Prinzipien aus dem Design Thinking, die an die neu­en Herausforderungen ange­passt wur­den.

Eines der ers­ten Projekte, bei dem Circular Design zum Einsatz kam, ist die Lichttechnik im Amsterdamer Flughafen Schiphol. Anstatt den übli­chen Weg zu gehen und eine Lichtinstallation zu kau­fen, ein­bau­en zu las­sen und zu betrei­ben, ent­schied man sich völ­lig anders. Die nie­der­län­di­sche Firma Philips ist der Lighting-as-a-Service-Anbieter, der dafür ver­ant­wort­lich zeich­net, dass Licht in Schiphol brennt. Die Flughafenbetreiber mel­den ledig­lich etwai­ge Fehlfunktionen an Philips. Die Andersartigkeit des Ansatzes erschließt sich sofort. Laut Philips erge­ben sich durch ein gänz­lich ande­res Produktdesign mas­si­ve Vorteile in der Wartbarkeit, wie auch in der Langlebigkeit der Lösung.

Für den Kunden wird die Lichtversorgung so ein­fach wie das Konsumieren aktu­el­ler Filme mit Netflix oder das Speichern gro­ßer Datenmengen in der Dropbox anstel­le eines eige­nen Servers in einem Rechenzentrum. Bezahlt wird eine monat­li­che Summe, die Anlage und Verbrauch beinhal­tet. Statt eige­nen Aufwand, auch in per­so­nel­ler Hinsicht, zu erzeu­gen, bleibt alles in den Händen der spe­zia­li­sier­ten Dienstleister. Aufgrund derer Expertise kön­nen die ein­ge­setz­ten Produkte sogar anders, kom­ple­xer kon­stru­iert oder in ande­rer Weise opti­miert sein. Der Endkunde muss sie ja nicht ver­ar­bei­ten kön­nen. An vie­len Stellen las­sen sich so Einsparpotenziale erken­nen.

Auch ande­re Produkte, wie Verpackungsmaterial aus schnell­wach­sen­den Pilzen, stel­len ers­te Best Practices des neu­en Design-Ansatzes dar. Interessant ist auch der Ansatz, Kopfhörer aus leicht repa­ra­blen Bauteilen zu pro­du­zie­ren und im Rahmen einer Musik-Flat abzu­ge­ben. Fast schon eta­bliert ist die Methode, land­wirt­schaft­li­che Güter über meh­re­re Stockwerke im urba­nen Raum anzu­bau­en.

Methoden des Circular Design. (Screenshot: D. Petereit)

Im Circular-Design-Guide fin­den sich 24 Module, die teils in das Thema ein­füh­ren und teil­wei­se prak­ti­sche Hilfestellungen bie­ten. Dementsprechend fol­gen die Module dem Kreislauf des „Understand > Define > Make > Release“, also des „Verstehen > Definieren > Machen > Veröffentlichen“.

Ein Kreislauf ent­steht dadurch, dass Circular Design den Begriff „Fertig“ eli­mi­niert. Stattdessen sol­len Designer künf­tig jedes Produkt wie eine Software betrach­ten, an der schließ­lich auch per­ma­nen­te Verbesserungen mög­lich sind.

Der Designer ändert sich vielleicht, aber was tut der Kunde?

Nun ist es eine Sache, die Herangehensweisen zukünf­ti­ger Designergenerationen zu ändern. Das ist schon schwie­rig genug und bedarf über­zeu­gen­der Argumente. Teilweise lie­fert die­se der Circular-Design-Guide. Da hät­te ich ange­sichts der Anpassungsfähigkeit unse­res Berufsstandes aber eher weni­ger Bedenken.

Die Kunden indes müs­sen sich eben­falls ändern, um die so ent­ste­hen­den neu­en Produkte über­haupt schät­zen zu kön­nen und letzt­lich nach­fra­gen zu wol­len. Es wird nicht jeder­manns Sache sein, sei­ne Lichtinstallation im Haus als Service zu betrach­ten, den ein exter­ner Dienstleister betreibt. Zumal, wenn sich dadurch auch noch die Kosten erhö­hen, wovon, wie bei jedem miet­ähn­li­chen Konzept, aus­zu­ge­hen ist.

Ein wesent­li­ches Element des Circular Design rich­tet sich des­halb an Content-Marketer. Diese müs­sen es näm­lich schaf­fen, star­ke Narrative zu erschaf­fen, denen Kunden zu fol­gen bereit sind. Der Beruf des Geschichtenerzählers wird in der Zukunft nicht aus­ster­ben.

Eine ande­re Variante bestün­de dar­in, Circular Design alter­na­tiv­los zu machen, indem man dem Ansatz Gesetzesrang ver­leiht. Das klingt zwar zunächst dra­ko­nisch, ist aber letzt­lich nur die logi­sche Konsequenz, qua­si der nächs­te Schritt, den wir nach der Einführung der Kreislaufwirtschaft 1.0 gehen müs­sen. Auch die bereits eta­blier­ten Recycling-Prozesse haben sich nicht frei­wil­lig ein­ge­führt, son­dern bedür­fen noch heu­te der ste­ti­gen gesetz­li­chen Nachkorrektur, um sie in der Spur zu hal­ten.

Quellen zum Weiterlesen

  • The Circular Design Guide
  • Die Erfinder des „Design Thinking” | IDEO
  • Ideo Says The Future Of Design Is Circular | Fast Company
  • New Circular Design Guide laun­ched by the Ellen MacArthur Foundation and IDEO at Davos | Ellen MacArthur Foundation
  • Was ist Design Thinking und war­um soll­te dich das inter­es­sie­ren? | Dr. Web
  • Buch: „Change by Design” | Tim Brown (Chairman von IDEO)

(Bildnachweis Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design.

2 Kommentare

  1. Alles schön und gut, über­zeugt mich aber nicht.
    Meiner Meinung nach ist das linea­re Produkdesign von der Idee zur mög­lichst per­fek­ten Umsetzung eine fun­da­men­ta­le Komponente unse­rer Kultur – zumin­dest der abend­län­di­schen. Ich hal­te das linea­ren Design auch des­halb für fun­da­men­tal, weil es dem Ablauf eines mensch­li­chen Lebens gleicht. Warum glau­ben aus­ge­rech­net Designer, dass sie den Menschen von sei­ner mate­ri­el­len Natur “befrei­en” kön­nen?

    Es stimmt natür­lich: Smartphones, Betriebssysteme von PCs und immer öfter auch ande­re Produkte wer­den nie fer­tig, sind nie per­fekt und wer­den des­halb im Namen des Fortschritts dau­ernd aus­ge­tauscht. Das schafft bekannt­lich Probleme für Ressourcen und Umwelt. Aber der Grund liegt doch auf der Hand: Eine Wirtschaftsform, die auf den Konsum aus­ge­rich­tet ist, kann kei­ne Produkte gebrau­chen, die so per­fekt sind, dass man sie lan­ge ver­wen­den kann und will.
    “Circular design” ist die ret­ten­de Idee, die aus der Not eine Tugend macht, indem man unse­re aktu­el­le Form des Wirtschaftens mit einer neu­en Designtheorie auf­wer­tet.
    Dabei kann ich nicht glau­ben, dass das “Circular design” das Primat der Wirtschaftlichkeit außer Kraft set­zen wird. Der Nutzen für Umwelt und Ressourcen ist also ein unbe­wie­se­nes Versprechen.
    Die erwähn­ten Fallbeispiele über­zeu­gen mich nicht:
    – Die “Lichtdienstleistung” am Flughafen: Was ist das ande­res als “Outsourcing”? Könnte es nicht sein, dass das des­halb so gut klappt, weil man es end­lich mal rich­tig gemacht hat? Braucht man dazu wirk­lich eine neue Theorie?
    – Das von Pilzen pro­du­zier­te Verpackungsmaterial hat­ten wir auch schon mal: Verpackungsmaterial aus Popcorn. Bin gespannt, ob sich die Pilze mit dem Adelsprädikat “Circular design” bes­ser ver­kau­fen las­sen.
    – Ich habe nicht ver­stan­den, was land­wirt­schaft­li­che Produktion auf meh­re­ren Stockwerken mit “Circular design” zu tun haben soll – und wo die poten­zier­te Menge an Gülle blei­ben soll.

    Ich per­sön­lich bedaue­re die immer stär­ker ver­kürz­ten Lebenszyklen von Produkten im Speziellen und unse­re beschleu­nig­te Zeit im Allgemeinen. Ich kann nicht erken­nen, wie “Circular design” das mensch­li­che Bedürfnis befrie­di­gen will, ein gelun­ge­nes oder per­fek­tes Produkt zu bewun­dern, zu begeh­ren und zu erhal­ten. Dieses Bedürfnis scheint mir aber weit ver­brei­tet zu sein – beson­ders wenn man mit so viel Mist klar­kom­men muss, wie heu­te (z.B. Windows 10).
    Wenn man die Sache kon­se­quent durch­denkt, kön­nen wir die Museen schlie­ßen und die Geschichtsbücher zuklap­pen, denn wen inter­es­sie­ren noch “Meisterwerke” und Pyramiden, die extre­me Beispiele für linea­res Design sind.

    Vielleicht bin ich zu alt – aber mal sehen, was man in fünf Jahren noch vom “Circular design” hört.
    Frank Elter

  2. Interessantes Thema! Ich habe, beson­ders am Beispiel der Flughafenbeleuchtung, ver­stan­den, wie der Betreiber “Licht machen” out­sourct. Was ich nicht ver­stan­den habe, was dies tat­säch­lich für das Produkt, die Leuchte selbst, bedeu­tet. Was müß­te ich als Designer nun nun anders machen, wenn ich mit dem Stift vor dem wei­ßen Blatt Papier sit­ze und eine Leuchte, bzw. ein Lichtsystem, gestal­ten möch­te?

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