Dieter Petereit 11. Mai 2018

Circular Design: Gestalten ohne Ende

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Der traditionelle lineare Produktlebenszyklus mit einem definierten Anfang und einem eben solchen Ende hat ausgedient. Was wir im Wege des „Circular Design“ entwickeln, ist in sich regenerativ und stellt sich so den Herausforderungen der Zukunft in besonderer Weise.

Kreislaufwirtschaft 1.0: Kaufen – Nutzen- Entsorgen

Konventionelles Design ist linear. Das bedeutet, dass der Lebensweg eines Produktes einen Anfang und ein Ende hat. Irgendwann entsteht es im Kopf des Designers, materialisiert sich, wird von Kunden genutzt, bis diese es letztendlich nicht mehr verwenden und entsorgen. Dabei war für das Design in der Vergangenheit der letzte Aspekt, also das Ende des Produktlebensweges, nur unter dem Gesichtspunkt der Zulässigkeit von Interesse. Ich konnte also als Designer nicht mit Materialien arbeiten, für die es keinen rechtskonformen Entsorgungs- oder Recyclingweg gibt.

An dieser Stelle setzte dann, im Grunde davon unabhängig, die Kreislaufwirtschaft 1.0 an. Die sorgte dafür, dass Produkte oder Teile davon möglichst wiederverwendet oder recycelt wurden. Das kennt jeder aus dem Abfallbereich in vielfältiger Form, mindestens als gelbe Tonne oder gelben Sack.

Es ist nicht einmal so, dass man nun sagen könnte, dass Design wenigstens sichergestellt hätte, dass Produkte möglichst umfassend wiederverwertbar gestaltet waren. Die Hersteller, die sich diesem Ziel verschrieben hatten, waren in der Minderheit und sind es auch heute noch.

Kreislaufwirtschaft 2.0: Kaufen – Nutzen – Wiederverwerten

In der Kreislaufwirtschaft 2.0, oder – wie es IDEO und die Ellen MacArthur Foundation nennen – dem Circular Design gehen wir noch ein paar Schritte weiter. Hier geht es darum, den linearen Designansatz komplett aufzugeben und von Beginn an in Kreisläufen zu denken. Das Produkt wird von Anfang an so konzipiert, dass es gar nicht den Status des Abfalls erreichen kann. Alles ist regenerativ.

Der „Circular-Design-Guide“ (Screenshot: D. Petereit)

Den Begriff Circular Design verwendete die Ellen MacArthur Foundation erstmals in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 2012. Erste Lehrstühle an Universitäten und Fachhochschulen griffen den Begriff relativ schnell auf, so dass zumindest die akademische Ausbildung schon seit ein paar Jahren in die richtige Richtung geht.

In Zusammenarbeit mit den Erfindern des Design Thinking, Tim Browns IDEO, entstand nun der „Circular-Design-Guide“. Tim Brown betrachtet Circular Design als evolutionäre Weiterentwicklung seines an Popularität gewinnenden Ansatzes des Design Thinking. Der Unterschied besteht im Wesentlichen darin, dass Circular Design nicht nur einzelne Produkte, sondern ganze Unternehmen, ganze Wirtschaftsgefüge umfasst.

Der Circular-Design-Guide ist eine Starthilfe für das Umschalten im Kopf

Dadurch ist Circular Design ungleich komplexer und bedarf umfangreicher Unterstützung in der Phase der Einführung. Eben darin liegt die Zielsetzung des Circular-Design-Guide. In einer Art Manual legen die Macher des Guides die Grundlagen offen. Dabei geht es nicht nur um Aspekte der Kreislaufwirtschaft, sondern auch um erweiterte Prinzipien aus dem Design Thinking, die an die neuen Herausforderungen angepasst wurden.

Eines der ersten Projekte, bei dem Circular Design zum Einsatz kam, ist die Lichttechnik im Amsterdamer Flughafen Schiphol. Anstatt den üblichen Weg zu gehen und eine Lichtinstallation zu kaufen, einbauen zu lassen und zu betreiben, entschied man sich völlig anders. Die niederländische Firma Philips ist der Lighting-as-a-Service-Anbieter, der dafür verantwortlich zeichnet, dass Licht in Schiphol brennt. Die Flughafenbetreiber melden lediglich etwaige Fehlfunktionen an Philips. Die Andersartigkeit des Ansatzes erschließt sich sofort. Laut Philips ergeben sich durch ein gänzlich anderes Produktdesign massive Vorteile in der Wartbarkeit, wie auch in der Langlebigkeit der Lösung.

Für den Kunden wird die Lichtversorgung so einfach wie das Konsumieren aktueller Filme mit Netflix oder das Speichern großer Datenmengen in der Dropbox anstelle eines eigenen Servers in einem Rechenzentrum. Bezahlt wird eine monatliche Summe, die Anlage und Verbrauch beinhaltet. Statt eigenen Aufwand, auch in personeller Hinsicht, zu erzeugen, bleibt alles in den Händen der spezialisierten Dienstleister. Aufgrund derer Expertise können die eingesetzten Produkte sogar anders, komplexer konstruiert oder in anderer Weise optimiert sein. Der Endkunde muss sie ja nicht verarbeiten können. An vielen Stellen lassen sich so Einsparpotenziale erkennen.

Auch andere Produkte, wie Verpackungsmaterial aus schnellwachsenden Pilzen, stellen erste Best Practices des neuen Design-Ansatzes dar. Interessant ist auch der Ansatz, Kopfhörer aus leicht reparablen Bauteilen zu produzieren und im Rahmen einer Musik-Flat abzugeben. Fast schon etabliert ist die Methode, landwirtschaftliche Güter über mehrere Stockwerke im urbanen Raum anzubauen.

Methoden des Circular Design. (Screenshot: D. Petereit)

Im Circular-Design-Guide finden sich 24 Module, die teils in das Thema einführen und teilweise praktische Hilfestellungen bieten. Dementsprechend folgen die Module dem Kreislauf des „Understand > Define > Make > Release“, also des „Verstehen > Definieren > Machen > Veröffentlichen“.

Ein Kreislauf entsteht dadurch, dass Circular Design den Begriff „Fertig“ eliminiert. Stattdessen sollen Designer künftig jedes Produkt wie eine Software betrachten, an der schließlich auch permanente Verbesserungen möglich sind.

Der Designer ändert sich vielleicht, aber was tut der Kunde?

Nun ist es eine Sache, die Herangehensweisen zukünftiger Designergenerationen zu ändern. Das ist schon schwierig genug und bedarf überzeugender Argumente. Teilweise liefert diese der Circular-Design-Guide. Da hätte ich angesichts der Anpassungsfähigkeit unseres Berufsstandes aber eher weniger Bedenken.

Die Kunden indes müssen sich ebenfalls ändern, um die so entstehenden neuen Produkte überhaupt schätzen zu können und letztlich nachfragen zu wollen. Es wird nicht jedermanns Sache sein, seine Lichtinstallation im Haus als Service zu betrachten, den ein externer Dienstleister betreibt. Zumal, wenn sich dadurch auch noch die Kosten erhöhen, wovon, wie bei jedem mietähnlichen Konzept, auszugehen ist.

Ein wesentliches Element des Circular Design richtet sich deshalb an Content-Marketer. Diese müssen es nämlich schaffen, starke Narrative zu erschaffen, denen Kunden zu folgen bereit sind. Der Beruf des Geschichtenerzählers wird in der Zukunft nicht aussterben.

Eine andere Variante bestünde darin, Circular Design alternativlos zu machen, indem man dem Ansatz Gesetzesrang verleiht. Das klingt zwar zunächst drakonisch, ist aber letztlich nur die logische Konsequenz, quasi der nächste Schritt, den wir nach der Einführung der Kreislaufwirtschaft 1.0 gehen müssen. Auch die bereits etablierten Recycling-Prozesse haben sich nicht freiwillig eingeführt, sondern bedürfen noch heute der stetigen gesetzlichen Nachkorrektur, um sie in der Spur zu halten.

Quellen zum Weiterlesen

(Bildnachweis Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

2 Kommentare

  1. Alles schön und gut, überzeugt mich aber nicht.
    Meiner Meinung nach ist das lineare Produkdesign von der Idee zur möglichst perfekten Umsetzung eine fundamentale Komponente unserer Kultur – zumindest der abendländischen. Ich halte das linearen Design auch deshalb für fundamental, weil es dem Ablauf eines menschlichen Lebens gleicht. Warum glauben ausgerechnet Designer, dass sie den Menschen von seiner materiellen Natur „befreien“ können?

    Es stimmt natürlich: Smartphones, Betriebssysteme von PCs und immer öfter auch andere Produkte werden nie fertig, sind nie perfekt und werden deshalb im Namen des Fortschritts dauernd ausgetauscht. Das schafft bekanntlich Probleme für Ressourcen und Umwelt. Aber der Grund liegt doch auf der Hand: Eine Wirtschaftsform, die auf den Konsum ausgerichtet ist, kann keine Produkte gebrauchen, die so perfekt sind, dass man sie lange verwenden kann und will.
    „Circular design“ ist die rettende Idee, die aus der Not eine Tugend macht, indem man unsere aktuelle Form des Wirtschaftens mit einer neuen Designtheorie aufwertet.
    Dabei kann ich nicht glauben, dass das „Circular design“ das Primat der Wirtschaftlichkeit außer Kraft setzen wird. Der Nutzen für Umwelt und Ressourcen ist also ein unbewiesenes Versprechen.
    Die erwähnten Fallbeispiele überzeugen mich nicht:
    – Die „Lichtdienstleistung“ am Flughafen: Was ist das anderes als „Outsourcing“? Könnte es nicht sein, dass das deshalb so gut klappt, weil man es endlich mal richtig gemacht hat? Braucht man dazu wirklich eine neue Theorie?
    – Das von Pilzen produzierte Verpackungsmaterial hatten wir auch schon mal: Verpackungsmaterial aus Popcorn. Bin gespannt, ob sich die Pilze mit dem Adelsprädikat „Circular design“ besser verkaufen lassen.
    – Ich habe nicht verstanden, was landwirtschaftliche Produktion auf mehreren Stockwerken mit „Circular design“ zu tun haben soll – und wo die potenzierte Menge an Gülle bleiben soll.

    Ich persönlich bedauere die immer stärker verkürzten Lebenszyklen von Produkten im Speziellen und unsere beschleunigte Zeit im Allgemeinen. Ich kann nicht erkennen, wie „Circular design“ das menschliche Bedürfnis befriedigen will, ein gelungenes oder perfektes Produkt zu bewundern, zu begehren und zu erhalten. Dieses Bedürfnis scheint mir aber weit verbreitet zu sein – besonders wenn man mit so viel Mist klarkommen muss, wie heute (z.B. Windows 10).
    Wenn man die Sache konsequent durchdenkt, können wir die Museen schließen und die Geschichtsbücher zuklappen, denn wen interessieren noch „Meisterwerke“ und Pyramiden, die extreme Beispiele für lineares Design sind.

    Vielleicht bin ich zu alt – aber mal sehen, was man in fünf Jahren noch vom „Circular design“ hört.
    Frank Elter

  2. Interessantes Thema! Ich habe, besonders am Beispiel der Flughafenbeleuchtung, verstanden, wie der Betreiber „Licht machen“ outsourct. Was ich nicht verstanden habe, was dies tatsächlich für das Produkt, die Leuchte selbst, bedeutet. Was müßte ich als Designer nun nun anders machen, wenn ich mit dem Stift vor dem weißen Blatt Papier sitze und eine Leuchte, bzw. ein Lichtsystem, gestalten möchte?

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