Dieter Petereit 6. März 2016

Cartoon: Das digitale Präkariat

Cartoon: Das digitale Präkariat

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren...

Ich kann es mir ja kaum ansehen, das Leid, das mit Plattformen wie 99designs erzeugt wird. Stolz werben die Betreiber damit, sie brächten die Designer dieser Erde näher zusammen und der Kunde könne nun von Berlin bis Bombay seine Auswahl des besten Entwurfes spannen. Das stimmt zwar, ist aber kein Nutzen, sondern eine Gefahr. Das digitale Präkariat entsteht…

Cartoon: Das digitale Präkariat

Denn natürlich kann der Designer am anderen Ende der Welt, wo der durchschnittliche Monatsverdienst bei 100 USD liegt, ganz andere Preise machen als der durchschnittliche Mitteleuropäer. So wirken unsere hiesigen Preise auf einmal teuer, während sie im Kontext zu Kaufkraft und sonstigen Marktbedingungen in den meisten Fällen sogar günstiger sein dürften.

Und wehe du gewinnst den sogenannten Wettbewerb am Ende nicht (was wahrscheinlich ist). Dann hast du nicht einmal nur wenig, sondern gar nichts verdient.

Es hilft alles nichts. Wenn du dein tägliches Brot mit Design verdienen willst, musst du ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln und Preise verlangen, die dich letzten Endes auch wirklich ernähren können. Dein Kunde wird sich ebensowenig unter Wert verkaufen wie du es solltest.

Zudem holt dich ein zu niedriger Preis an vielen Ecken und Enden des Projekts wieder ein. In der Regel enden solche Projekte damit, dass Kunde und Designer gleichermaßen unzufrieden sind. Lass es nicht so weit kommen.

Beim guten alten Dr. Web haben wir schon vor Jahren einen Artikel mit dem Titel „Knackpunkt Preis“ veröffentlicht, den ich dir auch heute noch empfehlen kann.

Bei der Karrierebibel hat man den Versuch gemacht, sich über einen Präkariatsdienst ein Logo entwickeln zu lassen. Lies den Bericht und lass dich abschrecken. Wenn ich lese, wie viele Designer mit wie vielen Entwürfen teilgenommen haben und wieviel letzten Endes an einen (!) von ihnen gezahlt wurde, wird mir ganz schlecht.

Der Cartoon erschien zuerst in unserem zweiwöchentlichen Newsletter. Ein Abonnement lohnt sich.

Noch mehr Cartoons findest du übrigens an dieser Stelle.

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

11 Kommentare

  1. Also ich finde den Bericht von Karriere-Bibel nicht wirklich abschreckend, eher im Gegenteil.
    Was im Übrigen über das sonst hier Gesagte nichts aussagen soll, dem ist fast vollständig zuzustimmen. Ich warte ja nur darauf, daß ähnliches für Programmierer kommt, vermutlich dürfte da nur die wesentlich größere Komplexheit des Pflichtenhefts und die meist vorhandene Notwendigkeit einer Wartung noch entgegenstehen…

    1. Nur zur Klarstellung: Der Bericht drüben auf Karrierebibel ist sehr aufschlussreich und bringt den praktischen Blick auf das theoretische dazu. Von daher finde ich ihn auch nicht abschreckend. Inhaltlich hingegen, also da, wo es um das Was und das Wie und das Wieviel geht, da finde ich die Ergebnisse abschreckend. Also bitte nicht den Boten mit der Botschaft verwechseln 😉 Wir sind doch nicht in Sparta.

  2. Hm, die Argumentation lässt doch Einiges außer Acht:

    – Keiner wird gezwungen, an solchen Ausschreibungen teilzunehmen.
    – Wer teilnimmt, weiß, worauf er sich einlässt.
    – Nicht der Anbieter entscheidet, was gut und seinen Preis Wert ist, sondern der Nachfrager.
    – Konkurrenz belebt das Geschäft.
    – Wer sagt denn, dass hohe Preise automatisch zu besseren Ergebnissen führen (zahlreiche Beispiele im Web bestätigen das Gegenteil)?
    – Was ist mit den zahlreichen Kleinstbetrieben und Startups, die dennoch Designs brauchen, aber nicht die Budgets haben? Haben die nicht auch ein Recht darauf, sich international nach dem besten Angebot umzusehen?
    – Wenn diese Unternehmen wachsen (und gute Erfahrungen mit Design gemacht haben), werden Sie vielleicht auch Kunden hiesiger Agenturen.

    1. Ich sehe das nicht so. Es muss ein fairer Gegenwert bezahlt werden.

      Wenn ein Startup kein Geld hat, kann es sich auch keinen Maybach als Firmenwagen kaufen und VW wird ihm keinen zum Preis eines Golf geben in der Hoffnung, dass die Firma einmal wächst und sie dann den normalen Preis zahlen würde.

      Warum sollen Grafiker und Fotografen die Wirtschaft stützen? Wie kommen die dazu, selbst billigst zu arbeiten und womöglich sparsam leben zu müssen, damit andere ihr Geschäft aufbauen können.

      Ja, Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber man muss von dem Geschäft auch leben können. Und derzeit scheint es eine wirtschaftliche Todessehnsucht zu geben bei Kreativleistern. Man will einander durch den niedrigsten Preis überbieten. Die Leistung ist es, einen hohen Preis zu bekommen. Es ist alles andere als eine Referenz, Logos, Fotos oder Webseiten zum Billigstpreis gestaltet zu haben. Es ist ein Armutszeugnis.

      Und es ist eine Schande, junge, enthusiastische Leute, von denen viele auch sehr talentiert sind und hochwertige Leistung anbieten, auszubeuten.

      1. Dein vergleich hinkt: Das Unternehmen kauft ja gerade keinen (deutschen) Maybach, sondern einen asiatischen Kleinwagen. Den kann es sich leisten. Klar, würde es vielleicht lieber einen Golf kaufen, aber der ist schlicht zu teuer.

        Der Grafiker soll auch gar nicht die Wirtschaft stützen. Aber er nimmt an dieser mit seinem Angebot teil – und muss sich daher auch dem (internationalen) Wettbewerb stellen. Wenn andere dieselbe oder bessere Leistungen für weniger Geld anbieten, brauchst du einen guten Grund, um deinen Preis zu rechtfertigen. Die Nachfrage regelt den Preis – nicht der Anbieter.

        Überdies wird niemand ausgebeutet! Das ist das schlechteste Argument. Denn es wird niemand gezwungen, zu dem Preis (oder zu den Bedingungen) anzubieten. Wenn es zu dem (niedrigen) Preis keine Anbieter gibt, steigt der Preis. Umgekehrt aber reicht es eben nicht, zu sagen: „Ich bin jung und kreativ. Deshalb kann ich XXX verlangen, obwohl der Marktpreis eigentlich bei YYY liegt.“ Wenn du deine Leistung nicht zum Marktpreis anbieten kannst, bist du schlicht nicht marktfähig. Also musst du deine Leistung verbessern und Mehrwert bieten – oder billiger werden.

        All die, die hier schreien: „Das sehe ich anders“, sollten sich mal fragen, warum sie bei Aldi und Lidl einkaufen oder im Internet Preise vergleichen und dann beim billigsten Online-Händler ihre Klamotten, Lebensmittel, Computer, etc. einkaufen und nicht bei dem, der sagt: „Ich bin zwar der teuerste, aber wenigstens jung und kreativ“… Ihr könnt nicht im selben Atemzug für euer Business andere Regeln verlangen und den Markt und die internationale Konkurrenz ganz doof finden, und dann aber klasse finden, dass es Dank Asien billige Fernseher, Klamotten, Möbel, Computer, Autos, usw. gibt. Das ist bigott.

      2. Volle Zustimmung zu fewe, während Jochen (?) hier eher den klassischen Raubtierkapitalisten gibt, den er eigentlich gar nicht geben müsste, weil er ja nicht der Betreiber von 99designs oder ähnlichem ist. Oder etwa doch?!

        Am liebsten ist mir immer das Argument, es würde doch keiner gezwungen. Lächerlicher kann man Ausbeutung gar nicht schön reden. Der Taxifahrer wird auch nicht gezwungen, für 3,50 Euro die Stunde zu arbeiten. Da der Preis aber immer schön runtergefahren wurde, liegt er halt jetzt da. Warum hatten wir die Diskussion um Mindestlöhne und warum hat sich die Wirtschaft dagegen gewehrt? Angeblich wäre man durch Mindestlöhne nicht mehr wettbewerbsfähig. Was natürlich völliger Quatsch ist, da es gerade Mindestlöhne sind, die einen davor schützen, dass die Hein Meier GmbH ums Eck ihre Leistungen billiger anbieten kann, weil sie ihre Mitarbeiter beschissen bezahlen.

      3. @Karrierebibel: Selbstverständlich wird jemand ausgebeutet, der für ein Firmenlogo 250 EUR bekommt. Und das auch nur dann, wenn er die Bestleistung abliefert, die ein Vielfaches davon wert wäre.

        Man kann Handelsware nicht mit einer Kreativleistung vergleichen. Wenn ich den selben Fernseher beim Händler X billiger bekomme als beim Y, werde ich ihn mir beim X kaufen.

        Früher hatte es so recht gut funktioniert: Man arbeitet vorerst einmal günstig oder überhaupt kostenlos, bis man ein paar Sachen zum Vorzeigen hat und dann kann man normale Honorare berechnen. Heute funktioniert das nicht mehr, weil es immer irgendwo jemanden gibt, der glaubt, vorerst einmal billig zu arbeiten um ins Geschäft zu kommen. Wenn er dann reif dafür wäre, bekommen jene den Zuschlag die gerade einsteigen wollen und eben auch sehr gut sind.

        Ich kenne das Problem näher von Fotografen. Da kenne ich etliche, die schon seit Jahren was anderes machen, weil das einfach nicht mehr adäquat bezahlt wird. Als ich zu fotografieren angefangen hatte, konnte man sich von zwei mittleren Aufträgen eine schöne Ausrüstung kaufen. Heute mieten viele Fotografen die Ausrüstung pro Auftrag, weil zu wenig bezahlt wird.

        Und ja, das ist das Präkariat von dem in dem Artikel die Rede ist. Wenn man andere nichts verdienen lässt, verdient man am Ende selbst nichts mehr. Und dabei geht es eben nicht um Geschenke oder Wohltaten, sondern um eine adäquate Bezahlung.

      4. Ich stimme voll zu, möchte aber noch ergänzen, dass aus Unrecht nicht Recht wird, bloß weil es Beispiele gibt, wo es genauso gehandhabt wird. Ich persönlich achte, wo es geht darauf, dass ich Produkte kaufe, die wenigstens mal ein Fairtrade-Siegel haben, weil ich Ausbeutung egal wo und egal wie ganz generell zum Kotzen finde.

      5. Fair-Trade-Siegel sind eine gute Geschäftsidee. Ich halte davon ehrlichgesagt nichts. Das dürfte eine ähnliche Sache wie mit den Spendenorganisationen sein. In erster Linie werden damit die eigenen Leute gut versorgt.

        Mir gefällt es dabei nicht, dass alle die nicht zahlen dafür, dass sie das Fair-Trade-Logo auf ihre Produkte drucken dürfen hingestellt werden, als würden sie unfair handeln. Es ist ein bisschen wie Schutzgelderpressung. Sowas mag ich wiederum nicht 😉

        Ich achte darauf, dass die, bei denen ich direkt eine Leistung beziehe einen anständigen Gegenwert von mir bekommen. Alles andere habe ich nicht in der Gewalt.

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