Dieter Petereit 28. August 2018

Achtsamkeit und Design, ein Dream-Team

Wenn du dabei bist, mehr Achtsamkeit in dein Leben zu integrieren, dann solltest du das auch auf der beruflichen Ebene tun. Im Design hilft dir das auf vielerlei Weise.

Freiwillig kommt kaum einer zu den richtigen Erkenntnissen

Anfang letzten Jahres begann ich, Achtsamkeitsübungen in meinen Alltag zu integrieren. Anfangs hatte ich massive Schwierigkeiten damit. Immerhin war ich es gewohnt, beim Betreten des Büros zu 100 Prozent und mehr zu funktionieren und auf alle Umweltreize zu reagieren, sprich: mir den Arsch aufzureißen.

Erst als sich der Burnout mit körperlichen Symptomen ankündigte, glaubte ich endlich, dass ich die Warnzeichen des Körpers nicht länger ignorieren sollte. „I’ll sleep when I’m dead. Sleep is for the weak.” All das war bis dahin Teil meiner Einstellung gewesen.

Mittlerweile lebe ich weitaus ruhiger und leiste dabei erstaunlicherweise gar nicht so viel weniger. Jedoch hat sich meine gesamte Herangehensweise geändert. Was ich als allererstes abschaffte, war das Multitasking. Heutzutage arbeite ich Aufgaben nacheinander ab. Während ich an einer arbeite, denke ich über die nächste auch nicht nach. Schön eins nach dem anderen.

Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen ich nicht nach dieser reinen Lehre agieren kann und in denen dann doch Stress aufkommt. Das betrachte ich indes nicht als Scheitern des Konzeptes, sondern lediglich als Möglichkeit, noch achtsamer zu agieren.

Achtsamkeit bedarf der Übung, aber nicht des Erlernens

Achtsamkeit ist nämlich im Grunde gar nichts, was du erst aufwändig erlernen müsstest, obwohl ich genau mit dieser Erwartung an die Sache herangegangen bin und etliche Kurse besuchte. Achtsamkeit bedeutet lediglich, dass du hier und jetzt bei dir und der Aufgabe bist, die du hier und jetzt zu erledigen hast. Im Kern der Sache geht es um Abgrenzung.

Eine Fertigkeit musst du eventuell tatsächlich erst erlernen, nämlich das Neinsagen. Nein, ich arbeite gerade an XYZ. Nein, ich kann jetzt nicht noch etwas zusätzlich übernehmen. Nein, nein, nein. Nein entspannt, sogar ungemein.

Wenn du dich auf eine einzige Sache konzentrierst, verlieren alle anderen Dinge, etwa deine übrigen Aufgaben, ihren Schrecken. Prokrastination, kreative Blockaden – das alles verschwindet nach einer Weile.

Ich sprach von Abgrenzung. Damit meine ich nicht bloß die Abgrenzung von menschlichen Zeitdieben, die es wohl in jedem Büro gibt, sondern die Abgrenzung von Zeitdieben jedweder Art. Wenn du die Aufgabe A bearbeitest, leg dein Smartphone weg, schalte es auf Flugmodus, surfe nicht nebenbei im Netz, mach die Twitter-App aus, Facebook erst recht.

Die erste Übung: Nur du, der Computer und die eine Aufgabe

Jetzt gibt es nur noch dich, deinen Computer und die Aufgabe. Ich schlage vor, dass du an genau dieser Stelle beginnst, Achtsamkeit zu üben. Lass dich nicht ablenken. Wenn es doch passiert, beende die Ablenkung und lenke deine Aufmerksamkeit konsequent auf die eigentliche Aufgabe zurück. Es ist wohl logisch, dass derartige Konzentration zu besseren und sogar schnelleren Ergebnissen führt. Insofern blockiert dich Achtsamkeit nicht, sie beschleunigt dich sogar.

Wenn du einige Übung mit der Achtsamkeit bei der konkreten Designarbeit gewonnen hast, bist du vielleicht sogar hin und wieder in den Zustand gelangt, den man als Flow bezeichnet. Jetzt kannst du deine Achtsamkeits-Übungen auf andere Bereiche ausdehnen.

Weitere achtsame Verhaltensweisen, die dein Befinden und dein Arbeitsergebnis verbessern

Leg in Gesprächen, egal in welcher Runde, dein Smartphone zur Seite und höre einfach genau zu. Du wirst dich wundern, was du alles hörst, wenn du nichts anderes tust. Hör vor allem deinem Kunden genau zu. Das signalisiert dem Gegenüber nicht nur Wertschätzung, sondern auch Professionalität. Dabei machst du nichts anderes, als vollkommen anwesend im Hier und Jetzt, also achtsam zu sein.

Setze dich hinsichtlich der Projektzeitpläne nicht unter Druck. Kalkuliere den Aufwand konservativ, aber natürlich nicht überreichlich. Bedenke dabei, dass du Projekte nacheinander, nicht parallel abarbeiten willst. Das bedingt zwangsläufig eine längere Laufzeit für das einzelne Projekt. Achte bei der Kalkulation darauf, dass du nur eine bestimmte Arbeitszeit pro Tag hast. Sei achtsam im Umgang mit dir selbst. Du bist das wichtigste Werkzeug zur Erzielung deines Einkommens. Mach es nicht kaputt und warte es regelmäßig.

Bevor du mit dem Gestalten beginnst, definiere die zu erreichenden Ziele und vereinbare klare Erfolgskriterien mit deinem Kunden. Auch das ist ein Kriterium der Abgrenzung. Häufig werden Projekte dann stressig, wenn es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was Leistungsumfang ist und was nicht. Das lässt sich vermeiden, wenn auch dieser Teil mit Achtsamkeit vereinbart wird.

Sei achtsam hinsichtlich deines Werkzeugkastens. Springe nicht von Tool zu Tool, ist ja alles so schön bunt. Lege dich fest, mindestens für das Projekt, besser noch generell. Du arbeitest seit zehn Jahren mit Photoshop für deine Layouts? Bleib dabei. Vielleicht ist Sketch besser. Wer weiß? Aber willst du den nicht näher zu beziffernden Lernaufwand betreiben, nur um am Ende festzustellen, dass Sketch die halbe Sekunde schneller zum Ergebnis kommt? Ich habe für mich entschieden, bei den Tools zu bleiben, die ich beherrsche. Schließlich verlasse ich mich beim Laufen auch auf immer die gleichen Bewegungsabläufe und vermeide Experimente.

Für die Momente, in denen die Achtsamkeit sich partout nicht durchhalten lassen will, habe ich eine andere Entspannungsübung entdeckt, die ich seither mit großem Erfolg einsetze. Es handelt sich um das Konzept des Fuck It! von John C. Parkin. Die Ausführung ist einfach. Du atmest tief ein und sprichst dann beim scharfen Ausatmen vernehmlich die Worte Fuck It!. Funktioniert immer.

Bist du noch nicht reif für solche Erkenntnisse? Dann ist vielleicht mein „Kein-Scheiß-Guide für Kreativarbeiter” ein guter Einstieg für dich.

(Letztes Update: 23. August 2018)

(Quellennachweis Artikelbild: Depositphotos)

Dieter Petereit

Dieter Petereit

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.
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3 Kommentare

  1. Lieber Dr. Web,

    leider ist der im Beitrag unten verlinkte Beitrag „KEIN-SCHEISS-GUIDE FÜR KREATIVARBEITER“ nicht auffindbar … auch über die Suche nicht. Ich würde ihn gerne lesen :-)

    Lieben Gruß
    Sabine

  2. Guter Artikel. Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Ein massiver körperlicher Einbruch brachte die Bewusstseinsänderung. Rückfälle gibt es gratis dazu und man darf üben, üben, üben. Aber es lohnt sich.
    Danke fürs Erinnern.
    Martina

    PS Link funktioniert nicht.

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