Wir haben es probiert und einige Seiten bekannter Marken verglichen: ein Teil der Web-Nutzer muss sich über Ladezeiten von 20 Sekunden und mehr ärgern. Warum ist das so? Wann ist das wichtig? Und worauf muss man achten, um schnellere Zugriffe zu ermöglichen.
Physiker und Mathematiker geben, wenn man sie nach der Geschwindigkeit fragt, gerne die bekannte Formel wieder: Geschwindigkeit = zurückgelegter Weg / Zeit. Internet-User kürzen diese Formel so circa auf: Geschwindigkeit = 1 / vergangene Zeit bis zur Darstellung der gewünschten Seite. Theoretisch braucht das Signal bei Lichtgeschwindigkeit von Europa ans andere Ende der Welt – zum Beispiel nach China – weit unter einer Sekunde. In der Praxis werden Seiten bedeutend langsamer geladen. Durchschnittlich 50 Objekte müssen transferiert werden – wobei meist schon das HTML Gerüst mit einer Größe von 312 kB aufwartet. Bedenkt man dann auch, dass die HTTP/1.1 Spezifikation vorschlägt, lediglich 2 Objekte parallel zu laden, so wundert es nicht, dass beim Testen Ladezeiten von über 20 Sekunden keine Seltenheit waren.
Aber wen interessiert das?
Und überhaupt, ein paar Sekunden hab’ ich doch schon öfter auf Seiten warten müssen – könnten Sie mir jetzt entgegnen. Naja, man nehme zum Beispiel den bekannten Sportartikelhersteller Nike. Dieser buhlt weltweit um Kunden und somit auch um Internetnutzer. Somit müssen sich internationale Marken auch damit befassen, wie schnell beziehungsweise langsam deren Seiten – zum Beispiel – in China geöffnet werden.
Speziell, wer einen Online-Shop betreibt, sollte sich Gedanken zum Thema Geschwindigkeit machen, da Veröffentlichungen von Google und Amazon ein ähnliches Bild zeichnen:
- Um 0,9 Sekunden langsamerer Seitenaufbau geht bei Google mit einem Traffic- und auch Werbeinnahmenverlust von 20% einher.
- Amazon‘s Experimente zeigen, dass pro 0,1 Sekunden das Geschäft um 1% zurückgeht.
Quelle: O’Reilly Media, Inc. (15.Juli 2008) – Website Optimization (ISBN: 978-0-596-51508-9) – Kapitel: Web Performance Optimization
Für reine Informationsseiten ist es natürlich um einiges schwerer, relevante und messbare Daten zu erhalten. Generell gilt sicher, dass je wichtiger dem User der zu erwartende Inhalt ist, desto länger ist er gewillt auf diesen zu warten. Eine Studie aus dem Jahr 2004 gibt die “Tolerable-Waiting-Time” ohne Feedback mit 13 Sekunden an, mit angezeigtem Fortschrittsbalken mit 38 Sekunden für nichtfunktionierende Links an.
Somit lässt sich die Toleranz gegenüber der Wartezeit am einfachsten durch User-Feedback erhöhen – wobei Breitbandnutzer sicher auch andere Erwartungen mit sich bringen als Besitzer eines Einwählmodems.
Weiterführende Links:
- The Psychology of Web Performance
- Consumer Reaction to a Poor Online Shopping Experience
- Video: Steve Souders — High Performance Web Sites: 14 Rules for Faster Pages
Und wie schnell sind Seiten internationaler Marken wirklich?
Um dies herauszufinden, habe ich in den letzten Tagen einige Messungen durchgeführt und mir die Ergebnisse notiert.
| Marke | Seitenaufruf in Europa (London) | Seitenaufruf in China (Kanton) |
|---|---|---|
| Dolce & Gabbana | 9,2 sec | 39,8 sec |
| Gucci | 5,9 sec | 82,0 sec |
| Nike | 1,9 sec | 2,1 sec |
| Oakley | 6,6 sec | 40,0 sec |
| Rolex | 11,4 sec | 21,9 sec |
Die ermittelten Werte habe ich mit Hilfe des Webdienstes Gomez messen lassen, jeweils dreimal an unterschiedlichen Tagen und zu unterschiedlichen Zeiten von einem Server in London und einem in Kanton. Das Ergebnis sind die Ladezeiten der Startseiten beziehungsweise der Mittelwert – jedoch ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen Seitengrössen und Anzahl der geladenen Inhaltsobjekte.
Da ich eingangs Beobachtungen von Amazon und Google zitiert habe, sollen zum Vergleich auch deren Startseiten dem gleichen Prozedere unterzogen werden:
| Seite | Seitenaufruf in Europa (London) | Seitenaufruf in China (Kanton) |
|---|---|---|
| 0,2 sec | 0,1 sec | |
| Amazon | 3,5 sec | 14,6 sec |
Die Moral von der Geschicht’?
Nach meiner Erfahrung mangelt es am Verständnis, dass auch das Internet – auch, wenn dies der Name anders suggeriert – nicht komplett ortsungebunden ist. Daten brauchen Zeit, um von einem Ort zum anderen zu gelangen und sogar Lichtgeschwindigkeit ist manchmal nicht schnell genug.
Um diesem Problem zu begegnen, sollte man zu allererst die eigenen Webseiten analysieren. Dies geht lokal mit dem beliebten Firefox-Plugin “Firebug” und den Add-Ons “YSlow” und “Hammerhead” oder auch dem hervorragendem Windows Tool “Fiddler“.
Nach den ersten Tests sollte man sich das eigene Werk noch einmal zur Brust nehmen und nach den von Yahoo! veröffentlichten “Best-Practices” für schnellere Webseiten Schritt für Schritt verbessern. Dabei sollte man sich vorerst mit den ersten beiden Regeln ernsthaft auseinandersetzen.
Witzigerweise haben 3 der 5 Seiten sogar die zweite Regel “Auf ein Content Delivery Network (CDN) zurückzugreifen” implementiert. Jedoch nutzt lediglich die Nike-Seite das Potential dieser zugekauften verteilten Serverlandschaft, was auch an den hervorragenden weltweiten Werten erkennbar ist. Dies legt nahe, dass ein oftmals teures CDN erst als zweite Möglichkeit angepeilt werden sollte, nachdem der Inhalt auf Geschwindigkeit optimiert wurde. Zu den alteingesessenen CDN-Anbietern wie Akamai Technologies, Mirror Image Internet oder Limelight Networks sind übrigens vor kurzem auch die Internetgrössen Amazon und Google dazugestossen.
Für Tests aus entfernteren Regionen eignen sich Webservices wie Gomez oder Watchmouse.
Manchmal sind aber die Seiten, die getestet werden sollen, nicht öffentlich erreichbar. Dies gilt zum Beispiel für Intranet-Applikationen, die die Mitarbeiter aus dem chinesischen Tochterunternehmen nutzen sollen, jedoch ständig über langsame Seiten klagen. Für derartige Situationen bietet sich ein zuverlässigen Proxy-Server bei den Endnutzern an, mit dem man anschließend beobachten kann, wie langsam sich die Seiten tatsächlich aufbauen, nachdem sie um den halben Globus gejagt wurden. Nach dieser vermeintlichen Grenzerfahrung lässt sich vermutlich so manch leidvolles Klagen aus dem entfernten Land besser verstehen und hoffentlich auch in Zukunft verhindern. ™
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Sitze hier grad in Bangkok und habe aktuell einen Kunden in Shanghai sitzen. Das Problem hatten wir auch. Schliesslich wurde Bandbreite und Hardware dazugekauft und dann ging das.
Aber die Idee mit CDN hoert sich interessant an, wenn man trafficintensive Seiten betreibt. Besser finde ich jedoch den Ansatz/die Philosophie, die Yahoo mit YSlow betreibt.
Nun, schauen wir uns doch mal Dr. Web an. Bevor ich die Seite sehe, muss ich auch einige Sekunden warten, trotz schnellem DSL 6000. Schuld ist nicht die Seite selbst, sondern die Werbung. Meist sitze ich da und sehe in der Statusleiste ein “warten auf adserver.xxx”. Und bevor die Werbung nicht geladen ist, sehe ich rein gar nix!
Das wäre doch auch verbesserungswürdig, oder? Habe ja nichts gegen Werbung, aber dass ich deswegen extra warten muss, stimmt schon nachdenklich.
Ich weiß nicht, ob China bei dieser Messung eine so gute Referenz ist, da man die GreatFirewall immer vor der Nase hat und die frisst im Zweifel ja auch einiges an Zeit.
Da Google direkt mit den Behörden zusammenarbeitet, die Server in China stehen und warscheinlich Anfragen aus China auf die chinesischen Server umgeleitet werden, wundert mich die super Antwortzeit nicht.
Wie z.B. sieht es in Japan und Indien aus? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das dort irgendwie langsamer ist, sprich, dass es wirklich ein Problem der Entferung ist, sondern eher dass es ein Problem der chinesischen Infrastruktur. Seiten aus Australien sind ja auch nicht langsamer und die Entfernung ist größer.
PS: Die kleinere Zeit von Google in China lässt sich sogar dadurch erklären, dass ja wegen des Filters weniger Inhalte durchsucht werden müssen >:)
Interessant. Auffallend ist aber oft das man nicht auf die eigentliche Seite lang wartet sondern eben auf externe werbung. hm
Das mit der Werbung stimmt, oft liegt es daran (siehe YSlow oder die Buchempfehlung) wie Java-Skript abgearbeitet wird. Auch Tracking Dienste (z.B. Etracker & Co) können das Laden einer Seite deutlich negativ beeinflussen. Daher sollten Tracking-GIFs auch weit unten im Quellcode stehen, das wenn der Externe-Server dieses nicht schnell genug ausliefert, nicht der ganze Seitenaufbau ins stocken gerät. Probiert es einfach einmal aus.
@Tobi:
Habe bei den Tests mehrere Serverstandorte von Gomez probiert und ähnliche Ergebnisse erhalten.
Angeboten werden Server in den USA, Brasilien, Grossbritanien, Dänemark, Deutschland und eben China.
Leider wird kein Server in Australien zur Verfügung gestellt – aber ein neuerlicher Test von zum Beispiel Dolce & Gabbana von Sao Paulo (Brasilien) aus, hat auch im Durchschnitt 34 Sekunden gedauert.
Danke Stephan für die wirklich hilfreichen und interessanten Informationen
@Tobi: Postest du nur negative Kommentare
Wie siehts denn mit den Proxyservern der DSL-Anbieter aus? Sie speichern die Seiten ja selber zwischen, um eigene Bandbreite zu sparen.
Ich denke, die schlimmste Bremse ist javascript oder ajax. Beim SpOn oder zeit.de z. B. dauerts ewig, bis man im firefox die Pulldown-Navi verwenden kann.
Danke für diesen informativen Beitrag.
20% Verlust bei Werbeeinnahmen wegen 0,9 sek Delay? Wie errechnet sich denn sowas? 20% Trafficverlust versteh’ ich ja noch, aber nicht jede angezeigte Seite führt zu einem Klick auf die Werbung…
@DerLeser:
Bin erstmals auf die Daten über einen Videovortrag von Marissa Mayer (Google Vizepräsidentin für Suche und User-Experience) gestossen:
Keynote bei der Konferenz “Google I/O”: (15:38)
Weiterer Artikel: http://blogs.zdnet.com/BTL/?p=3925
Demnach wurde zuerst eine Umfrage gemacht, wieviele Ergebnisse in der Google Suche aufscheinen sollte: 30 Treffer bekam die meiste Zustimmung (10 wurden ursprünglich angezeigt).
Danach wurden für ein paar (4-6) Wochen 30 Ergebnisse für eine definierte Testgruppe angezeigt: Und plötzlich wurden 20 Prozent weniger Suchen abgesetzt.
Nach Analyse der Logs fanden die Entwickler heraus, dass durch die zusätzlichen Ergebnisse, die Suche um 0.9 Sekunden verlangsamt wurde.
Vermute, dass bei der Werbung ähnlich gemessen wurde: zB: Vergleich der Klicks auf Werbung zwischen Testgruppe und Kontrollgruppe. Schätze sogar, dass Werbungeinnahmen und Traffic bei Google direktproportional ist: Je mehr Traffic, desto mehr Klicks auf Ads.
@Georg: “Postest du nur negative Kommentare”
Was ist daran negativ? Es ist nur kritisch. Ich denk’ halt, dass das gezogene Fazit so nicht passt.
Selbst in Deutschland gibt es Internetbenutzer, die sogar noch mit ISDN/56k-Modem surfen können. Ich hatte noch Glück, daß ich ne DSL-light bekommen habe. Deswegen braucht man gar nicht so weit in die Ferne nach China schauen.
Webseiten, die Flash voraussetzen, welches bei Schmalband-Usern Ladezeiten von bis 2-3 Minuten einhergeht, sind bekloppt. Besonders die, wo man keine Alternative dazu hat, als eben diese Minuten sinnlos verstreichen gehen zu lassen. Und dann, oh wunder(!!), sind die nachfolgenden Seiten “normale” html.
Das Problem ist auch, daß einige “Web-Profis” gar nicht nachdenken, daß nicht jeder Internetbenutzer einen 6000er DSL aufwärts haben.
Ich denke auch, daß (von ewigen Flash-Animationen mal abgesehen) das größte Problem beim Laden von Seiten auf externer Werbung beruht.
Ebenso nervig sind jedoch mehrere animierte Banner oder Filmchen auf der Seite, die einen Rechner schon mal in die Knie zwingen können.
Ladezeiten und übermäßige Werbung sind für mich beides Gründe, um einer Website fernzubleiben – und die diesbezügliche schwarze Liste wird immer länger.
Einen Vorteil hat dieser Mist jedoch: Dadurch bleibt der User immer up-to-date, da er sich immer mal wieder nach Wettbewerbsseiten umsehen muß (bei denen der User noch vor der Werbung kommt…)
ad Werbung, die von manchen hier moniert wurde:
es gibt es nettes Firefox-Plugin namens Adblock Plus.
Da sind dann solche Belästungen großteils Vergangenheit…
Spannend wie wenig internationale Firmen an der globalen Verfügbarkeit ihrer Seiten interessiert sind. Speziell in den zukünftigen Wirtschafts-Großmächten, China, Indien usw. wäre es doch von Vorteil, jetzt schon, digitale Präsenz zu zeigen.
Danke für den guten Artikel.
Wir waren die ganze Zeit auf einem VServer. Es war zwar der größte den United Hoster anzubieten hatte, reichte aber bei weitem nicht aus. Jetzt haben wir einen mittleren RootServer und die Seite rennt wie nie zuvor.
thank you very mcuh
Sehr interessanter Artikel, ich habe mehrere Webseiten. Werde mal die Geschwindigkeit messen.