Usability-Tests selber durchführen

Usability-Test sind aufwendig und teuer. Testkandidaten, Usability-Spezialisten und der Einsatz von professionellen Labors verschlingen viel Geld. Das muss aber nicht sein. Wir zeigen Ihnen, wie Sie einfache Usability-Tests selbst durchführen können und Ihre Website dadurch konkurrenzfähig bleibt.

Wie schnell finden sich Besucher auf der Site zurecht? Wie schnell erfassen Sie die zentrale Botschaft der Homepage? Wie einfach ist die Website zu bedienen? Das sind die zentralen Fragen eines Usability-Tests, zu Deutsch einer Überprüfung der Benutzerfreundlichkeit. Dabei gilt: Je schneller und einfacher, desto besser! Nur benutzerfreundliche Websites erreichen ihr Ziel, egal ob dies verkaufen, Daten sammeln, Community aufbauen oder etwas Anderes ist.

Der Weg dorthin führt über die Usability-Optimierung der Homepages: Zuerst muss die Site getestet werden, wodurch Seitenbetreiber die Schwächen ihrer Internetpräsenz erfahren. Danach kann die Homepage anhand dieser Ergebnisse überarbeitet werden. Die größten Usability-Fehler sollten nun beseitigt sein. Überprüft wird dies mit erneuten Tests.

Zeit, Kosten und Mühen einer Usability-Optimierung zahlen sich aus. Jakob Nielsen, Fachmann für Web-Usability, errechnete im Jahr 2003 einen „Return on Investment“ (= Kapitalrendite, kurz ROI) von 135 Prozent für Homepages, die auf Benutzerfreundlichkeit getrimmt wurden. Bei dieser Berechnung wertete er Daten von 42 Fällen anhand der Schlüsselfaktoren Verkäufe/Konversionsrate, Verkehr/Besucherzahlen und Verwendung bestimmter Funktionen durch die User aus. Heute ist der ROI mit 83 Prozent zwar geringer also noch vor fünf Jahren, deswegen sind Usability-Tests aber nicht weniger wertvoll. Im Gegenteil! Der Hauptgrund dafür ist nämlich, dass die Zahl der gut gestalteten Homepages zunimmt. Dadurch wird der Druck, benutzerfreundliche Sites zu erstellen, deutlich größer, weil alle schlechteren Homepages auf dem Markt chancenlos sind.

Die häufigsten Fehler

Der erste Schritt ist getan, wenn man die häufigsten Fehler kennt: „Schlechte Suche, schlechte Navigation und schlechter Inhalt, wobei die Optimierung des Inhalts das wichtigste Kriterium ist“, erklärte Fachmann Nielsen erst Mitte September in einem Dr. Web-Interview (€). „Viele Sites schaffen es nicht einmal ihre Produkte richtig abzubilden.“ Dass es diese Fehler zu vermeiden gilt, klingt selbstverständlich und scheint einfach umzusetzen. Dennoch müssen Usabilty-Berater meist an diesen offensichtlichen Punkten ansetzen.

Testen Sie schon im Entwicklungsstadium

Der wichtigste Grundsatz um Usability-Optimierungen so kostengünstig wie möglich zu halten ist: Testen Sie so früh wie möglich! Testen Sie bereits Ihre ersten Konzepte, Ideen und Skizzen. Änderungen an einer bestehenden Site, deren Konzept noch nie getestet wurde sind meist besonders aufwendig. Solche Sites haben mehrere Schwachstellen und es muss auch mehr verändert werden, was deutlich mehr Kosten verursacht.

Diesem Kreislauf können Sie entkommen, indem Sie Ihr Konzept frühzeitig ersten Testpersonen vorlegen. Verschiedene Dienstleister bieten Usability-Beratung und Tests für Homepages an. Spezialisten können auf Wunsch sogar Websites mit einer großen Anzahl an „Versuchskaninchen“ und aufwendigen Testmethoden in professionellen Labors prüfen. Dort werden mittels Spezialsoftware sämtliche Tasteneingaben und Mausaktionen der Probanden beobachtet und ausgewertet, Videobeobachtungen mit mehreren Kameras durchgeführt oder die Augenbewegungen der Testpersonen mittels „Eye-Tracking“-Brille festgehalten.

Meist können sich kleine Unternehmer keine professionelle Beratung und aufwendige Testverfahren leisten. Vor allem am Anfang, noch bevor die neue Geschäftsidee einen Cent eingespielt hat. Doch auch wenn es Ihr Budget nicht erlaubt, viel Geld für Usability-Tests auszugeben, müssen Sie nicht darauf verzichten. Mit ein wenig Zeit- und Arbeitsaufwand können Sie verschiedene Versuche selbst durchführen und wichtige Grundsteine für eine benutzerfreundliche Homepage legen.

Fünf Testpersonen reichen

Grundsätzlich gilt natürlich, je mehr Testpersonen Ihnen zur Verfügung stehen, desto mehr Informationen können Sie über die Benutzerfreundlichkeit Ihrer Homepage erfahren. Usability-Fachmann Jakob Nielsen erklärt jedoch ausdrücklich, dass fünf Testpersonen für einen Test völlig ausreichen. Der Grund liegt daran, dass der Mehrwert weiterer Testpersonen zu gering ist, als dass der Aufwand danach noch lohnt. Nielsen argumentiert, dass man alleine mit dem Test einer einzelnen Person fast ein Drittel all jener Informationen erhält, die es über die Nutzerfreundlichkeit eine Site zu wissen gibt. Schon beim Test einer zweiten Person erhält man viele Informationen erneut und erfährt weniger Neues. Je mehr Probanden Sie haben, desto geringer ist der neue Informationsgehalt, weil Sie viele Dinge immer wieder hören werden. Laut Nielsen haben Sie nach fünf Testpersonen mehr als 83 Prozent aller möglichen Informationen gesammelt. Dieser Wert reicht aus, um eine Website deutlich zu verbessern.


Informationsgehalt nach Anzahl der Testpersonen

Einer der Vorteile bei Usability-Dienstleistern ist, dass Sie sich keine Gedanken um die Zusammenstellung der Testkandidaten machen müssen. Meist greifen die Profis auch auf mehr als fünf Personen zurück. Um Geld und Zeit zu sparen können Sie jedoch bei Ihrem Self-Made-Test fünf Freunde, Bekannte oder Verwandte um Hilfe bitten. Achten sie darauf, dass die Teilnehmer nicht zu tief in die konkreten Aufgaben und Abläufe der Homepage und Ihres Unternehmens eingeweiht sind. Zu großes Vorwissen könnte die Ergebnisse verfälschen.

Fünf einfache Testmethoden für Seitenbetreiber

Die folgenden fünf Testmethoden können Sie mit ein wenig Zeit- und Arbeitsaufwand selbst durchführen. Setzen Sie diese Usability-Tests bereits in der Entwicklungsphase ein, um späteren großen Veränderungen an der Homepage vorzubeugen. Dann ist Ihre Site für den Wettbewerb gerüstet:

  • Card-Sorting für benutzerfreundliche Navigations- oder Menüstrukturen: Schreiben Sie die Produkte und Themen Ihrer Site auf einzelne Karten. Lassen Sie diese Karten anschließend auf Themengruppen verteilen. Dabei können Sie den Testpersonen die Namen für die Gruppen vorgeben oder ihnen auch freie Hand lassen. Nach diesem Test können Sie sichergehen, dass Ihre Seitenbesucher unter den Menüpunkten auch das finden, was sie dort erwarten
  • Veranschaulichen Sie den Aufbau der Site auf Papierskizzen: Hierbei geht es nicht um grafische Details, sondern nur um den logischen Aufbau der Seite. Fertigen Sie Skizzen verschiedener Modelle an und zeigen Sie diese den Testpersonen. Fragen Sie nach dem besten Modell und lassen Sie Ihren Testpersonen freie Hand auf den Papierskizzen Änderungsvorschläge einzuzeichnen.
  • Interviews: Interviews können Sie persönlich oder schriftlich durchführen, mit offenen oder geschlossenen Fragestellungen. Offene Interviews, bei denen die Befragten frei antworten können, empfehlen sich nur bei persönlicher Befragung, da Sie als Interviewer gezielt nachbohren können. Testpersonen geben auf offene Fragestellungen in schriftlicher Form zu kurze und ungenügende Antworten. Wichtig ist, dass sich Ihre Frage immer nur auf einen Aspekt der Homepage bezieht. Geschlossene Interviews eignen sich dagegen besonders für die Schriftform, da alle Antwortmöglichkeiten mittels Bewertungsskala (z.B.: von „trifft nicht zu“ bis „trifft voll zu“) oder fertigen Multiple-Choice-Antworten vorgegeben werden. Bei bestehenden Internetpräsenzen können geschlossene Interviews auch online durchgeführt werden.
  • Gedankengänge nachvollziehen: Dabei geben Sie Ihren Probanden eine Aufgabe und bitten Sie, Ihnen jeden Gedankenschritt bei der Erfüllung dieser Aufgabe mitzuteilen. Der Kandidat soll sagen, was er beabsichtigt, warum er diesen oder jenen Weg wählt und was er von der Homepage dabei erwartet. So können Sie die Entscheidungswege und die dabei auftretenden Probleme genau verfolgen.
  • Fünf Sekunden Test: Definieren Sie für Ihre Testpersonen eine Aufgabe, die sich an den Zielen Ihrer Site orientiert. Zum Beispiel sollen die Kandidaten die Möglichkeiten nennen, einen bestimmten Service in Anspruch zu nehmen. Nun dürfen sich die Kandidaten fünf Sekunden lang die Site ansehen. Scrollen oder das Anklicken von Links sind verboten. Schließen Sie die Seite und befragen die Personen zuerst nach den Inhalten die besonders aufgefallen sind. So stellen Sie fest, ob jene Schwerpunkte, die Sie durch Überschriften, Icons und Banner setzen wollten auch beim Publikum ankommen. Erst danach sollen die Kandidaten die vorbereitete Aufgabe lösen. Gelingt dies nur zum Teil oder werden die wichtigsten Inhalte nicht genannt, so müssen Sie die Site überarbeiten.

Manuel Diwosch ist seit 2000 im Medienbereich tätig. 2008 schrieb er erstmals für Dr. Web und startete eigene, professionelle Webprojekte. Er verbindet technisches Know-How mit dem Fachwissen der journalistischen Kommunikation. Als Dienstleister entwirft er Online-Marketing-Strategien für Unternehmen und setzt diese um.

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Marco
Gast
7 Jahre 6 Monate her

Habe das Buch von Nielsen vor ’nem Jahr gelesen, und der Beitrag hats nochmal aufgefrischt. Gute Tipps, danke!

Peter Schramm
Gast
Peter Schramm
7 Jahre 6 Monate her

Ein Vorschlag den Artikel zu ergänzen. Bei den fünf Usability-Methoden die am Ende des Artikels beschrieben werden noch die Fachbegriffe hinzuschreiben (bei drei steht er ja schon da [Card Sorting / Interviews / Fünf Sekunden Test])

sprich
die zweite Methode –> paper prototyping
die vierte –> lautes Denken oder thinking aloud

David Hellmann
Gast
7 Jahre 6 Monate her

Sehr interessant!

Tom
Gast
7 Jahre 6 Monate her

Das, was man oft nicht tut ist eine gute Vorbereitung. Auch insofern sind das sehr wertvolle Tips.

trackback

[…] Usability-Tests selber durchführen von Dr. Web […]

Andreas
Gast
Andreas
7 Jahre 6 Monate her

Bezüglich des Card-Sortings:

Was ist Card-Sorting und wie setzt man es konkret um:
http://www.usability.ch/News_D_NJ/NJ_cards.htm (NJ == Jacob Nielsen ;)

http://www.boxesandarrows.com/view/card_sorting_a_definitive_guide
ein eher wissenschaftlicher Artikel in englischer Sprache

Durchführen von webbasierten Card-Sortings:
http://www.optimalsort.com
http://www.websort.com
http://www.wecaso.de

Die ersten 2 sind kommerziell und ermöglichen (bei privater Nutzung) Tests mit insg. 10 Personen pro Test, die Anzahl der Karten die man erstellen kann sind bei diesen auch eingegrenzt, der dritte Link ist für den privaten Gebrauch absolut kostenlos und ohne Beschränkung in der Teilnehmerzahl sowie Kartenzahl.

Analysieren der Experimente:
http://www.wecaso.de/casolysis
OSS Software zur Analyse der Cardsortings die bei den oben genannten Adressen exportiert werden können.

trackback

[…] Dann am besten direkt zu drweb.de gehen, dort ist derzeit zu erfahren wie man “Usability Tests” selbst durchführen kann. Anhand einer Anleitung können Sie Ihren Shop selbst überprüfen und etwaige Schwachstellen ausfindig machen und anschliessend beseitigen. Weiter zum Artikel bei drweb.de. […]

coriander
Gast
coriander
7 Jahre 5 Monate her
Ich wundere mich bis heute wie die meisten Web-Projekte aufgebaut sind, oder von den sog. „Experten“ verkauft und erstellt wird: Wenn die Seite „fertig“ gebaut und mit Content gefüllt worden ist, kann am Design nichts mehr verändert werden – aha! Wieso wird die Seite nicht so modular konzipiert, dass praktisch immer umgebaut werden kann oder sogar vom Nutzer völlig individuell benutzerfreundlich umgestaltet werden kann. Diese „Einbahnstrassen“-Konzepts machen mich wirklich nachdenklich, leben wir noch im Mittelalter von Zauberern und Quacksalbern? Und wieso lassen sich die Auftraggeber (Unternehmen) oft so abhängig machen: bspw. jeder zusätzliche nachträgliche Umbau kostet ordentlich Geld und die… Read more »
Zinit Solutions
Gast
Zinit Solutions
3 Jahre 9 Monate her

Am schwersten fällt es immer, sich an Stelle des Kunden vorzustellen, trotzdem muss man sich bemühen, sehr kritisch den Shop einzuschätzen. Ich glaube, das macht nichts aus, Informationen zu einem benutzerfreundlichen Shop zu finden und mit seinem eigenen zu vergleichen.

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