Typographische Verrohung
Früher war der Textsatz den Profis vorbehalten. Gelernte Setzer kannten jeden Handgriff um Texte korrekt zu Papier zu bringen. Korrekt im Sinne von „der Lehrmeinung entsprechend“. In den Anfangszeiten des Print waren die Setzer obendrein noch die Verfasser dieser Lehren selbst, ähnlich wie heute viele Webdesigner an HTML-Spezifikationen mitarbeiten. Erkenntnisse aus der Ästhetik gingen zwar auch bedingt in die Typografie mit ein, hauptsächlich passten sich die alten Lehren aber den äußeren Umständen wie der Beschaffenheit des Papiers, die Eigenschaften der Bleilettern oder der Qualität der Tinte an. Über die Jahre der Erkenntnisgewinnung hinweg wandelten sich diese typografischen Regeln, da sich auch die Umstände änderten. Die Eigenschaften des Mediums hatten direkten Einfluss auf die Lehrweisen des Setzens.
Heute leben wir in einer Welt, in der sich das Medium für Textübertragung innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne enorm verändert hat. Anstatt auf Papier lesen wir Texte vermehrt am Bildschirm – eine drastische Veränderung der Umstände. Sind die Typografie-Regeln, die wir als Webdesigner heute noch im Web einsetzen, allein deshalb veraltet? Wir übertragen Satztechniken aus der Zeit eines völlig anderen Mediums in die Zeit des Web, müsste da nicht einiges an Qualität auf der Strecke bleiben?
Muss sich der Inhalt anpassen, wenn sich das Medium ändert?
Noch viel schwerer als die technischen Veränderungen wiegen die gesellschaftlichen. Mit der Erfindung der Schreibmaschine, und vor allem mit dem Beginn der billigen Produktion dieser, konnten plötzliche alle Menschen Texte verfassen. Die von den professionellen Setzern mühsam erarbeiteten Regeln und Konventionen wurden mit einem Schlag überrollt von der Unbefangenheit des Laien, der sich an seine Schreibmaschine setzt und nach Gutdünken auf irgendwelche Tasten drückt. Dass dabei schon bei der Konzeption der Maschinen von vornherein auf wichtige typografische Zeichen verzichtet wurde, war zum einen zwar technisch bedingt, zum anderen aber der notwendigen Einfachheit bei der Bedienung geschuldet. Anstatt zwei verschiedener Anführungszeichen gab es auf einmal nur noch eines. Eine sinnvolle Vereinfachung.

Die Etablierung des Mitmachweb war ein weiterer Schritt hin zur „typografischen Verrohung“. Mit den Texten aus seiner Schreibmaschine erreichte der Schreiber, wenn er nicht gerade Gefängnisinsasse in Stuttgart Stammheim war, einen Kreis von maximal 100 Lesern. Mit seiner Computertastatur dagegen erreicht man womöglich mehrere tausende Leser. Anstatt wie bisher nur typografisch „falsche“ Texte zu schreiben, kann man sie heute auch überall lesen.
Prägen nicht die User das Medium?
Die einfachen Hochkommata, die fehlende Differenzierung zwischen Divis und Halbgeviertstrich oder das falsche Bild eines Apostrophs haben sich in unserer heutigen Medienwelt etabliert. Das bemerkt jeder, der für zwei Stunden im Internet surft. Denn nicht nur einfache (Micro-)Blogger oder Forenuser missachten die alten Regeln, auch große Nachrichtenportale setzen selten korrekt. Ist diese Entwicklung tatsächlich so schlimm? Oder sind es nicht die Nutzer, die ein Medium entwerfen?
Das wohlbekannte @-Zeichen kann man als bisher größte typografische Errungenschaft des Computerzeitalters ansehen. Ursprünglich nur als Trenner zwischen Usernamen und Host bei diversen Adressen gedacht, waren es die Nutzer, die dem Zeichen dessen heutige Bedeutung verliehen und damit zeigten, dass sie geschickt genug sind, sich ihre eigenen Konventionen zu schaffen.

Und fällt das Argument der besseren Lesbarkeit nicht sowieso raus?
Mittlerweile wissen wir, dass der Unterschied in der Lesbarkeit zwischen Serifen- und serifenlosen Schriften nicht daher rührt, dass die kleinen Füßchen Leitlinien für das Auge zeichnen, sondern dass es schlicht auf die Gewohnheit der Zeichen ankommt. Ebenso weiß man, dass konstruierte Schriftarten, die z.B. auf Biegen & Brechen irgendwelche Schnitte und Verhältnisse einhalten, nicht lesbarer erscheinen als freiere. Wenn also die Lesbarkeit allein keinen Ausschlag gibt, sondern es lediglich um die Gewohnheit beim Lesen geht, können allerhöchstens noch ästhetische Aspekte ein Argument pro „alte“ typografische Regeln sein. Aber selbst viele einflussreiche Grafikdesigner behaupten, Ästhetik müsse sich stets nach den Umständen und dem Zweck richten. So habe Typografie laut Stanley Morison „nur durch Zufall einen ästhetischen Charakter“.
Müssen Webdesigner also umdenken? Sollte man bewusst auf korrekte – d.h. alte – Typografie verzichten? Ich selbst weiß auf diese Fragen keine eindeutige Antwort, ich weiß jedoch, dass man sich diese Fragen stellen sollte und nicht einfach auf die alte Art und Weise weitermachen kann.
(sl)









