Twitter, Rivva, Real Time Web, Micromoney, Blogbashing, Air und das Aus für RSS

Die letzten Webwochen waren turbulent. Ich staunte so manches Mal schon beim ersten Lesen und noch mehr beim zweiten. Dabei ging es teilweise um weniger spektakuläre Ereignisse, wie die Einstellung der Medienlese oder das „Ende“ von Rivva. Teilweise wurde aber auch Existenzielles diskutiert, etwa ob die Googlesuche demnächst abtritt oder ob der Journalismus nun doch stirbt. Zeitgleich sollten angeblich auch die Blogs sterben. Wegen Twitter. Aber eins nach dem anderen…

Twitter vs. RSS

RSS is dead meinte Steve Gillmor auf Techcrunch und empfahl, wie schon Wired im letzten Jahr, den kompletten Wechsel hin zu Twitter und Konsorten. Gillmor schloss von sich auf andere und brachte dabei noch Technologie und Inhalt durcheinander, als er postulierte, er benutze seinen RSS-Reader nicht mehr, sondern verwende ausschließlich Twitter. Twitter sei das Beste seit Bier in Dosen und wesentlich aktueller als alles, was man per RSS so empfangen könne.

Auch wenn Gillmor einiges durcheinanderbringt, im Kern seiner Aussage kann ich ihm Recht geben; soweit ein bestimmtes Szenario zutrifft. Tatsächlich ist der durchschnittlich zugepflasterte RSS-Reader für mich und die meisten, deren Meinung ich kenne, ein „Pain In The Ass“. Ich schrieb bereits einmal hier darüber und entfachte dabei eine lebhafte Diskussion. Tatsache ist, dass auch ich mittlerweile zunächst per Twitter recherchiere und erst in Stufe Zwei die Googlesuche konsultiere. Die Suchergebnisse bei Twitter sind schlicht viel aktueller. „Just now“ kennt Google noch nicht. Außerdem ist Twitter aufgrund seiner Zeichenbegrenzung einfach das fokussiertere Medium. Während es in RSS-Feeds der Blogosphäre gut möglich ist, dass ich stundenlang Beiträge scanne, ohne dabei brauchbare Informationen zu erhalten, bin ich auf Twitter mit der gleichen Aufgabe zumindest deutlich weniger lange beschäftigt. Da Zeit auch Geld ist, ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Nachteilig auf Twitter ist allerdings die unschöne Tatsache, dass Tweets nur zwei Monate archiviert sind, weshalb Twitter nur für die Brandaktualitäten taugt. Nicht von der Hand zu weisen ist natürlich auch, dass Twitter ein lauteres Grundrauschen ohne tieferen Sinn erzeugt als der verantwortungsvoll mit Feeds bestückte RSS-Reader.

Gillmor wird es so machen wie ich. Er recherchiert etwas. Der normale Webuser hat allerdings diesen Ansatz nicht, weshalb aus dessen Sicht die Aussagen Gillmors Blödsinn sind. Dennoch wird man dem sogenannten Real-Time-Web nicht absprechen können, für die Zukunft des Web eine bedeutende Rolle zu spielen. Microbloggingplattformen im Allgemeinen und Aggregatoren wie Friendfeed im Besonderen haben das Potenzial zu Diensten zu werden, die jedermann täglich verwendet, wie es heute bei E-Mail oder Instant Messaging der Fall ist. Insofern sind sie infrastrukturelle Angebote und nicht bloße Webdienste. Sie sind Container für potentiell jede Art von Information und deshalb auch potentiell für jedermann nützlich. RSS wird davon jedoch eher keinen Schaden nehmen, wie sollte das bei einem bloßen Datenformat auch funktionieren? Google allerdings wird die Entwicklung hin zum Real Time Web irgendwann aufnehmen und reagieren müssen. Das schnelle Indexieren von Tweets ist da bloß ein ganz schwacher Anfang.

Micromoney – Wenn man Dienste wegen Kleingeld schließt

Unter die Rubrik Webpeinlichkeiten fallen für mich klar die beiden Schließungsankündigungen der letzten Zeit, besonders medienlese.com, aber auch – weit weniger peinlich –  Rivva. Zwar kann ich Frank Westphal noch insoweit verstehen, dass er als ambitionierter Entwickler möglicherweise lieber ein Projekt einstampft als es nur zögerlich weiter zu entwickeln, jedoch sollte beim Blick zurück auch die Nutzergemeinde nicht außer Acht gelassen werden. Möglicherweise ist Rivva nicht perfekt und möglicherweise könnte, müsste, wollte man noch viel verändern. Aber: Rivva funktioniert für viele Nutzer täglich wie es ist. Dann lass es doch so, lieber Frank Westphal. Insofern habe ich Hoffnung, dass genau das mit der Aussage „Ich werde versuchen, den Dienst noch in einem möglichst pflegeleichten Modus fortzuführen“ gemeint ist.

Medienlese war der Blog, der sich mit medienkritischen Themen auseinander setzte wie kaum ein anderer. Es gibt auf diesem Gebiet zwar den ein oder anderen Mitspieler, jedoch nicht auf dem gleichen Niveau. Vor allem Klaus Jarchow schaffte es immer wieder, pointiert und ohne Rektalrhetorik Medienkritik auf den Punkt zu bringen. Dass letztlich die Rubrik 6vor9 die meistgewollte war, wegen der man sogar eine „Rettungsaktion“ startete, ist für mich persönlich zwar nicht nachvollziehbar, aber inhaltlich akzeptabel. Mich berührte lediglich das niedrige finanzielle Niveau dieser Geschichte irgendwie peinlich. 2000 Euro um die Rubrik ein halbes Jahr zu erhalten waren aufgerufen. Sicherlich. Die Blogwerk AG versprach, ab dieser Summe den Rest dabei zu tun. Wären die gespendeten 2000 Euro aber nur ein kleiner Teil der tatsächlich entstehenden Kosten, müsste man Blogwerk vorwerfen, die eigene Argumentation ad absurdum geführt zu haben. Denn der Erfolg des Blogs ist aus den kommunizierten Zahlen, was Nutzer, was Platzierungen betrifft, ja schon vorher deutlich gewesen. Die Spendenstütze als Volkes Stimme kann man da als Untermauerung nicht gebraucht haben. Deshalb vermute ich, dass es sich wirklich um helfende 2000 Euro handelt, was einen mutmaßenden Blick auf die wohl recht niedrigen Gesamtkosten erlaubt. Um Relationen zu beurteilen, empfehle ich deshalb einmal einen Besuch der Infoseiten für Werbetreibende auf Turi2. Wenn in der genannten Relation also ein Kasten Bier hilft, wo andere ganze Brauereien auffahren können, dann muss ein profundes Problem im Unternehmen Blogwerk vorliegen.

Bei der Gelegenheit fällt mir der nicht immer von mir positiv begleitete Dirk Olbertz ein, der seit vielen Jahren klaglos seinen Blogdienst blogger.de für alle Nutzer kostenfrei betreibt und meines Wissens noch nie über Finanzierungsnöte geklagt hat. Vielleicht gehört heutzutage Klagen zum guten Ton. Ich bevorzuge den Olbertz-Way. Wegen Kleingeld schließt man keine Dienste.

Journalisten vs. Blogger

Auch dieses eher sattsam bekannte Thema kann immer wieder aufgekocht werden und wird es auch. Vor allem Don A. wird nie müde, obschon selbst Journalist, gebetsmühlenartig den Niedergang seiner eigenen Zunft zu beschreien. Inhaltlich, wenn auch nicht formal im Gleichklang mit dem Journalisten, dem gern auch von dem Journalisten Niggemeier sekundiert wird, Knüwer übrigens. Insofern dürfte man hier durchaus eine gewisse Langeweile konstatieren, wenn nicht just ganz frisch ein Artikel in der FAZ plakativ den wichtigsten Aspekt des Themas deutlich gemacht hätte. Da hilft es auch nicht, dass sich Knüwer über die verwendeten Bilder lustig macht, in der Sache aber nichts entgegen zu setzen hat.

Es ist eine Tatsache, dass Journalismus Geld kostet, kosten muss. Nicht mehr und nicht weniger ist die Botschaft der Miriam Meckel im genannten FAZ-Artikel. Und es ist eine Tatsache, dass die Blogosphäre ohne journalistisches Grundfutter in aller Regel nichts zum Bloggen hätte. Insofern handelt es sich stellenweise um eine parasitäre Verbindung. Welcher Parasit überlebt ohne seinen Wirt?

Mir ist bereits des öfteren aufgefallen, dass sich der Durchschnittsmitmachwebber mittlerweile fast ausschließlich über freie Netzquellen unterrichtet hält. Quellen übrigens, die von bezahlten Journalisten bestückt werden, jedenfalls primär betrachtet. Wer recht plakativ sehen will, wie Parasitentum funktioniert, der schaue gern mal bei Golem.de vorbei und folge dem ein oder anderen Trackback zu den dortigen Artikeln. Er wird kaum, in aller Regel überhaupt keinen Mehrwert erkennen.

Kauft man sich, was offenbar kaum noch einer tut, auch mal ein gedrucktes Wochenmagazin, stellt man fest, dass sich dort Themen finden, über die man im Netz nicht stolpert. Wichtige Themen in ausführlicher Darstellung mit erkennbar aufwändiger Recherche werden einem da geboten. Ob letztlich alle Informationen stimmig sind, bedarf natürlich der Interpretation. Gäbe es indes den Beitrag nicht, gäbe es auch nichts zu interpretieren. Das wäre sicherlich die schlechtere Alternative. Es ist übrigens keine Schande, ein gedrucktes Stück journalistischen Handwerks käuflich zu erwerben…

Insofern ist es nicht sachdienlich, Journalistenbashing zu betreiben, wie es ebenso nicht sachdienlich ist, als Journalist Bloggerbashing zu vollziehen. Der Blogger wird stets die persönliche Perspektive und das konkrete Erleben beisteuern, während der Journalismus die Hintergrundrecherche liefern muss, die der Blogger aka Bürger schon rein tatsächlich gar nicht leisten kann. Dass das Geld kostet, sollte gesellschaftlicher Konsens sein, denn prekäre Arbeitsverhältnisse gibt es in Deutschland bereits mehr als genug…

AIR schlägt Silverlight

Die altehrwürdige New York Times und ihren Times Reader habe ich hier im November 2008 schon einmal als eine mögliche Variante der Printmedien der Zukunft vorgestellt. Zu diesem Modell stehe ich auch heute noch. Was allerdings interessant ist, rein technisch betrachtet, ist folgendes. Die Times hat ihren Reader just in der Version 2.0 vorgestellt. Diese Version 2.0 basiert auf Adobe Air. Die Version 1.x basierte auf Silverlight von Microsoft, dem angeblichen Flashkiller.

Noch erstaunlicher als diese reine Tatsache ist jedoch, dass es absolut keine recherchierbaren Informationen zu den Gründen für die Abkehr von Silverlight hin zu Air gibt. Die Technik kann es nicht sein. Eher schon der Punkt, dass Silverlight Probleme auf anderen OS als Windows macht (wundert das jemanden?). Andererseits. Wer verwendet ein anderes OS als Windows UND ist Times-Kunde? Hmm. Es ist und bleibt ein Rätsel…

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit über 30 Jahren in der IT daheim. Seit Anfang des neuen Jahrtausends schreibt er für diverse Medien, hauptsächlich zu den Themenfeldern Technik und Design. Man findet ihn auch auf Twitter und Google+.

Sortiert nach:   neueste | älteste | beste Bewertung
trackback

[…] Aber eins nach dem anderen (at Dr. Web). […]

gerrit
Gast
gerrit
7 Jahre 14 Tage her
Danke für diese souveräne und distanzierte Analyse. Ich dachte schon die Möglichkeit zur Distanz gibts gar nicht mehr, jedenfalls nicht ohne öde Besserwisserei oder Häme. Man müsste auch mal über die Verbindungen der Abschnitte drei und vier nachdenken, denn, meiner Meinung nach, wird die Eilfertigkeit, mit der die Zeitungen beerdigt und als ‚Holzmedien‘ (irgendwie vormodern) qualifiziert werden, erkennbar auch von ökonomischen Motiven befeuert. Das erinnert teilweise an die abschätzige Rhetorik von Finanzlobbyisten, die staatliche soziale Sicherungssysteme am liebsten ganz abschaffen würden. Aber die Freude, mit der an dem Ast gesägt wird, auf dem man selber sitzt, hat schon was ungeheuer… Read more »
domingos
Gast
7 Jahre 13 Tage her
Der sozusagen Geburtsfehler des Bloggens lag darin, dass man sich zunächst darauf fixiert hat, andere Artikel weiterzuempfehlen, dass dürfte sich aber mit Twitter weigehend erledigen. Es gibt aber sehr viele Blogs, die da auch was an Info oder Analyse beisteuern. Was die Tageszeitungen im Web treiben, kann man leider noch nicht als Online-Journalismus betreiben. Ein Journalist würde sich eher die Tastatur-Finger abschneiden als auf einen Blog zu verweisen, wenn es nicht gerade Niggeymeyer oder ntzpolitik ist. Geschweige denn, dass er mal überhaupt auf eine andere als die hauseigene Seite verweist. Zumindest haben die Blogger in dieser Hinsicht keine Berührungsängste. Blogger… Read more »
Uwe
Gast
7 Jahre 13 Tage her

Via FriendFeed.com könnt Ihr übrigens auch RSS nach Twitter posten lassen; das mache ich um News von unseren Produkten (die als RSS-Feed geliefert werden), automatisch nach Twitter zu senden.

Praktisch, finde ich

Ron
Gast
7 Jahre 13 Tage her
Komisch, Twitter ist total an mir vorübergegangen. Von dem, was ich aber so mitbekomme habe ich aber den Eindruck, das dieses Medium gerade wegen der Möglichkeit „aktuell“ zu twittern auch belanglos wird. Man muss sich ja schließlich keine Gedanken machen sondern „schießt“ kurz was raus und das wars. Auch die Zeichenbegrenzung ist für mich eher ein Nachteil, weil es nicht notwendigerweise zu einer Fokusierung führt, sondern sehr wahrscheinlich auch zu einer sinnverfälschenden/-entstellenden Reduktion. Für manche Dinge braucht man einfach mehr Worte … Zum Thema Journalisten vs. Blogger: Ich denke, dass Niggemeier in seinen letzten Beiträgen das ganze sehr gut auf… Read more »
trackback

[…] finde es schon erstaunlich, wenn Twitter-Nutzer bemängeln, dass sie ungelesene RSS-Einträge in ihrem Feedreader schlimm […]

Mudder
Gast
7 Jahre 12 Tage her
Twitter bleibt für mich ein Modephänomen. Es war/ist etwas Neues, doch auch durch solche Berichte sieht man in welchem Wandel sich dieser Dienst befindet. Anfangs waren es noch Studenten, Angestellte und Schüler die damit Ihren Tagesablauf dokumentierten. Nun hat es sich zum angeblichen News- und Blogportal entwickelt. Alle Welt schickt die neu geschriebenen Artikel zu twitter und willige Community-Mitglieder sehen gleich das es etwas neues gibt. Doch es ist nur eine Frage der Zeit bis twitter das selbe Phänomen erreicht wie einst gute Dienste wie z.B. ebay. Anfangs ein neuer Service der genutzt wird und bei dem man fündig wurde.… Read more »
Gabber
Gast
Gabber
7 Jahre 10 Tage her

#5 FULL ACK

Frank
Gast
7 Jahre 3 Tage her

RSS durch Twitter ersetzen? Aus meiner Sicht nicht wirklich sinnvoll. Wie so oft macht es der Medienmix. Hype auf eine Plattform wirkt – sorry – eher durchgeknallt.

wpDiscuz

Mit der Nutzung unseres Angebots erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anzubieten und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Dadurch geben wir nicht personenbezogene Informationen zur Nutzung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Nähere Informationen findest du in unserer Datenschutzerklärung. Durch die Weiternutzung unserer Website (oder das ausdrückliche Klicken auf "Einverstanden") gehen wir davon aus, dass du mit der Verwendung von Cookies einverstanden bist.

Schließen