T-Mobile G1 - Gutes Konzept schlecht umgesetzt
Aus Sicht der Industrie bin ich Mitglied der Traumzielgruppe "Early Adopters". Sehe ich in einem technischen Gerät ein hinreichendes Versprechen, das geeignete Werkzeug für meine beruflichen Bedürfnisse zu sein, kann ich mein Portemonnaie nur mit Mühe in der Jackentasche lassen. Als langjähriger überzeugter Nutzer der meisten Google-Dienste war ich natürlich bereits seit den ersten Meldungen zu Android mehr als nur vage interessiert. Und so konnte ich nicht verneinen, als Amazon mir die freie Verfügbarkeit des T-Mobile G1 für recht schmerzlose 380 Euro vermeldete. Per Overnight-Express sicherte ich mir eines der ersten Exemplare.
Keine Sorge, ich werde jetzt nicht die technischen Details des Gerätes abarbeiten. Darüber kann man sich auf einer eigens eingerichteten Site des Konzerns T-Mobile ganz gut selbst unterrichten. Mir geht es vielmehr um die Nutzereindrücke, die ich in den ersten Tagen erhielt und die meiner Meinung nach viel wesentlicher für die Beurteilung des Gerätes sind. Legen wir los:

Bürokratisch, schwer, klobig
Das G1 ist kein iPhone. Ich habe mit einem Kollegen, der ein aktuelles iPhone sein eigen nennt, verschiedene Funktionsvergleiche angestellt und dabei ernüchtert festgestellt, dass das iPhone in allen Bereichen, auch den googleeigenen wie Gmail oder Gmaps wesentlich eleganter und vor allem schneller arbeitet als das G1. Der Touchscreen des iPhone arbeitet deutlich präziser, die gesamte Bedienersteuerung ist durchgängig intuitiver.
Das G1 ist da eher bürokratisch an strikten Vorgehensweisen orientiert. Sie wollen eine SMS an Ihre Frau senden und öffnen daher die SMS-Anwendung, die im Übrigen nur per Ausziehtastatur zu bedienen ist. Eine Screentastatur gibt es nur numerisch zu Telefoniezwecken. Sie versuchen im Feld "An" auf die Kontakte zuzugreifen, wie Sie es von jedem anderen Handy gewohnt sind. Falsch. Das G1 ermöglicht das Versenden von SMS unter Zugriff auf gespeicherte Kontakte nur über die Kontakte-Anwendung. Dort scrollen Sie sich durch eine ellenlange Liste mit immer den gleichen Nummern, die unterteilt ist nach "SMS senden", "MMS senden" oder "Anrufen". Eine Einschränkung, die schwer auf den Komfort drückt. Besonders, wenn man relativ viel per SMS oder MMS kommuniziert. MMS ist übrigens auf Fotos beschränkt, eine Videofunktion hat das G1 nicht.
Das G1 ist im Vergleich zu meinem bisherigen E71 schwer und klobig. Es fühlt sich an wie ein Nokia Communicator der ersten Generation. Dabei macht die Ausziehtastatur nicht eben einen stabilen Eindruck. Beim Tippen aufs Display knarzt sie bisweilen vermerklich. Nutzt man das G1 intensiver, also so ab einer Stunde am Stück, wird es im unteren Griffbereich regelrecht heiß. Unangenehm, wenn man nicht zur Fraktion der chronisch Kaltfingrigen gehört. Im Dunkeln schaltet sich die Tastaturbeleuchtung erst ein, wenn man eine Taste drückt, was je nach Anwendungssituation nicht ganz ungefährlich im Sinne von potentiell funktionsauslösend ist. Sinnvoller wäre es sicherlich gewesen, die Zuschaltung der Tastaturbeleuchtung an das Ausziehen der Tastatur zu koppeln. Erstaunlich, dass Usability-Führer Google nicht an solch einfache Dinge gedacht zu haben scheint.
Das G1 kann Webseiten und andere Inhalte quer darstellen, aber nicht wie das iPhone indem man es einfach quer hält. Vielmehr muss man dazu wieder die Tastatur ausziehen, was zur Betrachtung von Websites aber in der Regel funktional unnötig sein dürfte und bloß die Mechanik der Tastatur belastet. Die Darstellung von Webinhalten erfolgt mittels eines chrome-basierenden Browsers und ist von daher optisch auf dem Stand der Technik.

Langsam, unzuverlässig, absturzgefährdet
Allerdings lässt die Geschwindigkeit des Seitenaufbaus deutlich zu wünschen übrig und zwar unabhängig von der Verbindungsqualität. Auch im WLAN zeigen sich keine nennenswerten Geschwindigkeitsvorteile. Apropos Verbindung: Das G1 versagt bisweilen komplett den Dienst, wenn es sich nicht in einer UMTS-Zelle befindet. Ich habe noch nicht reproduzierbar heraus gefunden, bei welcher Art von Anwendung das G1 im GPRS die Flügel streckt. Grundsätzlich ist so ein Verhalten jedoch inakzeptabel, zumal mir kein anderes Handy mit ähnlichen Problemen bekannt ist. Dass sich die Nutzung im GPRS (noch) langsamer darstellt, ist okay, aber funktionieren muss so ein Handy. Gerade und insbesondere dann, wenn es wie das G1 dermaßen stark auf Datendienstverfügbarkeit setzt. Ohne Datenverbindung lässt sich das G1 nicht einmal zum Telefonieren nutzen.
Die Google-Anwendungen sehen auf dem G1 erwartungsgemäß super aus, aber nicht besser als beispielsweise auf dem iPhone. Auch die Bedienbarkeit ist keine Offenbarung. Mal reicht der dicke Finger, mal muss die Tastatur rausgezogen werden. Die Kalibrierung des Screens ist nicht präzise. Bisweilen bedarf es eines guten Auges und einer großen Ruhe im Zeigefinger, um zum Ziel zu gelangen. Besonders ärgerlich ist, dass bei allen bisher verwendeten Anwendungen, wie bereits zum Browser bemerkt, die Geschwindigkeit ein echtes Problem darstellt. Das G1 ist ganz grundsätzlich grottenlangsam. Wartezeiten von mehreren Sekunden sind keine Seltenheit. Abstürze der mitgelieferten und zusätzlich verfügbaren Anwendungen sind ebenfalls eher die Regel denn eine Ausnahme.
Unflexibel, funktional anno dazumal, schräge Bedienlogik
Das G1 ist fest an ein einzelnes Google-Konto gekoppelt. Schlecht für mich, der ich doch privat ein GMail-Nutzer und beruflich ein solcher der Google Apps bin. Das Einrichten eines zweiten Accounts ist nicht vorgesehen, so dass ich für mein Apps-Konto den integrierten E-Mail-Client (nicht zu verwechseln mit dem integrierten Gmail-Client) für IMAP konfigurieren musste. So geht es zwar, aber Komfort schreibt man anders. Auf meinem E71 setzte ich "Gmail Mobile" ein und konnte bis zu fünf verschiedene Gmail-Konten verwalten. Schlimmer als die Einschränkung im Mail-Bereich wiegt die daraus folgende Einschränkung in der Kontakte-Verwaltung. Auf meine beruflichen Kontakte kann ich so gar nicht zugreifen. Dazu hätte ich mein Apps-Konto mit dem G1 verdrahten müssen und folglich den Zugriff auf meine privaten Kontakte verloren. Eine sehr ungünstige Lösung...
Bei den typischen Handyfunktionen kann das G1 nicht einmal mit den Billighandys der Prepaidklasse mithalten. Klingeltöne, Benachrichtigungsmöglichkeiten, Stummschaltung und vieles andere gibt es nur rudimentär. So kann man das G1 zwar stumm- oder in den Flugmodus schalten, aber andere Profile, wie Rufsignalisierung rein über Vibration oder Ähnliches gibt es nicht. Das Einstellen separater Signale für separate Dienste, wie E-Mail oder SMS ist ebenso wenig vorgesehen. Ob eine SMS reinkommt oder eine E-Mail oder wenn bloß der Feedreader einen aktuellen Beitrag downgeloadet hat; das Gerät rappelt stets den gleichen Ton runter. Schaltet man die Signale nicht ab, rappelt das G1 deshalb ständig. Schaltet man es ab, wird man nicht mehr über SMS informiert. Eine ganz bescheidene Situation...
Schnell öffnet man auf dem G1 ein halbes Dutzend Anwendungen, was die ohnehin geringe Geschwindigkeit weiter senkt. Gezieltes Schließen einzelner Anwendungen scheinen die Entwickler jedoch nicht vorgesehen zu haben. Mir ist in den vergangenen drei intensiven Nutzungstagen jedenfalls trotz bemühter Suche nichts dergleichen unter gekommen. Besonders der Browser stellt mich regelmäßig vor Rätsel. Auf eine mir bislang nicht durchsichtige Weise verwaltet er die aufgerufenen Websites anscheinend für alle Ewigkeit in einzelnen Fenstern, ohne eine Möglichkeit anzubieten, diese Fenster gezielt anzusteuern. Das iPhone hält für diese Zwecke eine Coverflow-Ansicht vor und auch mein E71 verfolgte einen ähnlichen Ansatz.
Überhaupt haben die G1-Entwickler merkwürdige Nutzeransätze verwirklicht. Ein schönes Beispiel ist die integrierte YouTube-Anwendung. Sicherlich, man kann bequem nach Videos suchen und sich diese auch Fullscreen, aber in schlechter Auflösung ansehen. Das ist es aber auch. Man kann an der YouTube-Community nicht teilnehmen. Alles, was um das Video herum geschrieben stünde, sieht der G1-Nutzer nicht. Gerade bei Musikvideos sind mir diese Infos allerdings häufig wichtiger als das Video an sich. So ist die YouTube-Anwendung auf dem G1 für mich nutzlos.
Ein weiteres schönes Beispiel findet sich im Musikplayer. Hat man einen Song erst einmal gestartet, sucht man vergeblich nach einem Knopf, diesen wieder zu stoppen. Nur pausieren ist vorgesehen. Viele Anwendungen senden im laufenden Betrieb irgendwelche Signale in den Benachrichtigungsbereich in der oberen Screenleiste, also den Bereich, in dem auch Signalstärke oder das Vorliegen neuer E-Mails signalisiert würde. Im Grunde kann man sagen, dass permanent irgendeine Anwendung irgendein Signal in die Benachrichtigungsleiste sendet. Darunter sind auch kryptische oder unverständliche, wie "Download von Seite xyz ist fehl geschlagen", wo man doch sicher ist, dass man überhaupt keinen Download angestoßen hat.
Nicht so schlecht wie bisweilen berichtet ist hingegen die Kamera, die über einen vernünftigen Autofokus durchaus scharfe Bilder zu schießen im Stande ist. Ist das Bild erst einmal im Kasten würde man sich jedoch mehr wünschen. Mit meinem E71 konnte ich die Bilder direkt zu Flickr hochladen, was ich erstaunlich häufig auch nutzte. Beim G1 würde man zumindest erwarten, dass Picasa bedient werden können müsste. Ist nicht. Bilder können Sie als Hintergrund festlegen, speichern oder per Gmail, E-Mail oder MMS versenden, nicht aber zu Webservices schicken.
Akku aus dem Nasenhaarschneider
Völlig inakzeptabel für ein Datenphone, das als digitaler Wegbegleiter in allen Lebenssituationen positioniert werden soll, sind die Akkulaufzeiten. Nutze ich ein voll aufgeladenes G1 abends über zwei/drei Stunden zum Lesen von Feeds, nicht einmal zum Telefonieren, habe ich Mühe, mit der verbliebenen Akkupower über die Nacht zu kommen. Niemals würde ich mich fürs Locationrouting oder Sightseeing oder Breadcrumbing auf dieses Gerät verlassen. Das Risiko, innerhalb kürzester Zeit mit einem toten Stück Plastik in der Hand in der Pampa zu stehen, wäre mir viel zu hoch. Das G1 könnte allerdings den Trend zum Zweitakku wieder beleben, wie man es einst von Digicams kannte. Das wäre in Zeiten der Wirtschaftskrise vielleicht ein konjunkturbelebendes Zufallsfeature.
Fazit: Ambitioniertes Featureset mit bescheidener Detailumsetzung und völlig unzulänglicher Technikausstattung, insbesondere mit Blick auf Prozessor- und Akkupower. Keine Kaufempfehlung!
[Bildquelle: T-Mobile]
(tm)









