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Science-Fiction hautnah: Bestseller-Autor Andreas Eschbach im Gespräch

28. Mai 2013
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Aliens oder epische Schlachten von Raumschiffen mag er nicht, dabei gilt Andreas Eschbach als einer der erfolgreichsten deutschen Science-Fiction Autoren überhaupt. Seit vielen Jahren wartet er auf eine brauchbare Verfilmung seiner Geschichten. Sein Buch „Das Jesus Video“, mit dem er 1998 seinen Durchbruch feierte, wurde dummerweise im Auftrag eines privaten TV-Senders zu einem inhaltsleeren zweiteiligen Actionstreifen degradiert. Manche Fans bevorzugen hingegen sein Erstlingswerk „Die Haarteppichknüpfer“, eine lose Sammlung von Kurzgeschichten, die gemeinsam den Stoff für einen Roman bilden. Doch statt wie andere Autoren am laufenden Meter SF-Hausmannskost zu produzieren, muss man bei Eschbach stets auf Überraschungen gefasst sein. So auch bei seiner vor wenigen Monaten abgeschlossenen Trilogie, die von einem Kinder- und Jugendbuchverlag veröffentlicht wurde.

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Cover des Buches Time Out, erschienen bei Arena

Wir haben uns kürzlich mit Eschbach eine kleine Auszeit gegönnt, um seinen Roman Time Out und viele andere Dinge zur Sprache zu bringen. Beispielsweise wollten wir wissen, warum er den HTML-Steinbruch seiner Website selbst abbaut, einen Bogen um Facebook macht, aber mit seinen Lesern auf Google Plus kommuniziert.

Time Out: Andreas Eschbach im Gespräch mit Lars Sobiraj

Lars Sobiraj: Herr Eschbach, die meisten Ihrer Romane drehen sich eben NICHT um Raumschlachten oder Aliens. Wie kommt’s?

Andreas Eschbach: Raumschlachten finde ich langweilig, mal ganz davon abgesehen, dass sie total unwahrscheinlich sind: Zwei Mückenschwärme, einer aus New York, der andere aus Lissabon, die sich tausend Kilometer westlich der Azoren treffen – so sähe das angesichts der stellaren Dimensionen aus. Und Aliens sind mir, nun ja … irgendwie fremd

Das geht mir nicht anders. Wenn wir schon bei typischen SF-Geschichten sind. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie erneut ein Heft für Perry Rhodan geschrieben haben?

Alte Liebe rostet nicht. Man hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, mal wieder eins zu schreiben, und bei näherer Selbsterforschung habe ich herausgefunden, ja, ich hatte Lust. Hat auch wieder viel Spaß gemacht.

„Black Out“, ”Hide Out“, ”Time Out" – Wurden diese drei Bücher tatsächlich primär für Jugendliche geschrieben, wie es vielfach im Web zu lesen ist?

Ja, sicher. Es ist kein Versehen, dass sie in einem Kinder- und Jugendbuchverlag erschienen sind.

Ausschnitt aus der Hörbuch-Variante des Romans Black Out

In Ihren Romanen ist Lifehook ein Chip, der über die Nasenschleimhäute ins Gehirn eingesetzt wird. Was glauben Sie, wie viele Jahre wir davon noch entfernt sind?

Ich fürchte, weniger, als wir denken. Ob es nun unbedingt der Chip auf dem Riechnerv sein wird, weiß ich nicht, aber dass der Trend hingeht zur Vernetzung ohne Rücksicht auf Verluste, ist wohl schlechterdings nicht zu bestreiten.

Wer sich von der Firma Friendweb keinen Chip implantieren lässt, ist total out. Schon der Name erinnert stark an Facebook. Zufall oder Absicht?

Raten Sie mal.

Okay, kein Zufall also. Wer heutzutage nicht bei Facebook ist, beschneidet ebenfalls seine Kommunikation. Wie groß ist für Jugendliche oder Erwachsene die Verlockung, das zu tun, was alle tun?

Ziemlich groß. Der Drang, mit der Herde zu laufen, dürfte eine unserer stärksten Antriebskräfte sein. Und eine der gefährlichsten, wie wir wissen. Ein Erbe aus Urzeiten, beileibe kein modernes Problem. Heutzutage sind nur die Herden größer, was die Sache gefährlicher macht.

Haben Sie eine Idee, wie man diesem gesellschaftlichen Druck widerstehen kann?

Durch Besinnung auf seine eigene Identität? Persönlichkeitsbildung? Reifung? Es gibt viele Begriffe dafür. Es sind jedenfalls aus allen Jahrhunderten Ermahnungen überliefert, sich nicht nach Moden, Trends, den Meinungen anderer oder nach dem, was angeblich “in” ist, zu richten.

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Privates Foto: (c) Marianne Eschbach

Am Ende des Buches thematisieren Sie die Problematik, dass man die Kohärenz (das Netzwerk der per Chip vernetzten Gehirne) nicht dauerhaft abschalten kann. Zu groß wäre die Verlockung der Menschen, dauerhaft miteinander verbunden zu sein. Gibt es aus diesem Dilemma kein Entrinnen, sobald diese Technik existiert?

Es ist ja nicht die Technik, die das Dilemma schafft, sondern wir selbst. Warum ist es so verlockend, mit “allen Menschen” verbunden zu sein? Ein Gutteil davon dürfte in Angst vor dem Alleinsein wurzeln, und einer solchen Angst kommt man mit technischen Installationen ja nicht bei.

Das bitte ich nicht als generelle Verteufelung moderner Kommunikationstechnologie misszuverstehen. Aber es kommt immer auf die Beweggründe an. Wer ein Auto einfach nur deswegen kauft, weil er täglich von A nach B fahren will, wird andere – vernünftigere – Entscheidungen treffen als jemand, der ein Auto kauft, um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Zu sagen, dass Letzteres ein hinterfragenswürdiger Beweggrund ist, heißt nicht, dass Autos grundsätzlich schlecht sind.

Da Sie offenbar nicht bei Facebook unterwegs sind. Was sind die Gründe, sich dort nicht zu vernetzen?

Anfangs war es, ehrlich gesagt, weil mich das Design abstieß. Alle haben davon geredet, und ich dachte irgendwann, ich muss doch mal rausfinden, was das eigentlich sein soll, aber dann fand ich schon die Einstiegsseite so hässlich, dass ich keine Lust hatte, Zeit damit zu verbringen, und habe es gelassen. Und das umso weniger bedauert, je mehr später über die Hintergründe bekannt wurde.

Fühlen Sie sich dadurch ausgegrenzt oder in Ihren Möglichkeiten beschnitten?

Nicht im mindesten. Ich habe Facebook noch keine Sekunde lang vermisst.

Seit einigen Wochen probieren Sie Google Plus aus. Hat sich der direkte Austausch mit den Lesern als nützlich erwiesen? Oder wäre dafür eine Kommunikation per E-Mail ausreichend?

Ach, mit Google+ anzufangen war Spielerei. Die Begeisterung lässt auch schon wieder nach. Ab und zu macht es Spaß, über irgendein Thema zu diskutieren, aber ehrlich gesagt ist man damit in speziellen Foren besser aufgehoben.

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Andreas Eschbach auf Google+. Klicken Sie auf das Bild, um zu seinem Profil zu gelangen.

Welche Dienstleistungen nutzen Sie im Internet? Welche Angebote kommen für Sie überhaupt nicht in Frage?

Oh, das muss ich jetzt aber nicht alles aufzählen? Vom Onlinebanking über Google Maps bis zu Internetbestellungen und Wikipedia nutze ich schon ziemlich viel. Abgesehen davon, dass sich bei einem Romanautor auch ein großer Teil der Recherchearbeit im Internet abspielt. Was überhaupt nicht in Frage kommt … hmm, dafür habe ich keinen Kriterienkatalog, wenn Sie das meinen. Wenn ich ein Angebot blöd finde, zu teuer, unnütz, widerwärtig, sinnlos, Zeitverschwendung oder wenn ich es schlicht nicht brauche, dann nutze ich es nicht, ganz einfach. Das kommt immer auf den Einzelfall an. Viele Dinge, die man per Internet angeblich “ganz toll” erledigen kann, erledigt man bei genauerem Hinsehen ohnehin besser auf einem simplen Stück Papier – To-Do-Listen und Zeitplanung zum Beispiel.

Ihre Romanfigur Penta-Byte-Man zeichnet am Computer sein ganzes Leben mithilfe einer Brille auf. Nun wird Google ein Spezialwerkzeug auf den Markt bringen, das genau das kann. Wer hat da eigentlich wen inspiriert?

Sie meinen, ob Sergej Brin meine Romane gelesen und gesagt hat, “hey, wow, lass uns das machen”? Nein, so war das bestimmt nicht. Tatsächlich haben das schon vor zwanzig Jahren ein paar Freaks an amerikanischen Hochschulen gemacht, nämlich den ganzen Tag einen Helm mit einer Videokamera getragen, was damals ja noch richtig Kraftsport gewesen sein muss, und alles ins Internet übertragen. Ich bin beim Surfen irgendwann über so einen Bericht gestoßen, und das hat diese Idee bei mir ausgelöst. Und vermutlich waren diese Pioniere auch die Auslöser für die Google Glass-Idee.

Die Daten werden nicht nur zum Wohl des Benutzers aufgezeichnet. Google kann mit dem Projekt Glass alle Nutzergewohnheiten ablesen, sogar eine Gesichtserkennung aller Personen wäre möglich, die der Träger sieht. Was halten Sie davon?

Nichts. Google Glass wird ein Albtraum für die Privatsphäre. Und die Leute sind verrückter danach als nach dem neuesten iPhone!

Das mag auch der Grund sein, warum kein Hersteller den Anschluss zu Augmented Reality, der Technik, die Internet und Realität miteinander verbindet, verlieren will. Sony, Microsoft, Baidu & Co. wollen ebenfalls eigene Geräte anbieten, mit denen man telefonieren, Musik hören und vieles mehr tun kann. Wäre das etwas für Sie oder eines Ihrer künftigen Bücher?

Glaube ich nicht. Ohne mich festlegen zu wollen, habe ich doch das Gefühl, dass ich, was meine Romane anbelangt, mit dem Thema Internet durch bin. Es gibt ja auch noch andere Themen, und wichtigere dazu.

Erwischt! Ihre private Website wurde mithilfe der WYSIWYG-Software RapidWeaver erstellt. Mit der Technik ist es wie mit der Liebe: Sobald das Handbuch fehlt, beginnt das Hacken. Legen Sie bei andreaseschbach.de selbst Hand an? Oder machen das Andere für Sie?

Wenn Sie im Quelltext genauer hingeschaut hätten, hätten Sie hinter dem Namen des Templates das Kürzel “_ae” bemerkt und sich denken können, wer die Rapidweaver-Vorlage angepasst hat. Ja, ich mache das selber. Wenn man mal eine IT-Firma gehabt hat, ist das nicht nur Ehrensache, sondern auch schon fast ein Bedürfnis.

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Screenshot: Andreas Eschbachs Homepage

Offenbar hätte ich mir den Quellcode noch genauer anschauen müssen. Gibt es eigentlich schon ein Thema für das nächste Buch? Wollen Sie in groben Zügen verraten, worum es dabei gehen wird?

Es gibt schon ein Thema, aber das ist noch nicht spruchreif.

Dann viel Erfolg bei der Auswahl des nächsten Themas! Herr Eschbach, vielen Dank für das Gespräch.

Links zum Beitrag

(dpe)

Ich habe mir über die Jahre stets eine gesunde Portion Neugier in Bezug auf alles Unbekannte erhalten können und hoffe, dass diese niemals nachlassen wird.

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4 Kommentare zu „Science-Fiction hautnah: Bestseller-Autor Andreas Eschbach im Gespräch
  1. Hmm am 28. Mai 2013 um 11:14

    Toll, ein Interview mit Andres Eschbach zu lesen, den ich sehr schätze. Aber muss man ihm wirklich so peinliche Fragen stellen?

    • Dieter Petereit am 28. Mai 2013 um 12:22

      Welche Fragen sind denn peinlich?

    • TobiD am 29. Mai 2013 um 11:01

      Also ich konnte jetzt auch nichts besonderes entdecken. Der Schluss ist gut: “Wenn Sie im Quelltext genauer hingeschaut hätten, hätten Sie hinter dem Namen des Templates das Kürzel “_ae” bemerkt und sich denken können…”. Ganz stark gekontret :)

      • Lars Sobiraj am 3. Juni 2013 um 16:57

        Ja, Eschbach ist nicht auf den Mund gefallen! ;-) So genau hatte ich mir den Quelltext jetzt doch nicht angeschaut.

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