Webdesign

Schrifttypen und Usability

4. September 2003
von

von Karin Büchner

Die Leserlichkeit am Bildschirm wird weitgehend von der gewählten Schrifttype und Bildschirmwiedergabe Ihres Ausgabegeräts bestimmt.

Für Lesbarkeit und Usability Ihrer Website sind Konzeption und Gestaltung ausschlaggebend. Benutzerfreundliche Textorganisation fördert den Lesefluss und das Leseverständnis, sie macht Textstrukturen intuitiv wahrnehmbar. Es kommt also darauf an, Lesarten und Lesesituation, Nutzenerwartung und Motivation der Zielgruppe zu berücksichtigen. Und die Zielsetzung des Angebots zu fördern – wollen Sie informieren, verkaufen oder unterhalten?

Die Lesarten
Auf lineares Lesen sind Bücher angelegt: Gelesen wird fortlaufend in vorgegebener Reihenfolge. Entsprechend ist der Text gleichmäßig, ruhig und fortlaufend in einer Lesegröße von 9 bis 11 Punkt angeordnet, meist im Blocksatz (gleich lange Zeilen mit Randausgleich), mit 60 bis maximal (!) 80 Anschlägen pro Zeile.

Informierendes Lesen
…ist für Zeitungen angesagt. Überschriften in Schaugröße, Zwischentitel und Bildunterschriften ermöglichen die Informations-aufnahme über mehrere Ebenen hinweg. Gelesen wird in schmalen Textkolumnen mit etwa 40 Anschlägen. Sie fördern das Überfliegen von Text. Bild, Grafik und Farbe animieren zusätzlich und unterstützen die schnelle Information.

Differenzierende Typografie
…unterscheidet innerhalb eines Lesetextes die Begriffe, Eigennamen und Lese-Ebenen. Beispiel: Lexikon. Wesentliche Voraussetzung für gute Orientierung und Lesbarkeit ist Konsistenz: Gleiches wird gleich behandelt. Eigennamen, Begriffe oder Zweisprachigkeit werden im Zusammenhang wahrnehmbar. Das Leseverständnis wird gefördert, ohne den Lesefluss zu unterbrechen.

Konsultierendes Lesen
Hierunter versteht man das Nachschlagen kurzer Informationseinheiten. Etwa bei Telefonbüchern, Lexika, Registern, Visitenkarten. Am Bildschirm kann es der Hinweis auf Aktualität oder das Impressum sein. Geringe Textmengen und kurze Konsultation erlauben für diese Lesart kleine Schriftgrade.

Selektives Lesen
…ist das Lesen auf verschiedenen Ebenen, etwa bei zweisprachig angelegtem Text in Lehrbüchern. Auf Websites wird häufig selektiv gelesen. Etwa auf der gezielten Suche nach aktueller Information oder bei vertiefenden Links. Gleichzeitigkeit als typisches Merkmal des Website-Angebots braucht Orientierungshilfen. Dazu tragen typografische Gliederung (Schriftgrade, Absätze, Zwischentitel) und Leserführung durch überschaubares Layout bei.

Typografie nach Sinnschritten
So gliedert man Inhalte, etwa für didaktische Zwecke in Lesefibeln. Aktivierende oder inszenierende Typografie macht Schrift zu Bild. Durch hohe Prägnanz und gute Wiedererkennbarkeit sind Wortbilder gut merkbar und intuitiv verständlich. Bespiele: Logos, Marken-zeichen und Buttons. Intuitive Navigation ist ausschlaggebend für die Benutzerfreundlichkeit und Akzeptanz von Websites.

Die Textanordnung
Form und Struktur von Texten richtet sich nach dem Inhalt, der Lesart, dem Lesertyp und dem Medium. Websites haben gleichzeitig informierenden (Content), konsultierenden (Aktualität, Impressum) und animierenden Charakter (Navigation). Jede Lesart erfordert eine angemessene Gestaltung. Zum linearen Lesen taugen Bildschirm-medien nur im Ausnahmefall, etwa bei PDF-Lesetexten. Lange Zeilen à 70-80 Anschlägen verbieten sich am Bildschirm ebenso, wie ungegliederte Texte und Blocksatz.

Satzformen und Textstruktur
Die Satzform (DTP: Ausrichtung) fördert Orientierung und Lesbarkeit entscheidend. Bei traditionellen Lesemedien wird meist Blocksatz verwendet. Er ist aber nicht grundsätzlich besser lesbar als Flattersatz (glatter linker Satzrand, unterschiedliche Zeilenlängen, dadurch flatternder rechter Rand). Bei schmalen Spalten mit weniger als 30 Anschlägen pro Zeile zum Beispiel produziert der Blocksatz häufige Trennungen am Zeilenende und ein löchriges Satzbild (bzw. durch differierende Wortabstände beides) den Lesefluss erheblich. Gerade bei schmalen Zeilen ist Flattersatz dem Blocksatz deutlich überlegen.

  • Kein Zufall, dass Zeitschriften und Werbung bevorzugt Flattersatz verwenden, wenn es um schnelles, aktives Lesen geht!

Der Leserhythmus

Die Abfolge kurz, lang, kurz, lang aktiviert den Augenmuskel. Und kurze Zeilen beanspruchen das Gedächtnis weniger.

  • Statischer Blocksatz ermüdet bei längerem Lesen, als Bettlektüre dienen meist Bücher!
  • So genannter erzwungener Blocksatz ist eine Fehlfunktion des PC aus grauer Vorzeit. Bitte nicht anrühren!

Zentrierter Satz (Satz auf Mittelachse) ist leseunfreundlich. Die Symmetrie und der mühsam auffindbare Zeilenbeginn stören den Lesefluss und das Textverständnis. Zentrierter Satz findet nur bei kurzen Texten, wie Überschriften oder in der Werbung Anwendung. Für die dezentrale Lesart von Websites ist er ungeeignet. Achtung: Zentrierte Überschriften bei linksbündigem Text führen am Bildschirm unwillkürlich zu selektivem Lesen, da der Einstieg zum weit links liegenden Textbeginn nicht nachvollzogen wird. Das Auge folgt der bequemen Mittellinie und überspringt den – unbequemen – Lesetext.

Die Lesesituation
Leser unterscheidet man in geübte und weniger geübte Benutzer, hoch motivierte und weniger motivierte, flüchtige und konzentrierte. Neben körperlichen Voraussetzungen (Leseabstand, Sehfähigkeit, Beleuchtung) beeinflussen Situation, Motivation und Kenntnisse die Lesefähigkeit und -ausdauer. Wo ein geübter Leser mit hoher Motivation (Information, wissenschaftliche Recherche) gut durchhält, steigt ein eiliger Leser mit geringer Motivation (Fun-Kategorie) längst aus.

Austauschbare Inhalte, eCommerce oder ungeübte Leser brauchen besondere Unterstützung im Hinblick auf ihre Nutzenerwartung. Systematischer Umgang mit Schrift und Farbe, Konsistenz von Typografie (Gleiches wird gleich behandelt) und gezielter Farbeinsatz tragen zur Benutzerführung bei.

Der Orientierung dienen Überschriften, Menuleisten, Buttons, konsistente Schriftgrößen und Farben. Sie werden unwillkürlich als Zeichen wahrgenommen, ihre Funktion wird intuitiv erfasst. Zum Beispiel: Alle blauen Begriffe sind Links; aktivierte Begriffe der Navigation sind rot, nicht aktive sind weiß, Überschriften sind in großem Schriftgrad…

Ein Kommentar zu „Schrifttypen und Usability
  1. Christoph am 14. Juli 2010 um 11:51

    „… Lange Zeilen à 70-80 Anschlägen verbieten sich am Bildschirm ebenso, wie ungegliederte Texte und Blocksatz.“ Karin Büchner hat dies im obigen Beitrag schon 2003 sehr richtig erkannt. Eure Zeilen sind eindeutig zu breit :)

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