Die Möglichkeiten, beliebige Schriften auf Webseiten einsetzen zu können, haben sich in den letzten zwei Jahren schneller entwickelt, als es die meisten erwartet hätten. Derzeit müssen Webdesigner lediglich noch mit einem Format-Wirrwarr kämpfen, um die Schriften browserübergreifend auszuliefern. Dieses Problem wird aber im Verlauf der nächsten Jahre verschwinden, wenn sich das Web Open Font Format (WOFF) als Standard für Webschriften etabliert hat.

Typografische Vielfalt fernab vom Einerlei der Systemschriften
Ein weiterer Stolperstein ist derzeit noch die recht große Verbreitung von Windows-Rechnern, bei denen die Subpixel-Darstellung nicht standardmäßig aktiviert oder vom Anwender bewusst abgeschaltet wurde. Dies führt bei in Webseiten eingebundenen Webfonts meist zu einer deutlich schlechteren Darstellung als es bei den üblichen Systemfonts der Fall ist. Auch dies wird sich im Laufe der Jahre natürlich bessern, wenn die Anwender auf neue Rechner mit aktuelleren Betriebssystemversionen umsteigen. Der Internet Explorer wird zudem ab der Version 9 mit der Text-Layout-Engine DirectWrite arbeiten, die eine noch mal deutlich bessere Textdarstellung bietet.
Es ist also immer ratsam, Webfonts in möglichst vielen Browsern und Betriebssystemversionen zu testen und dabei auch die möglichen Textdarstellungsoptionen nicht zu vernachlässigen. Sollte die Darstellung ohne Subpixel-Rendering zu schlecht sein, kann die Webseite alternativ mit Systemfonts ausgeliefert werden. In der einfachsten Variante, kann man ältere Browser- und Betriebssystemversionen mithilfe von Conditional Comments ausschließen, um so die Mehrzahl der Anwender, die ohne Subpixel-Rendering arbeiten, zu erfassen. Es ist aber auch möglich, die Aktiviertung der Subpixeldarstellung über JavaScript direkt abzufragen.
Textlayout
Mit den neuen Möglichkeiten, Schriften in Webseiten einbinden zu können, nähert sich das Layout vieler Webseiten näher der Darstellung von Drucksachen an. Dennoch gibt es immer noch einen deutlichen Unterschied: Browser besitzen immer noch keine akzeptable Möglichkeit für eine automatische Silbentrennung. So ist besonders bei den typisch deutschen langen Wörtern meist unmöglich, Webseitentexte im Blocksatz anzuzeigen, da mangels automatischer Silbertrennung dann riesige Löcher in den Schriftsatz gerissen werden, wodurch sich die Lesbarkeit natürlich deutlich verschlechtert.
Mithilfe von JavaScript lässt sich eine sprachabhängige Silbentrennung client-seitig realisieren. Auch eine serverseitige Lösung liegt mit dem phpHyphenator vor. Dennoch sind auch dies natürlich nur Notlösungen für eine Funktion, die direkt im Browser integriert sein müsste und in Zukunft hoffentlich auch sein wird.
OpenType-Funktionen
Mit der Verbreitung der Webfonts fiel auch ein weiterer Mangel der Textlayout-Möglichkeiten der gängigen Browser auf: die fehlende Unterstützung von OpenType-Funktionen, wie sie seit längerem in professionellen Layout-Programmen wie Adobe InDesign oder QuarkXPress möglich sind.
Durch OpenType-Funktionen können Fonts mit einer gewissen eingebauten „Intelligenz“ versehen werden. Sofern das Anwendungsprogramm dies unterstützt, sind dann automatische Ersetzungen möglich. In Schriften, die auf der lateinischen Schrift aufbauen, sind dies vor allem typografische Funktionen wie Ligaturen, Kapitälchen, spezielle Bruchziffern und so weiter, die automatisch gesetzt werden können, ohne dass der Ersteller des Textes diese Zeichen manuell heraussuchen müsste.

Synthetisch generierte (grauer Schriftzug oben) und echte echte Kapitälchen (unten) in der Beta-Version von Firefox 4
So manche Schrift wird durch OpenType-Funktionen überhaupt erst benutzbar. Bei verbundenen lateinischen Schreibschriften oder arabischer Schrift hängt zum Beispiel die Form der Buchstaben von der Position im Wort und den benachbarten Zeichen ab. Gut ausgebaute OpenType-Schriften können deshalb verschiedenen Alternativ-Zeichen für die jeweiligen Buchstaben enthalten. Und mithilfe von OpenType-Funktionen können dann die nötigen kontextbedingten Ersetzungen automatisch vorgenommen werden.

Perfekte Buchstabenverbindungen (blauer Schriftzug unten) dank kontextbedingter Ersetzungen in Firefox 4
Die aktuelle Beta-Version von Firefox 4 bietet erstmals Zugriff auf diese OpenType-Funktionen. Dies erfolgt aktuell noch über einen solchen proprietären Aufruf:
h1 {
-moz-font-feature-settings:’smcp=1′;
}
Dieses Beispiel stellt die Überschriften im echten Kapitälchen dar, sofern die Schriftart entsprechend ausgestattet ist. Eine Liste der gängigen OpenType-Funktionen kann hier eingesehen werden. Noch gibt es leider keinen einheitlichen Weg, diese Funktionen im CSS-Code anzusprechen, aber der Entwurf des CSS Fonts Module Level 3 sieht diese Möglichkeit bereits vor und man kann erwarten, dass die anderen Browserhersteller dem Beispiel von Firefox mittelfristig folgen werden.
Wie man sieht, gibt es für die Browser-Entwickler noch einiges zu tun, bis das Web die Qualität des Textsatzes von Drucksachen erreichen oder gar überflügeln kann. Doch erfreulicherweise zeigt sich bei allen Browser-Herstellern eine wachsende Sensibilität für solche typografischen Feinheiten und man kann daher erwarten, dass hier schon den kommenden Jahren weitere Fortschritte gemacht werden.
(mm), ™
Ralf Herrmann
Ralf Herrmann hat sich in der Typografie-Szene vor allem als Betreiber der beliebten typografischen Internet-Community Typografie.info einen Namen gemacht. Er ist außerdem Autor typografischer Fachbücher und Herausgeber des Typografie-Magazins TypoJournal. Die neuen Entwicklungen rund um Webfonts dokumentiert er auf der Seite webfonts.info


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