In der aktuellen Ausgabe des “Schleppnetz” finden sich beachtlich viele Fragmente aus den Tagesnachrichten. Wobei man nicht einmal sagen kann, dass es ausschließlich solche politischer Natur sind. Sogar Heilpädagogik und Hypochondrie sind vertreten. Was das nun alles mit Google, dem Uhlig und dem CCC zu tun hat, erfährt man selbst dann nicht, wenn man weiterliest. Aber es zwingt einen ja auch keiner…
Die CSU stürzt auf 43 Prozent ab , die Rechtslastigen gewinnen in Österreich. Beckenbauer schlägt vor, den Mannschaftskapitän bei Bayern München von Spiel zu Spiel neu zu bestimmen und als ob es eine Strafe dafür wäre, dass Klinsmann ihm nicht folgt, spielt Bayern am Folgewochenende wieder grenzwertig. Das Kindergeld steigt um 10 Euro, der Krankenkassenbeitrag auch, dafür sinkt der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung. Auch in Deutschland gehen die ersten Banken vor die Hunde, eine Frau erschlägt ihren schlafenden Ehemann mit einem Beil, die Hirnforschung versucht sich an Erklärungen und wie zufällig kommen uns neue Studien unter, wonach Niederländer besonders oft Streit mit dem Nachbarn haben, während Italiener besser flirten. Es ist also richtig was los im Real Life und wenn man genügend Nachrichten liest, kann man auch den großen Zusammenhang erahnen. Das reale Leben nähert sich einem Kulminationspunkt und Schäuble bereitet akribisch und mit großer Umsicht alles dafür vor.
Gut, dass wir Webseitenschrauber und andere Netizens fast schon rein virtuell existieren. Wenn man mal von dem bisschen Körper, das uns noch geblieben ist, absieht. Hier im Netz ist es doch viel kuscheliger, jedenfalls wenn man die quasi medienkonvergenten Vorgänge übersieht, in denen uns die Härte des RL in der Virtualität einholt. Wie zum Beispiel beim neuerlichen Datenskandal bei Obermanns Truppe oder beim Versuch einiger Kommunen, Google per Unterlassungsverfügung am Fotografieren des Gemeindegebiets zu hindern.
Warum müssen diese Old-School-RealLifer eigentlich so fürchterlich unentspannt sein? Lass doch die Googles ihre Fotos machen. Wo soll sich denn da der Handlungsbedarf begründen? Okay, man mag sich durchaus mit einiger Berechtigung fragen, ob die Kartografierung der Welt in 3D tatsächlich als sinnvoll betrachtet werden muss, sollte oder auch nur kann. Aber, solange es uns nichts kostet, können wir doch das Zusatzangebot nutzen. Sicher. Ich weiß, dass es auch in den USA Probleme gegeben hat. Dort sind die GoogleCars relativ ungeniert fotografierend in Bereiche vorgedrungen, die mehr als eindeutig als Privatweg und mit “Durchfahrt verboten” gekennzeichnet waren. Nacktbilder sind aber meines Wissens keine dabei rausgekommen.
Wundern darf einen dieses Verhalten natürlich schon deshalb nicht, weil Google noch ein junges Unternehmen ist. Gerade mal 10 Jahre ist der Kleine alt. Da ist rüpelhaftes Betragen als Teil der Entwicklungsstufe normal. Wie wir aus der modernen Erziehungstheorie wissen, kann es dem Heranwachsenden massiv schaden, wenn man ihn zu stark in seinen Möglichkeiten beschneidet. Ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft würde er so nie werden. “It takes a village to educate a child”, sagt der englische Volksmund. Im Falle von Google sogar ein global village. Also, liebe friesische Bürgermeister, stay cool.
Auch als verwunderlich muss die Aufregung um den Datenklau bei der Telekom gelten, insbesondere, soweit man auf die Gefährdung der Sicherheitslage prominenter Kunden abhebt. Immerhin fand der Datendiebstahl dem Vernehmen nach schon Anfang 2006 statt. Wenn also eine Gefährdungslage bestanden haben sollte, dann doch wohl eher zeitnah zum Zeitpunkt des Diebstahls. Außerdem pflegen gerade Prominente andauernd ihre Lebensumstände zu verändern. Da nützen zwei Jahre alte Adressen im Zweifel nix, will man nicht bloß die Ex-Ex-Freundin, respektive -Frau antreffen.
So erscheint doch die Vorgehensweise der deutschen Staatsanwaltschaften gegen die diversen Abzockerportale im Internet schon deutlich sinnvoller. Immerhin geht es hier um echten Schaden mit echten Geschädigten und nicht bloß um ein “Geschmäckle”, wie im Falle Google StreetView oder einen alten Zopf, wie bei Obermanns Datenklaunerie. Überhaupt scheint es mir so zu sein, dass es potenziell netzschädlich ist, wenn sich Größen aus dem RL in das ihnen unbekannte Netz der Netze begeben. Zumindest Kunden des Downloadportals der US-Warenhauskette Walmart würden mir hier sicherlich unumwunden zustimmen. Die verlieren nämlich in wenigen Tagen ihre teuer gekaufte Musik, wenn Walmart die Downloadserver abschaltet und die Kunden-PCs danach das Abspielen mangels DRM-Bestätigung verweigern werden. Ein schöneres Plädoyer für den Konsumentenboykott DRM-geschützter Medien könnte nicht einmal der CCC halten, der sich allerdings in letzter Zeit ohnehin lieber mit beleuchteten Hochhäusern beschäftigt.
Lassen Sie uns zuletzt noch einen Blick auf Blogdorf richten. Sie wissen schon, dieses relativ kleine Dörfchen, diese Fortsetzung des Studentenwohnheims mit anderen Mitteln, diese Brutstätte des Neointellektualismus, in der sich Generationen denkfähiger und denkwürdiger Menschen, die sich auf der Straße nicht einmal grüßen würden, bisweilen laut schreiend miteinander unterhalten, um durch Lautstärkemessungen entscheiden zu können, wer denn nun Recht hat. Ein Hort der Glückseligkeit für alle, die des Mobbens hinreichend mächtig sind oder Spaß daran haben, gemobbt zu werden. Moment. Bevor sich jetzt jemand aufregt (was in Blogdorf erstaunlich schnell geht), will ich natürlich gern einschränken: “Nicht alle Blogger sind so! Und die, die doch so sind, werden immer weniger.”
Diese These stütze ich jedenfalls auf die Hoffnung stiftende Analyse der Blogcharts, wonach die Verlinkungsdichte in Blogdorf deutlichst rückläufig ist, was hier sehr schön, wenn auch unter anderer Bewertung von Robert Basic auseinander gedröselt wird. Mein Lieblingssatz: “So schließe ich mit dem fiesen Gedanken, dass sich die deutsche
Blogosphäre, warum auch immer, extrem gesagt, zu einer assozialen und
weniger zu einer asoziierten Blogosphäre entwickelt.”
Jedenfalls blicken wir kurz zurück auf die letzten Tage in Blogdorf, so stellen wir fest, dass meine Eingangsthese stimmt. Blogdorf ist dieser Tage Kuschelig 2.0. Abgesehen von dem dramatisch gefaketen Auseinanderbersten der fünf Filmfreunde, was wohl letztlich nur ein Schrei nach Liebe war, findet sich in den Blogs der üblichen Verdächtigen kaum Empörenswürdiges. Na gut. Der Fairness halber will ich den Sturm im Wasserglas um das Löschen eines Beitrags im Handelsblatt-Blog des Ökonomen Uhlig nicht verschweigen. Im Affekt hatte die Handelsblatt-Chefredaktion einen Beitrag gelöscht, den Uhlig wohl im Affekt geschrieben hatte, worauf dieser wiederum im Affekt erklärte, sein Blog sei damit Geschichte. Nachdem sich der Wasserdampf vom vielen heißen Atem gelegt hatte, gab es auch wieder Annäherung und Erläuterung und sogar Parteinahmen für die Chefredaktion. Fast schon kuschelig.
Einzig Martin Weigert nimmt auf Netzwertig.com Worte in den Mund, die zwar unspektakulär daherkommen, hinsichtlich der Auswirkungen dessen, was er beschreibt, jedoch einen heißen Herbst versprechen. Weigert thematisiert zunächst nüchtern die potentiellen Auswirkungen der Finanzkrise auf Webunternehmen. Ganz im Sinne von Kuschelig 2.0 bemüht sich Martin darum, die Chancen der Krise in den Vordergrund zu stellen. Allerdings wirkt gerade dieser Part seiner Analyse doch tatsächlich sehr bemüht. Realistisch betrachtet wird im Web 2.0 in den kommenden Monaten ein Unternehmenssterben, gekoppelt mit stark sinkenden Gründungszahlen, zu verzeichnen sein. Denn in der Tat werden die Finanzierungsmöglichkeiten junger und in Gründung befindlicher Unternehmen künftig gegen Null tendieren. Ich würde sogar eine ähnliche, sogar eine größere Katastrophe, wie zu Zeiten der Internet-Bubble Anfang des Jahrtausends nicht für ausgeschlossen halten. Erwähnte ich schon, dass man mir noch nie nachgesagt hat, ich sei harmoniesüchtig?
Erwähnte ich weiterhin schon, dass seit einigen Tagen eine Art Rivva-Konkurrent namens Blogmonitor online ist? Nicht? Na, ist auch nicht so wichtig. Schauen Sie, wenn Sie mögen, halt selbst mal vorbei. Verpassen tun Sie aber auch nix, wenn Sie es nicht tun.
So. Damit mir nun aber keiner vorwerfen kann, meine Geschichte enthielte gar keine Helden, schließe ich mit einem Verweis auf den stets hoch geschätzten Klaus Jarchow und seinen Stilstand-Blog.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche
D. Petereit
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[Schleppnetz ist eine wöchentliche Kolumne zum Webgeschehen. Themen sind alle Vorkommnisse, Begebenheiten, Texte, die im Aufmerksamkeitsnetz des Bloggers hängen geblieben sind.]
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Ein unterhaltsamer Text am Morgen kann einen schon von der Arbeit abhalten. Wenn dann noch ein Link – stilstand.de – zu weiteren Textschätzen und zum Blog-Surfen animiert, ist der vormittag wieder schnell rum
Hehe. Mal was anderes bei Dr. Web. Finde ich gut. Bierernst muss es auch in Seitenbetreiberkreisen nicht immer zugehen.
Bierernst? Ich habe diesem Saft schon seit drei Monaten komplett abgeschworen.