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PostRank – News-Feeds nach Relevanz auswählen

8. Januar 2009
von

Eine ambivalente Geschichte – dieses “PostRank”. Im Grunde ist es darauf angelegt, den Informationsüberschuss per RSS einzudämmen. PostRank will für mehr Übersicht im Reader sorgen, indem dem Abonnenten lediglich diejenigen Beiträge aus seinen Feeds angezeigt werden, die nach dem PostRank-Algorithmus “relevant” sind. Über Vor- und Nachteile eines neuen, venturefinanzierten kanadischen Startup-Dienstes…

Der Dienst an sich

Nach einer zügig zu erledigenden Registrierung, bei der erfreulich wenig persönliche Daten abgefragt werden, findet sich der interessierte Nutzer in einem übersichtlichen Backend wieder. Trotz aller Übersichtlichkeit wird er hier den ersten Stutzer empfinden: “Und was soll ich jetzt hier?” PostRank (PR) ist als Dienst darauf ausgelegt, dass man seine Feeds hinein importiert und dort analysieren lässt. Die “Analyse” ist indes ein simples Ranking.

postrank1.png

Im Rahmen des Ranking will PR einen Zahlenwert für jeden Beitrag im Reader ermitteln. Dabei untersucht PR mit unterschiedlicher Ergebnisgewichtung, wer den Beitrag bereits vertwittert, gebookmarked (Magnolia, Delicious), getrackbacked, whatever hat. Nach meinem Kurztest scheinen Tweets eine besonders hohe Ergebnisgewichtung zu haben.

Die Philosophie hinter PR entspricht weitestgehend derjenigen von Rivva und anderen Memetrackern. Beiträge mit einem hohen Maß an “Engagement”, also wie auch immer gearteter Publikumsreaktion werden als relevant gekennzeichnet und erhalten einen hohen Zahlenwert zugeordnet. Dieser Wert kann dann wieder genutzt werden, um im Reader seines Vertrauens für vermeintlichen Durchblick zu sorgen.

So ist beispielsweise für den Google Reader ein Greasemonkey-Script, respektive eine FF-Extension verfügbar, die es ermöglicht, über einen etwas grobschlächtigen Dropdown-Filter nur Artikel der Kategorie “Good”, “Great” oder “Best”, jeweils repräsentiert durch deren unterschiedliche Zahlenwerte anzeigen zu lassen. PR schwärmt davon, dass man auf diese Weise die vielen nutzlosen Beiträge, die sich zwangsläufig auch in den Feeds tummeln, ausfiltert und fortan nur noch für Beiträge seine teure Lebenszeit verwenden wird, deren Relevanz per PR vorgeprüft wurde.

pr-greasemonkey.png

Die Haken

Es gibt einige Haken an dieser Sache, die auf der Hand liegen. Zunächst stößt man auf die immer wieder zu diskutierende Fragestellung, ob es richtig sein kann, die Masse zum Maß aller Dinge zu machen, wie es Relevanztrackern innewohnt. Warum soll Beitrag X oder Y besonders deshalb toll sein, weil etliche Leute darauf verlinken oder sich per Twitter das Maul zerreißen? Sind Beiträge, die nicht heiß diskutiert oder bloß linkgeschubst werden, weniger relevant? Natürlich nicht und schon gar nicht quasi automatisch. In der deutschen Blogosphäre kommt noch das Problem hinzu, dass ohnehin immer die gleichen Verdächtigen hin und her verlinkt werden, unabhängig vom Sach- oder Fachgehalt des Gesagten. Deutschlands Blogbohlen könnte seine Mittagsmahlzeit beschreiben und würde dennoch hundertfach verlinkt. Relevanz? Hrmpf, äh, nee. Auch auf der Startseite von PR tummeln sich erwartungsgemäß nur “relevante” Dienste, wie Yahoo, Engadget, ZDnet oder A List Apart.

Neben diesem schwerwiegenden Problem einer Relevanzbewertung ergibt sich allerdings auch ein ganz tatsächliches im Zusammenhang mit dem Medium Feed als solches stehendes. Ein Feed wird in der Regel sehr sehr zeitnah konsumiert, in manchen Fällen aus meiner eigenen Feedliste bereits Minuten, nachdem der Beitrag das Licht der Onlinewelt erblickt hat. So schnell kann erstens kein Relevanztracker arbeiten und zweitens kann zu diesem Zeitpunkt selbst der tatsächlich relevanteste Artikel des Tages noch nicht über wesentliche Publikumsreaktionen verfügen. Sicherlich verbessert sich der PR dann über die Zeitschiene, aber dann ist es zu spät. Schließlich soll mich die Bewertung im Zweifel vom Lesen unrelevanter Posts abhalten. Stunden, nachdem ich den Post gelesen und schon wieder vergessen habe, nützt mir das Ranking nichts mehr.

Der Nutzen

PR als solches ist in seinem Kernbereich also Mist. Dennoch gibt es eine Zielgruppe, die sich des Werkzeugs bedienen und darin auch einen echten Nutzen finden kann. Es sind dies die Bloggerinnen und Blogger selber. Interessanterweise gibt es für PR einige Plugins, unter anderem für WordPress, die das Ranking über die eigenen Blogbeiträge laufen lassen. Mittels eines Sidebarwidgets kann man so seinen Besuchern auf einen Blick zeigen, welches die Blogbeiträge mit den meisten Publikumsreaktionen sind. Das verbessert zwar die grundlegende Problematik nicht, mildert sie aber dahingehend ab, dass es im eigenen Blog nur um einen internen Vergleich der selbst geschriebenen Posts gehen kann. Außerdem spielt bei dieser Darstellung die Zeitschiene keine wesentliche Rolle.

top-posts-widget.png

PR, so verwendet, ist eine aufgebohrte Variante eines “Most Commented” und geeignet, Blogbesuchern weitere Lesetipps auf der eigenen Seite zukommen zu lassen. Aus den USA ist zu hören, dass es tatsächlich zu messbaren Verlängerungen in der Verweildauer von Besuchern auf mit PR ausgestatteten Blogs kommt, da mehr Beiträge gelesen werden. ™

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Galerie der verwendeten Screenshots:

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit fast 30 Jahren in der IT daheim. Seit 2008 schreibt er für Dr. Web, seit 2012 ist er Chefredakteur des Magazins. Man findet ihn auch auf Twitter und Facebook, aktiver ist er allerdings auf Google+.

3 Kommentare zu „PostRank – News-Feeds nach Relevanz auswählen
  1. Jürgen Plieninger am 8. Januar 2009 um 14:05

    Vielen Dank für die eingehende Vorstellung des Tools. Eine Alternative, die bei mir gerade in Gebrauch ist, ist FeedHub, welches von Euch im Oktober 2007 auch einmal genannt wurde. Das ist ein Filtersystem von RSS-Feeds, dem man rückmelden kann, ob die Auswahl gut oder schlecht war. Funktioniert bei mir ganz gut! Vgl. auch meinen Beitrag in AgoraWissen.

  2. Sevencoder am 8. Januar 2009 um 14:07

    Wers brauch…

  3. [...] Eine ambivalente Geschichte – dieses „PostRank„. Im Grunde ist es darauf angelegt, den Informationsüberschuss per RSS einzudämmen. PostRank will für mehr Übersicht im Reader sorgen, indem dem Abonnenten lediglich diejenigen Beiträge aus seinen Feeds angezeigt werden, die nach dem PostRank-Algorithmus „relevant“ sind. Über Vor- und Nachteile eines neuen, venturefinanzierten kanadischen Startup-Dienstes [...] [...]

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