Die digitalen Bohemiens haben es populär gemacht: Das Büro im Wohnzimmer! Arbeiten, wohnen, schlafen – am besten alles in einem Raum oder eben überall sonst, wo man sich gerade aufhält. Am Seeufer, im Cafè, in der U-Bahn – überall können Texte entstehen, Geschäfte angebahnt, Layouts entworfen werden.
Nun ja, soweit habe ich es zwar nie kommen lassen, schließlich bin ich bereits seit 1995 im Geschäft und da waren Bohemiens noch keineswegs digital sondern Künstlertypen aus den Pariser Bistros der Jahrhundertwende.
Damals gab es noch nicht einmal den Begriff des Webworkers. Was Internet überhaupt ist und wozu das ein Unternehmen braucht, mussten wir damals unseren Kunden noch mühsam beibringen.

Aber dennoch kenne ich die Situation im Wohn-Geschäftshaus zu leben und mehr oder minder immer im Dienst zu sein sehr gut. Wobei ich schon beim Kernproblem bin, die ständige Erreichbarkeit. Der Glaube daran ständig erreichbar sein zu müssen.
Die Vorstellung für einen Kunden im Notfall nicht da zu sein, wenn die Website gecrasht oder er wiedermal all seine Passwörter verlegt hat, kann einem natürlich schlaflose Nächte bereiten. Oder noch schlimmer. Vielleicht verpasst man ja ausgerechnet den wichtigen Anrufer, der einem den Superauftrag anbieten möchte.
Aber ganz ehrlich – bis auf einen Kunden, der versucht hat mich tags, nachts und wochenends mit Lappalien auf Trab zu halten – so dass ich mich schließlich von ihm trennen musste – hat in fast 15 Jahren eigentlich niemals ein Notfall stattgefunden, der nicht auch bis zum nächsten Tag Zeit gehabt hätte.
Auch Interessenten, die erst abends um 22 Uhr auf die Idee kamen bei mir anzurufen, waren erstens selten und zweitens wollten die meistens was pro bono – wie ‘umsonst’ freundlich umschrieben heute heißt - und ganz und gar nicht den erträumten, lukrativen Auftrag vergeben.
Dabei ist es völlig gleichgültig, ob man in seinem Büro oder knapp daneben wohnt oder die Geschäftsräume getrennt vom Wohnort liegen. Solange das Mobiltelefon immer am Mann und niemals ausgeschaltet ist, ergibt sich die gleiche Situation.
Eine tolle Vorlage für den Burnout sich brachial durch die Vordertür Einlass zu verschaffen und einen in eine dahinvegetierende Pflanze zu verwandeln. Das kann ja keiner wollen. Also letztendlich mag das Büro sein, wo es will.
Es kommt viel mehr darauf an, irgendwann auch mal den Computer herunterzufahren, das geschäftliche Telefon abzuschalten und dazu auch noch das Unternehmergehirn.
Das ist nämlich die schwerste Übung für die meisten selbständigen Webworker – sich auch mal den anderen schönen Dingen des Lebens zu widmen – nicht nur der Arbeit.

Ruth Schilling, Webworkerin der ersten Stunde, verbreitet ab sofort wertvolle und mit Schweiß und Tränen erkämpfte Einsichten über das harte Leben des Internetfreischaffenden (vielleicht) jede Woche bei Dr. Web Magazin. Übereinstimmungen mit der erlebten Wirklichkeit sind rein absichtlich und niemals erfunden.
Ruth Schilling
ist Fachautorin in den Bereichen Marketing, Werbung, Verkauf, Internet und Mitinhaberin der Agentur taula communication, calden.




Die Artikelüberschrift ist etwas irreführend gewählt, denn im Text geht es weniger um Segen und Fluch des Büros zu Hause, sondern eher um das, was man heute Neudeutsch “work-life-balance” nennt.
“Nichts ist so dringend, dass es durch Liegenlassen nicht noch dringender würde!” ;-)
Natürlich darf sich der Home-Officer nicht zum Sklaven seiner Kundschaft machen. Doch wer, besonders von den Einzelkämpfern am Existenzminimum, hat heutzutage noch die Freiheit (und den Mut), sich einen vermeintlichen Auftrag durch die Lappen gehen zu lassen? Dazu gehört auch sehr viel Emanzipation sich selber gegenüber! Und die Einsicht, dass die vielen anderen, die “PC bei Fuß” stehen, sich gerne mal am “Problemkunden” versuchen können. Die eigenen Nerven werden es einem danken! Von der Gesundheit einmal ganz zu schweigen…
Wie bei allem gilt es, das gesunde Verhältnis von Erwartungshaltung contra Leidensfähigkeit einzuhalten. Das entwickelt sich jedoch erst langsam mit den Jahren.
Was die “schwerste Übung” für den Freischaffenden angeht: Ich denke da viel mehr an Prokrastination. ;-)
Selbstständigkeit ist nicht für jeden etwas. Ich persönlich halte aber ein Home-Office für optimal. Das geht aber nur, wenn man projekt- und aufgabenorientiert arbeitet. Das heißt, man fördert nicht die Einstellung, Hauptsache jemand ist körperlich im Büro anwesend, ob er etwas zu tun hat oder nicht.
Ich bin zwar erst seit ein paar Jahren Selbstständig und irgendwann würde ich auch gern mein eigenes Büro haben, aber dennoch sehe ich Home-Office weniger als Fluch. Jeder Mensch hat eine andere Arbeitsweise, wichtig ist in meinen Augen nur, dass man auch im Home-Office klar privat und beruflich trennt. Ich z.b. habe feste “Bürozeiten”, in denen ich arbeite. Danach ist Schluss, es gibt ja auch noch ein Leben außerhalb des Büros. Klar, immer kann man sich nicht daran halten, aber wenn ich mir nicht selbst Bürozeiten vorschreiben würde, würde ich auch nur für dem Rechner hängen.
Bin ich selbst und ständig oder frei, beruflich?
Stimme da Nummer 2 zu: Es ist meine Entscheidung, wie, ob und wann mich Kunden erreichen oder auch nicht.
Ich verteidige meine Mobilnummer “mit Zähnen und Klauen”, die brauchen meine Kunden nicht (ich kann auch unterwegs im Auto nicht wirklich helfen) – folglich klingelt auch mein Mobiltelefon nicht. Und mein Kunde erreicht mich, wenn ich gerade erreichbar bin. Wann das ist, lege ich fest.
Einen 24 Stunden Support leiste ich nicht.
Wenn man das für sich klar hat, dann kann man es auch leben.
Und: Das wichtige Projekt abends um 22 Uhr ruft am nächsten Tag auch nochmal an (oder war gar nicht wirklich interessiert).
Ich sitze seit 2,5 Jahren zu Hause und suche seit ca. sechs Monaten ein bezahlbares Büro oder eine Bürogemeinschaft (Kreis Starnberg)…
Wenn “alle” zu Hause sind (Frau + zwei Kinder) ist es eher ein Fluch als ein Segen :-) Ausserdem möchte ich mal wieder das Gefühl haben ich “gehe” arbeiten und ich habe Feierabend!
Grüße
Oliver
Wenn man es schafft, wie der Autor sagt “das Unternehmergehirn irgendwann wirklich mal herunterzufahren”, und die von Oliver angesprochenen Ablenkungsquellen zumindest im Zaum zu halten, dann ist das “Büro im Wohnzimmer” das Beste was gibt.
Dazu kommt noch der “innere Schweinehund”.
~~
Kurz: meist nicht zu empfehlen, aber wer es hinbekommt möchte es nicht missen.
Zu Hause arbeiten ist OK, solange man allein ist. Ist die Freundin da, weil sie frei oder Urlaub hat, sieht die Sache nämlich gleich anders aus. Da fällt ihr, ein, dass man ja mal zusammen die Wohnung putzen oder einkaufen fahren könnte. “Man ist ja zu Hause” :)
Und wenn du erst mal Frau und vier Kinder hast, ist das Büro zuhause ganz schön fordernd. “Work-Life-Balance” ist da ein wichtiges Stichwort, der PC läuft zwar ständig, aber irgendwie kommt man doch zu nichts, wenn der Rest der Familie nihct gerade schläft oder außer Haus ist. (Ein Hoch auf den Kindergarten, der mir dann doch bis zu 5 ungestörte Stunden am Tag bereitet)
Hatte mal anfangs 2 Jahre lang mein Büro zu Hause, und ich vermisse es nicht. Finde der Beitrag sollte ein Tip für junge Unternehmer sein, sich mit dem Thema auseinander zusetzen. Dennoch wer Selbstständig sein will und kein Anfangskapital hat muss dadurch.
Der wohl größte Vorteil des Home-Office ist für mich, dass keine Anfahrtswege zum Arbeitsplatz entstehen. Was da an Zeit, Kosten und Ärger gespart werden kann, ist enorm. Dass ich mein Auto praktisch nur privat nutze (außer bei gelegentlichen Kundenbesuchen) ist für mich ein Segen.
Ansonsten gibt es natürlich hüben wie drüben Vor- und Nachteile. Für den einen heben die sich auf, für den anderen nicht. Schwer zu kompensieren sind m.E. im HO der fehlende Sozialkontakt bzw. der fehlende direkte Austausch mit Kollegen.
Die psychischen Belastungen sind aber wohl das Tückischste. Ich nenne nur Prokrastination und Burnout, die schon genannt wurden. Im dümmsten Fall hat man beides und wünscht sich dann den im-Stau-steh-Stress zurück ;-)
Ich würd’s zwar wieder tun, definitiv. Weiterempfehlen kann ich ein HO aber nur an die wirklich disziplinierten Zeitgenossen.
[...] http://www.drweb.de/magazin/kolumne-das-buro-zu-hause-segen-oder-fluch/ [...]
@benjiwiebe: Hihihi… das mit den 4 Kindern kenne ich auch. Hab mein Büro aber ganz oben und mit Schalldämmschaumstoff abgesichert.
Ansonsten war das übelste was mir mal passiert ist, ein Kunde, der mich erreichen wollte, als gerade mein erster Sohn geboren wurde. Weil ich da natürlich mal schlecht erreichbar war hat er mal eben die Krankenhäuser der Stadt abtelefoniert, bis er meine Frau am Krankenhausbett erreicht hat.
Franzose, selbständig seit 10 Jahre. Homeoffice . Ich wohne in Deutschland, aber arbeite auch manchmal aus Frankreich ( Ferienhaus mit DSL). Ich sehe nur Positiv, wenn man sein Freiheit haben will.
Die Arbeitsregeln sind meine, nur der Kunde muss zufrieden sein. Wie und wann und wo ist nicht sein Problem.
Ich gebe es zu, ich bin kein Homeoffice Freund. Wenn es anders geht, dan arbeite ich nicht zu Hause. Und wenns es nur eine kleine Klitsche ist, ich brauch die Trennung zwischen Arbeit und Privat, auch wenn ich mir leider manchmal Arbeit mit nach Hause nehme. Ich bin zu Hause einfach nur uneffektiv. Aber dafür is billig nich war.
So bleibt festzustellen, dass es jeder für sich selbst entscheiden muss, ob er in der Lage ist, im Homeoffice zu arbeiten. Oftmals stellt sich erst nach einer langen Zeit heraus, dass es nicht funktioniert – und dann können Sozialkontakte oder die Gesundheit schon lange den Bach herunter gegangen sein.
Der wichtigste Punkt für ein Homeoffice ist wohl, dass man es nutzen kann um ein Geschäft aufzubauen und dennoch dem Privatbereich nah ist. Wer sich als Dienstleister selbstständig macht, egal ob als Fliesenleger oder Maler wird oft bis in die Nacht arbeiten – um jeden Auftrag kämpfen – um in den ersten Jahren über die Runden zu kommen. Von Glück reden kann dann wohl der, der seine Arbeit nicht in der Ferne, sondern im Homeoffice erledigen kann.
Lediglich irgendwann den Absprung zu schaffen, die Arbeit aufzuteilen und das “Unternehmergehirn” ab spätestens 19 Uhr runterzufahren kann nach Jahren des Aufbauens schwer fallen.
Somit ist das Homeoffice Fluch und Segen zugleich. Was ist wichtiger – Geld oder Freizeit ? Stellen wir uns diese Frage nicht fast täglich…
Die Fragen “zuhause Arbeiten?” und “im Büro arbeiten?” sind so wie “Kombi fahren?” oder “Limousine fahren?”. Das eine ist nicht an sich besser als das andere, sondern ist von bestimmten Faktoren abhängig.
Obwohl… Ideal wäre wahrscheinlich ein Büro in der unmittelbaren Nähe des Wohnorts :)
[...] gehöre zu denjenigen, die auch von zu Hause arbeiten können. Nun stellt sich nicht nur mir die Frage nach Fluch oder Segen. Wie kann man sich das vorstellen, “Arbeiten von zu [...]
Jedem Jungunternehmer der kein Kapital hat wird es wohl so ergehen das er von zu Hause aus arbeiten muss.
Ich bin seit Anfang des Jahres selbstständig und arbeite von zu hause, nachdem ich 8 Jahre einen normalen Büro-Job hatte. Noch immer ist diese Umstellung eine Herrausforderung für mich. Die Vernunft sagt Sachen wie “Nur weil du 16 Stunden vor dem Rechner sitzt heißt das nicht, dass du auch 16 Stunden effektiv arbeitest” oder “Mach mal Pause” oder eben “Schalte das Telefon aus”. Aber wenn ein riesen Berg Arbeit wartet (und wann tut es das nicht?) muss mich mein Freund auch mal mit sanfter Gewalt vom Rechner wegzerren.
Mit der Zeit wird es besser und auch einfacher, aber ich arbeite immer noch an der perfekten Lösung – die finde ich erreicht, wenn “Business Judith” und “Privat Judith” beide ausgeglichen sind und ich nicht das Gefühl habe, eine der beiden zu vernachlässigen.
@Judith
kann mich da sehr gut reinversetzen. Hatte auch ein Unternehmen was ich aber aufgegeben habe.Es raubte mir einfach zuviel Zeit für Familie und andere lebenswichtige Sachen.
Man soll doch ,,leben”…