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Kids Usability: Websites kindergerecht gestalten

18. Mai 2009
von

Kinder nutzen das Internet anders als Erwachsene. Sie surfen aus einem anderen Grund, sehen eine Website anders an und bedienen sie anders. Wer die Kinder erreichen will, muss auf deren Bedürfnisse eingehen.

Zielgruppe Kinder: Wer ist das überhaupt?

Laut einer Studie der pädagogischen Hochschule Ludwigsburg hat bereits jedes zweite Kind zwischen fünf und sechs Jahren Umgang mit dem Computer. Unter den älteren Kids nutzen noch mehr Maus und Tastatur. Die Kinder lernen, spielen und surfen durch das Internet. Unternehmen, Verlage und TV-Sender adressieren diese Zielgruppe mit entsprechenden Produkten. Entweder haben die ohnehin bestehenden Seiten einen Kinderbereich eingerichtet oder die Seitenbetreiber haben sogar ein eigenes Kinderportal aufgebaut.


Der Kinderbereich der ARD.

Viele Kinderangebote im Internet vernachlässigen jedoch die speziellen Bedürfnisse dieser Zielgruppe. Abgesehen von den klassischen Problemen der Web-Usability stellen die jüngsten User weitere, besondere Ansprüche an eine Site. Schon im Jahr 2002 veröffentlichte der Usability-Profi Jakob Nielsen eine Studie mit 55 Kindern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren und bemängelte die Benutzerfreundlichkeit vieler Websites für Kinder. So stellte sich im Laufe der Studie heraus, dass manche usability-optimierten Sites für Erwachsene (Yahoo!, Amazon) besser von Kindern bedient werden können, als so manches Kinderangebot. Nielsen erklärte dies damit, dass für diese Sites zahlreiche Usability-Tests durchgeführt werden, wogegen dies bei Kinderseiten nicht der Fall ist. Julia Maly, Usability-Engineer bei User Interface Design, bestätigt dieses Ergebnis in einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2008.

Der Fehler liegt darin, Kinder nicht in die Gestaltung mit einzubeziehen. Das Webdesign wird oft anhand falscher Kenntnisse aus dem „Hörensagen“ erstellt. Im günstigsten Fall beobachtet der Webdesigner lediglich das Verhalten seiner eigenen Kinder.

Um ein kindgerechtes Webdesign zu erstellen, brauchen Seitenbetreiber jedoch fundiertes Wissen über die speziellen Ansprüche und Anforderungen dieser Zielgruppe.

Was macht den User „Kind“ aus?

Kinder gehen anders als erwachsene User an den PC heran. Sie wollen lernen und spielen, aber nicht damit arbeiten. Ihre Fertigkeiten schränken sie zudem erheblich ein. Vor allem die Jüngsten, also die Fünf- bis Sechsjährigen, haben noch nicht die motorische Geschicklichkeit eines Erwachsenen. Dies erschwert zum Beispiel die Doppelklickfunktion. Die Reaktionszeit ist bei Kindern oft drei Mal länger als bei Erwachsenen und die Aufmerksamkeitsspanne beträgt nur acht bis 15 Minuten. Die Kleinen haben auch Probleme links und rechts zu unterscheiden. Das macht es unmöglich, die linke und rechte Maustaste richtig einzusetzen. Solange Kinder noch nicht lesen und schreiben können, ist die Maus das wichtigste Eingabegerät. Mit der Tastatur fangen sie noch nichts an.

Wenn Kinder eine Homepage ansurfen, so sind sie leicht durch konfuse Websites zu verwirren. Sogar eine längere Seite hinunterzuscrollen, verursacht Schwierigkeiten. Im Gegensatz zu Erwachsenen haben sie diese Möglichkeit noch nicht verinnerlicht. Kinder sind keine „Meister der Technik“, auch wenn dieser Mythos oft verbreitet wird. Sie schaffen es nicht, Usability-Probleme zu lösen. Stattdessen klicken sie einfach auf eine andere Seite, mit der sie besser zurechtkommen.

Kinder können Inhalte noch nicht von Werbung unterscheiden. Sie halten Anzeigen für Content und klicken leichtgläubig darauf. Besonders gut funktionieren bunte Banner mit bekannten Gesichtern und Animationen. Die Studie von Jakob Nielsen zeigte beispielsweise, dass Kids sich von einem Pokemon-Banner oft verleiten ließen und auf Pokemon-Spiele, -Filme oder Ähnliches hofften. Während Erwachsene Werbung automatisiert ausblenden, müssen Kinder diese Fähigkeit erst erlernen. Andererseits fällt es den jungen Usern schwer, Links zu erkennen. Blau unterstrichene Wörter unterscheiden sich für sie nicht vom restlichen Text. Daher sind sie bereit, den gesamten Monitor mit der Maus, nach anklickbaren Objekten abzusuchen.


Kinder lassen sich leicht dazu verleiten auf bunte Anzeigen zu klicken und verlieren den Content aus den Augen.

Technisch sind Kinder in der Regel schlecht ausgestattet. Meistens „erben“ sie die gebrauchten Computer ihrer Eltern. Sie benutzen veraltete Modelle mit veralteten Software-Versionen. Kinder haben aber wenig Geduld im Umgang mit dem PC. Lange Ladezeiten, wie sie vor allem bei ihren älteren PCs auftreten, nehmen sie nur selten in Kauf. Sie klicken dann wahllos herum, um den Vorgang abzubrechen oder weil sie nicht merken, dass gerade ein Ladevorgang im Gange ist.

Usability-Regeln für Kinderseiten

Das Webdesign von Kinderseiten muss den Entwicklungsstufen der Kinder entsprechen. Da sich Kinder unterschiedlich schnell entwickeln und Entwicklungssprünge oft nur wenige Monate auseinander liegen, ist das besonders schwierig umzusetzen. Aber es ist notwendig, denn Kinder lehnen Angebote ab, die nicht ihren Fähigkeiten entsprechen. Sind sie unterfordert, ist die Site „Babykram“. Sind sie überfordert, kann das schnell frustrieren. Daher sind Kinder keine einheitliche Zielgruppe. Ein Angebot sollte sich stets an eine bestimmte Entwicklungsstufe und Altersgruppe richten.

Allgemeinen gilt, die Architektur muss besonders leicht aufgebaut sein und darf keinen Seitenumbruch haben. Kinder mögen bunte Sites mit vielen Animationen, die trotzdem keine langen Ladezeiten benötigen. Vor allem geographische 3D-Metaphern funktionieren gut. Da erübrigt sich auch die Frage, wie ein Link zu kennzeichnen ist. Will ein Kind in einen bestimmten Bereich, so „tritt“ es beispielsweise durch eine Tür. Was sich hinter einem so gekennzeichneten Link verbirgt, muss mit leicht verständlichen Symbolen dargestellt werden.

Eine Leitfigur, die den Kindern die Seite audiovisuell erklärt und sie während der gesamten Zeit begleitet, kann die Navigation erleichtern. Wenn die angesprochene Altersgruppe noch nicht perfekt lesen kann, ist es ratsam, auf lange Texte zu verzichten. Wenn Texte eingesetzt werden, so müssen diese stets an das Lese-Niveau angepasst sein.

Die Bedienung der Website sollte alleine mit der Maus möglich sein. Der Cursor muss dabei gut sichtbar gemacht werden. Können die Kinder Objekte auf der Seite bewegen, sollte der Webdesigner dies nicht mittels „drag and drop“ umsetzen. Kindern fehlt die nötige Feinmotorik und sie sind mit dieser Bedienung noch nicht vertraut. Stattdessen sollte das „point and click“-Verfahren genutzt werden. Dabei markieren die Nutzer ein Objekt mit einem Klick und verschieben es, indem sie an eine andere Stelle klicken.

Diese Richtlinien stur umzusetzen, garantiert jedoch noch keinen Erfolg. Denn, nur weil ein erwachsener Designer die verwendeten Icons, Symbole und Bilder richtig erkennt, heißt das noch nicht, dass dies auch Kinder tun werden. Bildsprache ist altersabhängig. Zum Beispiel verbindet ein Erwachsener mit dem Eiffelturm die Stadt Paris, ein Kind sieht jedoch nur irgendeinen Turm. Solche Interpretationsunterschiede können zu Verständnisschwierigkeiten führen, die man nur durch Usability-Tests mit Kindern im richtigen Alter aufdeckt. ™

Manuel Diwosch ist seit 2000 im Medienbereich tätig. 2008 schrieb er erstmals für Dr. Web und startete eigene, professionelle Webprojekte. Er verbindet technisches Know-How mit dem Fachwissen der journalistischen Kommunikation. Als Dienstleister entwirft er Online-Marketing-Strategien für Unternehmen und setzt diese um.

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