Die Empfehlung ist ebenso beliebt wie billig. Zielgruppengerecht soll im Web getextet werden. Also muss man sich auch dem Kenntnisstand der Leser anpassen. Der kleinste gemeinsame Nenner sagt: “Bloß keinen Fachjargon, keinen Fachausdruck, kein Fremdwort, Kürzel oder Anglizismus verwenden”. Geht das? Natürlich nicht. Aber was geht dann?
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Unscharfes Publikum
Die Entscheidung für oder gegen die Verwendung eines Fachausdrucks muss laufend neu gefällt werden; ebenso muss die Strategie auf die jeweilige Situation passen. Ideale Lösungen gibt es dabei ebenso wenig wie sichere Standardrezepte. Der ideale Text wäre auf jeden Leser einzeln angepasst. Zwar geht das nicht, aber das wichtigste Kriterium haben wir identifiziert — die Zielgruppe.
Wen man ansprechen will, weiß man in der Regel recht genau. Unklar ist dagegen, wen man tatsächlich erreicht. Untersuchungen liefern bestenfalls ein unscharfes Bild der Besucher. Dieses Bild kann mitunter sehr wertvoll sein, wirklich weiter helfen aber konkrete Personen.
Besser als Akademiker beider Geschlechter zwischen 30 und 40 Jahren kann man sich den Freund vom Verein vorstellen, der einen Magistertitel besitzt. Konkrete Beispiele führen zu verengten Bildern der Zielgruppe, aber immerhin zu konkreten. Und es ist wichtig, sich konkret überlegen zu können, ob ein betreffender Ausdruck der Beispielperson einleuchtet, oder nicht.
Muss das sein?
Bevor geändert wird, müssen die kritischen Begriffe erst einmal genauer ausgeleuchtet werden. Oft geht das schnell, manchmal verstecken sich in den folgenden Fragen aber Fallen.
Ist der Begriff nötig? Wer einmal im Thema ist, erzählt gern mehr als nötig wäre. Auf den Punkt zu kommen, ist gerade im Netz eine hohe Tugend. Ein Text sollte gut gekürzt werden, bevor man an der Übersetzung von Ausdrücken feilt, die gar nicht hätten auftauchen müssen.
Ist er richtig verwendet? Fachausdrücke werden gern dazu benutzt, Ungefähres zu sagen. Wer über Gentrifizierung oder Web 2.0 schwadroniert, weiß manchmal selbst nicht genau, was er sagen will. Fachsprache ist nur dazu da, Dinge zu sagen, die man nicht besser allgemeinsprachlich ausdrücken kann.
Wem ist die Bedeutung klar? Hier werden die Beispielpersonen wichtig. Manchmal ist es nicht leicht, zu beurteilen, wer was weiß — gerade bei Netzthemen. Der Link ist inzwischen Allgemeingut (war es aber vor einigen Jahren noch nicht). Das Blog ist für viele noch eine Herausforderung, der Newsfeed Expertenwissen.
Drei Vorschläge
Grundsätzlich kann man fast alles erklären. Aber zuviel Erklärung macht den Text lang, führt zuviel Neues ein und unterfordert den Kenntnisstand derjenigen Leser, die alles schon vorher wussten. Brav zu erläutern, was sich hinter einem schwierigen Wort verbirgt, ist nur eine Strategie — und oft nicht die beste. Viele Mittel stehen zur Wahl, wir fassen sie hier grob in drei Kategorien.
- Vermeidung: Ist das Wort schwierig, seine Bedeutung im Text nicht zentral, ist die Lage klar. Einfach weglassen.
- Umschreibung: Für viele sperrige Wörter gibt es allgemein verständliche Alternativen. Die müssen nicht genau dasselbe heißen, nur im jeweiligen Kontext dasselbe vermitteln.
- Übersetzen: Manchmal ist es wirklich am sinnvollsten, ein Wort einmal erklärend einzuführen und ab dann als bekannt vorauszusetzen. Webseiten, die so etwas häufiger machen, haben am besten ein Glossar.
Die Praxis ist bunt
Möglichst einfach zu schreiben, ohne die Intelligenz des Lesers zu beleidigen, ist schwierig. Texte, die keiner versteht, kann jeder schreiben. Versuchen wir uns an ein paar Beispielen aus dem Bereich Webdesign, wie man schwierige Wörter in der Praxis entschärfen könnte.
CMS: Die Abkürzung aufzulösen, hilft nicht viel weiter. Stehen CMS wirklich im Zentrum des Interesses, dann müssen sie genau erklärt werden. Das füllt allein schon einen längeren Text. Setzt ein Designstudio auf CMS, um dem Kunden einfache Bearbeitungsmöglichkeiten zu geben, schreibt man das auch: „Webseiten, die Sie selber ganz einfach pflegen können“. Sehr oft gehört das Kürzel schlicht weggelassen.
PHP ist eigentlich unproblematisch. Denn so ein Fachausdruck gehört nur in Fachtexte, da wird er dann selbstverständlich verstanden. Woanders wird er hoffentlich gemieden.
Usability: Der Begriff ist für Webdesigner wichtig, um Kunden Design-Entscheidungen verständlich zu machen, oder die Notwendigkeit von Tests und Standards zu erklären. Also taucht er häufig auf und wird von Lesern nicht verstanden. Vermeiden kann man ihn oft nicht. Zuerst hilft übersetzen, (gute) Nutzbarkeit und Nutzerfreundlichkeit versteht man eher. Dann hilft oft nur der Hinweis weiter, dass dieser Bereich ein fester Bestandteil professionellen Designs ist und konkrete Auswirkungen auf den Erfolg einer Seite hat. Ins Detail zu gehen (Testverfahren, Erwartungskonformität) schadet oft eher, als es nützt.
Blog kann man auf Verdacht verwenden. Treibt sich das Publikum nicht selbstverständlich im Netz herum, übersetzt man den Begriff eher als „Web-Tagebuch“, oder „private Nachrichtenseite“.
Open Source gehört zur langen Reihe der Begriffe, für die sich Webdesigner begeistern, die Kunden aber kaum verstehen. Situationsabhängig helfen Umschreibungen weiter. Manchmal ist in einem Text der Hinweis wichtig, dass es eine internationale Szene gibt, die über das Netz Software zusammen entwickelt. Manchmal reicht „Gratis-Software“ völlig aus.
Die wichtigste Regel
Ein Text kann nicht von allen verstanden werden. Verständlich zu sein, ist eine der wichtigsten Regeln für jeden, der schreibt. Noch wichtiger ist aber, interessant zu sein. Gerade online wird man für Langeweile schnell und hart bestraft, deswegen muss immer eine Balance angestrebt werden. Wer brav alles ausführlich erklärt, der liefert Infos, die viele Leser nicht haben wollen. Gute Texte entstehen nur durch ständiges Abwägen. ™
Weitere Artikel der Reihe:
Jan Bojaryn
Sprachwissenschaftler, freier Autor und Texter. Befasst sich seit sieben Jahren professionell mit Sprache, Webdesign, Usability und Kommunikation im Netz. Schreibt Artikel und Ratgebertexte zu verschiedenen Themen. Liebt guten Text, nutzerfreundliches Design und Currywurst.




Haha, lustig, gerade gestern musste ich mich in ein Fachthema einarbeiten und bin im Netz über den Fachjargon verzweifelt. Da dachte ich mir, wie hübsch wäre ein Browsertool, das automatisch alle Fachbegriffe und Abkürzungen ins Allgemeinverständliche übersetzt, also einfach ein Mega-Lexikon im Hintergrund läuft. Vielleicht wäre das ja mal ein sinnvolles Online-Projekt für Verlage …
“Open Source” einfach verständlich zu übersetzen ist natürlich schwierig. Die Übersetzung “Gratis-Software” ist aber nicht korrekt. Freeware ist gratis. (Freie) OpenSource-Software muss nicht zwingend gratis sein (z.B. kann Installation/Wartung/Erweiterung Geld kosten, dann mit “gratis” zu werben ist IMHO nicht gut) und zweitens ist das Wesensmerkmal von freier OpenSource-Software nicht die oft kostengünstige Verfügbarkeit (was wie gesagt nicht immer gegeben ist), sondern die Freiheit, den Quellcode einsehen und ändern zu können, falls nötig.
Besser fände ich, einfach zwischen der Software an sich und der Dienstleistung rund um die Software zu unterscheiden. Z.B. “Sie verfügen frei über die Software, Dienstleistungen zu dieser Software, also Installation, Wartung, Änderung, sind kostenpflichtig”. Natürlich in “schön” formuliert. Ich bin kein Werbetexter. So trifft die Übersetzung IMHO besser.
Open Source mit Gratis-Software zu übersetzen? Ist doch ein Witz oder?
Gruß
Wishu
Warum möchtest Du die aufgeführten “Wörter in der Praxis entschärfen”? Diese tauchen fast ausschließlich auf Fachseiten z.B. Computermagazinen, Foren, Blogs oder auch Agenturportfolios auf, weshalb eine Entschärfung nicht notwendig ist. Eine Umschreibung von CMS, Usability oder PHP würde auf der Website einer Webagentur wohl eher für Erheiterung sorgen. Klar, darf man gerne in einem zugehörigen Artikel auch eine Beschreibung oder deutsche Entsprechung ergänzen. In der Navigation solcher Sites kann und sollte man allerdings ohne weiteres den Fachausdruck verwenden.
Ich bin durchaus ein Freund der deutschen Sprache aber meinst Du wirklich, dass “private Nachrichtenseite” ein Zurechtfinden im Netz unterstützt? Es gibt Begriffe, für die die Notwendigkeit besteht, dass man sie lernen muss. Daran führt in vielen Fällen auch für Laien kein Weg vorbei.
Gut. Wenn man der Oma erklären möchte, was man als Blogger im Web so treibt, dann ist diese Umschreibung sicherlich sehr hilfreich aber gleichzeitig sollte man ihr auch den “üblichen Ausdruck” dafür nennen, denn nur so wird sie sich im Netz zurechtfinden bzw. kann in der Rommérunde erzählen, was ihr Enkel so treibt.
Unterschreiben kann ich allerdings die Aussage, dass man bei Formulierungen, Begriffen und Navigationspunkten immer die Zielgruppe(n) im Hinterkopf haben sollte. Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass man in einem Magazin für Senioren vermeiden sollte Begriffe wie “Blog”, “Community” oder “Newsletter” zu verwenden. Nicht nur die Generation ab 60 käme sich vermutlich reichlich veräppelt vor, müsste sie “Webtagebuch”, “Gemeinde” und “Mitteilungsblatt” anklicken ;-)
Ansonsten finde ich es immer gut und richtig, wenn sich Webdesigner nicht nur mit der Form, sondern auch deren Inhalt beschäftigen. Insofern ist eine Auseinandersetzung zum Thema “Begrifflichkeiten” sehr hilfreich, weil es die Nutzbarkeit einer Website in der Regel nur verbessern kann.
Das Ganze muss man einfach intergalaktisch sehen… (Das Wort “intergalaktisch gibt es nicht und es macht auch keinen Sinn ;-) ).
Es kommt natürlich immer auf die Zielgruppe an und mit welchem Tool und zu welchem Zweck man Texte verfasst.
Ich glaube, selbst Albert Einstein wäre nicht beleidigt, wenn man in einer Website Fremdwörter für den absolut Unbedarften mit Kenntnisstand Null verständlich erklärt, nachdem der Fachbegriff benannt wurde.
Wer sich darüber ärgert, der verhält sich allgemein gesehen eher intolerant gegenüber interessierten Newbies.
Man sollte also gerade in Websites immer so formulieren, dass es auch der Unbedarfteste versteht. Ganz nach dem Motto “Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied”.
Möglichkeiten gibt es dazu genug wie z.B. Glossare und Titletags, Acronyme usw..
Wenn ich mich für etwas interessiere und in gefunden Websites oder Foren nur mit Fachausdrücken erschlagen werde, dann ärgere ich mich darüber.
Und gerade in auszusendenden Werbetexten sollte man mit Fachausdrücken sehr vorsichtig sein.
Nichts kann fatalere Folgen bei Werbung haben, als alles als selbstverständlich voraus zu setzen.
Aber trotz allem sollten notwendige Fachausdrücke in Texten auftauchen, wenn man sie nach der Benennung kurz, knackig und sogar für die “Oma” verständlich erklärt.
So wie beim Webdesign, die nicht für Browser und Monitore, sondern für die Benutzer optmiert werden sollten, dürfen Werbetexte auch nicht nur für Profis und Kenner verfasst werden.
@Achim Schaffrinna: Nun es geht ja gerade darum, zielgruppengerecht zu schreiben. Das ist natürlich immer eine Gratwanderung und “auf jeden Fall 100%ig richtig” kann man es IMHO gar nicht machen, weil sich irgendjemand immer an etwas stört.
So hatte ich den Text verstanden. Ich würde mal sagen, dass wenn das Thema wieder etwas mehr “in den Köpfen” drin ist, auch schon einiges erreicht ist.
@Achim Schaffrinna
Ich sehe das keineswegs so, dass vernünftige Umschreibungen oder gekonnte Übersetzungen von Fachbegriffen für Erheiterung sorgen. In deiner Aussage liegt immanent eine gewisse Selbstverständlichkeit in der unreflektierten Übernahme fremdsprachiger Begriffe. Das ist der falsche Ansatz und genau das wird auch vollkommen zurecht im Artikel kritisiert. Warum soll ich ein CMS nicht Redaktionssystem nennen? Warum eine Community nicht Gemeinschaft oder wegen mir auch Internetgemeinschaft? Ich sehe bei vielen dieser Begriffe schlichtweg keine Notwendigkeit, sie in englisch anzuwenden und viele damit von einer bestmöglichen Verständlichkeit auszuschließen. Think global, act local – wie es ein Brite mal treffend formulierte.
Auch die Zielgruppe der Agentur – und gerade die der Agentur(!) – freut sich, wenn man in einer für sie verständlichen Sprache spricht und erkannt werden kann, was man eigentlich kauft. Es sollte für die Agentur nämlich im Vordergrund stehen, ihre Leistung ansprechend zu verkaufen und nicht Alltäglichkeiten hinter gewaltig klingenden fremdsprachigen Worthülsen zu verstecken, in der stillen Hoffnung, die meisten werden es eh nicht verstehen. Denn gerade im IT-Bereich wird genau hiermit manchmal, auch für den Experten, unerträgliches Schindluder getrieben.
Deine Beispiele für deutsche Übersetzungen hören sich in der Tat nicht gut an. Das liegt aber an der von dir gewählten Übersetzung, nicht an der Sache an sich. Viel zu oft machen wir es uns nämlich zu leicht und übersetzen überhaupt nicht oder eben 1:1, was dann häufig in die Hose gehen wird. Aber auch passende Übersetzungen und/oder Umschreibungen zu finden ist eine Form von Kreativität, unsere Sprache ist so reichhaltig, dass das ohne weiteres gelingen sollte. Die Zielgruppe – egal welche – wird es definitiv danken.
OpenSource wird übersetzt mit quelloffene Software meines Wissens nach. Weiß jetzt nur nicht wie man das schreiben soll.