Hirnforschung 2.0 – Think Different geht gar nicht

Werbung

“Sie befinden sich in einem Raum mit zehn weiteren Personen. Diese Personen scheinen sich zu einem Thema völlig einig zu sein, aber Sie sind genau entgegengesetzter Meinung. Sagen Sie etwas? Oder schließen Sie sich der Mehrheit an?” So beginnt der Bericht über eine neue Studie des Wissenschaftsjournals Neuron auf CNN. Think Different ist statistisch nicht existent, lautet eine mittlerweile empirisch abgesicherte Feststellung zum Zustand des menschlichen Geistes. Glauben Sie nicht? Stellen Sie sich einfach vor, ich wäre zehn Leute…

Neuronale Errorcodes

Im Grunde ist die Erkenntnis, dass Menschen einen ausgeprägten Herden-Trieb haben, nicht wirklich neu. Bereits seit Jahrzehnten zeigen wissenschaftliche Versuche kontinuierlich, dass wir zur Konformität mit der Masse neigen. Neu ist aber, und das ist Gegenstand der aktuellen Studie des Neuron-Journals, dass diese Erscheinung dermaßen verlässlich ist, dass man sie sogar visualisieren kann. Moderne bildgebende Verfahren zeigen sichtbare Fehlersignale im Hirn. Diese treten offenbar stets dann auf, wenn man in einer Gruppensituation erkennt, dass man nicht der Mehrheitsmeinung ist.

Das Belohnungszentrum im Hirn fährt seine Aktivität nach unten, was dazu führt, dass man sich als “zu anders” empfindet. Laut Studienleiter Klucharev interpretiert das Hirn eine Abweichung von der Mehrheitsmeinung als Bestrafung. Diese Effekte treten übrigens auch dann auf, wenn die Mehrheitsmeinung objektiv falsch ist. Die Forscher-Erklärung ist Menschheitsgeschichte. Als unsere Vorfahren noch wilde Tiere jagen mussten, war es einfach sicherer, sich in einer Gruppe zu bewegen. Außenseiter wurden gern gefressen. Sowas sitzt natürlich tief…

Gruppendruck

Die Web-2.0-Rotten

Was bedeutet eine solche Erkenntnis nun beispielsweise für das Web 2.0? Auffällig ist doch, dass sich im so genannten Social Web alles um das Thema Kontakte dreht. Wer hat die meisten Follower auf Twitter? Wer hat die meisten Freunde auf WKW, Stayfriends, StudiVZ, SchülerVZ, Facebook, MySpace und was weiß ich noch wo alles. Manch einer sagt, hier geht es um Relevanz, viele sprechen von Beliebtheit. Manch einer sieht viele Kontakte nüchterner als seine Geschäftsgrundlage, obwohl ich niemanden kenne, der per Social Web zu Aufträgen kommt, es sei denn, er betreibt eins oder ist Berater für so Zeug. Alle Social Webber fingieren sich demnach schön klingende Erklärungen zusammen, während die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Danach geht es vielmehr um folgende Fragen:

Wer ist besonders gut in der Gruppe eingebettet? Wen erreichen die wilden Tiere außen rum am schlechtesten? Welche Rotte bietet den besten Schutz?

Auf dieser Ebene kann ich das Engagement der Vielen sogar nachvollziehen, wo ich doch ansonsten ein erklärter Kritiker der ganzen Web 2.0 FehlEntwicklungen, allen voran Twitter, bin. Lange habe ich mich auch gefragt, warum in Web-2.0-Diskussionen häufig niemand wirklich an Argumenten interessiert ist.

Dank Klucharev weiß ich heute warum. Aber ich bin nicht froh über diese Erkenntnis… ™

[via CNN | Fotoquelle: Mahidoodi auf Flickr unter CC-BY-Lizenz]

Weitere Beiträge:

Über Dieter Petereit

ist diplomierter Absolvent des Studienganges Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing, aber bereits seit 25 Jahren in der IT daheim. Seit der Jahrtausendwende ist er bei verschiedenen Unternehmensberatungen tätig gewesen und hat dort KMU in Fragen crossmedialer Marketingstrategien, sowie hinsichtlich konkreter IT-Projekte betreut. Technische Dokumentationen schreibt er seit Ende der Neunziger am Fließband, so dass der Betrieb verschiedener Blogprojekte seit 2005 nur konsequent ist.

,

12 Kommentare zu Hirnforschung 2.0 – Think Different geht gar nicht

  1. Florian Fiegel 23. Januar 2009 at 01:33 #

    Die Forschung mag damit zwar recht haben, aber davon zu sprechen, dass es generell ein Think Different nicht gibt, ist schlichtweg falsch. Die Schlussfolgerungen mögen zwar einen wahren Kern haben, lassen allerdings keine derartige Generalisierung zu.

    Der Punkt ist lediglich, dass diese Andersdenkenden in den Studien zuvor als von der Regel abweichend aussortiert werden. Nehmen wir Autisten. Deren Verstand funktioniert definitiv anders. Etwas das schwer greifbar ist und kaum zu erklären.
    Gleiches fällt auch bei anderen “Störungen” auf, alles was nicht innerhalb einer bestimmten Norm steht, wird unter diesem Wort oder anderen aussortiert.
    Gerade Autisten kann es extrem schwer fallen einen Positionswechsel zu begehen. Da es unter Umständen ihrer eigenen Weltsicht nach einfach nur falsch ist.
    In einer solchen Situation werden diese deshalb nicht an Hand der sozialen Komponente entscheiden. Diese ist für sie nämlich nicht zwingend relevant.

    Was natürlich das Element der Herde im Web 2.0 angeht, dürfte das Stimmen. Generalisieren darf man das natürlich auch nicht, damit würde man den wenigen Unrecht tun. Nur bevor es aufkommt: Ich verstehe es auch nicht als Generalisierung.

  2. Rahel 23. Januar 2009 at 08:53 #

    Ich denke, dass diese Studie nur auf das Körperlich sichtbare bezogen ist und der Mensch als eigenständiges Individuum mit all seinen guten und schlechten Eigenschaften nicht berücksichtigt wurde.

    Ich mein, wenn wir uns alle immer so gnadenlos anpassen würden, gäbe es z.B. keine Streitgespräche.

    An mir demonstriert: Ich bin oft anderer Meinung als andere. Wenn ich davon überzeugt bin, dass ich recht habe, bringt mich keine Mehrheit der Welt von meiner Position ab.
    Ich werde erst einsichtig, wenn ich einen Beweis habe.

    Dieses Verhalten ist nicht immer Löblich und für meine Umwelt nicht unbedingt immer angenehm aber für mich ist das Individualismus und der Gegenbeweis dieser Studie.
    Das Menschliche wurde einfach aussen vor gelassen.

  3. Stefan 23. Januar 2009 at 10:45 #

    Ich teile den entäuschten Unterton des Textes nicht. Das sich Menschen aneinander orientieren, kooperativ vorgehen und es ihnen ‘mental schmerzt’ von den anderen abzuweichen ist doch die Grundlage von allem.

    Das sich die Gesellschaft auf zb den Computer als moderne Kommunikationszentrale einspielt, wird doch auch positiv gesehen. Dass sich daraus die Konsequenz ableitet, dass alle social-media interessiert sind und viele Freunde haben wollen, weil es die mainstream-Haltung ist, ist doch (als unbedeutende Übertreibung) verkraftbar. Solange keiner darunter leidet.

    Das in Web 2.0 Talkrunden keiner an Argumenten interessiert ist, ist auch nicht weiter schlimm. Schliesslich gehts dabei nicht um Wissensproduktion und “Warhehits(an)erkennung” sondern um das übliche gesellige Gute-Laune-Gerede…

  4. Dieter Petereit 23. Januar 2009 at 12:51 #

    Ich räume ein, dass es immer Minderheiten gibt, die in solchen Studien die Ausnahmen sind, die die Regel erst zur Regel machen. Ich zB gehöre ja schließlich auch dazu ;-)

    Dennoch muss ich zugeben, dass mich die Studie in ihrer Langfassung mächtig deprimiert hat. Daher auch der “enttäuschte Unterton”. Es ist eben nicht schön, gezeigt zu bekommen, dass der Mensch nur die Masse seiner Zellen und den darin ablaufenden chemischen Reaktionen ist.

  5. ComSys 23. Januar 2009 at 18:02 #

    Das Ergebnis entspricht genau dem Trend der Zeit – Einklang.
    Am besten ist das in der Politik oder im Management von größeren Firmen zu erkennen, dass eine andere Meinung zwar vorhanden sein darf, aber der Ton der bestimmenden Meinung oder Meinungsrichtung angepasst wird.
    Ein sehr schönes Beispiel ist da ein gewisser Helmut Schmidt (Ex- Kanzler), der sogar noch heute offen gegen die vorherrschende Meinung angeht und selten zitiert wird!
    Dass es innerhalb gewisser Berufsgruppen mehr „Freidenker“ gibt als anderswo, sollte nicht verwundern.
    Aber auch da gibt es leider Gottes viele Gleichdenker, die immer das gleiche machen.
    Aus diesem Grund arbeite ich Autark

  6. Torsten 23. Januar 2009 at 22:20 #

    Das erste hat mit dem zweiten herzlich wenig zu tun. Und neu ist (so steht es ja auch im Artikel) nur die chemisch-biologische Komponente.

    Siehe das Experiment von Asch aus dem Jahre 1951:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Konformit%C3%A4tsexperiment_von_Asch

    Viel interessanter finde ich die Angewohnheit, dass Menschen immer Listen und Rankings machen. Follower, Kontake auf XING/StudiVZ/Stayfriends/etc. In diesem Zusammenhang ist mir die Frage eingefallen: Warum gibt es Virenlisten? Wenn ich einen Virus habe, dann suche ich nach diesem einen Virus. Wenn neue Viren eine Sicherheitslücke ausnutzen, interessiert mich die Lücke, nicht die Viren. Warum also verbreiten die Anti-Viren-Software-Hersteller ständig irgendwelche Listen mit den verbreitesten / gefährlichsten Viren aktuell? Das braucht kein Sicherheitsbeauftragter und kein Normalo-Anwender. Der einzige Effekt ist, dass die Viren-Programmierer jetzt sagen können: “Geil ich bin auf Platz 1.” oder “Mist, nur Platz 2, ich muss noch mehr machen!” – Und das will kein Anwender. Höchstens die Anti-Viren-Software-Hersteller. Und da hatte ich mir die Frage selbst beantwortet. ;-)

  7. Raphael Raue 23. Januar 2009 at 23:22 #

    Ach Dieter, folge doch nicht in Fragen, von denen du keine Ahnung hast,
    einfach der Herde, vor allem, wenn du mit gesundem Menschenverstand, den du
    mir zweifelsohne oft genug bewiesen hast, auf die Buzzhaftigkeit gerade
    dieser “wissenschaftlichen” Forschung hereinfällst, weil es gerade eben hipp
    ist, mit dem Gehirn alles erklären zu wollen.

    Ich will jetzt nicht auf den Buzzcharakter eingehen, der solchen Studien
    anhängen muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden, sondern lieber fragen,
    was denn solche bildgebenden Verfahren objektiv zu leisten im Stande sind.
    Du sprichst hier von “Errorcodes” und die Zusammenfassung der Studie tut
    dies auch. Allerdings mit einem kleinen aber feinen Zusatz: “neuroscientific
    models”. Damit ist die Studie wenigstens ehrlich, was vielen Studien dieser
    Art nicht zu eigen ist. Einem neurowissenschaftlichen Modell entsprechen
    also die Errorcodes. Diese Modelle haben meist Schwierigkeiten selbst nur
    als Hypothesen anerkannt zu werden.

    Warum aber? Weil das bildgebende Verfahren des fMRI (functional magnetic
    resonance imaging) lediglich eine Auflösung erlaubt, die gerade mal einen
    Bereich von einem Voxel a ca. 55 mm³ messen können. Wenn man weiß, dass ein
    mm³ etwa 20.000 bis 30.000 Neuronen beinhaltet, dann kann man sich ausmalen,
    wie aussagekräftig dieser “Code” ist und wie viel Kreativität der
    Wissenschaftler dabei von Nöten ist, überhaupt irgendeine Aussage mehr zu
    tätigen, als dass da irgendetwas mehr Aktivität zeigt, als etwas anderes.

    Es mag unbestritten sein, dass in gewissen Gehirnregionen gewisse Funktionen
    verortet sind. Aber es ist ebenso unbestritten,d ass man bei einer solch
    groben Auflösung keine Aussage über die Art der Aktivität in den
    verschiedenen Regionen treffen kann. Denn Neuronen aktivieren sich nicht nur
    in Reihe, sondern verbrauchen auch Sauerstoff (beim fMRI wird der
    Sauerstoffverbrauch gemessen) wenn sie sich deaktivieren oder nur neu
    formieren, ohne die spezielle Art der Aktivierung als Bereichsaktivität zu
    zeigen.

    Die Fakten können in folgendem Artikel überprüft werden: http://www.scribd.com/doc/3634300/What-we-can-do-and-what-we-cannot-do-with-fMRI
    rel=”nofollow”>What we can do and what we can von Logothetis im nature.

    Was ich allerdings damit zeigen möchte, dass weder statistische noch
    irgendwelche neurowissenschaftliche “Erkenntnisse” den eigenen Denkprozess
    hemmen können. Nicht alles ist möglich, aber sich von so genannten
    “Forschern” einreden zu lassen, was man angeblich nicht kann, wäre
    vielleicht genau die Bestätigung der Hypothese, aber das zu prüfen ist
    objektiv nicht möglich.

    Sollte dieser Artikel allerdings nur einen Aufhänger gebraucht haben, würde
    ich der weiteren soziologischen Erklärungsweise zumindest soweit recht
    geben, dass dies sicher statistische Näherung nicht von der Hand zu weisen
    ist. Was sie interessantes an Erklärungspotential zu bieten hat, soll
    vielleicht ein anderes Mal diskutiert werden.

    Wenn dich die Hirnforschung und ihre Verbreitung interessiert, Dieter, dann
    kann ich dir nur “picturing personhood” von Josef Dumit empfehlen. Gibt’s
    bei Amazon, allerdings noch nicht auf Deutsch und lohnt sich zu lesen, neben
    dem oben verlinkten Artikel von Logothetis, weil beide sowohl die
    Möglichkeiten, als auch die Grenzen der Hirnforschung und ihrer bildgebenden
    Verfahren aufzeigen. Dumit geht dabei noch viel mehr auf den
    gesellschaftlichen Faktor solcher “Heilversprechen” der Neurowissenschaft
    ein, die Land auf, Land unter überall zu lesen sind, aber bis auf horrende
    viel Papier und Mundwerk noch nicht viel bewegt haben.

  8. hazett 23. März 2009 at 09:08 #

    Mich würde interessieren, wo man im Web die gesamte Studie finden kann!

Trackbacks

  1. Hirnforschung 2.0 - Think Different geht gar nicht | blogmanufaktur - 23. Januar 2009

    [...] „Sie befinden sich in einem Raum mit zehn weiteren Personen. Diese Personen scheinen sich zu einem Thema völlig einig zu sein, aber Sie sind genau entgegengesetzter Meinung. Sagen Sie etwas? Oder schließen Sie sich der Mehrheit an?“ So beginnt der Bericht über eine neue Studie des Wissenschaftsjournals Neuron auf CNN. Think Different ist statistisch nicht existent, lautet eine mittlerweile empirisch abgesicherte Feststellung zum Zustand des menschlichen Geistes. Glauben Sie nicht? [...]

  2. Im Fokus: Technologie-Abhängigkeit, Massenpsychologie und Web 2.0, Blog Indizierung, Twitter | Wuensch-Media - 23. Januar 2009

    [...] Hirnforschung 2.0 – Think Different geht gar nicht: Aus der Massenpsychologie ist es bekannt, der Einzelne folgt gerne der Masse. Dieter Petereit schlägt den Bogen zu Web 2.0 und Social Networks. Twitter Popularität steigt rasant: Der microblogging Dienst Twitter wächst und wächst! [...]

  3. Hirnforschung: Andersdenken wird abgestraft « Email Marketing Tipps - 27. Januar 2009

    [...] Dr. Web nach [...]

  4. LeserEins » Blog Archive » Andersdenken, Gedrucktes und Spam - 30. Januar 2009

    [...] Dr. Web erzählt von Hirnforschung 2.0 – Think Different geht gar nicht. Leider bringt er ein paar Dinge durcheinander, wenn er analysiert, dass der Herdentrieb die Kritik am Web 2.0 unterdrückt. Womit er recht hat ist die Fixierung auf die Quantität der Kontakte in einem Netzwerk und nicht auf die Qualität: d.h. auf die Anzahl Freunde in sozialen Netzwerken oder die Follower bei Twitter und nicht auf den Nutzen, den diese zahlenmäßige Aufmerksamkeit bringt. Obwohl diese Eigentümlichkeit nicht per se schlecht ist – ihre Interpretation schon. [...]

Hinterlasse eine Antwort

Bitte bei weiteren Kommentaren per Email benarichtigen! Auch möglich: Abo ohne Kommentar.

Spam protection by WP Captcha-Free