Flickr

Stewart Butterfield und Caterina Fake: Flickr

29. März 2006
von

Flickr gilt heute als eine der Vorzeige-Websites des Web 2.0, des sozialen Web. Der Online-Bilderdienst entstand eher zufällig, wie das Gründerpaar heute offen zugibt. Ein Interview mit Stewart Butterfield und Caterina Fake, den Gründern von Flickr.

Viele Experten waren überrascht, dass ausgerechnet eine Bildertauschbörse zum High Flyer der neu erstarkten Web Economy werden sollte. Aber spätestens nachdem Yahoo für den Bilderdienst Flickr für einen zweistelligen Millionenbetrag übernommen hat, schaut die Branche genau hin.

Was zeichnet Flickr als Symbolfigur für Web 2.0 aus?

  • Offene Schnittstellen: Tausende von Webdesignern und Programmieren nutzen Flickr-Bilder für eigene Anwendungen, etwa für virtuelle Reiseführer.
  • Flexibilität dank Tagging: Die statische Rubrik-Metapher hat als Navigationsstruktur ausgedient. An seine Stelle tritt das „Tag“, das Schlüsselwort. Durch die Freiheit dieses Systems entstehen Adhoc-Bildergemeinschaften, die aus verschiedenen Blickwinkeln zu einem Schlagwort gehören. Die Benutzer selbst definieren die Zugehörigkeit der Bilder zu einem Schlagwort oder neue Tags.
  • Schnelligkeit: Genau dieser Ansatz macht den Dienst extrem schnell und dabei bleibt er navigierbar. Das nutzen User gezielt zur Bebilderung aktueller Themen, etwa mit ironischen Karikaturen zu Werbekampagnen, oder um Privatbilder von Nachrichtenereignissen zu veröffentlichen.
  • Vernetzbarkeit: Tagging und die Umsetzung als RSS-Feeds erlauben jedem Benutzer, Flickr-Bilder in die eigene Seite einzubauen, zu abonnieren oder mit anderen RSS-Diensten zu kombinieren.

Eine nicht unwichtige Rolle dürfte auch spielen, dass der Dienst bislang keinerlei kommerzielles Interesse erkennen lässt. Aber das könnte sich ändern. Yahoo wird die Häufigkeiten der gesuchten Tags ohne Zweifel in irgendeiner Form zumindest statistisch nutzen. Früher oder später wird es verstärkt zu Flickr-Spam kommen, wenn Unternehmen gezielt Bilder dort veröffentlichen um Werbung zu machen.

Frank Puscher sprach für uns mit den Gründern.

Stewart Butterfield und Caterina FakeDr. Web: Erzählen Sie uns über die Entstehung von Flickr.

Caterina Fake: Flickr war ein eigentlich ein Unfall. Wir hatten gerade ein Online-Multiplayer-Game entwickelt, als sich dessen Spieler in der Member-Area selbständig machten. Sie kommunizierten immer mehr und spielten immer weniger. Irgendwann kam Stewart mit der Frage, ob man das Spiel nicht ganz weglassen sollte.

Dr. Web: Wie muss man sich die Erfindung von Flickr vorstellen? War es eher ein kollektiver Prozess oder einzelnes Genie?

Stewart Butterfield: Die ursprüngliche Idee war meine eigene. Aber das war nur ein winziger Baustein. Und in der Tat existiert diese Idee im heutigen Flickr gar nicht mehr. Unmittelbar nach der Idee begann der kollektive Prozess. Alle im Team diskutierten, stritten, johlten und lachten miteinander. Die Ursprungsidee hatte einen Anteil von vielleicht fünf Prozent am Ganzen.

Dr. Web: Gab es einen externen Impuls?

Butterfield: Ja, den gibt es eigentlich andauernd. Die meisten Dinge begegnen mir tagsüber und ich kann sie dann abends im Bett, kurz vor dem Einschlafen bündeln.

Fake: Wir sind beide Online-Junkies. Die Idee, etwas im Bereich Kommunikation zu machen, lag daher nahe.

Dr. Web: Das sieht man: Sie betreiben drei Blogs simultan.

Fake: Nicht mehr, jetzt sind es noch zwei. Das Netz treibt mich. Manchmal habe ich Schlafstörungen. Dann setze ich mich an den Rechner und arbeite an Dingen, die ich tagsüber nicht geschafft habe. Das ist auch kein Problem, so lange man am nächsten Tag nicht im Team funktionieren muss.

Dr. Web: Gibt es in Ihrem Alltag Routinen, mit denen Sie versuchen, kreativ zu sein und neue Ideen zu entwickeln?

Butterfield: Ne. Das ist bei mir jeden Tag anders.

Fake: Die einzige Routine bei mir sind die morgendlichen Corn Flakes.

Dr. Web: War es schwierig, Ihr Team von Flickr zu überzeugen?

Butterfield: Wir teilten uns etwa zur Hälfte in Befürworter und Gegner. Da ging es am Anfang sehr hitzig zu. Nach ein paar Diskussionen konnte ich aber auch die Kritiker für meine Idee begeistern.

Dr. Web: Was ist das Charakteristische an der Website Flickr?

Fake: Das es gar keine Website ist. Flickr ist Peer-to-peer. Wir bieten nur eine Zugangsplattform an. Alles andere machen die Benutzer unter sich aus. Jeden Tag entstehen neue, spannende oder lustige Anwendungen auf der Grundlage der offenen API. Der Flickr-Feed in meiner Site unterscheidet sich komplett von dem, was andere machen. Jeder macht sich sein eigenes Flickr.

Dr. Web: Wie fühlte es sich an, als Yahoo Flickr übernahm? Überwog die Genugtuung, oder bedauerten Sie, die Kontrolle über das Projekt zu verlieren?

Butterfield: Auf jeden Fall tiefe Genugtuung. Heute macht das Arbeiten an Flickr nicht mehr so viel Spaß wie früher, weil uns die Menge an Usern viele technische und auch inhaltliche Probleme bereitet.

Fake: Aber immerhin haben Sie uns nicht dazu gezwungen, Anzug und Kostümchen zu tragen.

Die vielen Flüge zu Präsentationen und Vorträgen haben auch einen großen Vorteil: Ich kann endlich wieder mehr lesen.

Dr. Web: Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten, was würden Sie anders machen?

Butterfield: Alles. Aber Trial and Error war ja Teil unserer Strategie. Und außerdem wollten wir so schnell sein, wie möglich. Wir haben am Anfang alles falsch gemacht und machen vermutlich auch heute noch vieles falsch. Aber das ist OK. Wir versuchen, etwas Großes auf die Beine zu stellen und da muss man halt viel experimentieren.

Dr. Web: Frau Fake, Herr Butterfield, vielen Dank für dieses Gespräch. ™

Erstveröffentlichung 29.03.2006

Frank Puscher

Autor der Fachbücher "Leitfaden Web-Usability", "Flash MX-Das Kochbuch" und "Die Tricks der Internet Künstler". Frank Puscher ist nicht nur ein angesehener Autor, der für zahlreiche Fachzeitschriften tätig ist, er ist auch als Schulungsleiter und Berater erfolgreich.

Ein Kommentar? Schön!

Wir freuen uns immer über Leser, die durch nützliche und konstruktive Beiträge zum Thema eine Diskussion anstoßen oder den Artikel mit weiteren Informationen anreichern. Alle Kommentare werden in diesem Sinne moderiert. Zum Kommentar-Fairplay gehört für uns auch der Einsatz von rel="nofollow". Bitte verwenden Sie zudem als Namen weder eine Domain noch ein spamverdächtiges Wort. Vielen Dank!