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Falschmeldung mit hoher Reichweite: Google kauft Wi-Fi-Unternehmen ICOA für 400 Millionen Dollar

27. November 2012
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Ich hielt es nicht für eine Knüller-News, was aber nicht unmaßgeblich an der thematischen Ausrichtung unseres Magazins liegt. Andere sahen es anders. Danach sollte Google für 400 Millionen Dollar den Wi-Fi-Dienstleister ICOA übernommen haben. ICOA bietet WLAN-Zugänge in Ballungszentren an und ist in bereits mehr als 40 Bundesstaaten der USA aktiv. Die Wahrscheinlichkeit der Akquisition ist nicht von der Hand zu weisen, immerhin hatte Google bereits selbst versucht, nennenswerte WLAN-Reichweiten aufzubauen. Dennoch, der Preis…


Pressemitteilung, ersonnen an einem karibischen Strand? Tequila-Mayhem?

Lehrstück für Tech-Journalisten: Nochmal hinschauen, bevor man “Publish” klickt

Es muss mal langsam Schluss sein. Es muss Schluss sein mit dem ständigen “Schneller, höher, weiter”. Die Meldung muss möglichst vor allen anderen raus. Recherchieren? Die Zeit ist zu knapp. Was, wenn der Wettbewerb die Meldung vor uns draußen hat? Was dabei heraus kommen kann, zeigt der Fall ICOA. Und wer weiß, welche anderen, unerkannten Kollateralschäden es bislang schon gab.

Im Fall ICOA hätte ein Mindestmaß an finanzwirtschaftlicher Recherche schon gereicht. Schnell wäre klar gewesen, dass bei einer Marktkapitalisierung von unter einer Million USD niemals ein Kaufpreis von 400 Millionen Dollar zu plausibilisieren sein kann. Weitere formale Indizien hätten schnell zusätzliche Zweifel an der Pressemitteilung zur vermeintlichen Übernahme wecken müssen, wie AllThingsD zu Recht bemerkt. So etwa die Abwesenheit von Kontaktdaten für gezielte Presse-Nachfragen oder Zitate von Spitzenpersonal aus beiden Häusern, das übliche “Wir freuen uns, mit XYZ eines der besten Teams zum Thema XYZ…”

Die falsche Pressemitteilung, eingereicht über einen kostenlosen Presseservice namens PRWeb, hatte vermutlich zum Ziel, den Wert der ICOA-Aktie, der bei einem Bruchteil eines Pennies vor sich hindümpelt, kurzfristig zu erhöhen. Das gelang sogar. Der Wert vermehrfachte sich. Allerdings hätte es einer Transaktion nicht unauffälliger Größenordnung bedurft, um aus diesem Vorgang nennenswerten Profit zu schlagen. Die Spur des Geldes hätte wohl schnell zu Verdächtigen geführt. Nach den bisherigen Erkenntnissen ist so ein Versuch aber unterblieben.

War es am Ende nur ein großer Spaß, der hier – nach bisherigen Erkenntnissen – von der schönen Insel Aruna aus abgesetzt wurde? Oder unterschätzte der potenzielle Spaßvogel lediglich die Geschwindigkeit der modernen Kommunikationswege, hatte etwa gehofft, in relativer Ruhe ein Stück vom Kuchen schneiden zu können? Fraglich, ob sich diese Frage je klären wird.

Derzeit ist die Pressemitteilung noch immer online, was ebenfalls erstaunlich ist, hatten doch die Betreiber von PRWeb ICOA nach deren eigenen Aussagen eine schnelle Löschung versprochen. Folgend ein Screenshot, da der Link sicherlich in absehbarer Zeit ins Leere laufen wird:


Auch am Tag nach dem Vorgang noch online…

Wer in seinem Leben mehr als eine Pressemitteilung gelesen hat, erkennt hier sofort das Niveau eines Praktikantenentwurfs vor der ersten Korrektur. Dieser Umstand nimmt nach meinem Dafürhalten ICOA selbst aus der Schusslinie. Verdächtig sind sie natürlich schon deshalb, weil sie durch den Anstieg der Aktie an Marktwert gewonnen haben, wenn auch zunächst nur kurzfristig. Auch wenn ich die Führungsriege ICOAs nicht kenne, eine höhere Professionalität in der Formulierung von Pressemitteilungen spreche ich ihnen unbesehen zu…

Links zum Beitrag:

  • Die falsche Pressemitteilung im Wortlaut – PRWeb
  • Google Acquires U.S. National High-Traffic Broadband Wi-Fi Provider ICOA Inc. For $400M – TechCrunch (mit nachgeschobenem Update)
  • So Where Did That Fake Google Acquisition Press Release Come From? Aruba? – AllThingsD

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit fast 30 Jahren in der IT daheim. Seit 2008 schreibt er für Dr. Web, seit 2012 ist er Chefredakteur des Magazins. Man findet ihn auch auf Twitter und Facebook, aktiver ist er allerdings auf Google+.

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