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Des Google Readers neue Kleider

27. Januar 2009
von

Im Dezember letzten Jahres beglückte Google seine Reader-Nutzer mit einem verhältnismäßig deutlichen Designwechsel. Seither langweilt die Reader-Optik nicht mehr in rund, sondern in quadratisch. So ist es kein Wunder, dass es eine Vielzahl Drittanbieter gibt, die eine eben solche Vielzahl an Design-Alternativen für den populären RSS-Reader entworfen haben. Manch einer beschränkt sich nicht auf die optische, sondern bietet auch noch eine mehr oder weniger deutliche funktionale Aufwertung.

Google Reader Jailbreak

Square is the new round verkündete das Google Reader-Entwicklerteam am 4. Dezember 2008 unvermittelt. Das Readerinterface präsentierte sich mit deutlich mehr Whitespace als zuvor und auch Kritiker konnten nicht umhin, eine gesteigerte Übersichtlichkeit zu konstatieren. Die neue Möglichkeit, nahezu alle Seitenbereiche einklappen zu können und so aus dem Sichtbereich zu nehmen, trug wesentlich zu einem besseren Nutzererlebnis bei. Was allerdings die ebenfalls neu eingeführte Funktion, die Anzeige der Anzahl der ungelesenen Feeds unterdrücken zu können sollte, erschließt sich mir bis heute nicht.

greader-nativ.png

Insgesamt konnte Google mit dem neuen Release den Reader so zwar verbessern. Leider reichte die Innovationskraft nicht weit genug, als dass man sich auch noch von der mittlerweile mehr als sattsam bekannten Bonbon-Farbgebung hätte verabschieden können. Dabei hat Google inzwischen offenbar selber eingesehen, dass Pastell nicht jedermanns Sache ist. iGoogle ist seit langem anpassbar und auch für Gmail gibt es mittlerweile, allerdings wenig innovative Themes, die einen nach Gusto jedenfalls kräftige Farbgebungen wählen lassen.

Will man sich also nicht mit dem klassischen Reader Look & Feel zufrieden geben, muss man den Blick ins wilde Web schweifen lassen. Damit Sie nicht so lange suchen müssen, habe ich Ihnen die besten Themes zusammen gestellt. Dabei habe ich auf die vielen hemdsärmeligen Implementationen verzichtet und hoffe so das Motto “Klasse statt Masse” repräsentieren zu können. Folgend finden Sie also nicht “3.000+ GReader Themes You Would Like To Need If You Could” als Linkliste, sondern eine kommentierte und bewertete Übersicht einiger weniger, ganz weniger, dafür aber wirklich betrachtenswerter Designalternativen.

Feedly – Google Reader neu erfunden

Beginnen will ich mit einem Theme, das eigentlich gar kein Theme ist, sondern eine Reinkarnation des RSS-Feedreaderkonzepts in der Form eines Firefox-Plugins. Die Rede ist von Feedly, dem wirklich engagiert fortentwickelten Produkt des Startup-Unternehmers Edwin Khodabakchian.

Feedly habe ich vor einem Jahr schon einmal über eine Strecke von einigen Wochen getestet, dann jedoch aufgegeben. Es passte nicht zu meinen Vorstellungen von RSS-Nutzung. Insbesondere die fehlende Möglichkeit, einzelne Feeds gezielt lesen/scannen zu können, mithin verpflichtet zu sein, den gesamten abonnierten Content chronologisch lesen zu müssen, war für mich völlig inakzeptabel. Khodabakchian kündigte damals in einem Kommentar an, diese Kritik, die wohl mehrstimmig ertönt war, aufnehmen und konzeptionell verarbeiten zu wollen.

feedly-startpage.png

Als ich heute die aktuelle Version installierte, stellte ich fest, dass er Wort gehalten hat. Auch die Einzelfeed-bezogene Betrachtung ist jetzt implementiert. Überhaupt ist Feedly ein sehr innovatives Produkt geworden. Nicht nur sieht es sehr schick aus, wie es das im Grunde immer schon tat, aber noch imposanter, wie ein Hochglanzmagazin für RSS-Feeds, sondern es erweitert den Google Reader um Funktionen, die er ansonsten nicht hat. Damit unterscheidet sich Feedly entscheidend von anderen Produkten, die in der Regel per Userscript mehr oder weniger unauffällig die vorhandenen Abläufe optimieren.

feedly-einzelansicht.png

Soeben wartete Feedly mit der Integration von Ubiquity, der experimentellen Commandline für den Firefox auf. Mit speziellen Befehlen, die mit feedly- beginnen, ist es möglich, per Ubiquity beispielsweise Feedbeiträge zu twittern (feedly-tweet auf der Beitragsansicht eintippern) oder per E-Mail (feedly-email) an Bekannte zu senden. Ein höchst ungewohntes Bedienkonzept, das jedoch reibungslos funktioniert, wenn man es erst einmal verstanden hat.

In der Beitragsansicht erweitert Feedly den Google Reader, mit dem es sich permanent synchronisiert, deutlich. Es ist nicht nur möglich, Beiträge zu markieren oder zu empfehlen. Man kann diese vielmehr direkt twittern, mit einer Notiz versehen und emailen, sowie einige weniger interessante Dinge damit anstellen. Bauernschlaues Detail am Rande: Sendet Feedly einen Tweet, fügt es per default den Hashtag #feedly hinzu. Diese Einstellung ist in den Preferences änderbar.

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Ansonsten lebt Feedly von den Details, die die Userexperience verbessern. So gibt es beispielsweise eine Übersicht namens “Spring Cleaning”, die alle abonnierten Feeds in einer Gridübersicht zeigt. Mit einer Farbkodierung wird angezeigt, welche Feeds man besonders fleißig liest und empfiehlt und welche eben nicht. An dieser Stelle besteht direkt die Möglichkeit, sich mittels Unsubscribe von offenbar weniger interessanten Abonnements zu trennen.Mittlerweile stellt Feedly sich als ein Google Reader-Aufsatz dar, der es auf jeden Fall verdient hat, einer eingehenden Tauglichkeitsprüfung unterzogen zu werden. Wer sich gegen Feedly entscheidet, braucht vermutlich einfach weniger aka Helvetireader.

Helvetireader – Design und Funktion verbessert

Helvetireader ist ein Userscript für Greasemonkey im Firefox, experimentell gibt es auch Umsetzungen für Opera und Chrome. Helvetireader reduziert den Google Reader auf das Notwendige und legt den Fokus klar auf das Lesen bisher ungelesener Artikel unter Verwendung der häufig ungenutzten Keyboard Shortcuts.

Ich selbst benutze den Helvetireader seit einigen Monaten konsequent. Es gefällt mir, dass ich mit einer einzigen Taste (N) von Beitrag zu Beitrag springe, wobei der zunächst abgeblendet dargestellte Artikel aufgeblendet wird und nahezu den gesamten Bildschirm einnimmt. Selbstverständlich ist es auch möglich, die Beiträge durch zu scrollen. Auch auf diese Weise blenden Artikel auf und ab, je nach Position des Mauszeigers. Nur bei Bedarf benötigte Funktionen, wie “Empfehlen” blendet Helvetireader erst einmal komplett aus. Erst beim Hovering über die Beitragsfußzeile werden diese Funktionalitäten sichtbar.

helvetireader.png

Mehr hat Helvetireader nicht zu bieten. Das mag auf den ersten Blick wenig erscheinen, hat aber durchaus seinen Sinn für bestimmte Anwendertypen. Ich beispielsweise lege großen Wert darauf, meine einige hundert Feeds starke Liste effektiv und ohne viel Ablenkung durchscannen zu können. Da ist der Helvetireader das Mittel der Wahl. Anwender mit anderen Anforderungen werden sich sicherlich eher mit Feedly anfreunden können.

Neben Feedly und Helvetireader gibt es eine Vielzahl weiterer Readermodifikationen. Allerdings sind nur wenige gut und noch weniger machen den Eindruck kontinuierlicher Fortentwicklung. Dieser Punkt ist durchaus beachtlich, denn was nützt einem ein Theme, dass beim nächsten Featureupdate Googles den Dienst versagt und dessen Entwickler keinen Bock mehr auf die Produktpflege hat.

Better GReader

Die Leute von Lifehacker bringen seit Jahren gute Tipps zu gängigen Themen. Ob es um die Frage geht, wie man durch Sparen der Finanzkrise den Schrecken nimmt oder das beste Rezept für Kaktusfeigenkompott oder die tollste Windows-Screenshotapplikation, Lifehacker has it. Unter dem Namen “Better xx” versammelt Lifehacker Zusammenstellungen von sinnvollen Drittangeboten zu einem homogenen Produkt.

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Auch für den Google Reader kompilierte man eine entsprechende Sammlung unter dem Titel “Better GReader“. Der volle Leistungsumfang ist bei Lifehacker nach zu lesen. Erwähnt sei noch, dass Better GReader neben Greasemonkey auch Stylish zwingend voraussetzt.

ReadAIR

Kein reines Template, sondern eine eigenständige Anwendung ist das auf Adobes AIR-Technologie basierende ReadAIR, welches ich hier bereits vorstellte. In Mac-typischer Optik, aber völlig neben der klassischen Designvorstellung Googles bietet ReadAIR ein wirklich desktoppig anmutendes, an Outlook oder Mail.app erinnerndes Look & Feel. ReadAIR bietet allerdings neben den Standardfunktionen des GReaders keine weiteren Enhancements und kann deshalb nur geschmackliche Argumente für sich verbuchen.

readair.gif

SnackR

Nicht für Google Reader entwickelt, aber dennoch nützlich ist SnackR. Auch SnackR ist eine AIR.app. SnackR lässt RSS-Feeds am unteren Bildschirmrand durchlaufen und ist damit so etwas wie ein Ticker. Mich würde sowas nerven, aber in einer Kiosk-Anwendung oder bei einem hyperaktiven Nutzer mag diese Art der Darstellung für Begeisterungsstürme sorgen. Google Reader ist nicht nativ drin, sondern müsste per OPML-Import rein geholt werden. Unnötig zu erwähnen, dass es keinerlei wie auch immer geartete Synchronisation gibt.

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Scoop

Auch Scoop ist eine AIR-Applikation. Anders als andere fokussiert Scoop ausschließlich auf den Einzelfeed und ignoriert jegliche Gruppenbildung. Dabei ist Scoop anders als SnackR in der Lage, sich mit GReader zu synchronisieren. Je nach Anwendungsusus mag Scoop für Sie genau richtig sein.

scoop.png

EventBox

Der Aktualität halber soll noch ein brandneues Desktop.App für Mac OSX genannt werden, die EventBox. Die EventBox, die immerhin 15 Dollar kostet, aggregiert nicht nur den Google Reader, sondern auch beliebige weitere RSS-Feeds, sowie Flickr, Twitter, Facebook und Reddit. Die Optik der Anwendung folgt den klassischen Mailprogrammen wie Outlook und dürfte niemanden vor Probleme stellen.Ob einem die Kumulation der Social Networks in eine Applikation Geld wert ist, muss natürlich jede und jeder für sich selbst entscheiden. Vollbild Screenshot ansehen

ist seit 1994 im Netz unterwegs, aber bereits seit fast 30 Jahren in der IT daheim. Seit 2008 schreibt er für Dr. Web, seit 2012 ist er Chefredakteur des Magazins. Man findet ihn auch auf Twitter und Facebook, aktiver ist er allerdings auf Google+.

9 Kommentare zu „Des Google Readers neue Kleider
  1. Edwin Khodabakchian am 27. Januar 2009 um 00:57

    Thank you for including feedly in this review! We look forward to continuing to improve the experience through 2009 and see if we can through the process make RSS more accessible to mainstream users. You can contact us on twitter at @feedly is you have any questions or want to follow your updates!

  2. ad am 27. Januar 2009 um 06:26

    Obwohl der Desginvergleich EventBox/Outlook vielleicht nicht gerade passend war, muss ich diesmal ein Lob für den Artikel aussprechen. Sehr interessant. Man soll es nicht glauben, aber ich kannte Feedly noch nicht.

  3. Dieter Petereit am 27. Januar 2009 um 08:49

    @Ad: Okay, sagen wir

    “Die Optik der Anwendung folgt in seinem dreiteiligen Aufbau klassischen Mailprogrammen wie z.B. Outlook…”

    Einverstanden? ;-)

  4. Felix Nagel am 27. Januar 2009 um 10:34

    Alle Lifehacker better xx Plugins setzen nichts vorraus als einen Firefox… Wie kommt ihr darauf das man da stylish oder sonstewas installlieren muss?

  5. tom am 27. Januar 2009 um 11:57

    Schöner Artikel. Feedly hatte ich auch mal ausprobiert, bin dann aber wieder davon abgekommen.
    Im Moment nutze ich NewsGator, für mich die perfekte Lösung. Unterwegs kann ich die Feeds über das Webinterface lesen und am Rechner mit dem Desktop-Client.

  6. Dieter Petereit am 27. Januar 2009 um 13:06

    @Felix: Richtig, Fehler meinerseits. Die BetterX-Plugins verwenden zwar Greasemonkey- und teilweise Stylish-Scripts, die Lifehacker haben die Scripts aber kompiliert, sodass man die Grunderweiterungen dafür nicht benötigt. Es lohnt sich jedoch ganz ´grundsätzlich, diese dennoch zu installieren.

  7. David Hellmann am 27. Januar 2009 um 16:55

    Desktop Clients finde ich unschön. iGoogle nutze ich für Feeds aber seit neuestem bin ich bei Netvibes. Nur da gehen manche Feeds ab und an mal nicht ads ist etwas seltsam.

  8. […] So ist es kein Wunder, dass es eine Vielzahl Drittanbieter gibt, die eine eben solche Vielzahl an Design-Alternativen für den populären RSS-Reader entworfen haben. Manch einer beschränkt sich nicht auf die optische, sondern bietet auch noch eine mehr oder weniger deutliche funktionale Aufwertung. Die Alternativen kennt Dr. Web >> […]

  9. Steffen Gutermann am 29. Januar 2009 um 15:20

    Danke für die Mühe und den Artikel.

    Der Mensch ist auch ein Gewohnheitstier darf man aber nicht vergessen. Ich nutze seit Jahren schon den FeedDeamon, der zwar von NewsGator aufgekauft wurde, aber dafür jetzt kostenlos zu erhalten ist:

    http://www.newsgator.com/individuals/feeddemon/default.aspx

    In sachen sync mit Google gibt es mehr auf dem Blog des Programmieres, wenn alles hinhaut kommt dieses Feature auch hinzu.

    http://nick.typepad.com/blog/2009/01/feeddemon-to-sync-with-google-reader.html

    Wie gesagt, bin da halt etwas altmodisch.

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